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Übermüdung: Leistungskiller Schlafmangel - warum wenig Schlaf ein falsches Statussymbol ist

Übermüdung hat Auswirkungen auf unsere Leistungsfähigkeit im Job. Doch wer wenig schläft, hat in der Arbeitswelt ein besseres Image. Langschläfer gelten als faul. Zumindest noch - denn Schlaf muss man sich offenbar leisten können.

Übermüdet im Büro

Übermüdet im Büro: Stress und Geldsorgen belasten die Leistungsfähigkeit

Getty Images

Kränkelnde Kleinkinder, die Firmenfeier am Vorabend oder nächtlicher Lärm in der Wohnung nebenan: Es gibt viele Gründe, die einen nachts wachhalten oder zu spät ins Bett kommen lassen - und dafür sorgen, dass man am nächsten Morgen müde ins Büro schlurft. Der Tag ist dann schon gelaufen, bevor man angefangen hat, zu arbeiten. Solange so etwas gelegentlich vorkommt, ist es zu verkraften. Gefährlich wird es, wenn regelmäßig der ausbleibt. 

Tatsächlich warnen Forscher seit Jahren vor einer übermüdeten Gesellschaft. Stress und Sorgen halten nachts wach, dazu kommt der Anspruch, immer mehr Events und Aktivitäten in die 24 Stunden, die der Tag nur hat, zu quetschen. Das Resultat: Die nimmt ab, Krankheitstage und Arbeitsunfälle nehmen zu. Das kostet Gesellschaft und Unternehmen Millionen. Und hat Auswirkungen auf jeden einzelnen.

Geldsorgen erschweren erholsamen Schlaf

Lange nahm man an, dass Probleme und Stress im dafür verantwortlich sind, wenn man nachts nicht zur Ruhe kommt. Inzwischen weiß man, dass finanzielle Sorgen der Schlafkiller Nummer 1 sind. Aber auch allgemeiner Stress im Leben behindert beim Schlafen. Wer darüber hinaus morgens sehr früh aufsteht, um noch Sport zu machen oder früher im Büro zu sitzen, aber gleichzeitig bis spät in den Abend unterwegs ist, minimiert ganz automatisch die Schlafzeit. Tritt der dann nicht sofort ein, weil Körper und Kopf noch auf Hochtouren laufen, muss man mit Schlafmangel leben.

Schlafmangel macht krank

Studien zeigen, wer selten mit Schlafproblemen zu kämpfen hat: Menschen in funktionierenden Beziehungen, mit gesundem Lebensstil und ohne Geldsorgen, sagt Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Universitätsmedizin Berlin, zu "karriere.de". Er weiß, dass Schlafmangel längst zu einem Kostentreiber geworden ist. "Menschen mit Schlafproblemen haben bis zu drei- oder viermal mehr Fehltage bei der Arbeit als Menschen ohne Schlafprobleme. Das kostet schon Geld. Die Arbeitsunfälle, die auf mangelnde Konzentration durch Übermüdung zurückzuführen sind, Verkehrsunfälle, Haushaltsunfälle – das sind alles indirekte Kosten. Die direkten Kosten steigen durch eine höhere Zahl an Patienten mit Schlafstörungen. Die Diagnostik und Therapie und Kosten für Folgekrankheiten kommen oben drauf." Geschätzt entsteht der Gesellschaft jährlich ein Schaden von rund 57 Milliarden Euro durch Schlafmangel. In den USA sind es sogar 411 Milliarden Dollar, so das berühmte Meinungsforschungsunternehmen RAND Corporation aus Santa Monica in Kalifornien.

Schlaf ist ein Anti-Statusobjekt

Warum wenig Schlaf dennoch als so erstrebenswert gilt, ist dem Experten ein Rätsel. "Warum Schlafmittel einen so schlechten Ruf erzielt haben, lässt sich durch Probleme mit den Medikamenten noch erklären. Aber warum der Kurzschläfer ein besseres Image hat als der , kann ich nicht sagen", sagt Fietze im "karriere.de"-Interview. "Ich würde mir wünschen, dass nicht die Manager, die angeblich wenig Schlaf brauchen, als Idealtypus wahrgenommen würden – den sie sich im Ernstfall im Auto eh holen – sondern diejenigen, die ausreichend Schlafenszeit als Voraussetzung für hohe Leistungsfähigkeit anerkennen."

Doch offenbar gibt es ein Umschwenken. Schon vor gut einem Jahr schrieb die "New York Times", dass Schlaf das neue Statussymbol sei. So hat die US-Army Schlaf in Fokus gerückt, um die Leistungsfähigkeit der Soldaten zu erhalten. Jeff Bezos, der früher einen Schlafsack mit ins Büro genommen hat, um dort wenigstens kurze Nickerchen zu halten, sagte, dass acht Stunden Schlaf für seine Aktionäre gut seien. Und die amerikanische Gesundheitsdienstleisterfirma Aetna zahlt den Angestellten 500 Dollar, wenn sie nachweisen können, dass sie 20 Tage mindestens sieben Stunden pro Nacht geschlafen haben. 

Inzwischen hat sich eine Schlaf-Industrie entwickelt, die mit allerlei Apps und technischen Equipment die Menschen zum Schlafen zu bewegen, genauso wie spezielle Kissen und Kurse. Das alles kostet Geld - und offenbar sind genug Menschen bereit, für erholsamen Schlaf gut zu bezahlen. "Wenn wir mehr Schlaf bekommen würden, würden wir sehen, dass wir tatsächlich bessere Leistungen erbringen und wahrscheinlich tagsüber kreativer und produktiver sein", sagte Mathias Basner, Professor für Psychiatrie an der Universität Pennsylvania. 

Wer keine Unsummen für Gadgets ausgeben will und trotzdem zu wenig in der Woche schläft, kann sich über neue Forschungsergebnisse freuen. Ein Schlafdefizit lässt sich am Wochenende wieder ausgleichen, berichten schwedische Wissenschaftler. Wird die fehlende Nachtruhe nachgeholt, gehe Schlafmangel langfristig nicht mehr mit einem erhöhten Sterberisiko einher, berichtet ein internationales Team von Schlafforschern im "Journal of Sleep Research". 

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