HOME

Ex-Chef von Renault-Nissan: Versteckt im Instrumentenkasten: Die filmreife Flucht des Automanagers Carlos Ghosn

Selbst in Hollywood würde diese Geschichte wohl nicht spektakulärer erzählt werden: Carlos Ghosn, früherer Star-Manager in der Automobilbranche, stand in Japan unter Hausarrest – und hat es trotzdem geschafft, sich in den Libanon abzusetzen.

Carlos Ghosn

Carlos Ghosn: Flucht aus Japan in den Libanon

Witze über Namen gelten als besonders faule Humorform, aber manchmal liegen sie einfach so nahe. Das dachte sich wohl auch Tesla-Chef Elon Musk, als er die Posse um den früheren Starmanager der Automobilindustrie, Carlos Ghosn, bei Twitter mit einem lakonischen Wortspiel kommentierte: "Carlos Gone". Carlos (ist) gegangen.

Aber wie Ghosn gegangen ist, hat alle Zutaten eines spektakulären Actionstreifens: Denn trotz eines Ausreiseverbots aus Japan vor dem anstehenden Prozess gegen ihn wegen Finanzdelikten hat der Ex-Chef von Renault-Nissan das Land kurz vor Silvester überraschend verlassen und sich in den Libanon abgesetzt.

Bei seiner Flucht soll Ghosn einen filmreifen Trick angewendet haben, um die japanischen Behörden zu überlisten: Demnach habe er sich im Instrumentenkasten einer Musikgruppe, die für ihn zum Abendessen gespielt habe, zum Flughafen schmuggeln lassen, von wo er per Privatflugzeug über Istanbul nach Beirut geflogen sei.

Carlos Ghosn: Flucht mit französischem Pass

Dabei habe er laut Bericht des öffentlich-rechtlichen japanischen Sender NHK einen seiner beiden französischen Pässe genutzt. Ein Gericht habe ihm demnach gestattet, seinen Zweitpass zu behalten, sofern dieser von seinen Anwälten weggeschlossen werde. Der Ex-Topmanager besitzt die französische, die brasilianische und die libanesische Staatsangehörigkeit. Sein Anwalt Junichiro Hironaka hatte erklärt, die Anwälte seien im Besitz von drei Pässen Ghosns.

Die libanesischen Behörden sprachen von einer legalen Einreise. Ein Auslieferungsabkommen oder eine juristische Zusammenarbeit mit Japan gebe es nicht. Der staatliche Sicherheitsdienst erklärte, es gebe keine Gründe für eine strafrechtliche Verfolgung Ghosns im Libanon. Paris versicherte, keine Kenntnis von den Fluchtplänen oder den Umständen seiner Flucht gehabt zu haben.

Ghosn gab an, er sei vor "Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung" in Japan geflüchtet. Er werde nun nicht mehr von dem "manipulierten japanischen Justizsystem als Geisel gehalten", hob der 65-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme hervor. Er sei nicht "vor der Gerechtigkeit" geflüchtet, sondern aus einem Justizsystem, in welchem die Schuld des Beschuldigten vorausgesetzt und "elementare Menschenrechte verweigert" würden. Aus seinem Umfeld verlautete, der frühere Top-Manager halte sich in Beirut auf. Er sei bei seiner Frau, "frei" und "sehr glücklich".

In Japan hatte Ghosn insgesamt mehr als vier Monate in Haft gesessen. Im April kam er nach einer zweiten Haftperiode erneut gegen Kaution frei, dabei wurde ein Ausreiseverbot verhängt. Im kommenden April sollte sein Prozess beginnen.

Ghosn war im November 2018 in Japan festgenommen worden. Die dortige Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben. Ghosn sprach von einer Verschwörung bei Nissan, um ihn loszuwerden. Grund sei, dass er Nissan noch näher an den französischen Autobauer Renault heranführen wollte.    

Ghosn wurde in Japan einst als Star gefeiert

Ghosns Anwälte werfen den japanischen Ermittlern auch vor, heimlich mit Nissan zusammengearbeitet und ihre Ermittlungen faktisch dem japanischen Autobauer übertragen zu haben. Die Familie des einstigen Spitzenmanagers prangerte außerdem die rigiden Auflagen der Justiz als "unmenschlich" an.    

Ghosn war einst in Japan als Star gefeiert worden. Er schmiedete die Allianz zwischen Renault und Nissan und half dem japanischen Hersteller aus der Krise. Er machte beide Unternehmen weltweit erfolgreich. 2016 holte Ghosn auch Mitsubishi ins Boot. Von seinen Spitzenposten bei Nissan und Mitsubishi wurde Ghosn nach seiner Festnahme entlassen. Später trat er auch als Renault-Chef zurück.

tim mit AFP