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Voodoo-Prostitution: Aus Nigeria auf den Straßenstrich

Mit großen Versprechungen werden sie aus Nigeria nach Europa gelockt, mit Hilfe der Voodoo-Religion gefügig gemacht und schließlich jahrelang zur Prostitution gezwungen: Allein im deutschsprachigen Raum sollen 40.000 Nigerianerinnen Opfer von Menschenhändlern sein.

"Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa" - so lautet der Untertitel des Buchs, das die Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn verfasst haben. Die beiden Autorinnen haben das perfide System einer Menschenhandels-Mafia aufgedeckt, der in ganz Europa etwa 100.000 Frauen zum Opfer gefallen sein sollen. Sie sind die "Ware Frau".

In Italien, den Niederlanden, Spanien, der Schweiz, Österreich, England und Deutschland arbeiten sie auf dem Straßenstrich. Pro Kunde bekommen sie 10 bis 20 Euro - und sie brauchen viele Kunden, um sich von ihren vermeintlichen "Schulden" freizukaufen: Bis zu 60.000 habe ihre Reise nach Europa gekostet, sagt man ihnen. Spurt eine von ihnen nicht, wird sie oder ihre Familie gnadenlos verfolgt. Die Frauen haben keine Wahl.

Mit Voodoo gefügig gemacht

Sie kommen aus Nigeria, dem mit 140 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Große Armut, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Bildung und die Unterdrückung von Frauen gehören dort zum Alltag. Kein Wunder also, dass nicht wenige empfänglich sind für die Verlockungen des reichen Europas: Dabei sind es fast immer Verwandte und Freunde der Familie, die sie zur Reise drängen, ihnen Jobs als Kindermädchen oder Haushaltshilfe in Aussicht stellen. Dann könnten sie dort viel Geld verdienen und etwas davon nach Hause schicken, hoffen sie - manchmal wohl wissend, dass sie die Frauen in die Zwangsprostitution treiben.

Für den Transport nach Europa sorgen dann "Schlepper". Doch bevor sie die Reise antreten, müssen die Mädchen und jungen Frauen an einem Juju-Ritual (so heißt die nigerianische Voodoo-Variante) teilnehmen, das sie an die Menschenhändler binden soll: Dabei schwören sie, all seinen Anweisungen zu folgen und erst wieder zurückzukehren, wenn sie genug Geld verdient haben. Der Juju-Priester behält eine Haarsträhne, einen Fingernagel oder etwas Blut, um den Bann zu besiegeln. Brechen die Frauen ihren Schwur, drohen ihnen angeblich drakonische Strafen: Wahnsinn, Krankheit oder der Tod von Familienmitgliedern. Da die Juju-Religion in Nigeria in der Kultur verwurzelt ist und noch immer viele Anhänger hat, ist der Bann für die Frauen Gesetz.

Durch die Wüste nach Europa

Wenn sie "Glück" haben, steigen die noch immer hoffnungsfrohen Nigerianerinnen nun in ein Flugzeug nach Europa. Oft jedoch wählen ihre Schlepper den Landweg, der durch die Wüste bis Marokko und von dort aus nach Spanien führt. Corinna Milborn und Mary Kreutzer haben mit Betroffenen gesprochen, die so bis zu zwei Jahre lang unterwegs waren und währenddessen immer wieder vergewaltigt und misshandelt wurden. Auch Todesfälle sollen auf dieser Route an der Tagesordnung sein.

Angst vor Voodoo-Flüchen: Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich die Zwangsprostituierten gegenseitig kontrollieren

Für diejenigen, die die Odyssee nach Europa überstehen, beginnt das nächste Grauen: Statt wie versprochen in angesehenen Jobs müssen sie auf dem Straßenstrich "anschaffen" gehen. Um sie kümmert sich nun eine jeweilige "Madame", also eine Zuhälterin, die oftmals selbst als Zwangsprostituierte hatte arbeiten müssen. Die Frauen erfahren, dass ihre Reise bis zu 60.000 Euro gekostet habe, die sie nun abarbeiten müssten. Ihre ohnehin gefälschten Papiere werden ihnen abgenommen, stattdessen werden sie dazu gezwungen, Asylanträge zu stellen. So können die Nigerianerinnen in der Regel legal mehrere Jahre vor Ort bleiben.

Jede "Madame" verfügt über einen ganzen Stab an Helfern: In Nigeria sorgen Rekrutierer für den Nachschub an Frauen, Mittelsmänner besorgen die Dokumente und eigene Helfer bedrohen, wenn nötig, die Familien der Mädchen. Ein Netzwerk aus Schleppern sorgt für den Transport nach Europa, und auf dem Straßenstrich werden die Zwangsprostituierten von sogenannten "Black Boys" kontrolliert und abkassiert.

Mädchen haben Angst vor Voodoo-Fluch

Neben der ganz realen Bedrohung, der die Mädchen ausgesetzt sind, tut der Juju-Bann sein Übriges, um die vollkommene Hörigkeit der Mädchen zu erreichen. Wie das genau funktioniert, erklärt die Nigerianerin Joana Adesuwa Reiterer: "Nimm dieses Pulver und sag ihnen, dass abgeschnittene Fingernägel, Haare und Schamhaare von allen Mädchen darin sind. Sie mussten das vor ihrer Reise beim Juju-Priester in Nigeria abgeben und schwören, dass sie jede Arbeit machen und das Geld zahlen. Nimm das Puder in die Hand und drohe damit, es in die Luft zu blasen und einen Fluch auszusprechen. Sie werden sich dann aus Angst gegenseitig kontrollieren - schließlich wären alle betroffen."

Reiterer selbst war mit dem Mafia-System in Berührung gekommen. Ihr nigerianischer Ex-Ehemann hatte sie überredet, mit ihm nach Wien zu gehen, wo sie "nach und nach bemerkte, dass er Menschenhändler war." Joana habe er zu einer "Madame" machen wollen, doch die junge Frau weigerte sich und ergriff die Flucht. Als ihr bewusst wurde, wie viele Mädchen aus Nigeria in die Fänge der Menschenhändler geraten, beschloss sie, aktiv etwas gegen das gewaltige Unrecht zu unternehmen: Sie gründete den Verein Exit mit dem Ziel, Nigerianerinnen vor der Straßenstrich-Mafia zu warnen. Die Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn unterstützte sie bei ihren Recherchen und stellte Kontakte zu betroffenen Frauen her.

In ihrem Buch "Ware Frau" schildern die Autorinnen die Schicksale Dutzender Frauen, aus denen sich eine ebenso klare wie erschreckende Faktenlage ergibt. Sie geben Gespräche mit Tätern wieder und gehen auf Spurensuche in Nigeria und auf den Straßenstrichen europäischer Metropolen.