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Hartwig-Hesse-Quartier in Hamburg Wie wollen wir in Zukunft leben? Dieses Projekt gibt eine Antwort

Einblick in den Innenhof des Hartwig-Hesse-Quartiers in Hamburg St. Georg.
 Heidi Plaß, Monika Rössig und Brigitte Polz gewähren Einblick in den Innenhof des Hartwig-Hesse-Quartiers in Hamburg St. Georg.
© Felix Haas
Wenn wir uns fragen, wie wir in Zukunft leben, geht es meist um Technik und Innovationen. Das Hartwig-Hesse-Quartier in Hamburg offenbart eine ganz andere Perspektive. Einblick in ein Projekt, in dem die Frage, wie wir zusammenleben wollen, im Vordergrund steht.

Eierlikör. Bei jedem Bingo gab es Eierlikör. Und dann nippten sie auch zwischen den Bingos noch klitzekleine Schlücke weg. Einfach so, weil der Tag so toll war. Heidi Plaß, 71, Monika Rössig, 76, und Brigitte Polz, 75, sitzen an einem Tisch im Aufenthaltsraum des Hartwig-Hesse-Quartiers, die Küche in der einen Ecke, ein großer Fernseher in der anderen, vor ihnen stehen jeweils eine Tasse schwarzer Kaffee und ein Teller mit Himbeerküchlein und Schokokeksen. Die Wangen von Heidi Plaß leuchten rot, eigentlich will sie nur darüber berichten, wie das Leben so ist, hier im neuen Wohnquartier. Aber wenn sie über diese Veranstaltung vor einigen Wochen berichtet, dann, sagt sie, freue sie sich so sehr, dass es nochmal aus ihr heraussprudele.

Es habe ein Glücksrad gegeben, eine Bastelecke, und eben das Musikbingo. Alle seien da gewesen. Auch ihre Freundinnen Moni und Brigitte und sowieso fast alle aus den Wohnungen. Susanne auch. Und dann seien die ganzen Jungen noch gekommen. Die Eltern mit ihren kleinen Kindern, die Studenten. Es lief YMCA oder das knallrote Gummiboot. Und wer den Song erriet, konnte prüfen, ob es zum Bingo taugte. "Die jungen Leute haben das so toll organisiert", sagt Heidi Plaß und meint damit den Verein Clubkinder aus Hamburg, der die Veranstaltung in seiner Reihe für Senioren und Altenhilfe geplant hatte. Junge Menschen organisieren einen Tag für alte. Sie singen mit ihnen, sie trinken mit ihnen, sie lachen mit ihnen. Und sie sind nicht miteinander verwandt. Sie wollen einfach einen guten Tag verbringen.

Wer "Leben in Zukunft" googelt, der findet schnell allerlei zu vernetzten Haushaltsgeräten, schicken, fliegenden Autos, zu Toiletten, die den Kot auf die Gesundheit des Menschen analysieren und dazu, dass wir alle nicht mehr so viel arbeiten müssen, weil Maschinen Jobs übernehmen. Worüber man erstmal weniger findet: Wie wir in Zukunft miteinander leben.

Hartwig-Hesse-Quartier: Kita, Cafè, Wohnungen für Menschen mit Demenz

Die Jobs verlagern sich immer mehr in die Städte, dort wird der Wohnraum knapp und teuer. Die Menschen werden immer älter und weil sie immer älter werden, müssen sie ab einem bestimmten Zeitraum gepflegt werden. Da wiederum ist das Pflegepersonal jetzt schon knapp, in einigen Jahren könnte es zum Kollaps kommen. Darum hat sich die Hartwig-Hesse-Stiftung gedacht, die Probleme alle zusammen anzugehen. Ausgehend von der Pflege und den Kindern und dem teuren Wohnraum. Sie schuf ein Quartier, in dem Zusammenleben neu definiert werden könnte.

Was es dort gibt: Barrierefreie Wohnungen, geförderte und frei finanzierte Service-Wohnungen, in die auch ehemals Obdachlose einzogen. Dazu gibt es eine Wohngemeinschaft für Menschen, die an Demenz erkrankt sind und 15 Wohnungen einer Baugemeinschaft. Im Erdgeschoss an der Straße dazu: Ein Café, eine Kita, ein Friseur, Fußpflege. Wenn noch ein Supermarkt da wäre, müsste man das Quartier fast gar nicht verlassen.

Mehrgenerationenquartier: "Das hier ist einmalig"

Natürlich ist die Idee dahinter schon ein paar Jahre in der Welt. Mehrgenerationenhäuser gibt es seit Jahrzehnten. Am Anfang waren sie als Treffpunkte gedacht, dann entwickelte sich immer mehr die Idee, in einem Haus Jung und Alt auch zum Wohnen unterzubringen, auf dass sie sich ergänzen mögen. Pflege, Kinderbetreuung in der Nachbarschaft – Zusammenleben, wo man es braucht. Alleine leben, wo man will. Seit 2017 fördert auch die Bundesregierung Mehrgenerationenhäuser in einem Bundesprogramm. Nun ist das Hartwig-Hesse-Quartier kein einzelnes Mehrgenerationenhaus. Die Stiftung hat das Konzept einfach auf ein ganzes Quartier angewendet.

Ein paar Wochen bevor Heidi Plaß bei Keksen und Kaffee von ihrem Leben im Hartwig-Hesse-Quartier berichtet, steht Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher vor dem Gemeinschaftsraum in dem Innenhof des Quartiers, neben Zierpflanzen und Rasenflächen. Wer in den Himmel blickt, sieht ringsum die Hochhäuser am Berliner Tor im Stadtteil St. Georg. Tschentscher hält die Rede zur offiziellen Eröffnung. Er sagt: "Es gibt in Hamburg 320.000 Menschen, die über 63 Jahre alt sind, über 100.000 über 80-Jährige. Das hier ist einmalig, es schafft etwas zwischen Wohnungen und Seniorenheim." Und er sagt klar. "Dieses Beispiel muss Schule machen. Es ist ein besonderes Projekt."

Dass das Hartwig-Hesse-Quartier etwas Besonderes ist, findet natürlich auch Maik Greb. Er ist der Geschäftsführer der Hartwig-Hesse-Stiftung. Mitarbeiter: 308. Er ist natürlich auch da bei der Eröffnung, immerhin hat das Projekt 24 Millionen Euro gekostet, er plaudert mit Tschentscher, dankt ihm mit Blumen, "weil die Stadt entgegengekommen ist und für das Konzept so offen war", sagt er später. Wer mit Greb spricht, merkt schnell, wie wichtig es ihm ist, dass die Bewohner sich wohlfühlen. Er ist auch gekommen, als Heidi Plaß und ihre Freundinnen im Gemeinschaftsraum sitzen. Er kennt die Damen lange, sie sehen sich regelmäßig, sie lachen gemeinsam über die weiße Küche im Gemeinschaftsraum, die Farbe hat Greb ausgesucht. Die Damen finden, es hätte bessere gegeben.

Geschäftsführer Maik Greb (l.) mit Bewohnern: "Die älteste Bewohnerin ist 93, der jüngste 9 Monate."
Geschäftsführer Maik Greb (l.) mit Bewohnern: "Die älteste Bewohnerin ist 93, der jüngste 9 Monate."
© Felix Haas

Greb leitet schnell zum nächsten Thema über. Er erzählt von der Stiftung: "Unser Kernthema ist die Pflege", sagt er. "Von dem Gedanken, wie wir mit pflegebedürftigen Menschen umgehen, lassen wir uns schon lange leiten. Seit 1826". So entstand auch die Frage danach, wie man pflegebedürftige so in die Gesellschaft integriere, dass sie am Leben teilhaben können. Die Hartwig-Hesse-Stiftung wollte eine besondere Form des Zusammenlebens schaffen. Greb sagt: "Und nun ist die älteste Bewohnerin 93, der jüngste 9 Monate." Mietpreise liegen bei 6,30 Euro pro Quadratmeter. Zuzüglich Betriebskosten und Servicepauschalen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Mietpreis in St. Georg liegt bei 14,14 Euro. 

"À la rent a grandma"

Wenn Greb vom Zusammenleben im Quartier spricht, dann purzeln die Beispiele nur so aus ihm raus. Nummer eins: "Es gibt auch Studenten bei uns. Sie bekommen zum Beispiel einen Teil der Miete erlassen, sie sorgen im Gegenzug für ältere Bewohner im Quartier, unterstützen beim Einkaufen oder helfen, Dinge zu tragen." Nummer zwei: Es gibt in der Kita Angebote mit Senioren etwas zu unternehmen. "So à la rent a grandma", sagt Greb.

Nummer drei: Die Senioren besuchen die Frauen und Männer in den Demenz-Gruppen, erzählt Greb. "Sowohl im Hartwig-Hesse-Quartier als auch im nahegelegenen Sengelmann Haus." Da klinkt sich auch Brigitte Polz schnell ein: "Wir holen sie ab, gehen essen, neulich waren wir bei Frau Möller ums Eck. So kleine Besuche machen einfach Freude", sagt sie.

Greb erzählt weiter. Er ist schon bei Nummer vier, nun ist er bei einer Kreuzfahrt angekommen. "Ich will ja ohnehin, dass die Bewohner selbst definieren, wie sie sich das Zusammenleben vorstellen." Also habe es da diese Verlosung gegeben, für eine Kreuzfahrt. "18 Teilnehmer", sagt Greb. "Sie sollen einen Schreibblock mitnehmen und das Betreuungsprojekt der Zukunft selbst erarbeiten." Beim betreuten Wohnen werde sonst so viel vorgegeben. "Dabei wissen die selber besser, was sie wollen."

Die Polizei kommt und gibt einen Sicherheitsüberblick

Und dann ist da noch Beispiel Nummer fünf: "Einmal im Monat kommt Herr Kalina vorbei", sagt Greb. "Herr Kalina ist ein schicker", rufen Moni, Heidi und Brigitte schon schnell dazwischen. Herr Kalina, erfährt man, ist Polizist, er arbeite beim Kommissariat um die Ecke. "Er kommt in den Gemeinschaftsraum, bringt manchmal Präsentationen mit, und dann verteilt er nützliche Tipps", sagt Greb. Wenn es eine neue Art Enkeltrick gebe zum Beispiel, dann erkläre er, wie man den Trick erkennt und was man machen kann. Oder er schildere, wie man sein Rad am besten anschließt, wenn wieder mitten im Stadtteil St. Georg Räder weggekommen sind. Herr Kalina, der schicke, er ist offenbar so etwas wie Sicherheitstrainer und Animateur gleichermaßen.

Herr Kalina ist auch schon früher gekommen. Früher, als das Hartwig-Hesse-Quartier noch gar nicht stand. Herr Kalina kam auch ins Witwen Stift. Das stand an der Stelle des Quartiers und war ebenfalls von der Hartwig-Hesse-Stiftung unterstützt. Bis 2016, als es abgerissen wurde. "Das Gebäude war marode und wir mussten uns etwas einfallen lassen", berichtet Greb. Planung, Neubau, Umzug der Bewohner, knapp zehn Jahre dauerte es von der ersten Idee des Quartiers bis zur Eröffnung. "Am Anfang war das ein Schock, als wir aus unseren Wohnungen rausmussten", sagt Monika Rössig. "aber es ist so schön geworden. Und jetzt ist es einfach schön, auch die jungen Leute und Kinder zu sehen."

Von Anfang an wollte Greb ein Seniorenprojekt entwickeln, das im Mehrgenerationenkonzept gedacht ist. Pflege, die Demenz-WG. Musste alles dabei sein. Greb wollte vielen Witwen aus dem Stift wieder ein Heim bieten, genauso wichtig waren junge Leute. "Wir haben mit Baugemeinschaften gesprochen, haben eine Art Casting gemacht. Es war ein bisschen wie DSDS". Am Ende bekam der Spökenkieker e.V. den Zuschlag.

Pärchen in neuer Wohnung

Aus dem Verein ist Charlotte Maier gekommen. Sie setzt sich mit an den Tisch, mit Heidi Plaß, Monika Rössig und Brigitte Polz. Maier schenkt sich auch einen Kaffee ein und erzählt darüber, wie sie mit eingebunden waren in die Planung und auch darüber, wie das Leben nun aussieht.

Offene Räume, Nähe, Kinder, die sich kennen. "Die Türen sind meist offen, die Bewohner vertrauen sich". Das wiederum, sagt sie, biete viele Vorteile: "Wir helfen uns aus bei der Kinderbetreuung." Die Kinder kennen sich, gingen zum Mittagsschlaf auch schon mal zum Nachbarn. Die Spökenkieker haben eine Spielanlage entwickelt, Schaukelpferde, Sandkasten, direkt im grünen Innenhof. "Die Baugemeinschaft war frühzeitig mit in die Planung integriert – sie hatte natürlich ihren eigenen Gestaltungsspielraum", sagt Greb. Die Wohnungen sind als Familien-Wohnungen etwas größer als die der Pflegebedürftigen, haben einen anderen Boden, und: "Wir haben noch einen weiteren eigenen Gemeinschaftsraum", sagt Maier. "Waaas?", ruft Monika Rössig dazwischen, "den müssen wir uns mal angucken kommen." "Ach, das wollte Ich Ihnen eh sagen: Bald ist Einweihung und das ganze Quartier ist eingeladen. Offizielle Einladungen folgen."

Sieht so also die Zukunft des Lebens in der Stadt aus? Junge, die alte bei der Pflege oder beim Einkaufen unterstützen. Alte, die jungen bei der Kinderbetreuung helfen. Pflegeeinrichtungen direkt im Quartier. Kita direkt im Quartier. Räume, die von allen Bewohnern gemeinsam für Bingo-Partys oder Nachbarschaftsfesten genutzt werden können? Kurzum: eine große Familienwelt, obwohl die wenigsten miteinander verwandt sind? Ein Gemeinschaftsleben in der an sich anonymen Großstadt?

"Jeden Tag die jungen Gesichter sehen"

Maik Greb will die Idee weitertragen. "Wir können uns schon vorstellen, mehrere Grundstücke so aufzuziehen, wenn alles passt", sagt Greb, "die Frage ist immer: Was ist in der Nachbarschaft machbar? Und was funktioniert vor Ort?". Die Stiftung betreibt noch Wohn-Pflegegemeinschaften in Hohenfelde, Altona, Barmbek und Rissen. Bei neuen Projekten hätte natürlich auch die Stadt wieder ein Wörtchen mitzureden. "Wenn städtische Grundstücke zur Verfügung stehen, stehen wir bereit", sagt Greb, "aber da liegt die Bewertung dann auch bei der Stadt."

Heidi Plaß, Monika Rössig, Brigitte Polz und Charlotte Maier würden jedenfalls jedem empfehlen, so wie im Hartwig-Hesse-Quartier zu leben. Polz freut sich, "jeden Tag die jungen Gesichter zu sehen." Das sei dann schon eine Abwechslung im Vergleich zum Witwen-Stift früher. "Man trifft sich im Hof, muss ja auch gar nicht immer beste Freunde sein, aber wenn die Kinder einen kennen, es weniger Distanz gibt, dann kann man auch an der Freude der Kleinen teilnehmen." Und klar, dann seien da noch die gemeinsamen Feiern. "Wir sind gespannt auf euren Gemeinschaftsraum", sagt Monika Rössig zu Charlotte Maier, "wir freuen uns schon wieder auf den Abend." Bingo wird es dem Vernehmen nach dort nicht geben. Aber vielleicht stellt Charlotte Maier ja einen Eierlikör kalt.

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