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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: "Freiheit", West-Kaffee und Ost-Sekt – wie ich den Mauerfall erlebte

Es gibt Tage, da weiß man auch nach 30 Jahren noch ganz genau, wo man war und wie man sie erlebt hat. Der 9. November ist so einer. Der Tag, an dem die Mauer fiel. Frank Behrendt erinnert sich wie viele andere gerne an den Tag und hat dabei ein bestimmtes Lied im Ohr.

Mauerfall

Fall der Berliner Mauer: Menschen aus Ost- und West-Berlin klettern auf die Mauer am Brandenburger Tor

Picture Alliance

November 1989. Ich war noch in der Probezeit bei der Verkaufsförderungsagentur Stein Promotions in Düsseldorf. Tagsüber saß ich in meinem Büro im Mörsenbroicher Weg, bevor ich nach Feierabend in mein kleines Appartement in Düsseldorf-Eller fuhr. "In Eller stirbt man schneller" lästerten die Kollegen.

Wie ich es von meinen Eltern seit ich denken kann erlebt hatte, schaute ich um Punkt 20:00 Uhr die Tagesschau im Ersten. Chefsprecher Jo Brauner erschien, akkurat wie immer der Scheitel, eine brave Brille auf der Nase, das Einstecktuch passend zur Krawatte in der Brusttasche des Sakkos. Im Bild die seit Jahren vertraute gelbe Deutschlandkarte, von einer zackigen Trennlinie durchzogen, im rechten Teil die eingekreiste geteilte Stadt Berlin. "Guten Abend meine Damen und Herren." Wie immer.

Aber dann kam es: "Ausreisewillige DDR-Bürger müssen nach den Worten von SED-Politbüromitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschechoslowakei nehmen. Dies kündigte er am Abend vor der Presse in Ost-Berlin an." BÄM. Ungläubiges Staunen.

Auch ich war mit meiner Schulklasse früher per Pan-Am-Flug nach West-Berlin auf Geschichtsreise gefahren, unterstützt mit Bundesmitteln. Wir hatten die Mauer gesehen, den Stacheldraht, die Grenzposten. Irgendwie waren wir alle froh, als wir wieder in Cuxhaven an der Küste waren. Freiheit, hinter dem Deich das Meer, soweit das Auge reichte.

Ich telefonierte aufgeregt mit meinen Eltern, die als Vertreter der "Kriegsgeneration" immer von der Wiedervereinigung geträumt hatten, zumal mein Vater einst im Brandenburgischen Senftenberg das Licht der Welt erblickte. Zwei Jahre vor meiner Geburt wurde die Berliner Mauer errichtet. Ein trauriger Tag in den Geschichtsbüchern unseres Landes. Umso schöner die bewegten und bewegenden Bilder, die im Heute-Journal um 21:45 Uhr über die Bildschirme flimmerten. Am Brandenburger Tor skandierten die Berliner "Tor auf, Tor auf". Eine Stadt im Taumel.

Interessiert habe ich später die Geschichte der damals 15-jährigen Juliane Reffert und ihrer Mutter Annemarie gelesen. Beide gelten heute als die ersten DDR-Bürgerinnen, die die innerdeutsche Grenze nach ihrer Öffnung am 9. November 1989 überquert haben. Sie hörten die Worte von Günter Schabowski und fuhren in ihrem "Wartburg" los. Aus reiner Neugier wollten sie selbst überprüfen, ob sie einfach so in den Westen fahren konnten. Sie konnten.

Eine smarte Aktion gibt es anlässlich es 30. Jubiläums des Mauerfalls vom Sender MDR Sachsen-Anhalt. Juliane Reffert wird den Tag in Echtzeit aus ihrer Perspektive nacherzählen, so, als hätte es damals schon Instagram gegeben. Ich werde ihr gespannt folgen.

"Freiheit ist das einzige, was zählt"

Die Grenzöffnung und die spätere Wiedervereinigung hatten auch etwas von Goldgräberstimmung für uns Verkaufsförderungs-Agenturen, denn es gab plötzlich einen ganz neuen zusätzlichen Markt mit Millionen von weiteren Konsumentinnen und Konsumenten. Wir konnten damals gar nicht so schnell Personal rekrutieren, wie wir es benötigten. Ich erinnere mich an einen Promotion-Flight unseres damaligen Kunden Reemtsma für die Zigarettenmarke "West" mit ihrem legendären Werbeclaim "Test The West". Man musste kein begnadeter Kreativer sein, um vorherzusehen, dass Teams, die Gratispackungen und Autoaufkleber mit diesem Slogan an der ehemaligen Grenze verteilten, gern gesehen waren. Jede Menge Trabbis fuhren seinerzeit mit dem "Test-The-West" Aufkleber durch Berlin, der Absatz der rot-weißen Packungen entwickelte sich prächtig.

Für den Hamburger Kaffeeröster Tchibo mietete ich über 100 Wohnmobile und schickte Verkostungsteams für die Einführung von "Le Cafe" nach Leipzig, Dresden oder Bautzen. Später unterstützte ich aber auch Produkte, die im früheren Osten erfolgreich waren bei ihrem Markteintritt in die ehemals westdeutschen Supermärkte. "Spee" zum Beispiel, mit dem schlauen (Spar-)Fuchs. Oder "Rotkäppchen-Sekt". Durch meine Arbeit habe ich die Schönheiten der mir bislang nicht bekannten neuen Bundesländer kennen und schätzen gelernt. Auch viele nette neue Mitbürger/innen habe ich getroffen.

Wenn ich an den 9. November 1989 zurückdenke, habe ich immer ein bestimmtes Lied im Ohr: "Freiheit", von Marius-Müller Westernhagen. Ich war auf zahlreichen seiner Konzerte und hatte immer eine Gänsehaut, als er es anstimmte. Der Song erschien übrigens bereits im September 1987. Westernhagen betonte immer, er habe bei dem Lied nicht den möglichen Fall der Mauer oder die Wiedervereinigung im Kopf gehabt. Es wurde aber zu einer Art Hymne der Befreiung von der DDR-Diktatur. "Wenn der Song Menschen Kraft und Hoffnung gegeben hat, ist das ein glücklicher Umstand, der mich natürlich freut", erklärte der Sänger später. Ich höre ihn zum 30. Geburtstag des Mauerfalls besonders laut und gerne denn der letzte Satz des Refrains ist schließlich eine Erinnerung an unser kostbarstes Gut: "Freiheit, Freiheit, ist das einzige, was zählt."

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