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Vermehrung auf sechs Etagen: Schweinehochhaus in Sachsen-Anhalt lässt nicht nur Tierschützer erschaudern

Das Schweinehochhaus in Sachsen-Anhalt war ein Prestigeobjekt der ehemaligen DDR. Noch heute werden hier Schweine auf sechs Etagen gezüchtet. Das allein ist kein Skandal. Sondern, dass ein Tierleben in dieser Massenzucht offenbar nichts wert ist. Tierschützer dokumentierten einmal mehr grauenhafte Zustände.

Großbetrieb Vermehrungszucht: Im "Schweinehochhaus" in Maasdorf (Sachsen-Anhalt) werden bis zu 3.000 Sauen und ihre Ferkel auf sechs Etagen gehalten.

Großbetrieb Vermehrungszucht: Im "Schweinehochhaus" in Maasdorf (Sachsen-Anhalt) werden bis zu 3.000 Sauen und ihre Ferkel auf sechs Etagen gehalten.

Bis zu 3000 Sauen und Ferkel leben auf den sechs Etagen im so genannten "Schweinehochhaus". Dieses 25 Meter hohe Betongebäude in Sachsen-Anhalt, einst ein Prestigeobjekt der ehemaligen DDR, ist wohl heute noch einzigartig in Europa. Der Zuchtbetrieb in Maasdorf steht seit Jahren immer wieder wegen der Haltungsbedingung der Tiere in der Kritik. Neue Bilder zeigen erschütternde Zustände: Ferkel, die nach der Geburt leiden und sterben, Ferkel, die zur Tötung auf den Boden geschmettert werden, Mutterteiere, die von Mitarbeitern brutal aufgetrieben werden.

Die Aufnahmen stammen vom Verein Deutsches Tierschutzbüro. Aktivisten hatten erstmals im Schweinehochhaus versteckte Kameras installiert und die Zustände über mehrere Monate dokumentiert. stern TV hat die Aufnahmen der Landestierschutzbeauftragten Hessens, Dr. Madeleine Martin, gezeigt, die auch als Gutachterin die Schweinehaltung in Betrieben bewertet. Sie sagt: "Solche Bilder machen mich wütend. Sie sind absolut überflüssig. Diese Bilder gehören zum Staatsanwalt."

Landwirtschaftsministerin versprach bessere Zustände

Die große Betonanlage wird vom zuständigen Landesamt für Verbraucherschutz als "außergewöhnlich und in Deutschland einzigartig" bezeichnet. Nach der Wende hatte das Haus verschiedene Besitzer. 2013 ging der Tierschützer Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro e.V. zum ersten Mal in das Schweinehochhaus und machte dort Aufnahmen von den Haltungsbedingungen. Damals nahm er bereits auf, wie eng eingepfercht die Sauen in den Kastenständen gehalten wurden. Nachdem die Tierschützer jene Bilder veröffentlicht hatten, geriet das Schweinehochhaus in die Schlagzeilen. Die damalige Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt Claudia Dalbert (Die Grünen) – zu der Zeit drei Monate im Amt – sagte  zu den Vorwürfen: "Die Sau muss sich hinlegen können, die Beine ausstrecken. Das kann sie nur, wenn der Kastenstand so breit wie die Sau hoch ist." In einem Interview mit dem RBB betonte sie, dass derartige Zustände unter ihrer Ägide nicht mehr toleriert würden, ein Weggucken dürfe es nicht geben.

Die Tierschützer haben jetzt wieder hingeguckt: Die Aufnahmen aus den vergangenen Monaten dokumentieren, wie im Schweinehochhaus verendende Ferkel an den Hinterbeinen genommen und zur Tötung auf den Boden und an die Wände geschlagen werden. Das Quieken eines Jungtieres versiegt - ob es tot ist, davon versichern sich die Mitarbeiter nicht. Niemand. Nach deutschem Recht ist es deshalb verboten, Ferkel auf diese Weise zu töten. Die Tiere müssen per Gesetz mit einem gezielten Schlag auf den Kopf getötet und anschließend sofort entblutet werden – um  zu verhindern, dass sie noch einmal erwachen, erläutert Dr. Madeleine Martin.

Aufnahmen aus der Ferkelbox: Im Schweinehochhaus lagen Tierkadaver zwischen lebenden Ferkeln. 

Aufnahmen aus der Ferkelbox: Im Schweinehochhaus lagen Tierkadaver zwischen lebenden Ferkeln. 

Am 25. Januar wurde in dem Schweinehochhaus versucht, insgesamt 15 Ferkel mit der verbotenen Methode zu töten. Das zeigen die Kameraaufnahmen. Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro e.V. ist erneut entsetzt: "Das Schweinehochhaus steht schon länger in der Kritik. Aber die neuen Bilder zeigen sehr eindrücklich, wie der Alltag der Tiere wirklich ist. Mit versteckten Kameras wurde aufgezeichnet, wie die Mitarbeiter mit den Tieren umgehen: Die Tiere werden getreten, misshandelt und totgeschlagen. Und das muss die Behörden alarmieren. Hier muss aus unserer Sicht durchgegriffen werden."

Durch Massenproduktion kein Respekt mehr vor der Kreatur

Betreiber des Hofs ist die HET GmbH, die auf Schweinezucht spezialisiert ist. Aus Dokumenten des Landesamtes für Verbraucherschutz in Sachsen-Anhalt geht hervor, wie der Zuchtbetrieb 2015 auf sechs Stockwerken funktionierte:

Dem Handelsregister lässt sich entnehmen, dass Geschäftsführer Michiel Taken eine weitere Firma namens Genesus betreibt, die auf Produktion und Vertrieb von Schweinen spezialisiert ist. Während die Firmenwebsite mit niedlichen Ferkelbildern wirbt, zeigen die Aufnahmen aus dem Schweinehochhaus eine ganz andere Realität: Ferkel, die während der Geburten zahlreich verenden, weil sie sich nicht aus der Fruchtblase befreien können, weil sie im Spaltenboden hängen bleiben oder weil sie vom Muttertier eingequetscht werden. "Es gibt keine Aufsichtspflicht als Pflicht, aber jeder halbwegs vernünftige Landwirt wird versuchen dabei zu sein, wenn seine Sauen ferkeln. Um zu unterstützen und Zwischenfälle zu vermeiden. Hier war schon auffällig, wie viele Tiere tot oder offensichtlich krank waren", sagt Madeleine Martin.

Die HET GmbH als Betreiber des Schweinehochhauses hat auf keine der Interviewanfragen reagiert und sich zu den zu den Vorwürfen nicht geäußert. Die Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin schockiert vor allem – wie jeden Verbraucher wohl auch – mit welcher Rohheit die Tieren behandelt werden. Die Ferkel werden geworfen, die Muttertiere mit Gewalt getrieben und verletzt. "Es ist einfach eine Frage, ob man ein Tier überhaupt respektiert. In diesem Fall erscheint es mir so, dass der Respekt vor der Kreatur komplett verloren gegangen ist."

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