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Milliardenbetrug: Ein deutscher Banker galt als Held von Goldman Sachs. Doch dann wurde er angeklagt - wegen des größten Finanzbetrugs aller Zeiten

Der deutsche Investmentbanker Tim Leissner galt als Mann der Milliarden, als Held von Goldman Sachs. Bis er angeklagt wurde – wegen des größten Betrugs, den die Finanzwelt je gesehen hat.

Milliardenbetrug: Aufstieg und Fall des Bankers Tim Leissner

Tim Leissner mit seiner Ehefrau, dem Model Kimora Lee Simmons, bei der Aftershow der Golden-Globe-Verleihung 2014

Nach außen wirkte der Ort der Party am Rand des Strip unscheinbar. Doch was sich an diesem Abend im Inneren des riesigen Hangars abspielte, war selbst für die Maßstäbe einer so vergnügungswilligen Stadt wie Las Vegas von beispielloser Dekadenz. Die 300 geladenen Gäste mussten vor dem Einlass Verschwiegenheitsverpflichtungen unterschreiben und ihre Handys abgeben. Doch davon hatte sich niemand abhalten lassen, zum Feiern zu erscheinen. Leonardo DiCaprio hing mit Martin Scorsese in der VIP-Area ab. Unter einem Baldachin turtelten Kim Kardashian und Kanye West. Starschwimmer Michael Phelps schaute vorbei, Schauspieler Benicio del Toro und Sängerin Alicia Keyes. Für die Musik sorgten Rap-Stars wie Usher, Jay-Z, Swizz Beats.

Tim Leissner lässt sich 2016 vor seiner Familie im Urlaub auf einer Yacht von einem "Piraten" zu Fall bringen

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Unter der Kuppel der Halle, die zu einem gigantischen Zirkuszelt mit eigenem Karussell und Trampolin ausstaffiert war, turnten Akrobaten. Rot gekleidete Models reichten Mini-Flaschen Champagner mit Strohhalm. Auf dem Höhepunkt des Abends entstieg Britney Spears im goldenen Bikini einer künstlichen Hochzeitstorte und sang dem Gastgeber von der Bühne herab ein "Happy Birthday". Die Gage allein für diesen Auftritt: sechsstellig.

Geldströme in Milliardenhöhe

Unter all den Stars und Celebritys wirkte der damals 43-jährige Deutsche mit dem blonden Stiftelkopf und den blauen Augen wie ein Nobody. Kaum einer der Gäste kannte oder erkannte Tim Leissner, einen Investmentbanker aus dem Hause Goldman Sachs, der eigens aus Singapur eingeflogen war. Doch der pausbäckige Malaysier mit einer randlosen Brille, der an diesem 3.November 2012 seinen 31. Geburtstag feiern ließ, begrüßte den Deutschen nicht minder herzlich als die angereisten Hollywoodstars und Jetset-Größen. Low Taek Jho – von seinen Freunden kurz Jho Low oder "der Panda" genannt – wusste, was er an Leissner hatte. Ohne ihn hätte die sündteure Party, ausgerichtet vom mondänen Casino-Hotel "Palazzo", nicht stattgefunden.

Champagner mit Paris Hilton in Saint-Tropez

Champagner mit Paris Hilton in Saint-Tropez

Was kaum einer der Party People ahnte: Gastgeber Low und der charmante deutsche Banker waren seit Monaten Komplizen in einem der größten Betrugsfälle, die die Finanzwelt je gesehen hat. Sie waren die Choreografen einer gigantischen Charade, die Geldströme in Milliardenhöhe aus einem staatlichen Investmentfonds über Scheingeschäfte und Tarnfirmen in dunkle Kanäle umleitete. Wenige Jahre nach dieser Party-Sause würde ihr Komplott als "größte Kleptokratie der Geschichte" weltweit Schlagzeilen machen, eine Regierung zu Fall bringen und sie selbst ins Visier von Ermittlern in zehn Ländern rücken.

Fürs Erste aber funktionierten die Finten.

"Everyday birthday – jeder Tag ein Geburtstag": So lautete das absurde Motto des Abends, das in goldenen Lettern auf roten Einladungskarten prangte. Es war gewissermaßen die Quintessenz der Kooperation, die der flamboyante Asiate und der charismatische Banker über Jahre angebahnt hatten und die nun saftige Früchte trug. Für den Moment, so schien es, hatte niemand ein Interesse, die gigantische Party zu beenden. Am allerwenigsten die beiden Masterminds der Manipulation selbst.

In Kuala Lumpur fordern Demonstranten 2018: "Fangt den Dieb"

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Während Low sein teures Jetset-Leben samt Riesenyacht, Privatjet und Luxusimmobilien von London bis New York zelebrierte, war Tim Leissner an diesem Novemberabend in Nevada nur wenige Wochen vom größten Zahltag seiner Karriere entfernt. Mehr als zehn Millionen US-Dollar an Gehalt und Bonus hatte die Goldman-Sachs-Zentrale in New York ihm für das Jahr 2012 zugeteilt. In Anerkennung für seine Deals, an denen die Bank Hunderte Millionen Dollar verdient hatte und weiter verdienen wollte. Und die doch so riskant waren, dass sie das Geldhaus bald in eine der größten Krisen seiner 150-jährigen Geschichte stürzen sollten. Doch davon wollten die Verantwortlichen nichts wissen, im Gegenteil. "Schaut euch an, was Tim in Malaysia getan hat", sagte Goldman-Sachs-CEO Lloyd Blankfein noch 2014 vor Bankern in New York. "Wir brauchen mehr davon."

Selbstbedienungsschatulle

Heute behauptet die Bank, Tim Leissner sei ein Verbrecher, der Goldman Sachs arglistig hintergangen habe. Der Staat Malaysia hat Anfang Januar Schadensersatzforderungen in Höhe von 7,5 Milliarden US-Dollar gegen Goldman erhoben. In den USA untersuchen FBI, mehrere Staatsanwaltschaften und Aufsichtsbehörden die Malaysia-Deals des Geldhauses. Es geht um den Verdacht der Untreue, Bestechung und Geldwäsche. US-Staatsanwälte fordern ein Schuldeingeständnis von Goldman Sachs als Grundlage für eine Einigung. Die Bank weist alle Ansprüche und Vorwürfe zurück. Trotzdem hat sie Milliardensummen zurückgestellt. Die Aktie befindet sich im Sinkflug.

Filmpremiere mit Leonardo DiCaprio: Der malaysische Geschäftsmann feierte mit und bezahlte. Das Geld holte er illegal aus einem Staatsfonds Malaysias.

Filmpremiere mit Leonardo DiCaprio: Der malaysische Geschäftsmann feierte mit und bezahlte. Das Geld holte er illegal aus einem Staatsfonds Malaysias.

Jho Low ist samt Familie aus dem Rampenlicht verschwunden und untergetaucht. Es heißt, er verstecke sich in China. Malaysias neue Regierung drängt auf seine Auslieferung – gleichzeitig möchte Malaysia die Beziehungen zu China aber eigentlich verbessern. Der ehemalige Premierminister des Landes und seine Frau müssen sich dagegen schon vor Gericht verantworten. Tim Leissner ist seit vergangenem November in den USA wegen Verschwörung zur Bestechung und Geldwäsche angeklagt. Er hat sich schuldig bekannt und kooperiert mit den Behörden in der Hoffnung, eine jahrzehntelange Haftstrafe noch abwenden zu können.

Der Skandal, der nun solche Wellen schlägt, hat seinen Ausgang auf der anderen Seite des Globus, in Kuala Lumpur, der malaysischen Hauptstadt.

1MDB: In den USA und Europa kann außerhalb von Bankerkreisen kaum jemand etwas mit dieser Abkürzung anfangen. In Malaysia aber, dem aufstrebenden 30-Millionen-Einwohner-Staat in Äquatorial-Asien, kennt heute jeder Bürger "1 Malaysia Development Berhad", den Staatsfonds, den eine raffgierige Clique um Ex-Premier Najib Razak jahrelang als gigantische Selbstbedienungsschatulle genutzt hat.

Nach Auffliegen des Milliardenbetrugs wurden Lows Yacht und sein Penthouse im Time-Warner-Gebäude in New York beschlagnahmt

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Die Methode des Betrugs war so simpel wie dreist: Der staatseigene Investmentfonds 1MDB warb durch die Ausgabe von Anleihen im großen Stil Geld bei Investoren ein. Vorgebliches Ziel: die Förderung von Projekten zur wirtschaftlichen Entwicklung Malaysias. Tim Leissner sicherte Goldman Sachs exklusiv das lukrative Vertriebsgeschäft. Im Zuge von drei Anleihe-Emissionen im Mai 2012, Oktober 2012 und März 2013 mit einem Gesamtvolumen von 6,5 Milliarden US-Dollar kassierte die Bank Provisionen in Höhe von 600 Millionen Dollar. Schon das lag weit über den marktüblichen Margen. Doch es war nur der Beginn der Bonanza.

Nationalheldin

Im Lauf von nur einem Jahr verschwanden mindestens 2,7 Milliarden US-Dollar von den 1MDB-Konten über ein kompliziertes Geflecht aus Steueroasen-Konten und Briefkastenfirmen, das bis heute von den Ermittlern nicht ganz aufgelöst werden konnte. Ein Teil der Summe landete am Ende als Schmiergeld auf Konten korrupter Offizieller, 681 Millionen allein auf einem von Premier Najib Razak. Der war Vorsitzender des 1MDB-Aufsichtsrats und ließ sich seine Zustimmung zu Lows und Leissners krummen Deals vergolden. Malaysias First Lady, Rosmah Mansor, bedachten Leissner, Low und Co. mit erlesenen Geschenken. "Brauche einen 18-Karat pinkfarbenen, herzförmigen Diamanten an einer Diamantenkette. Dringend." So lautete eine SMS, die Jho Low im Juni 2013 an eine exklusive New Yorker Juwelierin schickte. 27,3 Millionen Dollar kostete das rare Schmuckstück, das er der First Lady Wochen später auf einer Yacht vor Monaco präsentierte.

Aufgewachsen ist Tim Leissner in Wolfsburg (Foto: im Tennisverein 1985)

Aufgewachsen ist Tim Leissner in Wolfsburg (Foto: im Tennisverein 1985)

Mit dem Rest der Milliarden bestritten die kriminellen Partner ihren zunehmend ausschweifenden Lebensstil. Wobei sich die 200 Millionen, die zwischen Juni 20124 und Oktober 2014 auf einem Konto von Leissner und seiner damaligen Ehefrau eingingen, noch bescheiden ausnehmen verglichen mit dem, was Jho Low auf die Seite brachte.

Allein die Megayacht "Equanimity", die er sich in Holland bauen ließ, schlug mit 256 Millionen Dollar zu Buche. Ganz zu schweigen von den Luxusimmobilien, dem Privatjet oder dem Picasso, den er seinem Freund Leonardo DiCaprio schenkte. Oder den 100 Millionen, die Jho Lows guter Freund Riza Aziz, Stiefsohn von Premier Najib, in die Produktion des Hollywood-Blockbusters "Wolf of Wall Street" steckte, mit ebenjenem Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle als korrupter Investmentbanker.

"Ich glaube, Low und Leissner konnten selbst nicht recht fassen, was für einen Jackpot sie da angezapft hatten", sagt Clare Rewcastle Brown. "Sie benahmen sich wie zwei Idioten. Sie hätten besser daran getan, kein Aufsehen zu erregen, nach allem, was sie getan hatten."

Leissners Weg führte zu ersten Erfolgen in Hongkong 2000 (sitzend im Hintergrund)

Leissners Weg führte zu ersten Erfolgen in Hongkong 2000 (sitzend im Hintergrund)

Die 60-jährige Britin, die ihr langes Haar trotz der Tropenhitze offen trägt, ist in Malaysia so etwas wie eine Nationalheldin. Fast täglich kommen auf der Straße Fremde auf sie zu, die ihre Hand schütteln wollen. "Danke, dass Sie unser Land gerettet haben", hört sie oft. Dass der Skandal um den 1MDB-Fonds ans Licht gekommen ist, dass die korrupte Regierungspartei UNMO von Premier Najib Razak 2018 zum ersten Mal in sechs Jahrzehnten ihre Macht an die Opposition verloren hat – all dies hat das Land maßgeblich Clare Rewcastle Brown zu verdanken.

Gute Partie

Die ehemalige BBC-Journalistin wurde als Tochter eines britischen Polizeibeamten und einer Hebamme in Malaysia geboren, wenige Jahre bevor die Kolonie unabhängig wurde. Bis zu ihrem achten Lebensjahr wuchs sie in der Provinz Sarawak auf Borneo auf, "im Dschungel", wie sie sagt. Als sie in den 2000er Jahren zurückkehrte, war sie schockiert von der Abholzung des Regenwalds und der expandierenden Palmölindustrie und startete einen Blog gegen die Umweltzerstörung auf Borneo. Ihr "Sarawak Report" wurde nach und nach zu einer der investigativen Quellen zu 1MDB.

Im Februar 2015 stellte sie ihren ersten Artikel zu 1MDB online. Titel: "Der Raub des Jahrhunderts". Es ging um Hunderte Millionen verschwundener Guthaben von 1MDB, um Tarnfirmen in Steuerparadiesen und korrupte Amtsträger. Die Spur führte zu Jho Low. Bald tauchte auch Tim Leissner auf Rewcastle Browns Radar auf.

Leissners Weg führte in allerhöchste Kreise in Malaysia (Foto: mit Premier Najib Razak)

Leissners Weg führte in allerhöchste Kreise in Malaysia (Foto: mit Premier Najib Razak)

Was ihr sofort auffiel: Beide Männer arbeiteten nach derselben Methode. "Low machte sich Frauen in ähnlicher Weise zunutze, wie Leissner es tat. Mit Geld und Komplimenten." Zentrale Figur in Lows Netzwerk war Rosmah Mansor, mit deren Sohn er gleichzeitig in England studiert hatte.

Tim Leissner, Sohn des hohen Volkswagen-Managers Bernd Leissner, wiederum ging während der 18 Jahre, die er für Goldman Sachs in Asien tätig war, eine ganze Reihe von Beziehungen ein, die ihm berufliche Vorteile verschafften. Um 2002 heiratete er in Hongkong eine Goldman-Kollegin, Tochter eines chinesischen Kohlemagnaten, mit der er zwei Töchter hat. Der aufstrebende Banker Leissner galt als gute Partie. Nicht zuletzt wohl auch, weil sein Vater gerade Volkswagen-Chef im Boomland China geworden war. Ab 2012 flossen auf ein gemeinsames Konto des Ehepaares im Steuerparadies Britische Jungferninseln 200 Millionen Dollar veruntreute 1MDB-Guthaben.Doch Leissner war privat noch nicht am Ziel.

Dicker Klunker am Finger

Auf der Höhe seiner Anleihe-Deals trifft er auf einem Flug von Hongkong nach Kuala Lumpur im März 2013 Kimora Lee Simmons, die als 14-Jährige für Chanel gemodelt hatte und eine Muse von Karl Lagerfeld gewesen war. Inzwischen hatte sich die heute 44-Jährige in den USA einen Namen als Designerin und Reality-TV-Star gemacht. Der vierstündige Flug begann mit einem Streit um die Sitzverteilung in der First Class und endete mit einem Heiratsantrag Leissners. Kaum ein Jahr später heirateten sie, nur wenige Monate vor Leissners Beförderung zum Südostasien-Chef von Goldman Sachs.

Leissners Frau Kimora Lee Simmons modelte für Chanel und galt als Muse Karl Lagerfelds

Leissners Frau Kimora Lee Simmons modelte für Chanel und galt als Muse Karl Lagerfelds

Der Starbanker hatte nun auch privat einen Star an seiner Seite. Der Name Leissner begann, in der US-Klatschpresse aufzutauchen. Paparazzi-Fotos zeigten das Paar samt glücklicher Patchworkfamilie vor der Karibikinsel Saint Barth an Bord einer gemieteten 60-Meter-Yacht. Kosten: 325.000 Dollar die Woche. Auch sonst passte Leissner seinen Lifestyle der neuen Beziehung an. Für 19 Millionen Dollar kaufte er im Sommer 2014 eine exklusive Fünfzimmerwohnung in einem Jugendstil-Stadthaus an der New Yorker East Side. 2017 kam für 25 Millionen eine 1400-Quadratmeter-Villa "im italienischen Stil" mit sieben Schlaf- und elf Badezimmern, Pool und Heimkino nahe Beverly Hills dazu. Nebenan wohnt Rod Stewart. Auch Sylvester Stallone und Denzel Washington gehören zu den Nachbarn.

Wenige Tage vor der Urteilsverkündung postete seine Frau ein Foto und als Statement: "Trotz allem. Du bist der Beste"

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Der Zenith von Tim Leissners Erfolg und sein tiefer Fall – in den Social-Media-Postings von Kimora Lee Leissner kann man sie wie in einer Art virtuellem Daumenkino mitverfolgen. Da ist das Gruppenbild, das die Frischverliebten 2013 an der Seite von Premier Najib Razak zeigt. Da sind die Bilder der Idylle von Kitzbühel, wo die Leissners seit Jahrzehnten ein Feriendomizil haben. Oder Tims Heimatstadt Wolfsburg, an der Kimora aber nicht die Nordstadt, wo er aufwuchs, fotogen fand, sondern das Schloss. Oder das Selfie des Paars in Abendgarderobe von 2015, als Leissner die hochschwangere Kimora wenige Wochen vor der Geburt des Sohns Wolfe Lee zum exklusiven Ball der Goldman-Partner ausführte.

Kein Jahr später trennte sich die Bank ohne viel Aufhebens von ihrem einstigen Wunderkind.

Seit 2016 taucht Tim Leissner nur noch sporadisch in Kimoras Foto-Feeds auf. Die wenigen Bilder, die sie noch von ihm postet, zeigen den gefallenen Starbanker als fürsorglichen Vater und Familienmensch. Statt in Smoking mit Krawatte und Einstecktuch präsentiert sich Leissner nun im hemdsärmeligen Freizeitlook. Sein einst so kantiges Gesicht wirkt weicher als früher, sein Haar ergraut. Er trägt einen struppigen Bart. In die bewundernden Kommentare von Kimoras treuen Fans mischen sich böse Worte über ihren Mann, der doch ein Gauner sei. Kimora sagt zu den Vorwürfen nichts. Stattdessen postet sie Familienfotos. Teilweise mit vielsagendem Begleittext. Anfang vergangener Woche schrieb sie auf Instagram: "Du bist der absolut Beste, unser Fels in der Brandung. Keiner ist wie Du." Daneben ein Bild, auf dem die Leissners aneinandergekuschelt in die Kamera schauen. Er bärtig, sie mit dickem Klunker am Finger.

Da sind es nur noch elf Tage bis zur Urteilsverkündung. Das Urteil im Prozess "Vereinigte Staaten von Amerika gegen Tim Leissner", das diesen Freitag im District Court von Brooklyn gesprochen werden soll, erwarten ehemalige Freunde und Weggefährten des Ex-Goldman-Sachs-Stars mit gemischten Gefühlen. "Muss der Tim jetzt wirklich hinter Gitter?", fragt der ehemalige Direktor des Gymnasiums Kreuzheide in Wolfsburg, wo Leissner Ende der 80er Jahre Abitur machte. Bis heute ist dem Pädagogen der rauschende Abiball in Erinnerung, den Leissner nahezu im Alleingang auf die Beine stellte. "Das war ein Überflieger", sagt der Ex-Rektor.

Clare Rewcastle Brown, 60, deckte in ihrem investigativen Blog die korrupten Machenschaften des Duos auf

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Auch ein ehemaliger Kollege aus Leissners Hongkonger Zeiten rätselt, wie aus dem smarten Banker ein so skrupelloser Finanzhai werden konnte. Bei den Deals in Asien, sagt der Anwalt, der seinen Namen im Zusammenhang mit Leissner heute nicht mehr erwähnt sehen möchte, sei immer Fingerspitzengefühl nötig gewesen. "Bestimmte Linien hat man besser nicht überschritten. Ich dachte immer: Tim weiß das. Vielleicht ist ihm sein Erfolg zum Verhängnis geworden. Er kommt mir vor wie ein Ikarus, der zu nah an die Sonne geflogen ist."

Nur wenige echte Freunde hat

Ein Geschäftsmann in Kuala Lumpur zeigte dem stern seinen letzten, wenige Monate alten Mail-Austausch mit Tim Leissner. "Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man im Leben nur wenige echte Freunde hat", schrieb Leissner aus den USA, wo er bis zur Urteilsverkündung gegen eine Kaution von 20 Millionen Dollar auf freiem Fuß ist, aber nicht mehr ausreisen darf. "Ich denke noch oft zurück an die guten alten Zeiten."

Nach Verbüßung einer Haftstrafe in den USA, betonte die Richterin am District Court von Brooklyn bei der Anhörung im August 2018, müsse Tim Leissner als deutscher Staatsbürger mit der Ausweisung aus den USA rechnen. Ob er nach Deutschland abgeschoben würde oder nach Malaysia, wo die Behörden ebenfalls Anklage gegen ihn erhoben haben, dazu sagte der Richter nichts.