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Essay

Einrichtung: Warum teure Küchen das Auto als Statussymbol abgelöst haben

In Deutschland wird immer mehr Geld für Küchen ausgegeben. Denn Herd und Haushaltsgeräte sagen viel über den Status aus - und haben das Auto als Symbol ersetzt. Georg Fahrion fragt sich, was das über über unseren Wohlstand aussagt.

Moderne Küche

Moderne Küche können heute schnell ein Vermögen kosten.

Auf der oft abfällig "Hausfrauenmesse" genannten Infa in Hannover, " größter Einkaufsund Erlebnismesse", begutachtet ein Paar mittleren Alters ein Induktionskochfeld. In dessen Mitte summt der letzte Schrei in Sachen Edelküchen vor sich hin: eine Muldenlüftung. Quasi eine Dunstabzugshaube – die die Essensgerüche allerdings nicht nach oben, sondern nach unten wegschlürft. "Schick", sagt die Frau, "kann ich da alle Töpfe drauf benutzen?"
"Wenn Sie ganz billige haben", sagt die Verkäuferin ernst, "dann sollten Sie sich besser neue leisten."
Es ist ja, nun, couragiert, einer potenziellen Kundin mitzuteilen, dass eine teure Anschaffung gleich die nächste nach sich zieht. Doch die Frau macht nur "Mhm" und nickt. Die Logik scheint ihr einzuleuchten. Wer sich ein Dior-Kleid zulegt, trägt dazu ja auch keine Adiletten.
Man kann das für ziemlichen Zinnober halten, was hier und anderswo die Messehallen und Küchenstudios füllt: Muldenlüftungen. Küchenarbeitsplatten aus messingfarbenem Glas. Backöfen mit der Leistung eines Kleinwagenmotors. Wasserhähne für 4 000 Euro, die sich per Smartphone steuern lassen. Man kann sich aber auch vor der deutschen Küchenindustrie verneigen und anerkennend sagen: Wahnsinn, was ihr hier veranstaltet! 

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Jedes Jahr geben die Deutschen mehr für ihre Küchen aus. Im ersten Halbjahr 2016 lag der Umsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie um mehr als sieben Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Dabei lief 2015 auch schon super.
Im Durchschnitt legen Käufer heute 6 440 Euro für eine neue Küche hin, fast 1 000 Euro mehr als fünf Jahre zuvor. Besonders stark wachsen die teuersten Preisklassen. Nach oben gibt es kaum eine Grenze: Bei der Premiummarke Poggenpohl kann man sich daran erinnern, eine Einbauküche für 360.000 Euro verkauft zu haben. Bora, der Hersteller der Muldenlüftung, ist mittlerweile so erfolgreich, dass er sich ein eigenes Tour-de-France-Team leistet.
Früher einmal war die Küche ein Raum, in dem die Deutschen Kartoffeln schälten, Teller spülten und vielleicht noch ein Bier aus dem Kühlschrank holten. Heute ist er ein Tempel. Vollgestopft mit Hightech.
Wie ist das bloß passiert?

Hausfrau in der Küche um 1920.

Hausfrau in der Küche um 1920. Seit der Jahrhundertwende geht der Trend zur weißen Küche - auch eine Errungenschaft der Hygienebewegung. Und: Zunehmend ziehen elektrische Haushaltsgegenstände in die Küche ein.

Von Töpfen und Technik: Wie sich Küchen entwickelten

Hannover-List, ein rot geklinkertes Fabrikgebäude. Durch Europas einziges Küchenmuseum spazieren zehn ältere Damen und ein Reporter aus der Generation Mikrowelle, das bin ich. Wir laufen vorbei an einer großbürgerlichen Küche der Kaiserzeit: Kochmaschine, Heißmangel, Butterfass. Dann folgt die sogenannte Frankfurter Küche von 1926, die Mutter aller Einbauküchen: Hängeschränke, hochklapp bares Bügelbrett.
Wir laufen hier durch die Geschichte. Die Entwicklungen von Küche zu Küche ließen sich als rein technischer Fortschritt abtun – dabei spiegeln sich darin auch die sozialen Zustände der Epochen. Einst war die Feuerstelle das Herz des Hauses: Herd, Heizung und Lichtquelle zugleich. Das wohlhabende Bürgertum der Moderne aber wollte nicht, dass es in der guten Stube dampfte und roch. Räume wurden nach Funktionen sortiert: kochen hier, essen dort, musizieren da, schlafen ganz hinten. Die Sphären der Herrschaften und des Personals trennten sich, die bürgerliche Wohnung zerfiel in einen privaten und einen öffentlichen Teil. Die gute alte Zeit. Jedenfalls für die, die es sich leisten konnten.

Ein Ehepaar in der Küche, Ende der 1970er

Ein Ehepaar in der Küche, Ende der 1970er


Die Einbauküche stammt dagegen aus schlechteren Zeiten: Mit der Not zwischen den Weltkriegen kam der soziale Massenwohnungsbau – und mit ihm die genormte, geschrumpfte, in Serie hergestellte Küche. In der Frankfurter Küche war alles in Griffweite, ein effizient organisierter, aber ziemlich freudloser Arbeitsplatz, von Wohnlichkeit keine Spur. Was natürlich Bände spricht über die damalige Wertschätzung von Küchenarbeit – und der Frauen, die sie verrichteten.
Als wir im Küchenmuseum in der Nachkriegszeit anlangen, kommt Leben in unsere kleine Besuchergruppe.


"Guck, die Küchenwaage an der Wand! Die habe ich auch gehabt!"
"Es gab zwei Farben …"
"Orange und Olivgrün!"
Pril-Blumen, Ariel-Tonnen und Melitta-Kaffee – ach, weißt du noch.
Mit den Wirtschaftswunderjahren war die Fresswelle über das Land geschwappt. Erst waren die Bäuche gewachsen – und später auch die . Im Haus meiner Großeltern etwa, gebaut in den frühen Fünfzigern, war die Küche noch eine fast schamvoll versteckte Kemenate. Vom Wohnbereich war sie strikt abgetrennt; das Essen beförderte meine Großmutter durch eine Durchreiche ins Speisezimmer. Meinen Großvater habe ich nie am Herd gesehen. Immerhin deckte er den Tisch.
Die Küche meiner Eltern lag schon zentraler, war dazu größer und heller. Mein Vater kochte uns Milchnudeln. In meiner eigenen Wohnung ist die offene Küche der größte Raum. Kommen Besucher, können sie am Tresen einen Aperitif trinken und sich mit mir unterhalten, während ich das Essen zubereite. Oder wir kochen gemeinsam. Bei meinen Großeltern wäre das undenkbar gewesen: den Gast mitarbeiten lassen? Niemals.

Die Frankfurter Küche von 1926

Die Frankfurter Küche von 1926. Praktisch und Platz sparend sollte das "Labor der Hausfrau" sein: Die 1926 entwickelte "Frankfurter Küche" revolutionierte als erste serienmäßig angefertigte Einbauküche den Wohnungsbau.

Küche, der Treffpunkt der Familie

Offensichtlich hat sich etwas geändert – vielleicht unsere Werte, bestimmt unsere Kultur. In der Küche kocht und isst man nicht mehr nur, sondern arbeitet auch, liest, unterhält sich, sieht fern. In einer Studie sagten 2013 über die Hälfte der Befragten, die Küche sei für sie auch ein Treffpunkt der Familie. Der Mittelpunkt der Wohnung. Und wo finden die besten Partys statt? Eben.
Die Architektur bezeugt diesen Wandel. Kamen Küchen früher mit acht oder zehn Quadratmetern aus, werden heute mindestens 15 oder 20 veranschlagt. Zwei von drei Küchen würden heute als offene Wohnküche geplant, sagen Küchenausstatter. Eine Kochinsel ist fast schon Standard. Als schick gelten derzeit Metallic -Lacke und Glas, grifflose Fronten, indirektes Licht. Und Technik natürlich bis dorthinaus.
Seit der Finanzkrise, als die Flucht in Sachwerte begann, seien für seine Branche glorreiche Zeiten angebrochen, sagt Lucas Heumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Küchenmöbelindustrie. Nullzinsen, Betongold, Immobilienboom: mehr Neubauten und Renovierungen, mehr Küchen, eine einfache Gleichung. Davon profitieren nicht nur die oberen Preissegmente. Der Massenhersteller Nobilia, der jede dritte Küche in Deutschland verkauft, hat 2015 erstmals die Umsatzmilliarde geknackt.
Man mag kaum glauben, wie weit die Liebe bereits geht, aber offenbar haben die Deutschen ein neues liebstes Statussymbol gefunden. Die Küche ist der neue Mercedes. In einer Studie gaben vor drei Jahren 57 Prozent an, eine tolle Küche sei ihnen wichtiger als ein tolles Auto. Gerade mal halb so viele sahen es andersherum. In Deutschland! Gut, die Studie hat Siemens in Auftrag gegeben, ein Konzern mit deutlich mehr Tradition bei Küchengeräten als bei – aber offenbar verschiebt sich tatsächlich etwas.


Die Beziehung der Deutschen zum Essen hat sich ja auch verändert. Dicksein war einst ein Statussymbol, heute ist es das Gegenteil. Man muss sich keine modische Glutenunverträglichkeit zugelegt haben, um sich um seine Ernährung zu sorgen. Erfolgreiche Manager gleichen heute Marathonläufern und nicht Franz Josef Strauß.
Selbst das alte Bonmot, dass die Deutschen die teuersten Küchen, aber die billigsten Lebensmittel kaufen, stimmt nicht mehr so ganz. Natürlich kostet der Liter Milch bei Aldi nur 65 Cent – aber der Umsatz mit Biolebensmitteln ist allein 2015 um elf Prozent gestiegen. Und irgendwer muss ja die ganzen Quinoa- und Chia-Samen kaufen, die für 10 Euro das Kilo im Biosupermarkt stehen.
Wahrscheinlich funktioniert das Kochen als Statussymbol ähnlich wie das Reisen: Wer es ernsthaft betreibt, zeigt, dass er nicht nur das Geld dafür hat – sondern vor allem auch die Zeit. Um drei Wochen über den Jakobsweg zu wandern oder acht Stunden lang schonend ein Entrecote zu garen. Ich habe zum Beispiel einen Bekannten in Hamburg, der einen Raum in seinem Keller gekachelt und mit allerlei Edelstahlapparaturen vollgestellt hat. Dort zerlegt er Rehe und Wildschweine, als wäre er Metzgermeister – und nicht der Angestellte mit Bürojob, der er tatsächlich ist. Anschließend brät er das Fleisch am Stück auf einem Grill, der an ein Düsentriebwerk erinnert.

Schwedenküche 1965

Die Schwedenküche kam in den 1930er Jahren in Mode: Funktional, stabil, aber preiswert. Hier wird eine solche Küche im Jahr 1965 bei einer Messe ausgestellt.

Essen war gestern - heute gibt es Food-Trends

So inszeniert, ist Kochen nichts mehr, was eben erledigt werden muss, sondern eine kreative Arbeit, die bestens zur Selbstdarstellung taugt. Und dass Kochen als cool gilt, lässt sich ja auch schon daran ablesen, dass die urbane Hipsteria das simple Wort "Essen" längst durch das ebenso simple, aber englische Wort "food" ersetzt hat. Sie sprechen von Street-Food, Slow Food, Food-Trucks, Food-Porn und Superfood; Menschen, die gern gut essen, heißen Foodies.


Der Trend zum besseren Essen schneidet sich in der Küche außerdem mit einem anderen Trend: dem zur allgemeinen technischen Aufrüstung. Neben dem Dolby5.1-Heimkino-Set, dem Curved-TV, dem Kaffeevollautomaten und dem iPhone würden sich zwei schnöde Kochplatten ja lächerlich machen. (Außer natürlich, wenn sie auf einem holzbefeuerten Ofen von Manufactum sitzen.) Das Paradox an den teuren Küchen ist allerdings: Viele Leute schaffen sie sich zwar für viel Geld an, wissen damit aber gar nichts anzufangen. Erzählt zumindest der Chef des Küchenmuseums, der Koch und Gastronom Carl-Werner Möller Hof zum Berge. Er hat schon Prinz Charles bekocht, und man kann ihn für Events buchen. Wenn er dafür in schicke Privatwohnungen bestellt wird, findet er häufig Luxusküchen vor, die zwar mit allem Schnickschnack ausgestattet, aber kaum jemals benutzt worden sind. Während die Zahl der Restaurantbesuche steige, sinke das Kochwissen, sagt er. "Die Leute haben Geld, aber keine Ahnung."
Sie wollen sie einfach besitzen, diese Supergeräte, die der Tim Mälzer im Fernsehen auch hat. "Was wir an Technologie verkaufen – das brauchen Sie nicht", gesteht ein Berliner Edel-Küchenausstatter. "Aber es macht Spaß. Es ist schön. Man freut sich daran. Das ist das, was wichtig ist." Relativ wurscht, ob man den Heißluftdämpfer nur einmal pro Jahr anschmeißt – viele Leute gehen ja auch nur im Harz spazieren und besitzen trotzdem Equipment, auf das jeder Sherpa neidisch wäre.
Interessant allerdings, dass der erhöhte Materialeinsatz wohl vor allem eine Zielgruppe in die Küche lockt: Männer. Statistisch gesehen stehen sie heute tatsächlich länger am Herd als noch vor einigen Jahren. (Was freilich wenig daran ändert, dass Frauen weiterhin den Großteil der täglichen Hausarbeit erledigen.) Wer im Sommer schon den Gasgrill für 1 500 Euro durch den Garten rollt, wirft im Winter auch gern das Induktionskochfeld zum doppelten Preis an.
Ich für meinen Teil überlege jedenfalls, mir zu Weihnachten einen Hightech-Entsafter zuzulegen. Gut, niemand braucht das wirklich, und billig ist so ein Ding auch nicht. Aber er würde sich einfach sehr gut auf meiner Betontheke machen.

Currywurst aus dem Thermomix