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Entlassungen nach Streik Wie der Lieferdienst "Gorillas" ein Versprechen bricht – und um seine Glaubwürdigkeit kämpfen muss

Ehemalige Gorillas-Kuriere protestieren vor der Konzernzentrale von Gorillas
Ehemalige Kuriere von Gorillas protestieren vor der Konzernzentrale von Gorillas, nachdem das Unternehmen streikende Kuriere entlassen hatte
© Carsten Koall / Getty Images
Gorillas liefert Lebensmittel in zehn Minuten. Doch dessen Kuriere kritisieren die Arbeitsbedingungen. Das hat zu Streiks geführt, die zu zahlreichen Entlassungen führten. Damit hat das Start-up ein selbst gegebenes Versprechen gebrochen.

Knapp sechs Minuten schallt das Getöse über die Kreuzung vor der Zentrale des Berliner Lieferdiensts Gorillas. Mit Topfdeckel, Bratpfannen, Trommeln und Trillerpfeifen haben sich Mitarbeiter des Start-ups versammelt, um gegen die Massenentlassungen vom Vortag zu protestieren. Etwa 120 Menschen sind gekommen, so die Schätzung der Polizei.  

Einer von ihnen ist der 28-jährige Kurierfahrer Alok N. "Wir schuften für das Unternehmen. Und dann bekomme ich auf einmal einen Anruf von Unbekannt, dass ich gefeuert bin", erzählt N. dem stern. Er arbeite seit drei Monaten für den Lieferdienst, der damit wirbt, Lebensmittel binnen zehn Minuten an die Haustür zu bringen, um sich damit sein Studium zu finanzieren. "Die Situation ist echt beschissen. Die Bestellungen sind oft zu schwer. Davon bekommt man Rückenschmerzen." 

Am vergangenen Freitag hatte N. deshalb mit seinen Kollegen spontan die Arbeit niedergelegt. Über das Wochenende kam es in Berlin insgesamt zu drei unangekündigten und nicht von der Gewerkschaft getragen Streiks. Hinter diesen sogenannten "wilden Streiks" steht das Gorillas Workers Collective. Die Gruppe hat seit Juni mit Blockaden mehrere Standorte lahmgelegt, teils über Stunden.

Wilde Streiks bei Gorillas sind rechtswidrig

Bislang hat Gorillas die spontanen Arbeitsniederlegungen hingenommen. Am Dienstag kündigte das Unternehmen jedoch mehreren streikenden Mitarbeitern fristlos, darunter auch Alok N. Bei den wilden Streiks hätten die Protestierenden die Notausgänge blockiert, teilte ein Sprecher am Dienstagabend mit. Die Firma sehe sich nun gezwungen, den rechtlichen Rahmen durchzusetzen. "Das bedeutet, dass wir das Arbeitsverhältnis mit denjenigen MitarbeiterInnen beenden, die sich aktiv an den nicht genehmigten Streiks und Blockaden beteiligt, den Betrieb durch ihr Verhalten behindert und ihre KollegInnen damit gefährdet haben." 

Die Fahrer widersprechen dieser Darstellung. Alok N. sagt, an seinem Warenlager habe man lediglich die Arbeit niedergelegt, aber keine Eingänge blockiert.

Das Unternehmen ist offenbar dennoch im Recht. "Die Teilnahme an einem wilden Streik ist ein Grund für eine fristlose Kündigung", sagt Pascal Croset, Fachanwalt für Arbeitsrecht, im Gespräch mit dem stern. Hintergrund sei das deutsche Streikrecht. "Streiks sind in Deutschland immer den Gewerkschaften vorbehalten", sagt der Arbeitsrechtler. Unangekündigte Arbeitsniederlegungen, die wie im Fall von Gorillas von einem Kollektiv getragen sind, seien hingegen rechtswidrig. "Die Betriebsblockaden sind darüber hinaus auch strafbar", sagt Croset. Das Unternehmen könnte die Mitarbeiter theoretisch wegen Hausfriedensbruch und Nötigung anzeigen. 

Gorillas kann sich Massenentlassungen eigentlich nicht leisten

Das Ausmaß der Massenentlassung ist bislang noch unklar. Das Unternehmen selbst wollte sich dazu auf mehrfache Nachfrage nicht äußern. Das Gorillas Workers Collective berichtete dem stern von "mindestens 50" Betroffenen. Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe, die die Proteste seit dem Sommer begleitet, sprach bei Twitter hingegen von 350 Entlassungen. Auf Anfrage des stern bezog sie sich auf Gewerkschaftskreise. 

Der Schritt des Unternehmens kommt überraschend. Gorillas kann sich die Massenentlassungen eigentlich gar nicht leisten. Das Unternehmen hat ambitionierte Wachstumspläne, gleichzeitig herrscht in der Branche ein Fahrermangel. Kurzfristig lassen sich die personellen Lücken womöglich mit Kurzarbeit-Firmen stopfen. Auf längere Sicht birgt das Gebaren von Gorillas jedoch ein enormes Geschäftsrisiko: Ohne Kuriere gibt es auch keinen Betrieb. Das Signal, das das Start-up mit den Massenentlassungen jetzt sendet, könnte bei der Einstellung neuen Personals noch zum Verhängnis werden. 

Kollektiv will bessere Arbeitsbedingungen 

Die Gorillas-Mitarbeiter protestieren seit Monaten für bessere Arbeitsbedingungen. Die Bewegung entstand im Februar aus einer Whatsapp-Gruppe heraus. Mittlerweile wird sie von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und der anarchistischen Gewerkschaft FAU unterstützt. Einige Fahrer hatten sich damals beschwert, dass sie bei einem Meter Schnee Lieferungen ausfahren sollten – angeblich ohne winterfeste Arbeitskleidung. Inzwischen geht es um sehr viel mehr: um die Löhne, die Abschaffung sachgrundloser Befristung und die Wahl eines Betriebsrats.  

Dabei bekämpfen die Kuriere die Auswüchse des digitalen Kapitalismus mit dessen Mitteln: Auf dem Twitter-Account des Kollektivs verfolgen rund 12.500 Follower, was bei Gorillas gerade abläuft. Der Kanal zeichnet das Bild eines rücksichtlosen und profitgetriebenen Unternehmens. Egal ob diese Darstellung nun stimmt oder nicht – es ist ein kolossaler Imageschaden für das junge Start-up. 

Unternehmenschef Kagan Sümer betonte bislang, dass er die Gründung eines Betriebsrats begrüße. Er hatte zudem einen Aktionsplan für bessere Arbeitsbedingungen vorgelegt. Auch gegenüber den Streikenden hatte Sümer noch im Sommer Verständnis gezeigt. "Ich würde niemals jemanden feuern, weil er streikt", versprach der Gorillas-CEO bei einer Konfrontation mit protestierenden Mitarbeitern. Ein Versprechen, das er jetzt gebrochen. 

rw

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