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Mittleres Management: Krank und ausgebrannt - wenn mittlere Führungskräfte in die Sandwich-Falle tappen

Nörgelnde Mitarbeiter auf der einen Seite, Druck und Anforderungen vom Chef auf der anderen: Die Abteilungsleiter, Team-Chefs und Co. rutschen als mittlere Führungskräfte schnell in die Sandwich-Falle. Das macht auf Dauer krank.

Mittlere Führungskräfte: Stress und Burn-out

Mittlere Führungskräfte funktionieren wie ein Puffer zwischen Chefs und Angestellten - eine Position mit hoher Burn-out-Gefahr.

Der Mai ist die Hölle für das mittlere Management. Die Fülle an Feiertagen bedeutet eine Flut an Urlaubsanträgen für die Brückentage. Doch alle können nicht ins lange verschwinden. Einige Kollegen werden keine Unterschrift auf ihrem Antrag vorfinden. Am Ende steht eine nicht sehr populäre Entscheidung des Chefs auf der einen Seite - und grummelige Mitarbeiter auf der anderen.

Sie sind der große Mittelbau der deutschen Wirtschaft - die Mittelmanager. Sie sind Abteilungleiter oder führen Teams und stecken in einem Dilemma. Denn sie bekommen Dauerdruck, von unten und von oben. Den Mitarbeitern Dampf machen, unpopuläre Entscheidungen vom Chef kommunizieren und dabei selbst noch fachlich mitwirken: Das allein klingt schon stressig. Doch dazu geben Chefs irrwitzige Ziele vor, fordern zeitaufwendige Auswertungen so schnell wie möglich ein und reichen Sparziele lapidar weiter, die dann das mittlere Management ausbaden darf. 

Mittlere Manager: Stress auf allen Kanälen

Diese Sandwich-Position bleibt selten ohne Folgen: Acht von zehn Managern seien gestresst, fand die Techniker Krankenkasse in einer repräsentativen Umfrage heraus. Besonders stressgefährdet sind in sogenannten Sandwich-Positionen zwischen zwei Hierarchieebenen. "Sie müssen gleichzeitig den Ansprüchen ihrer Führungskräfte und ihrer Mitarbeiter gerecht werden und dazu auch denen ihrer Familie", sagte der TK-Psychologe Heiko Schulz zum "Ärzteblatt". Der Manager Monitor des Führungskräfteverbands United Leaders Association (ULA) und der Bertelsmann Stiftung fand heraus, dass knapp 40 Prozent der befragten Manager kaum noch eine Perspektive in ihrem Unternehmen sehen. Vielmehr würden sie sich einen Karriereausstieg wünschen. "In deutschen Unternehmen macht sich ein Führungskräfteblues bemerkbar", sagt Martin Spilker, Leiter des Kompetenzzentrums Führung und Unternehmenskultur der Bertelsmann Stiftung, der "Wirtschaftswoche".

Überforderte Führungskräfte

Eine mögliche Erklärung für den Frust sind die gestiegenen Anforderungen an die Führungskräfte. Denn längst müssen sie selbst neue Strategien entwickeln. Dazu kommt das Change Management, also die Veränderungen im Arbeitsalltag - auch durch die Digitalisierung. Damit machen sich die Vorgesetzten wenig Freunde, gerade bei älteren Teammitgliedern. "Wir erleben in unserer Beratungspraxis die zunehmende Überforderung von Führungskräften in einer extrem komplexen und digital getriebenen Gemengelage", sagte Martin Horn, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). Statt die Rolle einer starren Führungskraft auszuüben, sollen Mittelmanager eher als Coach auftreten - oder am besten beides sein. "Unternehmensprozesse werden immer stärker von Kennzahlen getrieben gesteuert – und die Führungskräfte mehr nach diesen Kennzahlen bewertet, nicht nach ihrer Gestaltung der Abläufe", sagt der Soziologe Tobias Ritter zur "F.A.Z". "Die Führungskräfte geben an, zwar größere Handlungspielräume als früher zu haben, aber auch mehr Zusatzarbeiten neben ihren Kernaufgaben zu erledigen, etwa mehr Meetings zu leiten oder Vorträge zu halten."

Das schlaucht. Stress wird chronisch, die mittleren Chefs finden kaum Ausgleich zu den Druckphasen im Alltag - bis es zu spät ist. "Es ist ein Mythos, dass sich ein Burn-out sofort in einer Depression niederschlägt“, sagt Harald Gündel, Leiter der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Ulm, der "F.A.Z.". "Rund 70 Prozent der psychischen Erkrankungen zeigen sich zunächst durch körperliche Beschwerden." Vielmehr würden die Gestressten teilweise körperliche Symptome entwickeln, die sie gar nicht mit ihrem Stress in Verbindung bringen. Oder ihre Lebensweise verändern: Mehr trinken, mehr rauchen, mehr Tabletten gegen Schmerzen. Auch zu Hause könnten die mittleren Chefs nicht mehr abschalten. "Meist reagiert der Betroffene zu Hause ebenso gereizt wie in der Firma, ohne darüber nachzudenken", so Gündel. Und: Gerade Männer würden so reagieren - statt sich Hilfe zu suchen.

Achtsamkeit und Sabbaticals

Inzwischen lenken auch Firmen ein. Wo es bislang recht egal war, wie es dem mittleren Management geht. Aber: Zur Führungsaufgabe gehört auch funktionierende Selbstführung. Das haben auch die Personalabteilungen begriffen und bieten inzwischen Achtsamkeitstranings oder Anti-Burn-out-Workshops an. Doch die Konzernleitung könnte noch mehr tun. "Viel besser ist, den Führungskräften Freiräume zu schaffen und ihnen zu ermöglichen, zusätzliche Qualifikationen zu erwerben", schreibt Sabine Hockling, selbst ehemals Führungskraft und heute Buchautorin und Bloggerin, in der "Zeit". "Auch Sabbaticals können ein Anreiz sein."

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