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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Teslas Fabrik ist ein Weckruf an ein verzagtes Land: Macht was! Baut was! Plant die Zukunft!

Der Tesla-Chef ist ein Meister großer Ankündigungen. Aber seine Pläne einer Gigafactory erzeugen ein Energiefeld, das dieses Land dringend braucht.

Tesla Gigafactory

Auf diesem Gelände in Brandenburg soll Teslas Gigafactory entstehen.

Getty Images

Zwei Signale gingen in den vergangenen Tagen von diesem Land aus, und sie können gegensätzlicher nicht sein: Elon Musk hat angekündigt, eine "Gigafabrik" für Batteriezellen und das SUV-Modell Y in Brandenburg zu bauen.

Es ist eine Fanfare der Zukunft, die uns alle überrascht hat, ja fast überfahren, weil das Land seine Energie gerade in einen Komplex namens Bedürftigkeitsprüfung steckte.

Diese Fabrik soll einmal stehen vor den Toren einer Stadt, die immer unfähiger ist, die Zukunft zu planen. Die gerade eine Grundrente beschlossen hat, und dies als Erfolg feiert, der sich nicht so recht als Erfolg anfühlt. Weil zwei Parteien sie beschlossen haben, die Angst um ihre eigene Zukunft haben, um ihre Zukunft ringen.

Tesla ist ein "irrer Ritt"

Man muss man natürlich vorsichtig sein: Elon Musk ist seit jeher der Meister großer Ankündigungen – und noch immer ist unklar, ob Tesla auf Dauer ein tragfähiges Geschäftsmodell hat und sich gegen BMW, Porsche und Daimler behaupten kann. Die schlimmste Phase 2018 allerdings, in der Musk in Interviews einen Joint rauchte, Analysten anschrie und wirre Tweets absetzte, scheint vorbei. Die Stückzahlen steigen, die Kosten sinken, in einem Quartal gab es sogar einen Gewinn.

Was manchmal zählt, ist auch einfach das Energiefeld, das Musk erzeugt. Talulah Riley, die Musk drei Mal heiratete, sagte dem Musk-Biografen Ashlee Vance: "Ich weiß noch, wie er sagte: 'Mit mir zusammen zu sein, bedeutet den harten Weg zu wählen.' Es ist ziemlich hart mit ihm, ein irrer Ritt."

Das gilt auch für Tesla. Der Aufstieg dieses Unternehmens ist ein irrer Ritt. Voller Unerbittlichkeit, Leidenschaft, Höhenflüge, Abgründe. Das Erbe aber können wir schon bestaunen: Musk hat mit Space X nicht nur die Raumfahrt revolutioniert – und ein funktionierendes Unternehmen aufgebaut – , er hat mit Tesla schon jetzt die Elektromobilität entscheidend verändert.

Nur noch der Kammmolch kann Musk noch stoppen

Und Deutschland? Hier fand wenige Tage zuvor in eben jener Stadt, in deren Nähe die Gigafactory entstehen soll, ein "Autogipfel" zur Elektromobilität statt. Es ist eines jener Treffen, bei denen man sich meist darüber unterhält, was man nicht erreicht hat. Man spricht über Quoten, die Illusion sind und über Infrastruktur, die fehlt. Immerhin: Die deutschen Autohersteller haben in den vergangenen Monaten respektable Modelle auf den Markt gebracht, die Schalter sind umgelegt. Aber auch hier hat man oft den Eindruck, dass wir eine Zukunft planen, an die wir nicht wirklich glauben. (Und einige Zweifel sind ja auch angebracht – viele Experten sagen, dass Elektromobilität allein nicht die Lösung sein wird und wir zu einseitig auf eine Technologie setzen.)

Man stellt sich nun vor, wie auf dem Gelände, wo Teslas Fabrik entstehen soll, in Kürze Kammmolche, Gelbbauchunken, Wachtelkönige entdeckt werden. Vielleicht gibt es sogar eine Bürgerinitiative, die gegen den Bau ist. Die Parkhäuser des nicht eröffneten Flughafens unweit von Teslas Grundstück sind ironischerweise zum Friedhof für jene Diesel geworden, die Volkswagen aus dem Verkehr ziehen musste.

Das alles mag defätistisch klingen, zu übel gelaunt. Mein Punkt ist: Selbst wenn diese Gigafabrik ein Traumschloss ist, so ist sie zumindest ein Schloss. Sie ist, obschon noch eine Ankündigung, ein Symbol, eine Kampfansage, ein Mahnmal, ein Weckruf: Macht was! Baut was! Plant die Zukunft!

Jan Böhmermann reagiert mit einem Tweet auf Musks Baupläne in Berlin

Wir warten erstmal auf die SPD

Wir arbeiten stattdessen lieber Koalitionsverträge ab, die ihre Macher als Mühlsteine empfinden. Wir rätseln über mögliche Rezessionen, und warten erst mal auf neue SPD-Vorsitzende, bevor wir etwas dagegen tun. Wir verplanen Milliarden nicht für neue Fabriken, sondern für neue Wohltaten.

Bei der Grundrente bin ich übrigens zwiegespalten: Ich finde es nachvollziehbar, dass Menschen, die 35 Jahre gearbeitet haben, mehr erhalten sollen, als jemand, der Sozialhilfe bekommt. Man schafft bloß immer diese paradoxe Situation, dass man mit der Behebung einer Ungerechtigkeit viele neue schafft. Die "Nachbesserung" zur Grundrente wird kommen, das ist sicher.

Den Streit um die Bedürftigkeitsprüfung habe ich nicht verstanden. Die SPD, die sonst bei jeder Maßnahme sofort mit einer Zahnarztgattin aus dem Grunewald kommt, die bloß nicht profitieren darf, scheint hier merkwürdig kompromisslos. Zukunftskapital baut sie mit ihrem Sieg nicht auf, während die CDU weiter ausgezehrt ist vom Kampf um den Machterhalt. Es ist paradox: Man kann die Erfolge der SPD in dieser Legislaturperiode leicht aufzählen. Man erinnert kaum einen der CDU, wo sie mal wirklich etwas gegen die SPD durchgesetzt hat, zum Beispiel eine Reform der Unternehmenssteuer. Gewinnen tut am Ende keiner von beiden.

Schauen wir also lieber vor die Tore Berlins. Selbst wenn Musks kühne Pläne ein Hirngespinst bleiben oder in der Form nicht realisiert werden, man freut sich allein über die Nachricht, dass eine große Fabrik in Deutschland gebaut wird.