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Heimkehrer: Bumerang-Generation – ist es okay, wenn Kinder Miete zahlen?

Immer mehr erwachsene Kinder können sich keine eigene Wohnung leisten. Sie leben wieder bei ihren Eltern. Einige sind verärgert, wenn sie dort etwas zum Leben beisteuern sollen.

Beim Thema "Geld" endet die Harmonie schnell.

Beim Thema "Geld" endet die Harmonie schnell.

Getty Images

In vielen Ländern leben immer mehr erwachsene Kinder bei ihren Eltern. Die Gründe sind vielfältig, häufig ist die wirtschaftliche Misere Schuld. Die Kids haben nicht den Job gefunden, den sie sich erträumt haben, und kehren nach Ausbildung oder Studium nach Hause zurück. Der Lebensstart findet als gerupftes Huhn und nicht als flügger Jungvogel statt.

Je größer die Arbeitslosigkeit in einem Land, umso größer wird die Zahl der Rückkehrer. Ein weiterer Faktor ist das Mietniveau. In Ländern und Regionen mit billigen Wohnraum kann man sich auch mit einem Aushilfsjob noch ein Dach über dem Kopf leisten. In teuren Zonen wie München oder London funktioniert das nicht. 

Über die Not der Jungen wurde viel berichtet. Die grenzenlose Solidarität der Älteren mit der Boomerang-Generation wurde stillschweigend vorausgesetzt. Allmählich ändert sich der Blick. Erst vor Kurzem hat eine die EU-umspannende Untersuchung offenbart, wie sehr das Lebensglück der Eltern unter den Rückkehrern leidet. Schockierender Befund: Die Heimkehr eines Kindes drückt das Empfinden der Eltern um den gleichen Wert wie eine schwere Behinderung.

+++ Zurück ins Nest – wie die Bumerang-Generation ihren Eltern das Leben zur Hölle macht +++

Das britische Blatt "Daily Mail" wollte wissen, wie ältere Briten das Zusammenleben mit dem erwachsenen Nachwuchs organisieren und stellte mehrere Eltern vor, die von ihren Kindern Miete verlangen. Ein heikles Thema, denn viele Eltern fühlen sich lebenslang für die Kinder verantwortlich.

Umgekehrt reagieren viele Kinder bockig, wenn sie von ihrem womöglich geringen Gehalt etwas für die Wohnung der Eltern abgeben sollen.

Miete für die Reisekasse

Joanne B., 55, pensionierte Maklerin und Gatte Mike, 56, Manager einer Zeitarbeitsfirma, haben keine Lust sich ihren durchaus luxuriösen Lebensherbst durch die Finanzierung der Kinder ruinieren zu lassen. Sie kassieren nicht nur Miete bei den Sprösslingen, sie zahlen den Kinderbeitrag sogar auf das eigene Reisekonto ein. Viel ist es allerdings nicht. Tochter Jessica zahlt nur 200 Pfund für ihr Zimmer in bester Londoner Lage.

Mietfrei? "Keine Chance!", sagte Mutter Berry der Zeitung. "Ich gebe jede Woche 200 Pfund für Nahrung und Toilettenartikel aus. Dann zahle ich unsere Hypothek, Rechnungen, Wi-Fi und die Kosten für jede Lampe in diesem Haus, die von meinen Kindern angelassen wird."

Im Haus B. müssen zwei Söhne und die Tochter Miete zahlen. Auch wenn es sich wohl eher um einen Unkostenbeitrag handelt. Denn in den 200 Pfund sind sämtliche Wohnkosten, der Zugriff auf den Kühlschrank und das Waschen der Wäsche inklusive, während man für einen nackten Schlafplatz in einer heruntergekommenen Wohnung in London mindestens 400 Pfund bezahlen muss. Nur Tochter Jessica zahlt den Beitrag klaglos. Denn sie ist mit dem Mietmodell groß geworden. Ihre älteren Brüder murren hingegen. Sie klagen, dass ihr Lebensstil im Londoner Zentrum schon teuer genug sei. Doch Joanne B. sieht es pragmatisch: Nur weil sich die Kinder im teuren London keine Wohnung leisten können, heißt das nicht, dass sie mittellos sind.

Die Kinder quengeln

Damit sind sie nicht allein: Eine Studie von OneFamily ergab im letzten Jahr, dass 4,5 Millionen Kinder im Alter von 18 bis 34 Jahren zu Hause leben. Die Eltern kostet so ein Mitbewohner etwa 260 Pfund pro Kind und Monat. Rund 55 Prozent der Kinder beteiligen sich an diesen Kosten.

Viele Kinder sehen es trotz Gehalt nicht ein, etwas zum gemeinsamen Leben beizusteuern.

Michelle G., 51, verlangt nur 100 Pfund von ihrem berufstätigen Sohn, Alex, berichtet die "Daily Mail". Der würde das Geld aber lieber sparen, klagt Mutter G., und versucht sich Monat für Monat möglichst lange vor der Zahlung zu drücken. "Alex hier bei mir zu haben kostet viel mehr als 100 Pfund im Monat - allein meine wöchentliche Lebensmittelrechnung beträgt über 150 Pfund - und ich erledige auch noch das Kochen und Waschen für ihn."

Auch wenn eine kleine Wohnung in ihrer Gegend mit Nebenkosten etwa 1000 Pfund im Monat kostet, ist Alex verärgert. "Ich finde nicht, dass ich etwas bezahlen sollte, nur um zu Hause zu leben. Ich würde das Geld lieber für etwas anderes ausgeben", erklärt er der "Daily Mail" trotzig. Und das obwohl er zugeben muss, dass er sein restliches Geld für ein Auto, Abende im Klub und technische Gadgets ausgibt.

Auch in Deutschland ist das Phänomen nicht unbekannt. Martina M. aus Hamburg konnte sich das "Hotel Mama" wegen einer schweren Erkrankung nicht leisten. Doch ihr Sohn erklärte rundheraus, nichts für die Wohnung in Eimsbüttel besteuern zu können. Ein neues Auto und ausgiebige Urlaube fraßen sein Gehalt auf. Frau M. konnte das Problem nur durch den Umzug in eine kleinere Wohnung ohne altes Kinderzimmer lösen.

Beim Einzug über den Auszug sprechen

Christina Newberry bietet Rat auf ihrer Seite "adultchildrenlivingathome.com". Sie rät zu klaren Verhältnissen. Bevor das Kind einzieht müsse man alles Wichtige besprechen. Newberry bietet einen regelrechten Vertrag zum Download an. "Sprechen Sie über ihre Erwartungen", rät sie. "Wie lange bleibt das erwachsene Kind zu Hause? Welchen Beitrag soll es zum gemeinsamen Leben beitragen – finanziell, aber sprechen sie auch darüber, welche Aufgaben im Haushalt ihr Kind übernehmen kann."

Und das Wichtigste: Eltern und Kind sollten vor dem Einzug ein Enddatum setzen. Ohne einen Auszugstermin, sagt Newberry, machen es die Eltern ihrem erwachsenen Kind zu einfach. Dann kommen sie in ihrem Leben nicht voran und das Kinderzimmer wird ihre Endstation.

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