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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Warum ein Vater so wichtig für das Selbstwertgefühl der Frau ist

Für die Rechtsanwältin Laura Karasek ist ein Vater für die Tocher der Referenzmann. Ähnlich wie ein Barometer. An ihm orientieren sich alle Männer in der Zukunft.

Vater Laura Karasek

Der Vater bleibt für die Tochter der Referenzmann, der Bezugspunkt, ein Barometer

Wahrscheinlich ist nichts so wichtig für das einer Frau wie das Verhältnis zu ihrem Vater.

Mein Vater konnte unheimlich grob sein und unheimlich lieben. Man konnte mit ihm weinen und streiten, Opern hören und Gedichte lesen, Skat und Tennis spielen. Er konnte verletzen – und er konnte trösten und mitfühlen wie kein anderer. Wenn ich weinte, weinte er immer mit. Wenn ich schrie, schrie er zurück.

"Deine Mutter sagt immer, Du bist wie Dein Vater. Und das meint sie nicht als Kompliment!" sagte er oft zu mir, seiner einzigen Tochter. Ich habe drei Brüder, ich war das Mädchen und ich durfte so sehr Mädchen sein bei ihm.

Als kleines Mädchen hatte ich manchmal das Gefühl, ich müsste ihm helfen, glücklich zu sein. Er hatte für mich schon damals etwas Verlorenes, diesen traurigen, kindlichen Blick mit den Knopfaugen, irgendwie Sehnsucht, Einsamkeit. Er hasste es, niedlich zu sein. wollen keine Teddybären sein, Männer wollen Löwen sein. Haie vielleicht. Aber er war eben so einer, der brüllte – und den man trotzdem lieb hatte.

Ich konnte ihn auch immer vor mir selbst entschuldigen, wenn er mal zu laut wurde. Für mich war er nie boshaft – er war bloß auf Abwehr getrimmt. Ich sah ihn eher immer als Opfer, als Kind ohne Kindheit, das alles nachholen durfte, weil er kurz vor dem Krieg geboren war, kein Spielzeug und viel Hunger gehabt hatte. Weil er auf der Flucht gewesen war, vertrieben, verjagt, mit vier jüngeren Geschwistern, sein jüngster Bruder war 1945 im Stall geboren und mit einer Zange geholt worden.

Mit Papa in der Oper und im Urlaub

Wir waren Opernverbündete (meine Mutter hasste das "Gejaule). Ab und zu reisten wir sogar nach Salzburg, wo ich als kleines Mädchen, als Vierjährige (!) – das erzählte er immer mit einem bebenden Stolz in der Stimme – vollkommen still und ruhig und gebannt neben ihm vier Stunden "La Nozze di Figaro" ("auf Italienisch!" rief er dann noch erstaunter) durchgehalten hatte. Alle hatten nach der Aufführung nach dem tapferen, kleinen Mädchen gefragt, das ihren Papa zu den Salzburger Festspielen begleitete. Und als ich älter war, hatte ich ihn zu einem Gastspiel der St. Petersburger Oper in Berlin begleitet, wir sahen "Eugen Onegin" und der Fürst – ein Bass – war nicht so gut, nicht so beeindruckend wie die anderen Sänger. Es war ein älterer Herr, der den Fürsten sang – oder jedenfalls war er als alter Herr verkleidet, mit weißem langen Haar – und er tat mir sehr leid, weil er weniger Applaus erntete als die anderen Sänger. Also bat ich meinen Vater, besonders stark für ihn zu klatschen und sogar lautstark mehrfach "Bravo" zu rufen. Mein Vater tat es, für mich, weil ich so gerührt war von dem alten Fürsten. Die Zuschauer neben uns sahen uns befremdet an ("Die verstehen wohl GAR nichts von Oper...", wie das Opernpublikum eben so sein kann - uneuphorisch, arrogant, kritisch) aber uns war das egal, wir riefen zu zweit so laut "Bravo" wie wir konnten und klatschten, bis uns die Hände weh taten.

Wir fuhren als Familie oft an den Wörthersee, im Sommer drei bis vier Wochen. Fast jeden Abend spielte nach dem Abendessen eine Liveband im Hotel und die Gäste schwoften dazu. Sie sangen "Obladi oblada" oder "Du bist die Rose, die Rose vom Wörthersee..." Es gab Damenwahl und Herrenwahl und die Erwachsenen tanzten mit uns Kindern und wir wollten Moonwalk machen wie Michael Jackson. Das Hotel war schön, aber nicht pompös, so wie gute Hotels Anfang der 90er Jahre eben waren, klassisch und ohne Infinity Pool oder Riesen Spa Bereich, eher gemütlich als top designed. Es lag direkt an dem grünen, warmklaren See und wir fuhren jeden Tag Wasserski oder Banane und spielten Tennis mit unserem Vater (ich war auch noch in den Tennislehrer verknallt, was meinem Vater sofort auffiel, weil ich jeden Tag Unterricht nehmen wollte. Er durchschaute mich eigentlich immer.). Als wir wieder einen Sommer dort waren, ich war ungefähr elf oder zwölf Jahre alt, hieß es: Damenwahl. Eine junge Studentin hatte meinen Vater aufgefordert, der ihr tagsüber am See rasch bei irgendeiner Hausarbeit oder einem Referat geholfen hatte. Er tanzte sehr ruckartig und schwitzte dabei immer sehr, so dass er sich mit einem Taschentuch die Stirn abtupfte und weiße kleine Papierfetzen manchmal an seinen Schläfen hängenblieben. Er neigte eher zur Röte denn zur Blässe. Beim Tanzen biss er sich angestrengt auf die Unterlippe. Ich sah ihn und schämte mich. Ich winkte ihm zu, machte eine abwertende Handbewegung und fuchtelte dann wild mit beiden Armen um ihm lautmalerisch ein "Nein! So nicht!" zuzurufen. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich mich für ihn schämte. Die Pubertät hatte begonnen. Er sah mich, sah mein Entsetzen, fuchelte noch ein Mal unrhythmisch mit den Armen und entschuldigte sich dann bei der jungen Frau, dass er nun den Tanz abbrechen müsse. Später schämte ich mich, dass ich mich so geschämt hatte.

Keiner applaudierte so wie Papa

Er erzählte die Geschichte immer wieder – wie aus der bedingungslosen Bewunderung der Tochter ein erstes Unbehagen wird, vielleicht zu Abnabelungszwecken, vielleicht um uns abzugrenzen, uns unserer Jugend, Kindheit zu versichern, vielleicht aus Überidentifikation und eigener Unsicherheit. Mein Vater war vom Podest gestoßen. Aber ich als empfängliche Tochter würde ihn noch oft genug wieder hinaufheben.

Ich suchte seine Bestätigung. Ich wollte, dass alle anderen Männer in meinem Leben mir so applaudierten wie er: er schätzte Klugheit, Schönheit, Witz und Charme. Vielleicht war ich auch deshalb nicht besonders ordentlich oder leise, weil er mir dafür niemals applaudiert hätte. Vielleicht konnte ich nicht kochen, weil er mich immer bekocht hatte. Vielleicht hatte ich an mir nur die Eigenschaften gehegt und gepflegt, die für ihn eine Bedeutung hatten.

Der Vater ist für die Tochter der Referenzmann. Alle anderen Männer messen sich an ihm, grenzen sich von ihm ab. Meist sucht man einen, der ihm sehr unähnlich oder sehr ähnlich ist. Aber er bleibt Bezugspunkt, Barometer. Und die Eigenschaften, die wir an unseren Vätern lieben, suchen wir in unseren Männern. Es gibt aber keinen wie Dich, Papa. Du fehlst.