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Preise und Verfügbarkeit Was bedeutet die Energiekrise für Millionen Nutzerinnen und Nutzer von Fernwärme?

Fernwärmeleitung in Leipzig
Fernwärmeleitung in Leipzig
© Sebastian Willnow / DPA
Ist Fernwärme in Zeiten der Energiekrise der sichere Hafen für Verbraucherinnen und Verbraucher? Oder müssen auch sie sich auf höhere Kosten oder gar Versorgungsaufälle einrichten? Die wichtigsten Fragen und Anworten.

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Gas wird knapp und teuer – das dürfte für den kommenden Winter gelten. Und es wird viele Menschen in Deutschland vor große Probleme stellen. Möglicherweise beim Heizen, aber vor allem im Portemonnaie. Doch wie sieht es bei den Millionen Haushalten im Land aus, die mit Fernwärme heizen? Müssen auch sie sich auf steigende Kosten oder möglicherweise weniger Wärme einstellen? Oder können sie sich trotz Energiekrise entspannt zurücklehnen?

Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema:

Was ist Fernwärme?

Das Prinzip der Fernwärme ist simpel. Bereits die Römer nutzten heißes Thermalwasser für ihre Heizungen, indem sie es zu den Wohngebäuden leiteten. Ende des 19. Jahrhunderts begann dann die Nutzung der Fernwärme in größerem und kommerziellem Umfang. Die Versorgungsunternehmen erhitzen Wasser, das durch Rohrleitungen mit bis zu 160 Zentimetern Durchmesser zu den angeschlossen Gebäuden gelangt und dort für die Erwärmung des Leitungswassers und der Heizungen genutzt wird.

Wie das Wasser von den Versorgern erhitzt wird, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Es kann zum Beispiel durch die Verbrennung von Gas, Kohle oder Öl in Heizkraftwerken geschehen, aber auch Abwärme aus Industriebetrieben oder die thermische Energie von Müllverbrennungsanlagen können zum Erhitzen des Wassers genutzt werden, ebenso nachhaltige Energiequellen wie Biogas oder Wärmepumpen. Nicht zuletzt deshalb könnte der Fernwärme eine entscheidende Rollen bei der Energiewende spielen.

Wie viele Haushalte nutzen Fernwärme?

Die Fernwärme kommt hierzulande meist im städtischen Bereich zum Einsatz. Allein in Berlin werden mehr als eine Million Haushalte mit Fernwärme versorgt, auch Hamburg gilt als Fernwärme-Hochburg. In der schleswig-holsteinischen Stadt Flensburg sind sogar fast alle Wohngebäude an das Fernwärmenetz angeschlossen. Markant sind in vielen Städten die oberirdisch verlegten Röhren. Deutschlandweit gibt das Bundeswirtschaftsministerium die Zahl der mittels Fernwärme beheizten Wohnungen mit 5,6 Millionen an. Das entspricht einem Anteil von rund 14 Prozent. Mit Gas heizen dagegen rund 48 Prozent, gefolgt von Öl mit gut 25 Prozent.

Welche Vor- und Nachteile bietet Fernwärme?

Für Eigentümerinnen und Eigentümer bedeutet der Anschluss an ein Fernwärmenetz: Sie brauchen weder eine Gastherme im Keller noch einen Öltank im Garten, sondern die Wärme kommt quasi wie Leitungswasser oder Strom ins Haus. Anschaffungs- und Wartungskosten entfallen damit. Anbieter von Fernwärme heben daneben unter anderem den hohen Wirkungsgrad und den stabilen Preis als Vorteile des Prinzips hervor.

Stabil bedeutet jedoch nicht gleichzeitig günstig, denn Fernwärme gilt als verhältnismäßig teuer. Ein Grund: Die Anbieter sind auf ihrem Gebiet Monopolisten, es gibt keinen Wettbewerb. Das Bundeskartellamt soll dabei die Einhaltung gesetzlicher Regelungen überwachen. Ein Beispiel zu den Kosten aus der Zeit vor der Energiekrise: Nach einer Auswertung der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft CO2online aus dem Jahr 2020 schlägt Fernwärme mit Heizkosten von 12,40 Euro pro Quadratmeter und Jahr zu Buche, Erdgas dagegen mit 9,80 Euro. Fernwärme ist jedoch längst nicht an allen Orten verfügbar.

Müssen sich Fernwärme-Nutzende auf Engpässe einstellen?

Dies lässt sich pauschal nicht beantworten. Es hängt davon ab, wie die Wärme im jeweiligen Netz erzeugt wird. Für Hamburg gibt das zuständige Unternehmen Hamburger Energiewerke zum Beispiel vorsichtige Entwarnung. "Die Haushalte, die an das Stadtnetz der Hamburger Energiewerke angeschlossen sind, müssen sich für die kommenden Monate weiterhin keine Sorgen über die zuverlässige Belieferung mit Wärme und Warmwasser machen (...) Trotz der angespannten Lage auf den Energiemärkten war es den Hamburger Energiewerken aber dennoch möglich, ausreichend Steinkohle für die Fernwärmeversorgung einzukaufen. Sollte nunmehr auch die Belieferung planmäßig erfolgen, sind für die Heizperiode 2022/2023 die erforderlichen Kohlemengen gesichert." Hintergrund: In Hamburg hat Kohle einen Anteil von 64 Prozent an der Fernwärmeerzeugung, Gas dagegen nur rund 15 Prozent. 

Anders sieht die Lage dagegen zum Beispiel in der Hauptstadt aus. Dort wird der Anteil von Gas am der Fernwärmeerzeugung für 2020 mit rund 74 Prozent angegeben, entsprechend ungewiss sind die Aussagen, ob auch im Herbst und Winter noch ausreichend heißes Wasser durch die Fernwärme-Rohre fließt. Bat Versorger Vattenfall seine Kundinnen und Kunden noch vor wenigen Wochen wenig beruhigend, von Nachfragen zur Versorgungssicherheit abzusehen, schreibt das Unternehmen jetzt, dass es die Lage "sehr genau" beobachte und sich auf eventuelle Engpässe vorbereite – eine Garantie für eine dauerhaft sichere Versorgung kann aber auch Vattenfall nicht geben.

Verbraucherinnen und Verbraucher haben die Möglichkeit, sich an ihre jeweiligen Fernwärme-Versorger zu wenden, um den Anteil von Gas an der Fernwärme-Erzeugung und Prognosen für die Versorgungssicherheit zu erfragen. Eine generelle Antwort gibt es nicht.

Steigen auch die Kosten für Fernwärme?

Kurz und knapp: ja. Fernwärme gilt ohnehin schon als eher teure Form der Wärmeerzeugung (siehe oben), ist im Zuge der Energiekrise teurer geworden und wird aller Voraussicht nach noch teurer – unabhängig davon, wie die Fernwärme erzeugt wird. Das geht aus einer Analyse des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) hervor, die dem stern vorliegt. Der VZBV hat dazu exemplarisch die Preise dreier Fernwärmeversorger für einen Musterhaushalt von April 2021 bis April 2022 untersucht – und deutliche Preissteigerungen festgestellt.

Demnach ergibt sich für den Musterhaushalt (Einfamilienhaus mit jährlich 15.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch Wärme) bei einem der Anbieter fast eine Verdoppelung der monatlichen Kosten für Fernwärme: von 154,20 Euro im April 2021 auf 269,75 Euro ein Jahr später. Selbst beim preiswertesten der untersuchten Anbieter stiegen die Kosten um 28 Prozent.

"Insgesamt sind die ausgewählten Fallbeispiele nur exemplarisch für eine Vielzahl weiterer Fernwärmeanbieter zu verstehen", betont der VZBV zu seiner Untersuchung, stellt aber auch klar: Fernwärmeanbieter dürfen ihre Kostensteigerungen (beispielsweise beim verwendeten Rohstoff) automatisch an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben, ohne dass dabei der Liefervertrag geändert werden muss – und die Unternehmen machen davon offenbar Gebrauch, so auch die Versorger in Hamburg und Berlin.

Die Hamburger Energiewerke gehen laut "Hamburger Morgenpost" von einem Preisanstieg aus, ohne konkrete Zahlen zu nennen, und auch in der Hauptstadt empfiehlt Vattenfall, den Kundinnen und Kunden ihre Abschlagszahlungen zu erhöhen. Zum 1. Juli gab es bereits eine Preiserhöhung. "Wir beobachten bereits Preissteigerungen von circa 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr", so der Konzern.

Die Füße einer Frau liegen in Wollsocken auf einer Heizung. Auf der Fensterbank stehen ein Kaffeebecher und ein Smartphone

Der VZBV bemängelt das Vorgehen der Versorger. Die Berechnung der Preise sei in viele Fällen "intransparent". "Oftmals ist es für die Verbraucherinnen und Verbraucher schwierig bis unmöglich nachzuvollziehen, warum Preise wie angehoben werden", sagt Florian Munder, Referent im Team Energie und Bauen, dem stern. Er fordert die Bundesregierung auf, dafür zu sorgen, dass geltende Transparenzvorschriften auch eingehalten werden.

Gleichzeitig wagt aber auch der VZBV keine Prognose, wie stark die Kosten für die Fernwärme im Einzelfall noch ansteigen werden. "Verbraucherinnen und Verbraucher müssen die laufende Entwicklung ihrer Fernwärmepreise und -kosten durch ein komplexes Berechnungsverfahren, welches das für sie individuell zutreffende Preissystem ihres jeweiligen Anbieters abbildet, entsprechend selbst nachvollziehen", heißt es in der Untersuchung des Verbandes.

Sicher ist also nur eines: Die Bezieherinnen und Bezieher von Fernwärme können sich in diesem Winter nicht entspannt zurücklehnen – die Energiekrise schlägt auch für sie durch. Energiesparen bleibt die wirksamste Möglichkeit, die Folgen für das Haushaltsgeld abzumildern.

Quellen: Bundeswirtschaftsministerium, Stadtwerke Flensburg, Wärme Hamburg, "Hamburger Morgenpost"co2online, Vattenfall Berlin, Verbraucherzentrale Bundesverband

wue

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