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Meldepflicht bei Nebenwirkungen: Die verschwiegenen Todesfälle der Antibabypille

Nach den Berichten über das erhöhte Thromboserisiko bei der Einnahme vieler Antibabypillen meldeten sich etliche Frauen bei stern TV. Sie alle hatten schlimme Nebenwirkungen erfahren, manche wären fast gestorben. Auch Todesfälle wurden bekannt. Die Frage ist: Warum wird das nicht verhindert?

Die tägliche Einnahme der Antibabypille birgt für viele Frauen ein ungeahntes Risiko.

Die tägliche Einnahme der Antibabypille birgt für viele Frauen ein ungeahntes Risiko.


"Bei Risiken und Nebenwirkungen vertrauen Sie nicht den Medizinern."

So könnte eine kritische Empfehlung lauten, wenn es darum geht, von Krankheitsfällen zu erfahren, die im Zusammenhang mit einer Pilleneinnahme auftraten. Denn es werden längst nicht alle Verdachts- und gar Todesfälle erfasst, wie stern TV herausfand. 

Steffi Engelke ist so ein Fall. Die 31-Jährige kann mittlerweile nur noch mit größter Anstrengung die einfachsten Dinge des Alltags  erledigen. Früher arbeitete sie als ausgebildete Krankenschwester, sie liebte ihren Beruf, wollte Karriere machen – und irgendwann einmal eine Familie gründen. Steffi Engelke schrieb der Redaktion über Facebook von ihrem Schicksal: Vor gut drei Jahren, im Oktober 2012, wäre sie fast gestorben. Nun ist sie chronisch krank und erwerbsunfähig, wurde mit 27 Jahren bereits vollberentet. "Es bricht einem das Leben unter den Füßen zusammen", erzählt sie. "Man muss plötzlich seinen Job aufgeben, man ist für immer gezeichnet. Man sieht es mir von außen zwar nicht an, aber

ich habe immer Schmerzen. Ich kann nicht lange gehen oder stehen, dann geht mir der Kreislauf weg. Maximal eine viertel Stunde, dann werde ich ohnmächtig, sitzen kann ich auch nur eine gewisse Zeit, dann schlafen meine Beine ein. Ja, ich bin einer dieser Kollateralschäden, aber mein Leben ist kaputt."

Es kann nur die Pille gewesen sein

Steffi Egelkes Leben ist kaputt aufgrund "unerwünschter Nebenwirkungen" der Antibabypille. Dabei war die junge Frau immer schlank, sportlich, Nichtraucherin. Sie verhütete jahrelang mit einer hormonfreien Spirale. Als die 2012 entnommen werden musste, wurde ihr vorübergehend eine Pille der neueren Generation verordnet. Zwei Monate später bekam sie unerträgliche Schmerzen in den Beinen. Sie litt unter akuter Atemnot und kollabierte mehrfach. In der Klinik wurde das ganze Ausmaß ihrer plötzlichen Erkrankung deutlich: "Ich hatte diverse Thrombosen, unter anderem in den Becken- und Beinvenen. Der Spinalkanal war zu, die Vena Cava – die größte Vene im Bauchraum", so die ehemalige Krankenschwester.  

Die junge Frau schwebte tagelang in Lebensgefahr. Bei ihr staute sich sauerstoffarmes Blut bis in den Rücken, das Gewebe voller Wasser – es drohte Organversagen. Die starken Schwellungen schädigten die umliegenden Nervenbahnen. Die Mediziner forschten intensiv nach den Ursachen und kamen zu dem Ergebnis: Es kann nur die Pille gewesen sein, konkret "Ausgeprägte Thromboembolie unter Hormonsubstitution".

Empfehlungen der Arzneimittelbehörde finden wenig Beachtung

Dass die Einnahme der Pille dramatische Folgen haben kann, zeigt nicht nur dieser Fall auf. stern TV berichtete bereits mehrfach über Schicksale junger Frauen, die durch Nebenwirkungen der Pille lebensgefährlich erkrankten. Seitdem wandten sich etliche Frauen mit ihren Erlebnissen und Krankengeschichten an die Redaktion, die bestätigen, dass bedrohliche Nebenwirkungen nicht nur in Einzelfällen auftreten. Internationale Studien warnen seit Jahren vor den erhöhten Thromboserisiken gerade der Pillen der neueren Generation.

Auch  das  Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM), oberste Bundesbehörde für die Zulassung und Überwachung von Medikamenten, wies im Dezember 2011 auf diese Risiken hin. Im Januar 2014 wurden so genannte Rote-Hand-Briefe an alle Ärzte herausgegeben, in denen die Behörde wiederholt auf die besonderen Gefahren aufmerksam und seitdem eindeutig rät: "Wir empfehlen Frauen, die zum ersten Mal eine Pille bekommen, die Präparate mit den bekanntermaßen geringen Thromboserisiko zu verordnen", so Prof. Julia Stingl, Vizepräsidentin des BfarM. Dieses geringere Thromboserisiko haben alle Pillen der älteren Generation mit dem Wirkstoff "Levonorgestrel". Doch die Empfehlung findet bisher wenig Beachtung.


Dramatische Nebenwirkungen bei bestimmten Präparaten

Arzneimittelexperte Prof. Gerd  Glaeske von der Universität Bremen veröffentlichte in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse vergangenen Herbst den "Pillenreport 2015" – mit beunruhigendem Ergebnis: Unter den 40 am häufigsten verkauften Pillen sind immer noch  25 besonders risikoreiche Präparate, die die Ärzte vor allem jungen Frauen verordnen. Diese Pillen enthalten "Gestagene, die ein bisher ungeklärtes oder schon oft nachgewiesenes höheres Thromboserisiko aufweisen." Über die unterschiedlichen Gestagene und besonderen Risiken müssen Ärzte ihre Patientinnen aufklären. Doch: "Ärzte kennen oftmals Namen von Pillen, wissen aber nicht unbedingt in jedem Fall, welche Wirkstoffe hinter den Namen stehen", so Glaeske.

Unter den risikoreicheren Pillen sind besonders die Präparate mit dem Wirkstoff Drospirenon im Fokus der Kritik, weil sie ein oft nachgewiesenes, erhöhtes Thromboserisiko aufweisen. Viele Ärzte meldeten dramatische Nebenwirkungen bei ihren Patientinnen, so dass die Arzneimittelbehörde (Bfarm) schon 2013 veröffentlichte: "In den vergangenen 15 Jahren wurden 492 Verdachtsfälle venöser Thromboembolien gemeldet, die drospirenonhaltige Verhütungspillen angewendet haben, darunter  16 Verdachtsfälle mit Todesfolge."

Und auch bei anderen Wirkstoffen von Pillen der neueren Generation häufen sich Meldungen solcher Verdachtsfälle. Wenn Nebenwirkungen (sog. unerwünschte Arzneimittelwirkungen, kurz UAW) gravierend sind und sich dazu häufen, sind Meldungen durch die behandelnden Ärzte darüber besonders wichtig, wie Prof. Stingl erklärt: "Die Ärzte sind nach ihrer Berufsordnung verpflichtet – sobald sie den Verdacht haben, dass eine Arzneimittelnebenwirkungen im Spiel ist – dies an das BfarM zu melden. Wir können nur immer wieder drauf hinweisen, denn daraus bekommen wir viele Informationen zur Arzneimittelsicherheit und wir können so frühzeitig Maßnahmen ergreifen."

Stichprobe zeigt Versäumnisse bei der Meldepflicht auf

stern TV wollte wissen, ob die Ärzte dieser ethischen Verpflichtung zur Meldung tatsächlich immer nachkommen und wählte aus den Zuschriften an die Redaktion drei Todesfälle junger Frauen aus. Mit der Erlaubnis der Angehörigen ließen wir überprüfen, ob Ärzte und Kliniken die Fälle beim Bfarm gemeldet hatten. Die Antwort des BfarM: Zu allen Fällen liegen uns keine Meldungen vor.

Rebecca Hammes war erst 24 Jahre alt, als sie 2013 an einer Lungenembolie starb. Gemeldet wurde ihr Tod als verdachtsfall einer Pille nicht. Auch bei Mirja Theis wurde keine Meldung gemacht: Sie hatte jahrelang eine risikoreiche Pille genommen, dann brach sie im Alter von 42 Jahren plötzlich zusammen. Drei Tage später starb sie an einer Lungenembolie. Ihrem Mann ist es unbegreiflich, dass weder ihre behandelnden Ärzte, noch das Krankenhaus der Pflicht zu melden nachkamen.

"Meldungen von unerwünschten Nebenwirkungen haben zwar nicht dieselbe Beweiskraft wie Studien, denn sie liefern nur den Verdacht und noch keine Kausalität", so Martin Müller-Oerlinghausen, ehemaliger Präsident der Arzneimittelkommission der Ärzte, "Es ist allerdings nachgewiesen, dass besonders diese Verdachtsfälle entscheidende Informationen über bislang unbekannte Arzneimittelrisiken liefern können. Die Häufung von Meldungen legt oft auch einen kausalen Zusammenhang nahe."

Auch der Fall von Steffi Engelke ist der Arzneimittelbehörde bisher nicht bekannt. Vor ihrem und den anderen traurigen Schicksalen durch Nebenwirkungen der Pille würden wir andere Frauen gerne bewahren. Fast 7 Millionen Frauen nehmen allein in Deutschland täglich die Pille.