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Stress im Alltag Wenn der Weg zur Arbeit krank macht – so ungesund ist Berufspendeln

Berufsverkehr in Berlin
Rushhour in Berlin: Pendeln kann krank machen
© Robert Schlesinger/ / Picture Alliance
Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland ist zum Pendeln verdammt. Befristete Arbeitsverhältnisse und überteuerte Mieten zwingen sie in Auto und Bahn. Das kann auf Dauer krank machen.

Wer in Koblenz als Pendler unterwegs ist, braucht spätestens seit dem Februar 2019 starke Nerven. Großbaustellen, gesperrte Fahrbahnen, Umleitungen - ein Ende ist nicht in Sicht. Vielmehr müssen sich die Koblenzer auf zehn Jahre Verkehrsbehinderung einstellen. Die Südbrücke wird saniert, danach soll die Pfaffendorfer Brücke folgen. "Das wird eine echte Herausforderung für die Koblenzer und die vielen Pendler", sagt  Bernd Cornely, Landesbetrieb Mobilität in Koblenz dem "SWR". 

Solche Nachrichten sind eine Hiobsbotschaft für Pendler. Sie müssen sich eh schon mit tausenden anderen Berufsreisenden rumschlagen. Baustellen werden dann zum Super-Gau. Mehr als jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland muss zu seiner Arbeitsstelle pendeln, insgesamt sind es rund elf Millionen Menschen, so das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Laut der Definition des Instituts müssen diese Arbeitnehmer mehr als eine Stunde pendeln.Laut einer Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung pendelten 2018 19,3 Millionen Menschen zur Arbeit. 2019 pendelten insgesamt 3,4 Millionen Menschen in ein anderes Bundesland zur Arbeit. Seit dem Jahr 1999 sind fast 1,9 Millionen Pendler dazugekommen. Auch der Pendlerweg hat sich verlängert: Im Jahr 200 war der Arbeitsweg noch durchschnittlich 15 Kilometer lang, 2018 waren es schon fast 17 Kilometer.

Gründe fürs Pendeln

Mobil für den Job sein - das fordern Arbeitgeber. Doch das Pendeln hat Gründe. Einer davon: Sind bei Paaren beide Partner berufstätig, ist Pendeln oft die einzige Möglichkeit, so das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Gerade bei sehr gut ausgebildeten oder hochqualifizierten Mitarbeitern finden nicht beide einen passenden Job in Wohnortnähe. Mindestens einer der Partner muss dann längere Wege zur Arbeit auf sich nehmen.

Aber auch befristete Arbeitsverträge haben Einfluss. Denn wer zieht schon für einen Job um, den er nur für ein, zwei Jahre hat? Wird die Befristung dann noch einmal verlängert, stecken Arbeitnehmer schnell für mehrere Jahre in der Pendel-Falle. Ein weiterer Grund sind die hohen Mieten in den Ballungsgebieten. Hier sind gerade Arbeitnehmer mit niedrigen und mittleren Abschlüssen und somit auch geringeren Einkommen betroffen, fand Quantum Research Unit heraus. Sie werden aus den Städten durch die hohen Mieten verdrängt und wohnen im Speckgürtel der Großstädte. Allerdings: Auch dort ziehen die Mieten in den vergangenen Jahren empfindlich an. "Die Marktanspannung der Metropolen schwappt zunehmend auf ihr jeweiliges Umland über", so André Scharmanski, Leiter Research bei Quantum. Das Resultat: Die Menschen ziehen immer weiter raus - und pendeln immer längere Strecken.

Weniger Krankschreibungen, aber psychisch krank

Dass Pendeln belastetet, ist klar - aber macht es auch krank? Die Techniker Krankenkasse untersuchte in der Studie "Mobilität in der Arbeitswelt", inwieweit Arbeitnehmer unter den langen Wegen zur Arbeit leiden. Das Ergebnis: Tatsächlich waren die pendelnden Mitarbeiter nicht so häufig krank geschrieben, wie ihre Kollegen, die kürzere Arbeitswege haben. Allerdings litten Berufspendler deutlich häufiger unter psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen.

"Die psychisch bedingten Fehltage liegen damit bei Pendlern fast elf Prozent höher, bei den Frauen liegt die Differenz sogar bei rund 15 Prozent", berichtet das "Ärzteblatt" über die Studie. "Erste Symptome sind meistens ein schlechter Schlaf - also Einschlaf- oder Durchschlafprobleme. Zudem bekommen Pendler in der Regel zu wenig Schlaf, weil sie früh raus müssen. Dann gibt es häufig Probleme mit dem Bewegungsapparat, weil Pendler zwar dauernd unterwegs, aber dennoch immobil sind. Sie sitzen lange im Zug, im Auto und bewegen sich zu wenig. Zusätzlich fehlt mehr als bei Nicht-Pendlern die Zeit für Sport", sagt Steffen Häfner, Chefarzt der Abteilung für Verhaltensmedizin und Psychosomatik an der Rehabilitationsklinik Dekimed in Bad Elster, der sich seit Jahrzehnten mit Berufspendelei beschäftigt, zum "SWR". "Viele gestresste Pendler reagieren auch vegetativ, Bluthochdruck ist nicht selten. Auch ein gestörtes Essverhalten ist häufig zu beobachten, es wird zu unregelmäßig und zu ungesund gegessen. Insbesondere Autopendler haben zudem ein erhöhtes Risiko, Übergewicht zu entwickeln." Auch schlechtere Zähne habe er bei Pendlern beobachtet - nicht, dass die mit Zahnlücken herumlaufen würden. Aber es bliebe eben für Zahnarztbesuche weniger Zeit, so der Mediziner." 

Arbeitsweg nutzen

Doch nicht jeder Pendler muss auch automatisch krank werden durch den langen Arbeitsweg, weiß der Experte. Es gehe um die Nutzung dieser Zeit. Hier haben Bahn-Pendler einen Vorteil: Sie können die Zeit nutzen, ohne sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen. Lesen, Musik oder Podcasts hören, private Kleinigkeiten erledigen - das entlastet auch die deutlich reduzierte Freizeit. Ob Pendeln krank macht, hat der Arbeitnehmer also auch ein wenig selbst in der Hand.

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