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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Bei jedem Glas O-Saft denke ich an eine Unternehmer-Legende

Seit frühester Kindheit gibt's am Sonntag bei Frank Behrendt frisch gepressten Orangensaft. Einst noch selber ausgepresst, später als Produkt von einem, der damit erfolgreich und berühmt wurde: Rolf H. Dittmeyer. Heute vor zehn Jahren ist der Valensina-Vater gestorben. Ein in Ruhe gereifter Rückblick auf einen mutigen Macher.

Sonntäglicher Frühstückstisch im Hause Behrendt

Sonntäglicher Frühstückstisch im Hause Behrendt

Wenn meine Kinder im Supermarkt am Freitag vor dem Wochenende am Saftregal vorbeikommen, machen sie mit dem Einkaufswagen eine Vollbremsung. Tür auf, Flasche raus. Die Marke ist immer die gleiche, auch wenn rechts und links Sonderangebote und Eigenmarken locken. Valensina ist bei uns Gesetz.

Dabei bin ich als Kind in Brasilien noch mit von meiner Mutter per Hand ausgepressten Orangen verköstigt worden. Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge. In den Sommerferien, als wir fernab der pulsierenden Metropole Rio de Janeiro die schönsten Wochen des Jahres genossen, durften wir sogar selbst Orangen ernten und Saft pressen. Herrlich.

Zurück in Deutschland gab es keine Orangenbäume in unserem Garten an der Nordseeküste. Aber es gab Valensina. "Entweder frisch gepresst, oder Valensina. Dittmeyers Valensina", lautete der Werbespruch, den ich immer noch im Schlaf auswendig kann. Er pries das Produkt an, das der findige Unternehmer Rolf H. Dittmeyer 1966 erfunden hatte. Zuvor wäre er mit getrocknetem Saft in Tüten, den er den deutschen Konsumenten schmackhaft machen wollte, fast pleite gegangen.

Valensina aber wurde ein Hit, weil Dittmeyer ein Vollblutunternehmer war, der nie aufgab und dran blieb. Er hatte den Plan im Kopf, den besten Orangensaft zu kreieren, den es neben dem unvergleichlichen selbst gepressten geben konnte. Dafür investierte er viel, verbesserte ständig, suchte die beste Ware in aller Welt und hatte später eigene Plantagen, weil er mit der Qualität anderer Anbieter nicht zufrieden war.

Und natürlich war kein Schauspieler gut genug, die Botschaft des Chefs mittels Werbung zu transportieren: Der Meister stellte sich höchstpersönlich in den Orangenhain und pries sein Verfahren und seine Ware an. Heute sprechen alle von "Personal Branding", Dittmeyer war vor Jahrzehnten schon eine Personenmarke. Damit gab er auch die Steilvorlage für die Osnabrücker Anarcho-Comedy-Truppe "Die angefahrenen Schulkinder". Sie produzierten einen Punk-Song mit dem Titel "Tötet Onkel Dittmeyer". T-Shirts gab es auch. Damals ein handfester Skandal, der aber straffrei blieb, weil das Machwerk der wilden Combo als Satire eingestuft wurde.

Als der besungene Unternehmer, der für seinen erfolgreichen Saftladen nach Valensina auch noch Punica erfand, 1984 im Alter von 63 Jahren einen Hörsturz erlitt, zog er die Notbremse der Vernunft und verkaufte seine Firmengruppe an den US-Konzern Procter&Gamble. Aber anstatt sich im Liegestuhl unter einem Orangenbäumchen in Andalusien ein schönes Leben zu machen, griff er mit 77 Jahren nochmal an und kaufte sich die angebotenen Markenrechte seiner Säfte wieder zurück. Für stattliche 21 Millionen Euro.

Ein viel zu hoher Preis unkten seinerzeit viele und sie behielten Recht. 2001 musste der stolze Unternehmer Dittmeyer Insolvenz anmelden. Eine schwere Stunde für einen wie ihn. Die Marke überlebte aber und steht nach wie vor sonnengelb in den Regalen der Einkaufsstätten unseres Landes. Zur Freude meiner Kinder und auch von mir. Was wäre ein Sonntagmorgen schließlich ohne frische Brötchen, Marmelade, Nutella, ein Frühstücksei und Orangensaft. Frisch gepresst, oder Valensina. Danke, Herr Dittmeyer. 

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