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Generationswechsel im Zirkus FlicFlac: Ein Leben zwischen Risiko, Show und Familie

Tollkühn, rasant, laut: So begeistern die Artisten des Zirkus FlicFlac seit 27 Jahren die Zuschauer. Ganz ohne Tiere. Doch für das Familienunternehmen waren die Zeiten nicht immer einfach. Noch dazu hängt ihr Leben stets an einem seidenen Faden.

Motorenlärm und atemberaubender Zweirad-Akrobatik im Zirkus FlicFlac.

Motorenlärm und atemberaubender Zweirad-Akrobatik im Zirkus FlicFlac.

Seit jeher war es hauptsächlich die atemberaubende Zweirad-Akrobatik, die die Zuschauer im Zirkus FlicFlac faszinierte. Seit 27 Jahren begeistern die Flic Flac-Artisten mit einer tollkühnen Show, die ihresgleichen sucht. Dabei brechen die Männer Rekord um Rekord. Allein 2001 und 2006 stellten die Weltklasse-Fahrer im stern TV-Studio Weltrekorde auf, als sie zunächst mit sechs, später sogar mit neun Motorrädern gleichzeitig in einer Metallkugel fuhren. 

Als Benno Kastein mit seinem Bruder 1989 den Zirkus gründete, glaubte niemand an sie: Ein Zirkus ohne Tradition, ohne Tiere, und ohne Startkapital. Dreimal standen sie vor der Pleite, die erste direkt nach einem Monat, erzählt Kastein: "Mein Vater hat mir dann wieder Geld geliehen, obwohl er gar nicht mehr an FlicFlac geglaubt hat." Und irgendwann seien dann zur richtigen Zeit viele Zuschauer gekommen "Das das war unser Glück." 

Mittlerweile ist FlicFlac überall bekannt, seit 15 Jahren läuft das Geschäft mit der gemischten, motorradlastigen Akrobatik. Mit dabei ist auch der 23-jährige Nicolai Kuntz, der im Zirkus aufwuchs und sich nach und nach bis an die Spitze kämpfte. Er trainiert seit seinem siebten Lebensjahr. Damals traf stern TV den Jungen zum ersten Mal bei FlicFlac. Seine Trainerin Ira sah in ihm bereits das Talent, sie sagte: "Ich trainiere nicht mit jedem Kind. Es ist ja kein Kindergarten, sondern richtig ernst." Nicolai wusste das auch, das tägliche Training hat sich ausgezahlt: Er wurde mit seiner Trapez-Nummer zum Zirkus-Festival nach Monte Carlo eingeladen – eine große Auszeichnung für einen Artisten. 

Zwei Weltrekorde bei stern TV

Nicolais Trainerin Ira Rizaeva, seit 1997 bei FlicFlac und selbst Vollblut-Artistin und Super-Jongleurin, kümmert sich seit Jahren um die artistische Ausbildung aller Zirkuskinder, auch um die der beiden Töchter von Zirkuschef Benno Kastein Tatjana und Larissa. Tatjana trainiert seit ihrem sechsten Lebensjahr täglich drei Stunden und gewann kürzlich eine wichtige Nachwuchstrophäe. Inzwischen steht sie mit ihrer ersten Solonummer im Programm.

Hauptattraktion des Zirkus FlicFlac bleibt aber die Mototrrad-Akrobatik. Dabei brechen die Männer Rekord um Rekord, unter anderem live bei stern TV: 2001 holte die Produktion mit viel Aufwand eine riesige Stahlkugel ins TV-Studio, den so genannten "Globe of Speed" des Zirkus FlicFlac. Innerhalb dieser Kugel kreisen die Artisten mit 70 km/h auf sechseinhalb Metern Durchmesser! Live in der Sendung brachen sie bei Günther Jauch den Weltrekord erstmals: Sie fuhren 44 Sekunden lang mit sechs Mann und ihren Motorrädern gleichzeitig im "Globe of Speed". Bei so einem Versuch könnten die Biker jederzeit kollidieren, wenn sie nur eine Sekunden ihre Konzentration verlieren. 2006 wiederholten die FlicFlac-Akrobaten das Spektakel bei stern TV und stellten einen neuen Weltrekord auf: neun Artisten quetschten sich diesmal in die Kugel – und wieder gelang der Rekord, der mittlerweile wieder gebrochen ist. Inzwischen fahren bis zu zehn Motorradfahrer im "Globe of Speed". 

Keine Nummer ohne Risiko

Andere Nummern im Zirkus FlicFlac sind noch riskanter. Dadurch kommt es leider immer wieder zu schweren Unfällen, zwei davon gingen tödlich aus. Zuletzt vor anderthalb Jahren beim Zirkusfestival in Monte Carlo: Der 24 Jahre alte Italiener Kevin Ferrari verfehlte nach einem Rückwärtssalto mit seinem Motorrad die Landerampe – und starb. "Wir haben ihn gekannt", sagt Larissa Kastein, die ältere der beiden Töchter Benno Kasteins. "Es war furchtbar. Es tut mehr weh, wenn man den Menschen liebt."

Alle Artisten kennen ihr Risiko. Larissa und Tatjana sind selbst Akrobatinnen – und müssen jeden Tag mit der Angst leben. Larissa hat sich in einen der tollkühnen Motorradakrobaten, Sandi Medved, verliebt, ist mit ihm sogar verlobt. "Er weiß, was er tut, er ist ein Profi", so die 28-Jährige. "Ich denke lieber nicht darüber nach, wie gefährlich das ist."

Auch Tatjana hat ihr Herz an einen der Zweirad-Artisten verloren, an einen der waghalsigsten Motorradfahrer der ganzen Show: Ondrej Zaruba springt täglich mehrere Male über den "Globe of Speed" und vollführt atemberaubende Stunts auf seinem Motorrad. Tatjana erwartet ein Baby von ihm. Das kleine Mädchen soll Fiona heißen. Durch die Schwangerschaft ist es für die 24-Jährige deshalb vorerst vorbei mit der Showbühne. Ihr Platz ist nun im Zirkus-Büro, wo sie sich um  Buchhaltung und Gehälter kümmert. Tatjana Kastein und ihre ältere Schwester Larissa übernehmen immer mehr Verantwortung im Familienunternehmen – bei FlicFlac bahnt sich ein Generationswechsel an. "Meine älteste Tochter kümmert sich um die Show selbst, meine jüngere um alles Finanzielle", erklärt Benno Kastein. Er lässt Larissa inzwischen auch freie Hand, was die Choreographie und  die Gestaltung der Abläufe angeht. Und nach jeder großen Abendshow ist die FlicFlac-Familie erst einmal erleichtert. Höhepunkt jeden Abend: Sandi und Ondrej, die zusammen mit zwei anderen Bikern über eine Distanz von 20 Metern über den "Globe of Speed" springen – mitten aus dem Zuschauerraum heraus!

"Es ist schwer geworden, die Leute zu begeistern"

Ein modernes Zirkus-Spektakel, gewachsen aus einem Familienunternehmen und einer guten Idee. Und immer wieder füllt sich das schwarz-gelbe Zelt mit rund 1000 Zuschauern. Wie lange FlicFlac noch Erfolg haben wird, kann Benno Kastein nicht vorhersagen. "Beim 'Supertalent' sieht man tolle Sachen, und alles in Zeitlupe. Bei uns nicht. Es ist schwer geworden, die Leute zu begeistern."

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