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Waschräume an Deutschlands Schulen: Sollten Eltern für die Hygiene auf Schultoiletten bezahlen müssen?

Die meisten von uns erinnern sich nur ungerne an die Toiletten ihrer Schulzeit: ekelig, kalt, kaputt. Kaum zu glauben: Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. stern TV hat in einer großen Umfrage eine Bestandsaufnahme gemacht – und erfahren, wie sich die Zustände ändern sollen.

Örtchen des Anstoßes: Der Zustand vieler Schultoiletten bereitet den Kindern große Probleme. 

Örtchen des Anstoßes: Der Zustand vieler Schultoiletten bereitet den Kindern große Probleme. 

Kaputte Keramik, übler Gestank, defekte Türschlösser, fehlendes Toilettenpapier... Im Rahmen der großen stern TV-Schulumfrage haben mehr als die Hälfte der über 3300 Teilnehmer den Schultoiletten ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und sogar Fotos eingeschickt. Mit Abstand die schlimmsten Bilder kamen von einer Berufsschule in Stralsund: fleckige und verdreckte Toiletten, Urinale, die schon grün, gelb und braun ausschlagen, beschmierte Wände, verkrustete Wasserhähne. Waschräume, die seit 36 Jahren nicht saniert wurden. "Hier wird so viel in Stralsund reingesteckt, aber in die Berufsschulen einfach nicht", beklagt sich eine Schülerin. Und eine andere: "Die Jungs haben wenigstens das Glück, im Stehen pinkeln zu können. Wir Mädchen müssen uns hinsetzen. Hier traut sich keiner auf Toilette zu gehen. Es ist wirklich, wirklich eklig."

Diese Schultoiletten sind jedoch alles andere als Einzelfälle. In unserer Umfrage sagten 12,3 Prozent der Eltern, dass ihr Kind nie auf die Schultoilette gehe; 50,7 Prozent gaben an, dass ihr Kind es nach Möglichkeit vermeide. In Sachen Hygiene beanstanden viele Eltern, dass es weder Toilettenpapier noch Seife gibt. Eine Mutter schrieb über das Gymnasium ihres Kindes: Die Toiletten sind seit Jahren in einem nicht zumutbaren Zustand. Mein Kind hat vermutlich deshalb Verstopfungen, abwechselnd mit Durchfällen, weil es  sich den Toilettengang verkneift und bis 17 Uhr Schule hat.
Tatsächlich schlagen auch Mediziner inzwischen Alarm, wie beispielsweise der Kinderarzt und Kindergastroenterolog Dr. Jan de Laffolie. Er warnt vor den gesundheitlichen Folgen der Ekeltoiletten: "Weil die Kinder den Gang auf die Toilette vermeiden, kommt es immer häufiger zu Verstopfung, die chronisch werden kann und möglicherweise schwerere Darm-Erkrankungen nach sich zieht."

Unfall wegen mangelnder Wartung

Zum Ekelfaktor kommt die Frage der Sicherheit: Der elfjährige Ben Kleinen hatte einen Unfall auf einer Schultoilette. Er habe sich beim Spielen in dem Toilettenhäuschen auf dem Schulhof versteckt und auf das Waschbecken gelehnt, sagt er. Die Folge: Das Becken brach ab und verletzte den Jungen schwer. Vermutlich wegen mangelnder Wartung. Sein Arm wurde der Länge nach aufgeschlitzt und musste mit 64 Stichen genäht werden, Sehnen und Nerven wurden durchtrennt. Die Operation dauerte vier Stunden. Auch jetzt, ein Jahr nach dem Unfall, muss Ben noch regelmäßig zu den chirurgischen Kontrollen. Seine Beweglichkeit und das Gefühl im Arm sind eingeschränkt, vor allem beim Schreiben. "Die Nerven sind sehr empfindlich. Das kann Jahre dauern oder gar nicht mehr in Ordnung kommen", sagt sein plastischer Chirurg Dr. Hans-Joachim Steinberg.
Wer trägt die Verantwortung für einen solchen Unfall? Für das Gebäude ist die Stadt zuständig, doch der Bürgermeister weist die Schuld von sich. Auf unsere Anfrage heißt es, dass der Unfall 'durch einen offenbar unsachgemäßen Gebrauch beim Spielen im Toilettenbereich' verursacht wurde. Bens Eltern sind empört: "Von einem Anlehnen oder Aufstützen darf so ein Waschbecken doch nicht brechen!" 


Bezahltoiletten als Lösung?

Schultoiletten sind Örtchen, die oft vernachlässigt und eigentlich nie beaufsichtigt werden. Unter anderem in den Schulen in Stadtallendorf bei Marburg wurde deshalb ein sogenanntes Toilettengeld eingeführt: Es gibt eine Aufsicht und die Klos werden sauber gehalten. Es ist warm, es gibt Toilettenpapier, eine Klobürste, Mülleimer, Seife, Handtücher und sogar Lufterfrischer. Alles ist intakt. Die Schüler wissen das zu schätzen. Allerdings muss jeder pro Toilettengang 10 Cent bezahlen. Aber freiwillig. Denn: Es gibt auch eine kostenlose Toilette, die jedoch in dem üblichen Zustand ist – und tatsächlich nur noch wenig genutzt wird. Die Schulleitung, der Landkreis und die Eltern hatten sich schon vor zehn Jahren entschieden, die "Bezahl-Toilette" einzuführen. "Wir mussten etwas gegen den Vandalismus tun. Jetzt haben wir zwar insgesamt gesehen höhere Kosten, aber weniger Reparaturen", sagt Marian Zachov vom Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Auch eine Hamburger Schule wollte eine Gebühr für die Toilettennutzung erheben und brachte die Eltern damit auf die Barrikaden. Und der Brief einer Kölner Grundschule, in dem Eltern an das "Toilettengeld" erinnert wurden, sorgte im Internet für reichlich Wirbel.
Sollten Eltern für die Toilettengänge ihrer Kinder bezahlen? Und kann das über eine freiwillige Gebühr funktionieren? Wie kommt das bei Eltern und Schülern an? Live während der Sendung sollten Eltern hier darüber abstimmen, ob sie freiwillig etwas für die Hygiene der Schultoilette ihres Kindes bezahlen würden. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller teilnehmenden Eltern an diesem Voting würden freiwillig etwas dafür bezahlen, wenn sich ihr Kind dann ohne Ekel und Angst auf die Toilette trauen kann (53 Prozent) – bis zu 10 Euro (28 Prozent), teilweise sogar mehr als 10 Euro pro Schulhalbjahr (26 Prozent). 40 Prozent sind strikt gegen ein Toilettengeld. Sylvia Wehde beispielsweise kämpft seit geraumer Zeit aktiv gegen eine Gebührenpflicht an der Schule ihres Kindes. Ihrer Meinung nach führe selbst eine freiwillige Abgabe unter Schülern schon zu einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft". Sie sagt: "Öffentliche Gebäude dürfen nicht gebührenpflichtig sein. Die Kommune muss das zahlen!"

Fest steht: Selbst über eine Gebühr sind die Kosten einer Schule für eine Hygienekraft nicht gedeckt. Stadtallendorf berichtet von jährlich rund 10.000 Euro Ausgaben je Schule – nur knapp die Hälfte wird durch die Einnahmen gedeckt. Aber auf diese Weise ist eine Aufsicht und Reinigung wenigstens möglich. 

Wie ist Ihre Meinung dazu? Haben Sie Erfahrungen mit Schultoiletten-Gebühren? Gibt es an der Schule Ihres Kindes eine ähnliche Debatte? Und warum ist bei Städten und Landkreisen kein Geld dafür da? Diskutieren Sie hier unten auf der Seite mit.

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