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Geldanlage: Finanzvermittler wollen Sparern helfen - doch wie hoch ist das Risiko?

Die Mini-Zinsen sind für Sparer ein Ärgernis, sie bekommen kaum noch Rendite. Finanzvermittler versprechen Abhilfe. Doch wie seriös sind diese Geldanlagen? Ein Blick hinter die Kulissen einer umstrittenen Branche.

Geldanlage: Das sind die Risiken und Chancen aktueller Anlageprodukte

Der heilige Gral der Geldanlage: Alle suchen ihn, aber im Zeitalter der Nullzinsen ist er kaum zu finden

Es ist ein Fluch mit den niedrigen Zinsen. Ein Fluch für Sparer, weil ihre Euros sich nicht mehr vermehren. Ein Fluch aber auch für Banken und Sparkassen, weil sie mit ihren Geschäften kaum Geld verdienen.

Für Tamaz Georgadze aber sind die niedrigen Zinsen ein Segen. Über 100.000 Kunden haben sie ihm verschafft, gut 5,5 Milliarden Euro an Anlagegeldern und ein mehrfach ausgezeichnetes Unternehmen mit 200 Beschäftigten.

Georgadze sitzt in einer Hinterhofetage im Prenzlauer Berg. Ein Enddreißiger mit Hornbrille und Halbglatze, der in Georgien geboren wurde. Seine Stimme verrät kaum einen Akzent, er lebt seit bald 20 Jahren in Deutschland. Über dem Stuhl hängt ein Parka, er tippt auf einem Laptop, um ihn herum starren Dutzende junge Leute auf Bildschirme, studieren Tabellen. Es ist still wie in einer Grabkammer. An einer Wand steht: "Wir glauben nicht an Landesgrenzen, wenn es ums Sparen geht."

"Wir nehmen dem Kunden Arbeit ab"

Georgadze hat eine Mission: Er will Verbrauchern mehr Zins verschaffen. Den Anspruch zeigt der Name seiner Firma: Weltsparen. Das Unternehmen vermittelt Angebote von ausländischen Banken in Europa, vor allem Tages- und Festgelder. Die Deutschen mögen diese Anlageform, weil sie flexibel ist und sicherere Erträge bringt. Das galt jedenfalls früher. Denn seit die Europäische Zentralbank die Leitzinsen auf null Prozent geschrumpft hat, knausern Banken und Sparkassen hierzulande. Im Schnitt gibt für ein Jahr etwa 0,2 Prozent Zins, also in Wahrheit: nichts.

Etwas spendabler sind ausländische Institute. Wer über Weltsparen etwa der französischen Bank BESV sein Geld für ein Jahr anvertraut, erhält 0,75 Prozent, bei Blue Orange aus Lettland sogar 1,17 Prozent; und wer sich für zwei Jahre an die tschechische J+T Banka bindet, bekommt 1,3 Prozent. Immerhin.

Um die Angebote zu nutzen, muss sich ein Kunde bei Weltsparen anmelden, identifizieren – etwa per Webcam –, ein Verrechnungskonto beim Partnerinstitut MHB-Bank einrichten und mit dem entsprechenden Geldhaus einen Vertrag abschließen. Mehr als 40 Banken aus 30 Ländern sind mittlerweile dabei, von Portugal bis Bulgarien. Die meisten Anlagen werden in Euro angeboten, manche auch in Dollar oder norwegischen Kronen. Vermittlungsgebühren entfallen, Weltsparen lebt von den Provisionen der ausländischen Banken.

Zinsportale machen den Banken Konkurrenz. Sie vermitteln die Sparer an ausländische Institute. Die größten Anbieter sind Weltsparen und Zinspilot. Aber auch die Deutsche Bank bietet ihren Kunden neuerdings einen Zinsmarkt

Zinsportale machen den Banken Konkurrenz. Sie vermitteln die Sparer an ausländische Institute. Die größten Anbieter sind Weltsparen und Zinspilot. Aber auch die Deutsche Bank bietet ihren Kunden neuerdings einen Zinsmarkt

Georgadze ist ein Typ, der stets ein wenig auf der Überholspur lebt – mit fünf Jahren spielte er Schach gegen Großmeister, mit zwölf machte er Abitur, einige Jahre später beriet er den georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse, und mit 24 hatte er zwei Doktortitel. Die Idee zu Weltsparen kam ihm, als er vor einigen Jahren durch Russland und Georgien tourte. Damals arbeitete er für McKinsey in der Finanzbranche. Er beobachtete, dass Banken in Süd- und Osteuropa schwerer an Geld kamen: "Viele mittlere Institute können nicht so leicht auf Kundengelder zugreifen wie etablierte Häuser." Deswegen lockten sie mit mehr Zinsen.

Als Georgadze Freunden davon erzählte, fragen manche: "Tamaz, kannst du nicht für mich ein Konto eröffnen?" Tamaz konnte. 2014 verwandelte er den Freundschaftsdienst in ein Business.

"Wir nehmen dem Kunden Arbeit ab", sagt er. Früher musste der Sparer im Ausland ein Konto einrichten, sich mit dem Pass identifizieren, durch Geschäftsbedingungen quälen, auf Tschechisch, Portugiesisch oder mindestens Englisch. Lief ein Lockangebot aus, begann die Prozedur anderswo aufs Neue.

Dieser Aufwand entfällt bei Weltsparen. Der Kunde kann einfach wechseln. Inzwischen hat Georgadze sein Geschäft ausgeweitet und bietet zusätzlich Anlagen in Indexfonds an. Auch weil seine Idee schnell Nachahmer gefunden hat.

Die Einlagensicherung hat Bestand

So mischen die Schwesterfirmen Zinspilot und Savedo mit, die Deutsche Bank hat einen "Zinsmarkt" eröffnet, auch Direktbanken wie die niederländische DHB Bank oder die luxemburgische East West Direkt werben mit Sparen jenseits der Grenzen. Alle kämpfen um die fast 2,3 Billionen Euro auf deutschen Konten.

Nur: Ist das Geld in der Fremde tatsächlich so sicher wie hier? Wer an Anlagen im Ausland denkt, erinnert sich an Kaupthing. Die isländische Bank lockte deutsche Sparer an, ließ sie aber nach einer Pleite 2008 lange um die Rückzahlung zittern.

Misstrauisch machen auch manche Namen, die bei den Zinsportalen auftauchen. Weltsparen hat etwa die Addiko Bank im Angebot, einen Nachfolger der skandalträchtigen Hypo Alpe Adria, bei der die Bayerische Landesbank Milliarden verlor. Zinspilot wirbt mit Anlagen der krisengeschüttelten HSH Nordbank, die bisher keine Geschäfte mit Verbrauchern machte. Sie wurde vom Steuerzahler mit Milliarden gerettet, zurzeit wird sie an Finanz-Heuschrecken aus den USA verkauft.

Auch Frank Kern* treibt die Frage der Sicherheit um. Er sitzt an einem Februarabend in einen kleinen Tagungsraum in Köln. Kundenseminar von Weltsparen. Gut 20 Leute folgen dem Referenten, viele ältere unter ihnen, man trägt Gesundheitsschuhe und karierte Pullover.

Kern hat neuerdings je ein Konto bei Weltsparen und Zinspilot. Der 43-jährige Softwareentwickler ist im Internet darauf gestoßen. Er schaute sich die Angebote genau an und wählte bei Weltsparen am Ende zwei Banken, die über zehn Jahre bestehen und keinen Verlust machen. ("Ich wollte wenig Risiko eingehen.") Nun liegen ein paar Tausend Euro für ein Jahr bei französischen und skandinavischen Instituten, zum Zins von einem Prozent.

Kern fragt den Referenten: "An die heißeren Angebote in Süd- und Osteuropa traue ich mich nicht ran. Ist das Geld dort wirklich sicher?" Der Mann lächelt. Er wirkt, als hätte er darauf nur gewartet. Kundeneinlagen seien in der EU bis zu 100.000 Euro immer geschützt, denn überall gälten die gleichen Regeln zur Einlagensicherung. Dann erzählt er von dem Jahr 2008, als Finanzminister Peer Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel vor die Fernsehkameras traten und sagten: "Die Spareinlagen sind sicher." Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Investmentbank Lehman Brothers Bankrott machte, wollten sie so eine Panik verhindern. "Wenn eine große Bank pleitegeht, dann reichen die Schutzmechanismen wie der Einlagensicherungsfonds nie aus. Dann muss der Staat einspringen", sagt der Referent. Klingt beruhigend.

"100 Prozent Sicherheit heißt null Prozent Rendite"

Und doch bleiben Zweifel: In der EU gilt zwar eine einheitliche Einlagensicherung, doch das heißt nicht, dass geschädigte Sparer aus einem gemeinsamen Topf bedient werden. Einheitlich sind nur die Regeln, nach denen bei einer Pleite geholfen wird. Die Kunden müssen ihr Guthaben nach sieben Arbeitstagen bekommen. In Deutschland unterhalten Banken, Sparkassen und Volksbanken neben der gesetzlichen Sicherung noch eigene Systeme, die weit mehr als 100.000 Euro je Kunde garantieren sollen. Jenseits der Grenzen ist die Lage unübersichtlicher. Einige EU-Staaten haben Sicherungsfonds, andere müssen sie noch aufbauen. Bei jeder großen Bankpleite müsste am Ende wohl der Staat helfen. Doch können das alle gleichermaßen? Unabhängig von ihrer ökonomischen Stärke?

Weil die Sache recht kompliziert ist, haben auch die Verbraucherschützer keine einfachen Antworten. Ihre Urteile reichen von "Hände weg" bis "Es kommt darauf an". Die Stiftung Warentest rät etwa nur zu Angeboten aus Staaten mit einem Top-Rating der Agenturen Fitch, Standard & Poor's und Moody's. Neben Deutschland sind das noch die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich, Schweden und Großbritannien. Bei allen anderen sagt sie: Vorsicht. In einer Untersuchung hat die Stiftung 25 Festgeld- und 20 Tagesgeldprodukte empfohlen, acht von Weltsparen, fünf von Zinspilot. Wobei Uwe Döhler, Projektleiter bei der Stiftung, sagt: "Die Banken in den nicht empfohlenen Ländern sind nicht unbedingt schlechter, nur bei einer Pleite wartet der Anleger länger auf das Geld."

Skeptischer ist das Verbraucherportal Finanztip. Deren Experten empfehlen von Weltsparen kein Produkt und von Zinspilot nur die Angebote der britischen Bank Close Brothers. Der Grund: Finanztip berücksichtigt nicht nur das Länderrating, sondern auch, wie einzelne Banken beurteilt werden. Weil viele der Institute kein Rating hätten, gebe es keine Empfehlung.

Noch kritischer ist Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: "Die Anbieter suggerieren eine Sicherheit, die es so nicht gibt." Er sieht die Politiker der Staaten als Risiko. Helfen sie bei einem großen Bankrott wirklich allen? "Wenn eine hiesige Bank pleitegeht, kann der Sparer den Politikern mit dem Wahlzettel drohen. Das kann er nicht, wenn das Geld in Italien oder Spanien liegt."

Die Anbieter haben naturgemäß einen anderen Blick. Natürlich bestünde ein Restrisiko, dass die Einlagensicherung eines Landes ausfallen könnte, sagt Tim Sievers, Chef von Zinspilot. "Doch das halte ich in Kerneuropa für ein eher theoretisches Risiko", sagt er. Außerdem gilt: "100 Prozent Sicherheit heißt auch null Prozent Rendite." Um Gefahren zu begrenzen, verzichtet er etwa auf Angebote aus Zypern oder Griechenland. Das Produkt der HSH-Nordbank schätzt er als sicher ein, zumal es auch die Stiftung Warentest empfohlen habe. Grund: Selbst wenn die HSH-Nordbank verkauft ist, haftet die Sparkassengruppe noch zwei Jahre lang für die Einlagen in unbegrenzter Höhe.

Manche Geldanlage bedarf guter Nerven

Ähnlich argumentiert Tamaz Georgadze. "Wir schauen uns die Banken, mit denen wir Geschäfte machen, schon genau an", sagt er. So sammelten sie viele öffentlich zugängige Informationen. Die Institute hätten sich auch insgesamt gebessert. Mit der skandalträchtigen Hypo Alpe Adria habe etwa der Nachfolger Addiko Bank nichts mehr zu tun. Dann spricht er vom Eigeninteresse der Länder. "Bei einer Pleite kann der Staat in- und ausländische Anleger nicht unterschiedlich entschädigen. Kein ausländischer Investor würde diesem Land noch Geld geben."

Die Erfahrung gibt den Portalen bislang recht. Zinspilot ereilte bisher keine Bankpleite, bei Weltsparen gerieten 2014 die bulgarische Fibank und die portugiesische Banco Espírito Santo (BES) kurzzeitig ins Schlingern. Als die ersten Meldungen über die Fibank auftauchten, informierte Georgadze die Kunden. Von denen verlor am Ende keiner einen Cent. Ähnlich lief es bei BES. Doch die Unsicherheit bei der Fibank hielt immerhin ein Wochenende an.

Wer also dem Fluch der Niedrigzinsen entkommen will, braucht zumindest manchmal gute Nerven.

*Name von der Redaktion geändert

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