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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Was ich beim Rudern fürs Leben gelernt habe: Durchziehen

Vor ein paar Tagen postete der bekannte Werbe-Profi Michael Trautmann auf Instagram ein wunderbares Bild von der Hamburger Außenalster, das zwei Sportler in ihren Ruderbooten zeigte. #backtonormal stand darunter. Es hat mich inspiriert, an meine eigene Laufbahn in einem schlanken Boot zurückzudenken. In diesem habe nicht nur manch schönen Erfolg gefeiert, sondern auch wichtige Lektionen fürs Leben gelernt.

Urkunden

Vom Rudern sind Frank Behrendt nicht nur die Sieger-Urkunden geblieben

Als ich als Junge mit meinen Eltern und Geschwistern in Rio de Janeiro lebte, habe ich wie alle dort Fußball gespielt. Ich kickte im schicken Trikot des brasilianischen Traditionsvereins Fluminense. Natürlich konnte ich mit den kleinen Ballzauberern unterm Zuckerhut nicht mithalten, also stellten sie den großen Blonden aus Alemanha in die Abwehr. Dabei hätte ich so gerne Tore geschossen und wäre jubelnd übers Feld gelaufen. Es blieb ein Traum.

Zurück in Deutschland wollten unsere Eltern, dass ihr Nachwuchs "an der frischen Luft" ausreichend Bewegung bekam. In unserer neuen Heimat, im beschaulichen Städtchen Otterndorf an der Nordseeküste, bot sich Wassersport an. Kurzerhand wurden mein Bruder und ich beim Ruderverein TSV Otterndorf angemeldet. Mit den Fahrrädern fuhren wir fortan bei Wind und Wetter zweimal in der Woche zum Training ins Ruderhaus am Hadelner Kanal. Wir hatten auch schnell ein Idol: Peter-Michael Kolbe. Der schlaksige Hamburger war damals neben dem Deutschland-Achter das Aushängeschild des Deutschen Ruderverbandes. Fünf Weltmeistertitel gewann der Recke zwischen 1975 und 1986 im Einer, dazu kamen drei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen in Montreal, Los Angeles und Seoul.

So einer wie Kolbe wollte ich sein, erschöpft aber glücklich auf dem Siegersteg, eine goldene Medaille um den Hals. Aber erstmal musste ich unzählige Kilometer auf dem Wasser abspulen. Oft gegen den Wind, den Regen im Gesicht. "Nicht jammern, das härtet ab", sagte mein Vater. "Durchziehen, sauber durchziehen", hatte ich stets meinen engagierten Coach im Ohr, der vom Ufer her seine Kommandos durchs rote Megaphon brüllte.

Helfried Radeker war ein harter Hund, aber ein hervorragender Trainer. Wir lernten viel von ihm, vor allem, die Kräfte richtig einzuteilen. Ein Rennen war lang, wer zu forsch losfuhr, kam schnell aus der Puste und konnte nachher auf der Zielgeraden nichts mehr zusetzen. Ein Taktik-Fuchs war er auch, denn er brachte uns bei, kurze Zwischenspurts mit hoher Schlagzahl immer dann zu fahren, wenn die anderen nicht damit rechneten. Zack, lagen wir vorne und die greifbare Aussicht auf den Sieg setzte zusätzliche Kräfte frei.

Ich weiß noch, wie ich mit 13 Jahren mein erstes Rennen unter Wettkampfbedingungen fuhr. Heimspiel: Die Ruderregatta des TSV Otterndorf gehörte zu den größten in ganz Deutschland. Viele hundert Ruderinnen und Ruderer lieferten sich zwei Tage lang heiße Duelle hinterm Deich. Die oft von weither anreisenden Sportlerinnen und Sportler campierten auf einer Wiese, die ein netter Bauer kostenlos zur Verfügung stellte. Abends gab es Würstchen am Lagerfeuer, ein Betreuer spielte Gitarre. Sportromantik fernab von Doping und Kommerz. Ich habe es geliebt.

Ruhig bleiben, durchziehen

Noch eine Stunde bis zum Start. Meine Eltern waren da, die Nachbarn, viele Schulkameraden und meine Geschwister. Ich konnte vor Aufregung kaum etwas essen. Mein Trainer nahm mich in den Arm: "Mach dich nicht verrückt. Du musst nicht gewinnen. Gib einfach dein Bestes und zieh das Rennen durch", sagte er und lächelte mir väterlich zu.

Am Start sah ich mir die Gegner an. Ich weiß noch, dass sie furchteinflößend aussahen. Körperlich hatte ich als schmaler Hering gefühlt keine Chance. Aber mein Wille war groß. Ich versuchte alles, was mir der Trainer zuvor eingeschärft hatte, umzusetzen. Beim großen Baum, der genau auf der Hälfte der Renndistanz am Wegesrand stand, sollte ich meinen Überraschungsangriff starten. "Durchziehen", hörte ich laut vom Ufer die Stimme vom Coach. Und ich zog durch. Schwupps lag mein Boot vorne.

Die anderen drehten sich um, der Favorit haute mit dem Ruderblatt in eine Welle und fiel zurück. Der andere kompakte Mitbewerber hatte einen hochroten Kopf und kämpfte verbissen, um mich einzuholen. "Ruhig durchziehen", schrie mein Trainer, der wusste, dass ich auf Grund meiner Größe das gut im Fluss befindliche blau-gelbe Boot aus der Empacher-Werft mit jedem einzelnen Zug ein Stück weiterbewegen konnte, als mein Gegner. "Du hast die besseren Hebel", pflegte er immer zu sagen.

Kurz vor dem Ziel schwanden mir die Kräfte. Ich wollte mich hängen lassen, in den Egal-Modus schalten. Aber ich hörte weit aus der Ferne ein "Durchziehen". Ich tat es und brachte den Vorsprung hauchdünn ins Ziel. Gewonnen! Vom Ufer her großes Geschrei, meine Familie war aus dem Häuschen. Für einen Moment war ich der große Peter-Michael Kolbe, mit einer goldenen Medaille und einer Urkunde in der Hand. Der erste Sieg ist für alle Sportler immer ein ganz besonderer, an den sie sich ein ganzes Leben lang erinnern.

Ich denke aber auch daran, dass mich dieses Wort "Durchziehen" in meiner gesamten beruflichen Karriere begleitet hat. Nicht aufgeben, mit Ruhe und einem guten Plan weitermachen. So wie es mich mein alter Trainer gelehrt hat. Ich bin immer gut damit gefahren. Auch in Krisenzeiten. Aktuell haben wir wieder eine extrem herausfordernde Situation. Sie ist kein Sprint, sondern ein echter Marathon. Aber aufgegeben wird nicht. Niemals. Es gilt, den Gegner im Auge zu behalten und eine gute Taktik zu wählen. Helfried Radeker ruft mir auf jeden Fall aus dem Himmel zu: "Durchziehen, Frank, ruhig durchziehen." Mach ich.

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