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Rottach-Egern: Unschuldig lebenslänglich? Der Badewannenmord, der vielleicht keiner war

Vor genau zehn Jahren soll Manfred Genditzki eine alte Dame ermordet haben. Dafür wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt - und sitzt seitdem im Gefängnis. Der ehemalige Hausmeister der 87-Jährigen bestreitet die Tat bis heute. Und tatsächlich gibt es berechtigte Zweifel. 

Badewannenmord, Animation

Screenshot: Wie in dieser Computer-Animation nachgestellt, wurde Lieselotte Kortüm am Abend des 28.10.2008 von einer Mitarbeiterin des Pflegedienstes tot aufgefunden: kopfüber in der Wanne, bekleidet, Wasser rann in den Überlauf.

Es liegt genau zehn Jahre zurück, dass die 87-jährige Lieselotte Kortüm in ihrer Badewanne tot aufgefunden wurde. Manfred Genditzki soll sie nach einem Streit dort ertränkt haben. Genditzki war der Hausmeister der Wohnanlage in Rottach-Egern am Tegernsee und ein enger Vertrauter der alten Dame.

Trotz Revisionen gegen das Urteil blieb das Gericht dabei: Manfred Genditzki hat die 87-Jährige mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen und dann in der Wanne ertränkt, um die Tat zu vertuschen. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Mittlerweile sitzt Manfred Gendizki seit über neun Jahren im Gefängnis; seine Kinder wachsen bei der Mutter alleine auf. Der 58-Jährige beteuert bis heute seine Unschuld. Und tatsächlich gibt es viele Zweifel, ob er wirklich der Mörder von Lieselotte Kortüm ist. Ob er überhaupt einen Mord begangen haben könnte. Ob es überhaupt ein Mord war.

Die elfeinhalb Minuten

Manfred Genditzki hatte kein Motiv, die Frau zu töten. Auch Beweise, die ihn als Täter hätten überführen können, fehlen in dem Fall. Das Urteil beruht auf Indizien. Dabei hatte sich der zweifache Familienvater stets rührend um die Dame gekümmert, vor allem seit dem Tod ihres Mannes. Es gibt nur Lob über ihn. "Er kannte die Frau weit über 10 Jahre, hatte ja auch ihren Ehemann noch mit gepflegt", berichtet Genditzkis Schwester Jutta Bönecke. Der Hausmeister hatte Lieselotte Kortüm all ihre Erledigungen abgenommen, Mahlzeiten zubereitet, Arztbesuche organisiert - und sie am gleichen Nachmittag aus dem Krankenhaus abgeholt. Am Nachmittag des 28. Oktober 2008. Fakt ist: Genditzki hat die Frau als letzter gesehen. Doch der Tatablauf ist eine reine Konstruktion.

Rückblick: Am 23.10.2008 musste die Rentnerin wegen starken Durchfalls ins Krankenhaus. Die pflegebedürftige 87-Jährige hatte viele Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herzprobleme, kleinere Schlaganfälle und eine chronische Darmerkrankung. Wie aus den Arztberichten hervorgeht, nahm sie blutverdünnende Mittel ein. Fünf Tage später, am 28.10.2008, holte Manfred Genditzki Lieselotte Kortüm aus der Klinik ab, nachdem sie sich auf eigenen Wunsch entlassen ließ. Zu Hause angekommen, tranken beide zusammen kurz vor 15 Uhr noch einen Kaffee und rechneten Auslagen ab. Dann verließ der Hausmeister die Wohnung, sagt er.  

Am Abend wurde die Rentnerin wie auf der Abbildung von einer Mitarbeiterin des Pflegedienstes tot in der Badewanne aufgefunden. Wasser rann in den Überlauf. Die Lage der Leiche würde fortan eine große Rolle spielen. Der Rechtsmediziner notierte zunächst: Haushaltsunfall, Tod durch Ertrinken in der Badewanne.

Ein konstruiertes Motiv, ein ausgedachter Tatablauf

Äußerlich hatte die Tote keine Verletzungen, allerdings nahm die Kriminalpolizeit die Ermittlungen auf, da sich unter der Kopfhaut zwei Hämatome fanden. "Der Gerichtsmediziner, der die Leiche obduziert hat, ist zunächst von einem Sturz in die Badewanne ausgegangen", sagt die Münchner Rechtsanwältin Regina Rick, die Manfred Genditzki vertritt. Danach habe die Polizei den Gerichtsmediziner zu einer Tatortbesichtigung geladen. "Ich vermute, dass sie ihm da gesagt haben, dass Herr Genditzki verdächtig ist. Danach hat er seine Meinung radikal geändert und die Kopfschwartenhämatome, die er zunächst für völlig unauffällig hielt, waren plötzlich Ausfluss stumpfer Gewalt. Und deswegen ist Herr Genditzki verurteilt worden."

Staatsanwalt und Gericht folgen der Gewalt-Idee, schließen einen Sturz in die Wanne von da an aus. Stattdessen soll es im Wohnzimmer wegen einer großen Geldsumme zum Streit gekommen sein, so der konstruierte Tatablauf. Genditzki habe Lieselotte Kortüm gestoßen oder mit etwas auf den Kopf geschlagen. Sie sei bewusstlos hingefallen. In Panik habe er um 14:57 Uhr den Hausarzt angerufen, aber wieder aufgelegt. Dann habe er sich zum Mord entschlossen, die 75 Kilo schwere Frau ins Bad geschleppt, einige Minuten Wasser eingelassen und dann mindestens 5 Minuten lang ertränkt. Dann soll er den Krückstock und Schuhe so drapiert haben, dass es nach einem Unfall aussah. Danach ging er in die Garage zu seinem Auto, um von dort um 15:09 Uhr vom Handy dem Pflegedienst eine Nachricht auf Band zu sprechen. Alles in elfeinhalb Minuten. Danach hat Manfred Genditzki ein Alibi.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

In der Verhandlung 2010 vor dem Münchener Landgericht löste sich das angebliche Tatmotiv dann in Luft auf. Manfred Genditzki konnte widerlegen, Geld von der Frau genommen zu haben, woraufhin der Staatsanwalt das Motiv kurzerhand abänderte: Lieselotte Kortüm sei eifersüchtig auf Genditzkis eigene kranke Mutter gewesen, woraufhin er wütend geworden sei. Eine unbewiesene Erfindung. Und trotzdem lautete das Urteil für den zweifachen Familienvater: lebenslänglich.

Zwei Jahre später schöpfte die Familie Hoffnung: Der Bundesgerichtshof ließ wegen Verfahrensfehlern Revision zu. Wegen des fehlenden Tatmotivs rechneten 2012 alle endlich mit einem Freispruch. Doch der Staatsanwalt beharrte auf der Mordtheorie. Genditzkis Verteidigung hatte für den Prozess ein Video anfertigen lassen, in dem sich eine Stuntfrau in einem Bodysuit in eine Wanne fallen ließ. Mehrmals blieb sie in ähnlichen Stellungen wie Lieselotte Kortüm liegen. Zwei neue gerichtsmedizinische Gutachten bescheinigten, dass eine plötzliche Bewusstlosigkeit der kranken, alten Dame nahe liege. Das Gericht glaubte die Sturztheorie abermals nicht. Es sprach dagegen, dass Lieselotte Kortüm laut Pflegedienst niemals badete. Warum also Badewasser einlassen? Zwei Plastiktüten mit vermutlich kotverschmutzter Wäsche, die das hätten erklären können, wurden am Tatort zwar noch fotografiert – dann aber entsorgt. Als eventuelle Beweismittel verloren. Das finale Urteil 2012 erneut: lebenslänglich.

Entlastende Beweise verschwanden oder blieben ungeachtet

"Im Zweifel für den Angeklagten" - dieser Rechtsgrundsatz galt beim angeblichen Badewannenmord von Rottach-Egern nicht. Manfred Genditzki bleibt in Haft, er sitzt als Mörder in der JVA in Landsberg. Da er die Tat vehement bestreitet, hat er keine Chance auf vorzeitige Entlassung. Es könnten 25 Jahre werden. Um die Unschuld des inzwischen 58-Jährigen doch noch zu beweisen, müsste es ein Wiederaufnahmeverfahren geben – und dafür bräuchte es neue Zeugen oder Beweise. Rechtsanwältin Regina Rick setzt sich mit großem Engagement dafür ein und hat unter anderem von Biomechanikern eine neue Rekonstruktion des Unfalls berechnen lassen. Sie hofft, dass diese Animation zugelassen wird. Andere Beweise gibt es nicht mehr.

Auch der ehemalige Profiler und Kriminalist Axel Petermann beschäftigt sich mit dem Fall. Er sagt: "Es gibt die Annahme, dass Frau Kortüm waschen wollte. Sie hatte eine Durchfallerkrankung gehabt und dementsprechend auch verschmutzte Wäsche." Beim Urteil wurde das ignoriert. Dem Profiler scheint zudem der Zeitkorridor von wenigen Minuten für die Tat völlig unmöglich: "Er muss in elfeinhalb Minuten so viel gemacht haben, das ist – realistisch betrachtet – sehr knapp bemessen", so Petermann.  

Live bei stern TV sprach Steffen Hallaschka mit der Anwältin Regina Rick und dem Kriminalist Axel Petermann darüber, warum sie an die Unschuld Genditzkis glauben und welche Aussicht auf Erfolg ein neuer Gerichtsprozess hätte.

stern TV-Studiogespräch mit Anwältin Regina Rick und Kriminalist Axel Petermann


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