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Lieferdienst für Lebensmittel Alpakas will die nachhaltige Alternative zu Gorillas werden

Die Alpakas-Gründer, von links: Tomy Eitner, 31, Simon Chorzelski, 36, und Antony Roczek, 25
Die Alpakas-Gründer, von links: Tomy Eitner, 31, Simon Chorzelski, 36, und Antony Roczek, 25
© Capital
Plastikfrei einkaufen liegt im Trend, ist in der Praxis aber kompliziert. Ein Lieferdienst für unverpackte Lebensmittel will es den Konsumenten nun einfach machen. Das Berliner Start-up Alpakas bekommt dafür einen Millionenbetrag – unter anderem vom ersten Gorillas-Investor. 
Von Hannah Schwaer

Antony Roczek zieht sich das Haarnetz über den blonden Schopf, dann bindet er sich eine Plastikschürze um. "Hygienevorschrift", sagt der 25-jährige Unternehmer. Wenn sein Lieferdienst Alpakas erfolgreich sein soll, kann er sich keine Verunreinigung leisten. In der 260 Quadratmeter großen Lagerhalle in Berlin-Moabit rieselt und klackert es. Roczek biegt hinter einer Regalreihe in die Abfüllstraße ein. An einem Edelstahl-Tisch schaufelt ein junger Mann Quinoa aus einem 20-Kilo-Sack in Marmeladengläser. Nebenan schraubt eine Kollegin die Deckel zu und wuchtet Kisten in die blauen Schwerlastregale. "Wir haben hier vergangene Woche 4000 Gläser abgefüllt", sagt Roczek. Bevor der Verkauf Ende Oktober losgehen kann, gilt es noch eine leere Regalreihe zu füllen. 

Roczek und seine Mitstreiter Tomy Eitner, 31, und Simon Chorzelski, 36, wollen mit ihrem Start-up Alpakas etwas auf die Beine stellen, das bisher noch niemand erfolgreich skaliert hat: einen Lieferdienst für unverpackte Lebensmittel. "Wir wollen es den Leuten deutlich einfacher machen, nachhaltig zu leben", sagt Geschäftsführer Chorzelski. Der Einkauf solle sich anfühlen wie auf dem Wochenmarkt: Mit lokalen Produkten, Bio-Qualität und Mehrweg-Verpackungen. Und ohne Plastikmüll. Entsprechende Konzepte sind im Handel bisher eine Nische. "Wir glauben, dass der unverpackt-Ansatz im Liefergeschäft besser funktioniert als im Laden", ist Chorzelski überzeugt. Schließlich nehme man den Kunden den Transport und die Reinigung der Mehrweg-Behälter ab. 

Lieferdienste boomen 

Von Amerika bis China stecken Investoren gerade hunderte Millionen Euro in das Geschäft mit Online-Lebensmittel-Lieferungen. Die Branche boomt, denn es gilt einen Milliarden-Markt zu verteilen. Allein in Deutschland setzt der Einzelhandel jährlich rund 204 Milliarden Euro mit Lebensmitteln und Getränken um. Nur zwei Prozent der Erlöse werden online gemacht. 

Ein Mann trägt eine Alpakas-Tragetasche
Der Einkauf soll sich anfühlen wie auf dem Wochenmarkt: Mit lokalen Produkten, Bio-Qualität und Mehrweg-Verpackungen. Und ohne Plastikmüll.
© Capital

Die Pandemie hat jedoch alte Gewohnheiten gebrochen und dem Online-Segment einen Schub gegeben. Innerhalb kürzester Zeit sind in Deutschland rund ein halbes Dutzend Start-ups auf den Markt gedrängt, die Lebensmittel per App-Bestellung nach Hause bringen. Das bekannteste unter ihnen, die Berliner Firma Gorillas, ist inzwischen rund 2,5 Milliarden Euro wert.  

Alpakas bekommt Geld von Gorillas-Investor 

"Die schnelle Lieferung von Waren und Lebensmitteln auf Basis einer dezentralen Infrastruktur wird sich durchsetzen", ist Investor Christophe Maire überzeugt. Mit seiner Firma Atlantic Food Labs gehörte er zu den ersten Geldgebern von Gorillas. Auch an Alpakas ist er beteiligt. Maire glaubt, dass es noch genug Platz für weitere Lieferdienste mit spezialisiertem Angebot gibt. "Genau wie in der Offline-Welt sehen wir eine Segmentierung", sagt Maire. 

Neben Maire glauben noch weitere namhafte Geldgeber an Alpakas. Das 2021 gegründete Start-up hat sich kürzlich einen einstelligen Millionenbetrag in Form eines Wandeldarlehens gesichert. Zu den Investoren zählen Atlantic Food Labs, die Topmanager Markus Windisch und Nils Hermann vom Dax-40-Konzern Hellofresh sowie Blue Impact, der Fonds von Seriengründer Lawrence Leuschner, dem Chef des E-Scooter-Start-ups Tier Mobility. 

Einkaufen ohne Plastik 

Im Warenlager von Alpakas läuft Mitgründer Antony Roczek durch die Regalreihen, vorbei an abgefüllten Bohnen, Reis und Nudelfixgerichten im Joghurtglas. Rund 500 Produkte hat das Start-up im Sortiment, darunter frisches Obst und Gemüse, Getränke, Milchprodukte und Klopapier. Die Produkte sollen entweder im Pfandglas, in Mehrweg-Jutetaschen oder kompostierbaren Tüten ausgeliefert werden. Das Versprechen: Zero Waste – null Abfall.  

Beim Speiseöl bleibt Roczek stehen und zieht eine braune Glasflasche aus dem Regal. "Wir haben sehr lange nach einem Händler gesucht, der Öl im Pfandglas liefert", sagt er. Grund sei die aufwändige Reinigung. 

Ein Warenregal beim Lebensmittel-Lieferdienst Alpakas
Rund 500 Produkte hat das Start-up im Sortiment, darunter frisches Obst und Gemüse, Getränke, Milchprodukte und Klopapier
© Capital

Auch bei anderen Produkten biete der Handel kaum bis gar keine plastikfreien Lösungen. "Hygiene, Drogerie und Haushalt sind superschwierig", erklärt der Gründer. Ähnlich sei es beim Kühlregal. Frisches Fleisch und Fisch hat die Firma deshalb erstmal nicht im Angebot. 

Alpakas stößt mit seinem Konzept in eine Nische, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr Zulauf bekommen hat. Selbst etablierte Supermarkt-Ketten wie Rewe oder Aldi schmücken sich inzwischen mit Anti-Plastik-Kampagnen. Sie sind gut fürs Image, haben aber auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Die EU will spätestens 2022 einen neuen Entwurf für strengere Verpackungsrichtlinien vorstellen.  

Deutsche produzieren 19 Mio. Tonnen Verpackungsmüll pro Jahr 

In Deutschland ist das Aufkommen von Verpackungsmüll in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen. Das Umweltbundesamt verzeichnete bei der letzten Messung im Jahr 2018 knapp 19 Mio. Tonnen Verpackungsmüll pro Jahr – ein Plus von 35 Prozent im Vergleich zu 1998. Die Müllflut führt die Behörde zum einen auf die boomende To-Go-Gastronomie zurück. Zum anderen stelle sich der Handel mit kleineren Portionierungen auf die wachsende Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte ein – und produziere damit mehr Verpackungen.  

Alpakas will das Müllproblem umgehen, indem es schon vorher in die Lieferkette eingreift. Das Start-up kauft den Großteil seiner Produkte im Großgebinde ein und füllt sie im Lager in Mehrweg-Gläser um. Bei der Rückgabe werden die Gläser vor Ort gereinigt. Flüssige Produkte wie Joghurt, Milch oder Orangensaft bezieht die junge Firma von lokalen Händlern mit Mehrweg-Konzepten. 

Start-up verspricht Preise wie im Bioladen 

Wer bis 17 Uhr über die Webseite bestellt, bekommt die Ware noch am selben Abend an die Haustür geliefert. Das Start-up setzt dabei auf das Milchmann-Prinzip: Die Kuriere fahren mit einem elektrischen Cargo-Rad eine vorher optimierte Route ab, um auf einer Tour möglichst viele Haushalte abzudecken. Dabei sammeln sie sie Pfandgläser auch wieder ein. Eine Gebühr von 50 bis 80 Cent wird dabei fällig, je nach Größe.  

Die Preise seien konkurrenzfähig mit dem normalen Bio-Supermarkt, verspricht Geschäftsführer Chorzelski. Ab einem Bestellwert von 25 Euro ist die Lieferung kostenlos. Wer weniger bestellt, muss eine Gebühr von 3,90 Euro zahlen. Alpakas positioniert sich damit als Lösung für den nachhaltigen Wocheneinkauf. 

Die Alpakas-Gründer stehen vor einem elektrischen Cargo-Rad
Das Start-up setzt auf das Milchmann-Prinzip: Die Kuriere fahren mit einem elektrischen Cargo-Rad eine vorher optimierte Route ab, um auf einer Tour möglichst viele Haushalte abzudecken
© Capital

Etablierte Liefer-Start-ups wie Gorillas oder Flink wollen hingegen vor allem mit Schnelligkeit punkten. Sie versprechen eine Lieferzeit von zehn Minuten. Im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen genießt die Branche deshalb einen schlechten Ruf. Auch hier will sich Alpakas abheben: "Wir zahlen über dem Mindestlohn", sagt Geschäftsführer Chorzelski. Zudem müsse niemand schwere Lasten auf dem Rücken tragen. Er verweist auf die elektrischen Lastenräder mit Fahrerkabine, die das Ausfahren auch bei Wind und Wetter deutlich bequemer machen würden. 

Unverpackt ist noch eine Nische 

Aber lässt sich das unverpackt-Geschäft auch profitabel betreiben? E-Food-Experte Udo Kießlich schätzt die Aussichten verhalten optimistisch ein. "Das Konzept ist mit Sicherheit nicht für die breite Masse der Bevölkerung attraktiv", sagt er. In der Nische könne es aber durchaus eine Zielgruppe erreichen. Gerade bei Bio-Lieferdiensten gebe es im Markt noch eine Lücke. Die große Frage sei, ob das Angebot die Kunden langfristig überzeugt. "Im Dauerbetrieb kommt es darauf an, wie groß das Sortiment ist und ob das Preisniveau wirklich mit dem Biomarkt vergleichbar ist." 

fs

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