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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Pelé zum 80. Geburtstag: Der Tag, als mein Vater den Fußballgott traf

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Pelé zum 80. Geburtstag: Der Tag, als mein Vater den Fußballgott traf
Wenn sein Name fällt, beginnen die Menschen mit glänzenden Augen von seinem Spiel zu schwärmen. 1970, nach dem WM-Triumph der brasilianischen Nationalmannschaft in Mexiko, hat mein Vater Pelé persönlich bei einem Botschaftsempfang getroffen. Ich beneide ihn bis heute darum.

Mein Vater hat nie Fußball gespielt, er ist als junger Mann auf dem Maschsee in Hannover gerudert. Aber er hat immer mit Begeisterung Fußball geschaut. Als er sich einst entschied, zusammen mit seiner jungen Familie nach Brasilien zu ziehen, freute er sich auch darauf, den "Tempel des Fußballs", das berühmte Maracana-Stadion zu sehen. Natürlich hat er sich den Wunsch erfüllt. Er erlebte in der beeindruckenden Arena eines der legendären Derbys zwischen den ewigen Stadtrivalen von Rio de Janeiro, Fluminense und Botafogo. Davon schwärmte er sein ganzes Leben lang.

Nie vergessen hat er auch ein Treffen mit Pelé, dem er anlässlich eines Empfanges in der Botschaft die Hand schüttelte. Dessen Freundlichkeit und Herzlichkeit haben ihn nachhaltig begeistert. Dabei hätte der Mann mit der Nummer Zehn auf dem Rücken allen Grund gehabt, abzuheben. Schließlich lag ihm nach dem Gewinn des Titels bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko ein ganzes Land zu Füßen.

Dass Brasilien die "Coupe Jules Rimet", so der offizielle Titel der Siegestrophäe der Fußball-Weltmeisterschaften ab dem Jahr 1930, nach dem dritten errungenen WM-Titel für immer behalten durfte, wurde tagelang ausschweifend gefeiert.

Aus Edson Arantes do Nascimento wird Pelé

Als siebenjähriger Junge erlebte ich damals vor Ort mit, wie die Millionenmetropole unter dem Zuckerhut komplett ausflippte. Die Schulen hatten zu, die Unternehmen gaben ihren Angestellten frei, das öffentliche Leben pausierte. Natürlich stand Pelé damals nicht allein auf dem Feld, aber er ragte heraus, war der Held der Männer in den zitronengelben Trikots und den himmelblauen Hosen.

Geboren wurde er am 23. Oktober 1940 als Edson Arantes do Nascimento. Sein Vater war selbst ein talentierter Kicker, die große Karriere blieb ihm aber nach einer komplizierten Knieverletzung verwehrt. Daher förderte er anschließend seinen Junior. Der bekam seinen Spitznamen Pelé allerdings nicht von seinen Eltern, sondern berichtet in seiner Autobiographie davon, dass er durch seine ungenaue eigene Aussprache entstand. Der kleine Edson schwärmte für einen Torhüter mit Namen "Bilé", redete immer von ihm. Die Eltern verstanden allerdings "Pilé", am Ende wurde es zu "Pelé", und der Bezeichnete wurde den Namen nie mehr los. 

Der spätere Weltstar wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf, das Geld reichte hinten und vorne nicht für die Familie. Pelé verdingte sich als Schuhputzer in den wohlhabenderen Stadtvierteln, um ein par Cruzeiros dazuzuverdienen. In jeder freien Minute spielte er Fußball, barfuß, der Ball bestand aus ein paar zusammengebundenen Socken. 1952 hatte er das Glück, Teil einer neu gegründeten Jugendmannschaft zu werden. Der frühere Nationalspieler Waldemar de Brito trainierte die Jungs, Pelé bekam seine ersten richtigen Fußballschuhe und bestach schon als Jugendlicher mit seinem Spiel.

Coach de Brito war es auch, der das unglaubliche Potenzial des Jungen erkannte und ermöglichte ihm ein Probetraining beim Traditionsverein FC Santos. Vollmundig pries er Pelé als ein Talent an, das einmal der beste Spieler der Welt werden könnte. Die Vereinsbosse verpflichtete ihn. Der Rest ist ein Fußballmärchen, wie es man für kein Drehbuch hätte besser schreiben können. Pelé wurde 1957 in die Nationalmannschaft berufen und gewann mit ihr 1958 in Schweden den Titel.

Als er nach Brasilien zurückkehrte, wurde er wie ein König gefeiert. 1969 schoss Pelé im Ligaspiel seines FC Santos gegen Vasco da Gama sein 1000 Tor. Als der Ball im Netz zappelte, gab es kein Halten mehr. Fans, Fotografen und Reporter stürmten das Spielfeld, das Match musste für 20 Minuten unterbrochen werden, in vielen Teilen des Landes läuteten die Kirchenglocken. Zur Feier dieses Momentes gab die brasilianische Post eine Sonder-Briefmarke heraus.

Kicken für Cosmos

Mein Vater hat sie immer in Ehren gehalten und sie mir vermacht. Als wir wieder zurück in Deutschland waren, ging der Ausnahmespieler nach New York. Nicht freiwillig, windige Geschäftspartner hatten fast sein gesamtes Vermögen durch riskante Immobiliengeschäfte verzockt. Also trat er mit anderen hoch bezahlten Altstars an, um den Amerikanern die Faszination des Fußballs näher zu bringen.

Als die besten Spieler der Welt in den USA kickten, gab es einen kurzfristigen Fußball-Boom. Alle wollten Ballzauberer wie George Best, Johan Cruyff, Franz Beckenbauer und natürlich Pelé sehen. Gemeinsam mit unserem Kaiser wurde der Fußballgott vom Zuckerhut mit Cosmos New York 1977 amerikanischer Meister. Anschließend agierte Pelé als UN-Sonderbotschafter, gründete eine Sport-Marketing-Agentur und verdiente als beliebtes Werbe-Testimonial viel Geld.

Ich sprach kürzlich per Skype mit einem fußballverrückten früheren Schulkameraden in Rio de Janeiro. Er erzählte mir, dass die Mehrzahl der Brasilianer den heutigen Fußball-Star Neymar nie mit Pelé auf eine Stufe stellen würden. Pelé wäre einer von ihnen gewesen, Neymar ist es nicht.

Das Geburtstagskind wird auch deshalb nach wie vor verehrt, weil er demütig geblieben ist. Der einst barfuß kickende Junge aus einem Provinznest in Brasilien glaubt fest daran, dass Gott ihm das besondere Talent geschenkt hat und ist bis heute dankbar für diese Gabe. In einem Interview sagte er schulterzuckend: "Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball."


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