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Richtig Netzwerken: Warum es Quatsch ist, 1000 Xing-Kontakte zu haben

Je mehr berufliche Kontakte, desto besser für die Karriere? Networking-Expertin Tijen Onaran erklärt, wie man dem "Freundschaftsparadox" entkommt - und die Kontakte findet, die wirklich wichtig sind.


Beim Netzwerken kommt es nicht auf die Quantität der Kontakte an, sondern auf die Qualität

Beim Netzwerken kommt es nicht auf die Quantität der Kontakte an, sondern auf die Qualität

Jetzt ist es sogar wissenschaftlich erwiesen: Alle anderen im eigenen Netzwerk haben immer mehr Freunde und Kontakte als man selbst. Frust und Neid sind also vorprogrammiert. Eine Studie, die an der McGill Universität durchgeführt wurde, hat das Phänomen wissenschaftlich belegt. Der Grund: In den digitalen Netzwerken folgen wir tendenziell Menschen, die erfolgreicher, populärer und besser vernetzt sind als wir selbst. Deren Posts und Reaktionen werden auch häufiger angezeigt als unsere eigenen. Obwohl wir intuitiv eher dazu neigen, uns selbst für toller zu halten als alle anderen, hat unser Netzwerkverhalten den gegenteiligen Effekt.

Dieses Phänomen heißt "Freundschaftsparadox" – mit anderen Worten bedeutet das, dass wir tendenziell eher mit Menschen Kontakte knüpfen wollen, die bereits mehr Erfolg haben als wir selbst. An diesen Menschen orientieren wir uns. Das Ende dieses Phänomens ist klar: Da wir auch mindestens so toll sein wollen wie alle anderen, brauchen wir mehr Kontakte, mehr Likes und überhaupt mehr. Das Wettrennen geht los. Was dabei auf der Strecke bleibt ist das, was das Netzwerken eigentlich ausmacht.

Tijen Onaran

Tijen Onaran ist Gründerin des Netzwerkes "Global Digital Women" und der Digital-Beratung "startup-affairs". Der Text ist ein Auszug aus ihrem neuen Buch "Die Netzwerkbibel: Zehn Gebote für erfolgreiches Networking", erschienen am 27. Januar 2019 bei Springer

"Und, wie viele Kontakte hast du bei Xing?"

"Wow – habe gerade 1000er Marke geknackt!" So oder so ähnlich flattert es immer wieder mal über meine Xing- Startseite und auch die Titel von Networking-Büchern bleiben davon nicht verschont. 1000 Kontakte! 100.000 Leads! Ein Wahnsinn! Denn das heißt also gleich 1000-mal respektive 100.000-mal so gutes und nachhaltiges Netzwerken? In der Wirklichkeit läuft es aber doch häufig so: Es flattert einem eine neue Kontaktanfrage über den Bildschirm und darin heißt es: "Ihr Profil spricht mich an – ich würde mich gerne mit Ihnen vernetzen". Ok! Bang: Neuer Netzwerkkontakt. Manchmal gibt es auch gar keine begleitende Nachricht, und trotzdem scheint man selbst eine überaus wichtige Person zu sein, die im Netzwerk von jemandem noch zu fehlen scheint, auch wenn man die Person selbst in der Regel jedoch ungefähr so gut kennt wie die Einwohnerzahl von Recklinghausen.

Genauso wie man selbst diese Anfragen als irritierend empfindet, sollte man selbst nicht wahllos Menschen auf den Online-Plattformen hinzufügen, in der Hoffnung, das eigene Netzwerk zu vergrößern. Denn wer weiß, vielleicht hat diese unbekannte Person einem ja wirklich irgendwann mal etwas zu bieten. Diese Strategie führt langfristig aber eher dazu, dass der Wert, den die digitalen Plattformen haben, schwindet. Konkretes wird sich dort nur durch Zufall ergeben und die eigene Timeline quillt über von Content, der für einen selbst und das eigene Networking nur bedingt relevant ist.

Wer sich seiner eigenen Erwartungen diesbezüglich nicht bewusst macht, erntet sogar obendrein noch Frust. Selbst nach dem 100sten Like und dem 50sten Kommentar kommt keine Antwort von der Person, der man in der Kontaktanfrage doch extra noch geschrieben hat, dass sie ein interessantes Profil hätte und ein wertvoller Kontakt wäre. Das Problem: Man selbst hat diese Person noch nie getroffen. Der Wunsch, möglichst viele Kontakte zu haben, kompensiert in vielen Fällen die fehlende inhaltliche Positionierung.

Die Sehnsucht nach der eigenen Bedeutsamkeit und der Freundschaftskomplex sollten aber eines nicht verdecken: das unglaubliche Potenzial von Xing, LinkedIn oder Twitter. Die digitalen Plattformen ermöglichen es dir, schnell und unkompliziert Kontakt zu spannenden Persönlichkeiten aufzunehmen. Das Geheimnis dabei ist: dafür brauchst du nicht 1000 Kontakte in petto zu haben. Dazu reicht in aller Regel eine kurze, freundliche persönliche Nachricht, in der du vielleicht ein Lunch-Date vorschlägst.

Beim Netzwerken auf den digitalen Plattformen ist es so ähnlich wie beim Online-Dating. Stell dich in einem guten Licht dar, mach dich aber nicht 1000-mal besser als du in Wirklichkeit bist. Sei proaktiv, achte aber auch darauf, dass du deinem Gegenüber nicht auf den Senkel gehst. Und nicht zuletzt: Bestimmte Dinge solltest du nicht aussprechen, sonst geht der Zauber des Ganzen verloren. Sprich: Du musst niemanden explizit darauf hinweisen, dass du nun 37 Links von ihm oder ihr geteilt hast und nun der oder die andere dran ist, dich zu unterstützen.

Klasse statt Masse: So findest du die "richtigen" Kontakte

Seriöse und unseriöse Kontaktanfragen gehören aber trotz alledem inzwischen zur täglichen Routine und damit auch zu den Herausforderungen beim Netzwerken. Anfragen von Personen, deren Namen ich noch nie gehört habe und die ohne persönliche Ansprache ankommen, lehne ich beispielsweise aus Prinzip ab. Vernetzen nur um des Vernetzens Willen – so funktionieren die digitalen Netzwerke meiner Überzeugung nach nicht. Beim Networking geht es schließlich nicht darum, einen Pokal für die meisten Kontakte zu gewinnen!

Aber folgende Frage ist berechtigt: Wie kommst du mit den Personen in Kontakt, die dich wirklich interessieren?

Zehn qualitativ hochwertige Kontakte, die auch den Hörer abnehmen, wenn du sie anrufen würdest, helfen dir unter Garantie mehr weiter als 1500 Kontakte, zu denen du keinerlei Verbindung hast. Denn beim Networking muss dich die Person auch zuordnen können und es geht viel um Sympathie! Oder würdest du jemandem einfach so helfen, weil er oder sie dich bei Xing angeschrieben hat und behauptet, dein Profil interessant zu finden?

Wenn Du zu einer Person noch keinen Draht hast, aber Kontakt suchst, dann verfasse eine kurze Nachricht dazu! Schreibe darin, welche Themen dir wichtig sind – keine Romane! – und dass es einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt geben könnte.

Content is King – Quality is Queen!

Der erste Schritt, den du machen kannst, um an die "richtigen" Kontakte zu kommen, ist zu verinnerlichen, dass Qualität immer vor Quantität geht. Wenn du also zu einem Event gehst, nimmt dir nicht unbedingt vor, 10, 15 oder 20 neue Kontakte zu finden oder deine Visitenkarte so oft wie möglich an den Mann oder die Frau zu bringen. Verlasse dich mehr auf dein Bauchgefühl. Welche Geschichten berühren dich? Welche Fähigkeiten haben andere, die du vielleicht nicht hast? Wenn du immer darauf achtest, dass Klasse vor Masse geht, wirst du sehen, dass dein Netzwerk automatisch durch Menschen bereichert wird, die du ebenso gerne unterstützen würdest wie umgekehrt.

Erst dann kann der zweite wichtige Schritt folgen und auch hier ist Qualität wieder Queen. Denn Qualität heißt eben auch, Qualität in die Beziehung zu deinen Kontakten zu bringen. Wenn einer deiner Kontakte etwas postet, das du gut findest, weil es sich beispielsweise mit deinen Themen überschneidet, oder weil es einfach ein wichtiges Anliegen für diejenigen oder denjenigen ist, dann unterstütze sie, ohne dass sie dich unbedingt darum bitten. Ein Like, ein kurzer Kommentar oder das Teilen eines Posts dauern nicht lange, kann aber viel bewirken. Die Kunst besteht auch hier darin, das richtige Maß zu finden. Du solltest weder zum Stalker oder zum Schatten einer Person noch zum Spammer werden, der alles teilt und kommentiert, was in deiner Timeline erscheint. 

Das richtige Hobby kann den Lebenslauf aufwerten.

Matching: Wie treffe ich die richtigen Menschen?

Du kannst aber noch mehr tun, wenn du Menschen treffen willst, die total matchen. Deine Aufgabe dabei ist es, dir darüber Gedanken zu machen, was du den Leuten bieten kannst. Das heißt nicht, dass du gleich ins Geschäft der Jobvermittlung einsteigen musst. Oft sind es Kleinigkeiten, die den großen Unterschied machen. Das kann ein Tipp im Freizeitbereich sein, das kann ein spannender Text sein, den du entdeckt hast, das kann aber auch der Hinweis auf ein Projekt sein, von dem du gehört hast, das sehr gut zu der Expertise einer deiner Kontakte passt.

Wenn du Networking auf diesem Level betreibst, dann wird eigentlich von selbst klar, warum es hier nicht um Masse gehen kann. Darum ist es so wichtig, auch bei den Online-Netzwerken nicht irgendwelche Personen hinzuzufügen, die dir einfach eine Einladung schicken. Du musst dich immer fragen: Was möchte ich von der Person? Was bin ich bereit zu geben? Letzteres ist dabei entscheidend. Denn Netzwerken beruht immer auf dem Prinzip von Geben und Nehmen. Dabei steht das Geben nicht durch Zufall an der ersten Stelle.

Das heißt in der Konsequenz, dass du bereit bist, etwas zu geben – sprich: andere zu unterstützen, dich um sie Gedanken zu machen, dich ab und zu zu melden oder auch nur, indem du ein Vorbild für andere bist, ohne direkt etwas dafür zu bekommen. Netzwerken – zumindest dann, wenn es nachhaltig verstanden und betrieben wird – beruht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Hilfst du mir, dann helfe ich dir. Dabei gilt dieses Prinzip vor allem dann, wenn es unausgesprochen bleibt. Du musst nie dazu sagen, dass die- oder derjenige dir jetzt aber etwas schuldig ist, weil du etwas für sie oder ihn gemacht hast. Vielmehr ist es so, dass man die "Magie" sogar damit zerstört. Denn beim Netzwerken gibt man ein Stück weit freiwillig, und nicht nur, weil man etwas dafür haben möchte.

Challenge: Räum mal so richtig auf!

Gehe durch deine Kontaktlisten und lösche alle Kontakte von Personen, die du im Grunde gar nicht kennst. Gehe ein zweites Mal durch die Liste und frage dich, welche von deinen Kontakten du ohne Probleme anrufen würdest, ohne dass diese es seltsam fänden, dass du dich telefonisch bei ihnen meldest. Und wo du gerade dabei bist: Wem wolltest du ohnehin schon seit längerer Zeit mal wieder schreiben oder tatsächlich anrufen? Das ist die Gelegenheit!

Der Text ist ein Auszug aus Tijen Onarans Buch "Die Netzwerkbibel: Zehn Gebote für erfolgreiches Networking", erschienen am 27. Januar 2019 bei Springer

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