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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Wie mein Vater seinen 85. Geburtstag gefeiert hätte

In diesen Novembertagen wäre der Vater von Frank Behrendt 85 Jahre alt geworden. Der frühere Kunst- und Deutschlehrer war ein Typ, der das Leben, seine Familie und besondere Abenteuer liebte. Sein Sohn macht sich Gedanken, wie der große Häuptling der Familie seinen Ehrentag mit seinem Stamm gefeiert hätte, wenn er noch auf der Erde unter uns wäre.

Familie Behrendt

Vater Behrendt mit Frau und Sohn Frank an einem Weihnachtsfest in Rio de Janeiro im Jahr 1969

Stellen wir uns einen lauen Sommertag vor. Mein Vater sitzt am frühen Nachmittag bei einem Stück Erdbeertorte und einer Tasse Beste Bohne von Tchibo im wild wuchernden Paradiesgarten unter einem seiner 13 Apfelbäume. Hinter ihm ragt majestätisch die Fassade des von ihm selbst entworfenen blauen Hauses empor. Ein stolzes Schiff, das allen Stürmen trotzt. "Bärenburg" hat er es genannt, der aufrecht gehende Bär ist das Wappentier unserer Familie.

Zum 18. Geburtstag bekommt jeder Behrendt-Sprössling einen Siegelring, in dessen blauen Stein das pelzige Tier eingraviert ist. "Der Bär ist furchtlos, kämpft aufrecht und beschützt seine Familie." So hatte es mir mein Vater zum 18. Geburtstag auf eine kleine Karte geschrieben, die ich bis heute in Ehren halte. Mein Vater war für uns Kinder der Fels in der Brandung. Immer. Jeden Tag und in dunkler Nacht.

Als er 1967 aus Abenteuerlust und "um den Horizont zu erweitern" – einer seiner Lieblingsweisheiten – mit unserer Familie nach Brasilien aufbrach, schlief ich auf dem endlos langen Lufthansa-Flug in seinem Arm. Er erzählte meinen Geschwistern und mir in heißen tropischen Mittagspausen in Rio de Janeiro die Geschichte von Winnetou und Old Shatterhand und erklärte uns, dass echte Freunde genauso bedingungslos füreinander einstehen müssen wie die beiden Blutsbrüder aus der Feder von Karl May. Wir haben es uns hinter die Ohren geschrieben.

Wenn wir vom Erdbeerkuchen, den meine Mutter wie immer liebevoll selbst gebacken hat, aufblicken und nach links sehen, fallen drei Blockhäuser ins Auge. Aus starken Balken handgezimmert, die Lagerhallen und die Werkstatt meines ersten Start-ups, das ich gemeinsam mit meinem Bruder Ulf als Teenager in den 70er Jahren aus der Taufe hob: der Fahrradverleih der Gebrüder Behrendt. Fürsorglicher Pate mit Kredit und tatkräftiger Vorarbeiter beim Bau: mein Vater.

Er lehrte uns, unternehmerisch zu denken, half uns bei der ersten Steuererklärung und fuhr für eine kleine Kostenpauschale - "Ihr bekommt auch sonst im Leben nichts geschenkt" - mit uns in seinem silberfarbenen Ford Taunus Turnier zum Zweirad-Großhandel nach Bremerhaven. Aber jetzt ist Pause, Sonne, Kuchen, Familienrat. Es gibt etwas zu besprechen: Sein 85. Geburtstag im November. Mein Vater spricht, ruhig zunächst, dann beginnen seine blauen Augen zu leuchten und seine Stimme wird lauter und schneller. Die Begeisterung treibt ihn vorwärts.

Eine große Reise

Er erzählt uns seinen Plan, den er sich in den letzten Wochen in seinem Arbeitszimmer ausgedacht hat. Keine vage Idee, es ist alles fertig durchgeplant. Sauber aufgereiht liegen sämtliche Informationen in kleinen Plastikhüllen auf dem Sideboard hinter seinem Schreibtisch. In geschwungenen Lettern mit seinem Pelikan-Füller verfasst, stehen auf kleinen Zetteln die Dinge, die noch erledigt werden müssen: "Geld umtauschen" und "American Express Travelers Cheques" besorgen. Das Reiseziel steht fest, in sein Lieblingsland soll es gehen, den Geschmack von Freiheit und Abenteuer inklusive: Kanada.

Mit seiner Liebe für die unberührte Natur, das Kanufahren und romantische Abende am Lagerfeuer hat er uns früh infiziert. Vor 39 Jahren erfüllte er sich einen Traum und fuhr gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Friedemann und mit meinem Bruder und mir in "die Wildnis". Wochenlang eroberten wir unter der Führung eines erfahrenen Scouts das faszinierende Land. Wir schliefen in Zelten, brutzelten abends selbst geangelte Fische am Stock und sahen tagelang keine anderen Menschen.

Ich habe die Reise mit meiner Super8-Kamera festgehalten. Wenn wir uns heute die wackeligen Bilder ansehen und dazu Countrymusik erklingt, sind wir wieder im Jahr 1980 an einem einsamen See und mein Vater strahlt glücklich wie ein kleiner Junge bildfüllend von der Leinwand. Da will er also wieder hin. Mit uns. Aber diesmal mit allen. Auch die Enkelkinder sollen mit dabei sein. Sein alter Cowboyhut hängt noch am Haken im Flur. Den wird er mitnehmen, wenn er in seiner Lieblingsrolle als "Großvater Piet" mit seinen Enkelkindern Emily, Josh und Holly auf der "Black Cat Ranch" in der kanadischen Provinz Alberta einen Ausritt macht.

Abends wird er natürlich beim Square-Dance selbst zur Gitarre greifen und die Gäste der Ranch unterhalten, der alte Stimmungsmacher. Wenn er mit voller Stimme "Take me home, country roads" schmettert, singen immer alle begeistert mit. Ich finde es großartig, dass sich mein Vater zum 85. Geburtstag wieder etwas Besonderes ausgedacht hat und nicht an einer langweiligen Kaffeetafel in irgendeinem Restaurant Happy Birthday gesungen wird. Ich freue mich auf die Reise, die wie alle Aktivitäten mit meinem Vater ein unvergessliches Erlebnis werden wird. Herzlichen Glückwunsch im Himmel, Papa. Und von Herzen DANKE für alles.