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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Volle Tonne, leere Teller: Wie arm is(s)t Deutschland?

Am vergangenen Wochenende war Frank Behrendt mit seiner Familie in einer mit vielen Früchten geschmückten Kölner Kirche und erlebte inmitten der Gemeinde den jährlichen Erntedank-Gottesdienst. Kurz darauf las er ein neues Buch, das sich mit dem genauen Gegenteil beschäftigte: Armut in einem reichen Land. Unserem Land.

Erntedank-Gottesdienst in der Kirche

Erntedank-Gottesdienst in der Kirche

"Unser tägliches Brot gib uns heute. 1000-fach gebetet, 1000-fach für selbstverständlich hingenommen. Ich bin dankbar. Nicht nur heute. Sondern täglich. Dankbar, dass ich genug zu essen habe. Für mich. Für meine Kinder."

Als ich die Zeilen der von mir sehr geschätzten Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, auf Instagram las, nickte ich. Genauso geht es mir auch und ich bin sicher, vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in unserem Land ebenfalls. Kein Wunder: Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Allein der aktuelle "WealthX"-Report, der die Superreichen mit einem Vermögen jenseits von 30 Millionen Dollar zählt, kommt für Deutschland auf immerhin 15.685 Vertreterinnen und Vertreter. Damit liegen wir hinter den USA, China und Japan auf Platz vier.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Davon las ich gerade in dem neuen Buch "Volle Tonne, leere Teller". Jochen Brühl, der ehrenamtliche Bundesvorsitzende der Tafeln in Deutschland hat es herausgegeben und ist dafür kreuz und quer durchs Land gefahren. Er hat mit ganz unterschiedlichen Menschen über das Thema gesprochen, das die Organisation der er vorsteht umtreibt.

60.000 freiwillige Helferinnen und Helfer sorgen tagtäglich dafür, dass diejenigen, die von allem am wenigsten haben, das Nötigste erhalten: etwas zu essen. Rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr vernichtet, die Tafeln retten immerhin 260.000 Tonnen davon bei Supermärkten, Bäckereien und Herstellern im ganzen Land. Die langjährige Edelfeder der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, schreibt im Vorwort des bemerkenswerten Buches: "Die Tafeln gehören zu den erfolgreichsten Einrichtungen in Deutschland. Sie expandieren, weil Not und Bedürftigkeit in Deutschland expandieren."

Erschreckend. Aktuell kommen 1,65 Millionen Menschen regelmäßig zu den Tafeln. Besonders bei den Senioren, die Rente oder Grundsicherung im Alter beziehen, gibt es einen dramatischen Anstieg von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Altersarmut ist kein Gespenst mehr, sondern erschütternde Realität. "Die Tafeln bewirken, dass die Not in Deutschland nicht so laut schreit, wie sie es sonst täte. Die Tafeln breiten ein deutschlandgroßes Tischtuch über die Armut. Es wäre eine Katastrophe, wenn es diese gemeinnützige Einrichtung nicht mehr gäbe. Es ist aber auch eine Katastrophe, dass es sie geben muss", schreibt Prantl.

Jochen Brühl sieht das als Frontmann der Tafeln genauso: "Die Politik darf nicht länger abwarten, sie muss handeln. Es braucht tiefgreifende Reformen und verbindliche, ressortübergreifende Ziele zur Bekämpfung von Armut in Deutschland." Das lesenswerte Buch "Volle Tonne, leere Teller" trägt den Untertitel: "Was sich ändern muss. Gespräche über Armut, Verschwendung, Gerechtigkeit und notwendiges Engagement."

Es ist aber alles andere als eine Anklage, die den Leser ohne Lösungsideen zurücklässt. Im Gegenteil: Es kommen zahlreiche spannende Persönlichkeiten zu Wort, die ihre Sicht der Dinge schildern und inspirierende Gedanken teilen. Zum Beispiel die langjährige Ministerin und heutige Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Irmgard Schwaetzer. Oder TV-Moderator Jörg Pilawa und Schauspieler Hannes Jaenicke. Obwohl beide auf der Sonnenseite des Entertainments stehen, vergessen sie nicht, dass es andere gibt, die Hilfe benötigen. Dass sie ihre Popularität auch dafür einsetzen ist aller Ehren wert.

Was mich als Vater von drei Kindern besonders erschreckt, ist die Tatsache, dass rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche in unserem Land von den Tafeln versorgt werden. Tendenz steigend. Traurige 50.000 junge Menschen mehr als noch 2018 kommen inzwischen zu den Tafeln. "Wir leisten es uns in Deutschland, Kinder systematisch zu vernachlässigen", sagt Jochen Brühl, der mich bei einer persönlichen Begegnung als unermüdlicher Kämpfer für mehr Gerechtigkeit nachhaltig beeindruckt hat.

Zu Wort kommt in seinem Buch auch der populäre Star-Koch Tim Raue, der selbst keine einfache Kindheit hatte. Er spricht Klartext und sagt viele wichtige und richtige Dinge in Bezug auf eine funktionierende Solidargemeinschaft: "Wir geben Milliarden für Bürokratie aus und wir vergessen, was wir eigentlich sind: Ein Zusammenschluss von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen müssen." Raue macht das, in dem er selbst immer wieder aus dem Kreis der Feinschmecker ausbricht, um dorthin zu gehen, wo das echte Leben weniger schöne Geschichten schreibt. "Oft ist es so, dass die Jugendlichen niemanden haben, mit dem sie über ihre Sorgen, Nöte, Wünsche und Träume reden können", sagt Raue und hört dann einfach nur zu.

Auch die Tafeln sind neben Lebensmittel-Versorgungseinrichtungen auch Stätten der Begegnung. Die Theologin und Autorin Christina Brudereck findet am Ende des Buches, dessen Verkaufserlös auch die Arbeit der Tafeln unterstützt, wunderbare Worte, die nachhaltig berühren:

"Menschen sind Gäste                                            

Sind unterwegs                                                   

Sehnen sich nach einem Zuhause                               

Hungern nach Gerechtigkeit                                         

Hoffen auf Frieden                                                     

Wir alle sind Gäste                                                       

Sind Teil der großen Tafel."