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Soziale Schieflage: Wohnungsmangel trifft alleinerziehende Mütter besonders hart

Früher Redaktionsleiterin mit großem Haus, heute Alleinerziehende in einer Sozialwohnung: Christine Finke ist kein Einzelfall. Immer mehr Frauen finden kaum noch bezahlbaren Wohnraum für sich und ihre Kinder – und werden zum Sozialfall.

Sandy Kurzidim (22) lebt mit ihren zwei Söhnen in einer Zweienhalb-Zimmer-Wohnung. Aufgrund der Behinderung ihres älteren Kindes muss die junge Mutter eigentlich dringend innerhalb Hamburgs umziehen - doch der Wohnungsmarkt gibt nichts her.

Sandy Kurzidim (22) lebt mit ihren zwei Söhnen in einer Zweienhalb-Zimmer-Wohnung. Aufgrund der Behinderung ihres älteren Kindes muss die junge Mutter eigentlich dringend innerhalb Hamburgs umziehen - doch der Wohnungsmarkt gibt nichts her.

Deutschlandweit wird bezahlbarer Wohnraum immer knapper. Allein in deutschen Großstädten fehlt es an etwa 1,9 Millionen Mietwohnungen  – insbesondere für sozial schwächere Mieter. Besonders hart trifft der Wohnungsmangel alleinerziehende Mütter, denn sie müssen sich meist sowohl um die Kinder als auch um die Einkünfte der Familie kümmern. Arbeitslos oder mit einem Teilzeitjob sind viele von Armut bedroht.

Christine Finke hätte vor ein paar Jahren nie geglaubt, dass sie dieses Problem auch einmal betreffen würde. Sie war als Redaktionsleiterin sehr erfolgreich, lebte mit ihrer Familie in einem großen Haus in Konstanz am Bodensee. Anderthalb Jahre nach der Trennung von ihrem Mann verlor Christine Finke ihren Job. Dann wurde ihr noch dazu die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Viel Pech auf einmal. Die Kaltmiete beträgt in Konstanz durchschnittlich 11 Euro pro Quadratmeter. Vermieter haben die freie Auswahl: Hartz VI, alleinerziehend mit Kindern – das wollen viele nicht. "Das ist schon sehr bitter, wenn man das auch noch so gesagt kriegt: 'Dich wollen wir nicht'.", so die 51-Jährige. Die vierköpfige Familie lebt nun schon seit sechs Jahren in einer viel zu kleinen Sozialwohnung. Das Schlafzimmer muss sich Christine Finke mit ihrer neunjährigen Tochter teilen. Die Wohnung liegt deutlich unter dem Mietspiegel, Christine Finke zahlt monatlich 816 Euro für die 89 Quadratmeter. Sie ist froh diese Wohnung zu haben, dennoch ist das für eine Alleinerziehende viel Geld. Vor einem Monat gab es eine zweite Mieterhöhung.

Jede fünfte Familie nur mit einem Elternteil

Alleinerziehend, wenig Einkommen – davon sind in Deutschland immer mehr Menschen betroffen. 20 Prozent der Familien bestehen nur noch aus einem Elternteil, also jede fünfte. In der Zeit von 1996 bis 2016 ist die Zahl der Alleinerziehenden auf 1,6 Millionen angestiegen. Das Armutsrisiko ist für sie besonders hoch. Rund 39 Prozent sind derzeit auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Christine Finke hält sich mit den drei Kindern derzeit als Bloggerin über Wasser und bekommt darüber viel Rückmeldung von anderen Betroffenen. "Die Frauen berichten, dass sie nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen für Wohnungen eingeladen werden. Dass ihnen die Leute offen sagen: Sie wollen keine Alleinerziehenden, weil das keine richtige Familie seien oder weil sie denken, man angelt sich womöglich gleich wieder einen nächsten Kerl und ist weg aus der Wohnung. Da sind so viele Vorurteile!", so die 51-Jährige. "Und natürlich wissen die Leute auch, dass Alleinerziehende nicht reich mit Geld gesegnet sind – und trauen ihnen dann gar nicht zu, diese Wohnung halten zu können."

Zuflucht finden viele nur bei Freunden und Verwandten – müssen improvisieren. Diese Erfahrung musste auch Sandy Kurzidim machen, die für sich und ihre zwei Söhne schon eine gefühlte Ewigkeit nach einer Bleibe in Hamburg sucht. Vor fünf Jahren musste Sandy Kurzidim zu ihrem Vater in seine 63 Quadratmeter-Wohnung ziehen. Ihr Sohn Vincenzo ist gehörlos und muss in Kürze auf eine Sonderschule gehen, die jedoch eine Stunde von der Wohnung entfernt ist. Sandy Kurzidim braucht eine Wohnung in der Nähe der Schule, doch das Geld ist bei ihr knapp. Sie hat Schulden. Momentan lebt sie von Hartz IV, Unterhalt und Kindergeld. Ihre Erfahrung: Kinder – vor allem mit Behinderung – erschweren die Wohnungssuche zusätzlich. Über 200 Besichtigungen habe sie in den letzten Jahren schon gemacht.

60 Prozent weniger Sozialwohnungen zur Verfügung

Wer in Deutschland wenig Geld hat, bekommt vom Amt einen Wohnberechtigungsschein für eine Sozialwohnung. Doch obwohl Sandy Kurzidim diesen hat, konnte sie in Hamburg bislang keine geeignete Sozialwohnung finden, denn die sind extrem knapp. Die Zahl nimmt seit Jahren rapide ab. Seit 1990 ist der Bestand um 60 Prozent gesunken, deutschlandweit gibt es 1,7 Millionen verfügbare Sozialwohnungen weniger – das entspricht in etwa der Größe einer Stadt wie Berlin. Auch Lara K. ist alleinerziehend und verzweifelt auf Wohnungssuche. Sie muss in Böblingen bei Stuttgart suchen, wo im gesamten letzten Jahr sind gerade einmal drei Sozialwohnungen frei geworden sind. Ein Jahr lang musste die gelernte Altenpflegerin mit ihrem kleinen Sohn in der viel zu kleinen Wohnung ihrer Eltern unterkommen, wo sie und ihr Kind auf Matratzen im Wohnzimmer schliefen. Das Kinderzimmer war auf den Balkon ausgelagert worden, denn mehr Platz zum Spielen gab es für den Jungen nicht.

Letzte Station: Obdachlosenunterkunft

Momentan lebt die gelernte Altenpflegerin von Elterngeld, hat ungefähr 1080 Euro zur Verfügung – und lebt inzwischen mit ihrem Jungen in einer Obdachlosenunterkunft. "Wieso kriege ich keine Wohnung? Wieso heißt es bei mir immer: Nein, wir haben uns für jemand anderes entschieden?", fragt sich auch Lara K. Die Stadt Böblingen hat ihr bis jetzt noch nicht geholfen. Wie es für sie und ihren Sohn weitergehen soll, weiß die junge Mutter zurzeit nicht. Sie habe wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage auf absehbare Zeit bessert.

Was muss sich ändern, damit der Wohnraum in Deutschland auch für alleinerziehende Mütter bezahlbar wird? Darüber sprach Steffen Hallaschka live in der Sendung der Bloggerin Christine Finke.