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Schere geht auseinander: Studie zeigt: Deutschland geht es gut – dennoch werden arme Menschen immer ärmer

Eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, dass das Einkommen so ungleich verteilt ist wie nie zuvor. Die Mittelschicht wächst, aber arme Haushalte werden immer ärmer. 

Eine Geldbörse mit Geldscheinen

Die Schere zwischen Gering- und Vielverdienern in Deutschland ist auf einem neuen Höchstmaß

DPA

Die Einkommen der Bürger in Deutschland waren zuletzt so ungleich verteilt wie nie. Während die Bevölkerung mit mittlerem Einkommen angesichts "der über Jahre guten wirtschaftlichen Entwicklung" zugenommen habe, seien die Unterschiede zwischen Gering- und Vielverdienern auf ein Rekordmaß gewachsen, erklärte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Montag. "Dabei entwickeln sich die Einkommen in Ostdeutschland deutlich schneller auseinander als im Westen."

Hohe Einkommensgruppen haben von sprudelnden Kapital- und Unternehmenseinkommen profitiert und dadurch "die große Mehrheit der Haushalte in Deutschland beim verfügbaren Einkommen deutlich hinter sich gelassen", erklärte das WSI bei der Vorstellung seines Verteilungsberichts. Dieser basiert auf den Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP).

"Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen", heißt es in der Studie. Die Zahl der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommen zur Verfügung haben und deshalb nach gängiger wissenschaftlicher Definition als arm gelten, sei zwischen 2010 und 2016 von 14,2 auf 16,7 Prozent gewachsen.

Und den Haushalten unterhalb der Armutsgrenze gehe es immer schlechter. Die Armutslücke – der Betrag, der dem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um über die 60-Prozent-Hürde zu kommen – sei beträchtlich größer geworden. Lag der Fehlbetrag 2005 noch bei 2873 Euro im Jahr, so erreichte er 2016 inflationsbereinigt schon 3452 Euro – eine Steigerung um fast 30 Prozent.

Die Quote reicher Haushalte mit über 200 Prozent des mittleren Einkommens blieb laut WSI im gleichen Zeitraum stabil bei rund acht Prozent.

Reiche Haushalte profitieren, arme werden belastet 

"Die Ungleichheit wächst aktuell deutlich langsamer", sagte die Hauptautorin der Studie, Dorothee Spannagel. Wer eine feste, reguläre Arbeitsstelle habe, habe zuletzt auch nach Abzug der Inflation spürbar mehr Einkommen zur Verfügung gehabt. Trotzdem gehe die Polarisierung in Deutschland weiter. Das liege unter anderem am großen Niedriglohnsektor. Es seien die Ränder, an denen "die entscheidenden Entwicklungen stattfinden", erklärte das WSI.

Die Steuerpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte habe die Ungleichheit begünstigt. Dem Institut zufolge profitierten reiche Haushalte von der Senkung des Spitzensteuersatzes oder der Reform der Erbschaftsteuer, während ärmere Haushalte durch höhere indirekte Steuern zusätzlich belastet wurden. Das WSI forderte daher eine stärkere Tarifbindung und höhere Steuern auf Spitzeneinkommen, ebenso wie eine Erhöhung des Mindestlohns und der Hartz-IV-Regelsätze.

fis / AFP / dpa