HOME

Schon 60.000 Erkrankungen: Vorbeugen, bevor der Virus zuschlägt: Was die neue Grippewelle für Patienten und Arztpraxen bedeutet

Die Grippewelle 2019 kommt gerade erst richtig in Fahrt - und mancherorts wird sie dank der Faschingstage noch weiter um sich greifen. Mit der Virusinfektion ist nicht zu spaßen, die Grippe ist sogar meldepflichtig. stern TV hat dokumentiert, was das für Patienten und Arztpraxen jetzt bedeutet.

Dr. Philip Kampmann hat in seiner Praxis mit der Grippewelle derzeit alle Hände voll zu tun.

In nahezu allen Bundesländern steigen derzeit die Fälle von Grippeerkrankungen rapide an. Der Krankheitsverlauf der Influenza ist in dieser Saison besonders aggressiv: bis zu 40 Grad Fieber und brennender Husten, erschlagende Müdigkeit. Schon jetzt hat die Grippewelle rund 200 Todesopfer gefordert. Neu in diesem Jahr: Es sind vor allem Kinder häufig betroffen. In der achten Meldewoche dieses Jahres gab es laut Robert-Koch-Institut fast 24.000 gemeldete Grippeerkrankungen, insgesamt in dieser Saison sind es bislang rund 85.000. Im vergangenen Jahr erkrankten im Zuge der besonders ausgeprägten Grippewelle weltweit rund neun Millionen Menschen, mehr als 20.000 starben sogar daran. "Die echte Influenza ist die tödlichste Erkrankung überhaupt", sagt Hausarzt Dr. Philip Kampmann.

Impfquote in Deutschland zu gering

stern TV hat den Allgemeinmediziner Philip Kampmann am Montag in seiner Praxis in Maisach bei München aufgesucht. In Bayern breitet sich die Grippewelle derzeit rasch aus. In Kampmanns Akut-Sprechstunde geht es zurzeit hoch her: Vor allem montags häufen sich die Fälle von Patienten mit akuten Grippesymptomen, denn viele sind über das Wochenende erkrankt. Das sei auch nicht weiter verwunderlich: "Die Viren mögen die kalte und nasse Jahreszeit. Wir sind dick eingepackt, schwitzen, frieren, die trockene Heizungsluft tut unseren Schleimhäuten nicht gut, das wenige Licht führt zu Vitamin D-Mangel", weiß der der Arzt. Die Ausbreitung, sagt er, liege auch an den schlechten Impfquoten: "Deutschlandweit lassen sich viel zu wenige Menschen impfen. Höchstens ein Viertel der Bevölkerung in diesem Jahr, und das ist – um einen guten, flächendeckenden Schutz zu erreichen – einfach zu wenig.

In der Regel dauert die Grippezeit drei bis vier Monate und ist meist erst vorüber, wenn es wieder wärmer wird. Vor einer Ansteckung ist niemand gefeit, allerdings kann man sich trotzdem noch schützen: "Die Viren werden hauptsächlich über den Kontakt von Hand zu Hand weitergegeben", sagt Philip Kampmann. "Dann fassen wir uns ins Gesicht und stecken uns so an. Das bedeutet: Wir müssen die Hände sauber halten und sie mit Bedacht und lange genug von allen Seiten mit Seife waschen. Und möglichst ein Papierhandtuch benutzen – und nicht eines, das die ganze Familie oder auch Kollegen benutzen."

Das sollten Sie über die Grippe wissen

Impfung
Da nach einer Impfung bis zu zwei Wochen vergehen können, damit der körpereigene Schutz vollständig aufgebaut ist, empfehlen die Experten eine Impfung im Oktober oder November. Doch kann sie selbst jetzt noch helfen, während die Influenza schon um sich greift. Denn es lässt sich kaum abschätzen, wie lange die Krankheitswelle dauert oder ob noch eine weitere folgt. "Eine Impfung ist insbesondere in den Hochrisikogruppen auch jetzt noch ratsam. Und der Impfstoff ist so gut verträglich, dass ihn selbst Schwangere nehmen können", sagt Dr. Philip Kampmann.

Für einen ausreichenden Schutz muss allerdings jedes Jahr wieder geimpft werden, weil sich die Art der Erreger immer ändert. Gegen Erkältung hilft eine Grippeimpfung freilich nicht. Zur Zeit der Impfung sollte man gesund sein und nicht gerade schon an einem Infekt leiden.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt gesunden Kindern und Erwachsenen aber nicht ausdrücklich eine Grippe-Impfung, da bei Gesunden eine Influenza in der Regel nicht so schwerwiegend verläuft. Abgeraten wird aber auch nicht: Wer will, soll die Vorsichtsmaßnahme ergreifen.

"Ausdrücklich empfohlen" ist sie für Risikogruppen, bei denen eine richtige Grippe schwere Komplikationen mit sich bringen kann, bis hin zur Lungenentzündung, Herzinfarkt oder sogar Tod. Dazu zählen Senioren über 60, die wegen eines schwächeren Immunsystems gefährdet sind, sowie Schwangere und chronisch kranke Menschen.

Weitere Impf-Fakten finden Sie hier

Vorbeugen
Die Devise ist ganz einfach: Wer nicht krank werden will, sollte sich gesund halten. "Viel Schlafen, viel Trinken, Sport und gesundes Essen", rät Hausarzt Philip Kampmann. Außerdem sollte man sich häufig die Hände waschen – gründlich. Zum Abtrocknen am besten ein Einwegtuch verwenden. Auch Lüften kann helfen, die Erreger in der Luft zu verringer. Und: All das wappnet freilich auch gegen Erkältungen.

Grippe oder Erkältung?

Grippe-Symptome sind bei jedem Patienten unterschiedlich. Wichtiges Merkmal einer Grippe ist ein plötzlicher Ausbruch, während ein grippaler Infekt oft mit Halskratzen, Schnupfen, Husten beginnt und sich über mehrere Tage entwickelt. Bei der Influenza treten innerhalb weniger Stunden heftige Beschwerden auf. Die Grippe beginnt – anders als ein grippaler Infekt – plötzlich, meist mit hohem Fieber über 38,5 Grad, Glieder-, Muskel-, Kopf- und Halsschmerzen. "Man hat eine echte Grippe, wenn man das Gefühl hat, dass man vom Zug überfahren wurde", so Kampmann.

Übertragung und Dauer
Der winzige Grippevirus verteilt sich per Tröpfcheninfektion beim Sprechen, Husten, Niesen, Händeschütteln und kommt dann über die Schleimhäute in den Körper. Influenza-Viren können auch mehrere Stunden außerhalb des Körpers überleben, bei niedrigen Temperaturen sogar noch länger. Ein weiterer Grund, weshalb sie sich im Winter rasch verbreiten.

Nach einer Ansteckung spürt man erste Beschwerden nach ein bis zwei Tagen. Eine richtige Grippe dauert dann mindestens eine Woche, manchmal zwei. Bei Komplikationen mitunter auch mehrere Wochen. Wer den Virus hat, kann auch schon vor Ausbruch der Grippe ansteckend sein, ab den ersten Symptomen etwa eine Woche lang.

Bei ansonsten Gesunden braucht der Körper einige Tage, bis er mit dem Virus fertiggeworden ist. Da muss man leider durch. Es gibt aber auch Medikamente, die die Vermehrung der Viren im Körper bremsen. Sie sollten aber binnen 48 Stunden nach dem Auftreten erster Symptome eingenommen werden. Ratsam sind die Medikamente vor allem für Patienten mit Vorerkrankungen oder schwachem Immunsystem.

Das hilft (nicht)

"Alles, was dem Körper gut tut, ist erlaubt", sagt Dr. Philip Kampmann. "Jeder sollte für sich rausfinden, was ihm hilft. Klassische Hausmittel sind nicht verkehrt. Heiße Dämpfe zum Inhalieren helfen unter Umständen sogar besser als so manches Nasenspray aus der Drogerie. Und wenn ein Hausmittel einem auch nur irgendwie Linderung verschafft, ist es richtig, es zu benutzen." Ratsam ist in jedem Fall Bettruhe. Bei hohem Fieber sind Wadenwickel angebracht, Suppe und Tee halten den Flüssigkeitshaushalt im Lot und versorgen mit Mineralien und Salz. Auch Schmerzmittel sind bei Erwachsenen okay.

Von einem Antibiotikum hingegen rät der Arzt ausdrücklich ab, da mit damit den bereits geschwächten Körper nur noch mehr zusetze. Gegen die Grippe können Antibiotika ohnehin nichts ausrichten, da sie nur bei bakteriellen Infektionen helfen. Grippen und grippale Infekte werden von Viren ausgelöst.

Übrigens: Eine Linderung der Symptome durch eine erhöhte Vitamin-C-Aufnahme ist zwar möglich, in einer ausführlichen, wissenschaftlichen Studie konnte das allerdings statistisch nicht belegt werden.