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Job-Coach: Achtung, Job-Krise: Was kann ich tun, wenn meine Arbeit völlig sinnlos ist?

Die Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. Was aber tun, wenn die eigene Arbeit als sinnlos empfunden wird? Job-Coach Ragnhild Struss erklärt, wir wir den Sinn unserer Arbeit wiederfinden.

Sinnvolle Arbeit gesucht

Was kann man tun, wenn die Arbeit als sinnlos empfunden wird?

Getty Images

Manchmal stehe ich morgens auf und frage mich: Macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich meinen Job erledige oder nicht? Ich bringe das Unternehmen nicht weiter – und mich selbst auch nicht. Wozu also?

Sie klingen desillusioniert und erleben offensichtlich gerade eine Sinnkrise. Die Frage ist, ob Ihre Situation wirklich so düster ist, wie Sie sie beschreiben – oder ob Sie die Lage lediglich sehr negativ bewerten. Aber fangen wir von vorne an: Was bedeutet eigentlich Sinn? Philosophisch betrachtet kann Sinn auf zwei Arten interpretiert werden. Einmal als Zweck, den eine Tätigkeit hat. Und darüber hinaus als Wert, als größere Bedeutung von etwas. Laut dem österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl besitzt jeder Mensch den "Willen zum Sinn", also das Bedürfnis, das eigene Leben als sinnvoll beurteilen zu können.

Gleichzeitig ist der Mensch das einzige Wesen, das überhaupt über Sinn oder Unsinn nachdenken kann. Wichtig ist, dass Sie sich klarmachen: Sinn ist nicht etwas, das bereits da ist, unabhängig von Ihnen existiert und gefunden werden kann. Nein, es ist Ihre Aufgabe, den Dingen aktiv Sinn zuzuschreiben! Dabei ist es vor allem eine Frage Ihres subjektiven Ermessens, ob zum Beispiel ein Beruf als sinnvoll zu bewerten ist oder eben nicht.

Ragnhild Struss, 39, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss und Partner Karrierestrategien" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise nach "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit BeBrilliant hat sie  eine App auf den Markt gebracht, die Persönlichkeits- analyse, 360°-Feedback und Coaching "to go" bietet.

Ragnhild Struss, 39, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss und Partner Karrierestrategien" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise nach "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit BeBrilliant hat sie  eine App auf den Markt gebracht, die Persönlichkeits- analyse, 360°-Feedback und Coaching "to go" bietet.

Jede Arbeit erfüllt einen Zweck

Kommen wir zu den zwei Interpretationen von Sinn: Wenn man ihn als "Zweck" versteht, hat grundsätzlich jede Arbeit einen Sinn. Denn egal, was Sie arbeiten, Sie erfüllen damit einen bestimmten Zweck: Wenn Sie im Supermarkt Lebensmittel abkassieren, ermöglichen Sie damit Menschen den Kauf von Nahrung. Als Steuerprüfer tragen Sie zu sozialer Gerechtigkeit bei, indem Sie dafür sorgen, dass jeder einen angemessenen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Und als Profi-Fußballer erfüllen Sie den Zweck, Ihrer Mannschaft zum Sieg zu verhelfen – und bieten gleichzeitig Unterhaltung und Identifikationsfläche für eine Vielzahl von Zuschauern. So betrachtet gibt es eigentlich keinen Job, der sinnlos ist.

Was empfinden Sie als wertvoll?

Anders sieht die Sache aus, wenn Sie Sinn als "Wert" interpretieren. Werte unterscheiden sich nämlich von Mensch zu Mensch, teilweise beachtlich. Und sie verändern sich im Laufe Ihres Lebens. Es kann durchaus sein, dass Sie Ihre aktuelle berufliche Aufgabe als wertlos empfinden. Aber nur deshalb, weil Sie nicht zu Ihren Wertvorstellungen passt: Bedeutet eine sinnvolle Aufgabe für Sie zum Beispiel, etwas Altruistisches für andere Menschen zu tun, werden Sie als Börsenmakler vermutlich nicht glücklich werden.

Diese spezielle Definition von Sinn als "etwas Gutes tun" müssen Sie aber gar nicht unbedingt teilen. Nach hohem Status zu streben, das Erleben von Spaß in den Mittelpunkt zu stellen, möglichst frei und unabhängig zu arbeiten oder sich vor allem mit Schönheit und Ästhetik zu befassen sind ebenfalls legitime Werte, die Ihrer Arbeit und Ihrem Leben Sinn verleihen können. Entscheidend ist, dass Sie sich darüber klar werden, was Sinn für Sie persönlich bedeutet. Denken Sie deshalb darüber nach, was Sie im Leben für erstrebenswert halten, nach welchen Werten Sie Ihr Handeln ausrichten. Halten Sie Ihre Erkenntnisse schriftlich fest und bewerten Sie es nicht, wie gut oder nicht gut es ist, ob nun Ordnung, Wohlstand, Spaß, Kompetenz, Berühmtheit oder Nachhaltigkeit Ihre persönliche Werteliste anführen.

Love it, leave it or change it

Sobald Sie wissen, welche berufliche Tätigkeit in Ihren Augen "Sinn ergeben" würde, können Sie an zwei Stellschrauben drehen: Entweder Sie verändern aktiv Ihre Arbeitsumstände in Richtung Ihrer eigenen Wertvorstellungen – dies kann von einem Gespräch mit dem Chef über Ihre Aufgaben im Unternehmen bis hin zu einer Kündigung und einem Jobwechsel reichen. Oder aber Sie versuchen, Ihre Einstellung zu Ihrem Beruf zu ändern und Ihre Arbeit im Hinblick auf Sinnhaftigkeit neu und positiv zu bewerten.

In Ihrem konkreten Fall: Sie haben das Gefühl, das Unternehmen nicht weiterzubringen. Zunächst gilt es herauszufinden, warum Sie das glauben. Entweder Sie schätzen Ihren Beitrag zu gering ein und bewerten Ihre Arbeit als überflüssig, obwohl sie das nicht ist. Oder Sie sind tatsächlich nicht mit Motivation bei der Sache, können sich nicht mit den Unternehmenszielen identifizieren und bringen entsprechend wenig Leistung. Wenn letzteres zutrifft und Sie gleichzeitig das Gefühl haben, sich selbst nicht weiterentwickeln zu können, sollten Sie definitiv etwas ändern.

Hinter einer Sinnkrise kann eine Depression stecken

Ein länger anhaltendes Gefühl der Sinnlosigkeit kann auch auf eine Depression oder ein Burnout hindeuten. Dann fällt es schwer, morgens aufzustehen, weil man denkt "Es ist doch sowieso alles egal!". Haben Sie in letzter Zeit zunehmend das Bedürfnis, sich zurückzuziehen? Fühlen Sie sich permanent müde, kraftlos und erschöpft? Fällt es Ihnen schwer, sich zu konzentrieren, und hat Ihre Leistungsfähigkeit deutlich nachgelassen? Leiden Sie unter Schlafstörungen und verringertem oder aber stark erhöhtem Appetit? Stehen Sie auch solchen Dingen gleichgültig gegenüber, die Sie früher einmal begeistert haben? Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen bejahen, rate ich Ihnen, sich mit Ihrem Arzt oder einem psychologischen Psychotherapeuten darüber auszutauschen.

Eine gelegentliche kleine Sinnkrise, die sich ausschließlich auf den Job bezieht und nicht das gesamte restliche Leben überschattet, ist jedoch normal und kommt bei jedem mal vor. Wenn dies bei Ihnen der Fall ist, sollten Sie trotzdem herausfinden, woher Ihre Unzufriedenheit rührt. Nehmen Sie die aktuelle Situation nicht unnötig lange hin! Niemand sollte mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit Tag für Tag zur Arbeit gehen. Überlegen Sie, was Sie verändern können – Ihre Einstellung oder Ihren Job –, um wieder mit einem positiveren Empfinden der Sinnhaftigkeit arbeiten zu können.

Voller Stress und komplett sinnlos. So empfinden viele ihren Job.
Ragnhild Struss