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Milchviehbetrieb in Sachsen-Anhalt: Versäumnisse beim Veterinäramt in Stendal: Augenzeugen bestätigen Vorwürfe der Tierschützer

Kadaver verwesen zwischen lebenden Tieren: Die Aufnahmen aus einem Milchbetrieb in Sachsen-Anhalt verstörten die Zuschauer von stern TV. Nun berichten Augenzeugen, dass das Versagen der Behörden bereits länger währt.

Tierkadaver, die zwischen ihren lebenden Artgenossen verwesen, während die anderen Kühe zum Melken abgeholt werden, skelettierte Kälber in und hinter den Ställen, ein frisch geborenes Kalb, das von einer Reinigungsmaschine erfasst wird – die erschreckenden Aufnahmen aus einem Milchviehbetrieb in Demker in Sachsen-Anhalt, die stern TV in der vergangenen Woche gezeigt hat, sorgten bundesweit für Empörung und wurden tausendfach In den sozialen Netzen geteilt und kommentiert. Die Aufnahmen der Soko Tierschutz offenbaren eine neue Dimension von Tierrechtsverletzungen und amtlichem Versagen.

Zeuge erlebte vergleichbare Situationen vor einem Jahr

Bei stern TV haben sich in den letzten Tagen Augenzeugen gemeldet, die die Vorwürfe gegen den Milchviehbetrieb Geven & Rabelink bestätigen: Zwei Mitarbeiter einer externen Firma und ein ehemaliger Stallhelfer waren in der Vergangenheit selbst auf dem Betriebsgelände tätig und über die Verwahrlosung erschüttert. Benjamin H. arbeitete 2017 für ein paar Monate auf dem Hof in Sachsen-Anhalt. Der 19-jährige Stallhelfer erlebte auch eine Kontrolle des zuständigen Veterinäramts. "Ende Juli und circa Anfang September war diese Kontrolle. Als ich im Juli angefangen hatte, lag dieser Kadaver schon da. Der Chef hat dann gesagt: 'Da hinten liegt ein frühgeborenes Kalb, das liegt schon länger da. Nimm das und schmeiß es hinten ins Grüne, damit es weg ist und es keiner sieht'," berichtet der ehemalige Stallhelfer. Er habe auch ähnliche Vorfälle, wie den mit dem neugeborenen Kalb, schon 2017 miterlebt. Damals habe der Gülleschieber ebanso ein Kalb erwischt und ihm, so vermutet er, ein Bein gebrochen. "Es wurde dann entweder getötet oder es ist selber verendet.“

Anlasskontrolle des Betriebs zu nachlässig

Die Aktivisten von Soko Tierschutz e.V. waren im März und April Hinweisen auf massive Verstöße gegen die Tierschutzbestimmungen nachgegangen. Sie fanden in dem Zeitraum insgesamt 17 Kadaver auf dem Gelände des Milchviehbetriebs. Wenige Tage, nachdem ihre Aufnahmen bestätigt hatten, dass Tierkadaver nicht entsorgt wurden, benachrichtigte Tierschützer Friedrich Mülln das zuständige Veterinäramt darüber. Erst sechs Tage und zwei weitere Anrufe später teilte man Mülln mit, dass es eine Kontrolle gegeben habe. Demnach "(...) wurde am 9. April eine Anlasskontrolle in dem Betrieb durchgeführt. Sowohl die Außenbereiche als auch die Ställe wurden von der amtlichen Tierärztin abgegangen. Auf dem gesamten Betriebsgelände wurden keine toten Rinder oder gar skelettierte Teile vorgefunden" heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme an stern TV. Doch Tage später, so die Tierschützer über ihre Aufzeichnungen, sei mindestens eine tote Kuh, die mitten im Stall lag, noch immer dagewesen – seit mindestens drei Wochen. Auf erneute Nachfrage räumte die Pressestelle des Veterinäramts Stendal ein, es sei bei der Anlasskontrolle nicht das gesamte Gelände untersucht worden: "Überprüft wurden die Kadaverhalle und die Teile des Außenbereichs, in denen laut anonymen Anrufer Tierkadaver abgelegt wären. (…) An keiner dieser kontrollierten Stellen wurden Anzeichen für dort seit längerer Zeit lagernde Rinder gefunden."

Dürfen Tierrechtler heimliche Aufnahmen machen?

Der Hofbetreiber des Milchbetriebs in Demker bestreitet indes alle Vorwürfe der Tierschützer, bezeichnet die Aufnahmen als "nicht authentisch" und "manipuliert". Die stern TV-Redaktion hat die Bilder vor der Ausstrahlung auf Echtheit überprüft, auch die Standortmarkierungen und Zeitstempel. In der Diskussion bleibt allerdings, ob Tierrechtler in die Ställe eindringen dürfen, um Missstände aufzudecken. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will Tierschützer dafür härter bestrafen und kündigte eine Gesetzesänderung an: "Wir brauchen keine selbsternannte Stallpolizei, die die Einhaltung des Tierschutzes kontrolliert.“ Es sei Aufgabe des Staates, Landwirte im Falle von Verstößen zu belangen – vertreten durch die zuständigen Veterinärämter.

Der ehemalige Stallmitarbeiter hatte das zuständige Veterinäramt im letzten Sommer über Missstände im Betrieb Greven & Rabelink informiert, sagt er: "Da ist ein Mann drangegangen, der meinte 'Dort sind Kontrollen'. Er hat mir wohl nicht richtig geglaubt, dass da Tiere rumliegen. Das würde da kaum passieren. Das habe ich als Antwort bekommen und dann war mit dem Telefonat auch schon Schluss." Insofern ist fraglich, ob die staatlichen Kontrollen von den Missständen überhaupt erfahren, geschweige an Tierrechtsverletzungen etwas ändern. Die Aufnahmen der Soko Tierschutz haben in diesem Fall zumindest erste wirtschaftliche Konsequenzen für den Milchviehbetrieb: Ein großer Milchkunde will die Lieferbeziehung zu Greven & Rabelink vorerst ausgesetzt haben. Ob die Beziehungen wieder aufgenommen werden, hänge vom Ausgang der staatsanwaltlichen Ermittlungen ab. Die Soko Tierschutz hat Anzeige erstatttet.