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Fossile Energien Gazprom: Wie Russland den Energieriesen im Ukraine-Krieg verheizt

Wie Putin Gazprom verheizt
Gazprom hat keine Zukunft mehr, sagen Wirtschaftsexperten
© Stringer / DPA
Die russische Invasion in der Ukraine könnte das Ende vom russischen Konzern Gazprom eingeleitet haben. Mittel- und langfristig sehen Experten zumindest keine Zukunft mehr für das Unternehmen. Jetzt liegt es an Russland, einen eleganten Abgang zu wählen.

Noch erweckt Moskau den Eindruck, am längeren Hebel zu sitzen. Drohungen über einen endgültigen Gaslieferstopp lassen die Europäer schon bei aktuellen Hitzerekorden vor dem nächsten Winter bibbern. Und die schrittweisen Drosselungen reißen bereits Löcher in die Staatskassen und Portemonnaies der Verbraucher. Dass die EU den russischen Energieriesen Gazprom bisher nicht mit Sanktionen belegt hat, liegt vor allem an seiner Rolle für die europäische Energieversorgung. Trotzdem reduziert Russland die Liefermengen durch die Pipeline Nord Stream 1.

Dass die Drosselungen allerdings auch dem Unternehmen Gazprom schaden, wischt Moskau mit der Aussage vom Tisch, China und überhaupt ganz Asien seien nun die neuen Abnehmer. Wirtschaftsexperten wie Theocharis Grigoriadis vom Institut für Osteuropa an der Freien Universität Berlin und Jens Südekum vom Düsseldorf Institute for Competition Economics der dortigen Universität halten dieses russische Narrativ für unglaubwürdig. "Das Gas, das Russland nun nicht mehr nach Europa liefert, kann Russland nicht einfach so nach China umleiten", sagt Südekum dem stern. Dafür fehle die Infrastruktur, denn den Großteil seiner Pipelines hat Russland Richtung Europa verlegt.

Die Statistiken geben im Recht. Dieses Jahr pumpt Gazprom nach eigenen Angaben 40 Milliarden Kubikmeter Gas weniger ins Ausland als noch vor dem Krieg. Das ist ein Minus von mehr als einem Drittel. Schon jetzt bleibt Russland zunehmend auf seinen Ressourcen sitzen. Ressourcen, die laut Südekum langfristig wertlos sein werden. Zumindest wenn die EU ihrer Ankündigung treu bleibt, ganz von russischen Energielieferungen und fossilen Energieträgern loszukommen. In Deutschland soll das nach Aussagen von Vizekanzler Habeck schon im Sommer 2024 der Fall sein. Wegen der Drosselungen hat Gazprom nach vorläufigen Angaben bereits jetzt seine Förderung um knapp 36 Milliarden Kubikmeter gesenkt. Das entspricht 12 Prozent der eigentlichen Fördermenge.

China und Indien, die neuen Gazprom-Kunden?

Immerhin konnte Russland seine Gasexporte nach China bis Juli 2022 um knapp 61 Prozent erhöhen. Ein Ausgleich für die ausbleibenden Lieferungen nach Europa ist das aber lange nicht. Zum Vergleich: 2021 lieferte Gazprom etwas mehr als 10 Milliarden Kubikmeter Gas nach China. Im selben Zeitraum wurden in Richtung Europa und der Türkei rund 180 Milliarden Kubikmeter gepumpt. China wird Europa als Hauptmarkt nie ersetzen können, sind die Wirtschaftsexperten überzeugt. "China wird kurzfristig ein Interesse daran haben, so viel russisches Gas wie möglich zu kaufen. Aber nur zu chinesischen Konditionen", sagt Südekum gegenüber dem stern. Aber weil auch China versprochen hat, irgendwann zur Klimaneutralität überzugehen, werde Russland wohl nur kurzfristig Chinas "billige Tankstelle" sein.

Etwas besser gestaltet sich die Situation beim Öl. Seit Kriegsbeginn sind die Abnahmen Chinas und Indiens rapide gestiegen. 50 Prozent des verschifften russischen Öls gehen an die beiden Länder. Damit hat Russland, nach Daten des chinesischen Zollamtes, Saudiarabien als größten Öllieferanten der Chinesen überholt und konnte so die rückläufigen Abnahmen aus Europa beinahe komplett kompensieren.

Das bessert die künftige Lage von Gazprom aber nicht im Geringsten. Für Südekum und Grigoriadis ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Konzern seine Stellung verliert. Wenn man so will, moderiert Putin gerade das Ende des Unternehmens – dafür aber mit großem Erfolg. "Russland weiß, dass das Europa-Geschäft bald versiegt, deshalb versucht Moskau auf den letzten Metern noch so viel Geld herauszuholen, wie möglich", sagt Südekum. Die Verunsicherungsmanöver, angefangen mit den geforderten Rubel-Zahlungen, den schrittweisen Drosselungen und nun der fehlenden Turbine seien Teil dieser Strategie. "Immer, wenn Putin mit einem Lieferstopp hat, sind die Preise gestiegen." Als die Liefermengen zunächst um 40 Prozent sanken, habe sich der Preis für Gas verdoppelt. So habe Putin bereits im ersten halben Jahr mit den Gazprom-Geschäften sein Soll erfüllt.

Russlands letzter Trumpf

Deswegen tun die Verluste auf dem europäischen Markt der russischen Wirtschaft auch noch nicht ganz so weh. Und selbst für diesen Fall habe Moskau bereits vorgesorgt. Denn seit Dezember 2021 liquidiert die russische Zentralbank über die Bank für den Internationalen Zahlungsausgleich ihr Vermögen im Ausland, erklärt der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Grigoriadis im Gespräch mit dem stern. "Die finanzielle Unterstützung Gasproms war deswegen politisch motiviert und keine Entscheidung auf Basis marktwirtschaftlicher Regeln", sagt er. Allerdings könne diese Unterstützung nicht dauerhaft bleiben.

Deshalb habe Moskau nur zwei Optionen, um das Überleben von Gazprom zu sichern. Einerseits müsse Russland zügig neue Absatzmärkte finden, wie etwa in China und Indien. Dem steht aber die Unzuverlässigkeit Russlands im Weg, so Grigoriadis. Am Beispiel Europa können andere Staaten sehen, wie Russland seinen Konzern als Druckmittel, wenn nicht sogar als Waffe einsetzt. Die andere Möglichkeit wäre ein Friedensabkommen mit der Ukraine und ihren westlichen Partnern. Für diesen Fall werde Putin Gazprom weiter als Druckmittel einsetzen, um bei den Verhandlungen Russlands Ziele durchzusetzen.

Dass Putin ein Diktator ist, macht die Sache für ihn leichter. "Das ist der Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen: Putin kann mittelfristig seiner Wirtschaft schaden, ohne mit dem Verlust von Wählerstimmen dafür bezahlen zu müssen", sagt Grigoriadis. Doch wie schnell Moskau Europa den Gashahn endgültig zudreht und damit möglicherweise seinen Energiekonzern zu Grabe trägt, ist fraglich. Laut Grigoriadis hängt das auch maßgeblich mit dem russischen Erfolg in der Ukraine zusammen. "Wenn Russland nur mittelmäßig performt, dann könnten sie die Gaslieferungen schon zum kommenden Winter endgültig stoppen."

Auch Südekum ist davon überzeugt, dass Russland Europa nicht "bequem bis zum Sommer 2024 aus den Gasgeschäften aussteigen lassen wird". Wann Moskau den Schlussstrich zieht, darüber ließe sich aber nur spekulieren. Allerdings habe Putin auch kein Interesse daran, die Lieferungen sofort zu stoppen. Aus praktischen Gründen. "Wenn Russland den Gasfluss jetzt komlett stoppt, dann wird die Infrastruktur der Leitungen beschädigt", erklärt Südekum. Denkbar sei, dass Putin darauf spekuliert, dass Europa seinem gesetzten Ziel, ganz aus dem fossilen Energiegeschäft auszusteigen, nicht nachkommt. In diesem Fall würden die teuren Leitungen noch gebraucht. "Und sollte es zu Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg kommen, könnte Russland die Bedingung stellen, dass Europa die Gasimporte aus Nord Stream 2 aufnimmt." Ein perfides Szenario, wie Südekum einräumt.

Nord Stream 2, das allerletzte Druckmittel

Dass Deutschland die Pipeline in Betrieb nimmt, wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder es vor Kurzem in einem Stern-Interview vorschlug, wäre den Experten zufolge allerdings ein grober Fehler. "Wir müssen bei unserer Aussage bleiben und uns Alternativen suchen. Würde Europa einknicken, wäre das für Putin ein strategischer Erfolg." Aber: "Wenn Nord Stream 2 Teil der Verhandlung würde, befinden wir uns in einem Dilemma", sagt Südekum. Denn dann müssen sich die EU und Deutschland entscheiden, ob sie den Frieden mit Russland um den Preis der russischen Abhängigkeit über Nord Stream 2 zulassen wollen. Sich aber  jetzt nur für die Energiesicherheit für die Ostseepipeline zu entscheiden, "geht gar nicht". So gesehen bleibt Russland aller Wahrscheinlichkeit nach nur die Möglichkeit, vor dem Sommer 2024 die Reißleine so zu ziehen, dass in Europa ein größtmöglicher Schaden entsteht.

In jedem Fall glaubt Grigoriadis an eine "neue Ära in der europäischen Wirtschaft". Russlands wirtschaftlicher Einfluss wäre dann massiv gemindert, während die transatlantischen Beziehungen gestärkt würden.

Den Untergang von Gazprom hat aber nicht nur Putin mit seinem Wirtschaftskrieg zu verschulden. Auch der Energiekonzern trägt eine Mitschuld. Weil man sich jahrelang auf den Pipelineexport konzentriert hat, blieb – wie in Europa auch – der Ausbau von Alternativen wie den LNG-Terminals auf der Strecke. Das erschwert etwa den Gasexport nach China oder Indien. Für diese "Nachlässigkeit" wurde der Konzern in der Vergangenheit bereits vom Kreml-Chef persönlich gerügt. "Gazprom hat keine Erfahrung damit, neue Geschäftsrichtungen aufzubauen, und hat daher diese Entwicklung verschlafen“, sagte der Partner des Moskauer Energieberatungsunternehmens RusEnergy, Michail Krutichin, jüngst der "Presse".

Nach Experteneinschätzungen könnte der LNG-Ausbau in Russland zehn Jahre dauern. Fraglich, ob Gazprom die Zeit hat. Denn laut einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) bräuchte Gazprom allein zehn Jahre, um über LNG-Terminals die Gasmenge verschiffen zu können, die zuletzt über die Pipelines nach Europa geflossen ist. 20 Jahre lang wird die russische Zentralbank den Konzern wohl kaum stützen können.


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