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Wanderungsbewegungen: Exodus der Familien: Wie die Wohnungsknappheit die Städte verändert

In deutschen Großstädten lassen sich zwei gegensätzliche Trends beobachten: Die Stadtbevölkerung wächst, gleichzeitig hat eine Abwanderung aufs Land eingesetzt. Vor allem Familien fliehen vor den hohen Wohnkosten.

Viele Familien ziehen raus aus der Stadt

Viele Familien ziehen raus aus der Stadt

Getty Images

Deutsche Großstädte haben in den vergangenen Jahren einen enormen Bevölkerungsboom erlebt. Während manche Landstriche regelrecht veröden, stiegen die Bevölkerungszahlen in den Städten fast überall stark an. Berlin etwa wuchs zwischen 2012 und 2017 jedes Jahr im Schnitt um 47.500 Einwohner. In Hamburg kamen jährlich 18.700 und in München 15.200 Einwohner dazu. In jüngster Zeit aber lässt sich parallel dazu ein gegenläufiger Trend beobachten: Wegen der massiv gestiegenen Mieten und Immobilienpreise ziehen viele Städter wieder raus ins Umland.

Rein in die Stadt oder raus aufs Land – wohin geht denn nun der Trend? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat sich dies anhand der vom Statistischen Bundesamt erfassten Wanderungsbewegungen in Deutschland genauer angesehen. Auf den ersten Blick scheint der Stadt-Boom demnach ungebrochen: 63 von 71 Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern erzielten im Jahr 2017 (aktuellste Zahlen) ein positives Wanderungssaldo – es zogen also mehr Menschen hinzu als fort. Nur in acht Städten wanderten mehr Menschen ab als zu, darunter in Braunschweig oder Trier.

Trotz dieser vermeintlich eindeutigen Tendenz erkennen die IW-Forscher in Sachen Landflucht eine Trendwende. Denn der positive Wanderungssaldo der Städte resultiert vor allem daraus, dass es Migranten, die neu nach Deutschland kommen, bevorzugt in die Städte zieht.

Die Städte wachsen und die Städter ziehen raus

Betrachtet man dagegen nur die Binnenwanderung der Bevölkerung mit deutscher Staatsbürgerschaft, ergibt sich ein anderes Bild: Nur noch 14 der 71 Großstädte weisen dann mehr Zuzügler als Abgänge auf, alle übrigen Städte verlieren Einwohner, darunter auch die sieben größten deutschen Städte.

Dies ist keine Momentaufnahme, sondern eine Trendwende, die sich auch im Zeitverlauf gut erkennen lässt: Über einen Zeitraum von zehn Jahren (2003 bis 2013) wuchs die deutsche Bevölkerung in den Städten jedes Jahr kontinuierlich an, seitdem hat sich die Statistik gedreht und jedes Jahr wandern mehr Menschen ab.

Familien bevorzugen die Vororte

Mit neuer Landlust hat der Trend wenig zu tun, sondern vielmehr mit knappem Wohnraum, steigenden Mieten und Immobilienpreisen. Vor allem Familien mit wachsendem Platzbedarf finden – anders als noch vor einigen Jahren – keine adäquaten Wohnungen mehr und verlassen die Städte. "Familien scheinen heute immer weniger bereit, die hohen Wohnkosten in den Großstädten zu tragen, was dazu führt, dass ein Umzug in das Umland der Großstadtregionen erfolgt", schreiben die IW-Forscher. Auch ein Gutachten des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) stellte kürzlich fest, dass es junge Familien wegen der hohen Wohnkosten wieder verstärkt ins Umland und die Vorstädte ziehe. Abgelegene Landstriche profitieren vom Exodus der Familien jedoch nicht, die Stadt muss erreichbar bleiben.

Für junge Menschen ist die Anziehungskraft der Städte laut IW dagegen ungebrochen. Hier entstehen seit Jahren die meisten Jobs, hier stehen die Hochschulen, weshalb Berufseinsteiger und Studierende nach wie vor in die Ballungszentren strömen. Die Bereitschaft der Unter-30-Jährigen für Studium oder Job in eine entfernte Stadt zu ziehen, nimmt Untersuchungen zufolge seit Jahren zu.

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft