HOME

Richtig Netzwerken: Visitenkarten tauschen - und was die meisten dabei falsch machen

Wer viele Visitenkarten austauscht ist ein guter Netzwerker? Networking-Expertin Tijen Onaran erklärt, was das Problem am Visitenkartenroulette ist - und wie man es richtig spielt.

Visitenkarten

Visitenkarte ausgetauscht - und dann?

Getty Images

Ganz gleich in welcher Branche du unterwegs bist – es wird überall gespielt: das allseits beliebte Spiel "Visitenkartenroulette". Das funktioniert so: Bei jeder Veranstaltung wird das Rad erneut gedreht und die Visitenkarten wandern. Jeder bekommt von jedem eine Karte und abschließend wandern sie allesamt in eine Schublade im Schreibtisch, um in 80 Prozent der Fälle vergessen zu werden. Dieser Umgang steht in einem eklatanten Missverhältnis zur Situation der Übergabe.

Wir empfangen eine Visitenkarte mit einer gewissen Ehrfurcht. Wenn man dieses Hochgefühl besonders stark zum Ausdruck bringen möchte, kann man das kleine Papier – wie es in Japan so üblich ist – gleich mit beiden Händen entgegennehmen. Anschließend wird es von vorne und hinten betrachtet und, wenn es angebracht ist, sogar gelobt. Steht man tatsächlich einer Person aus Japan gegenüber, entscheidet die Betrachtungsdauer der Karte darüber, ob man sich vielleicht sogar unhöflich verhält! Insofern ist hier durchaus Vorsicht geboten und es lohnt sich, die Spielregeln zu kennen.

Tijen Onaran

Tijen Onaran ist Gründerin des Netzwerkes "Global Digital Women" und der Digital-Beratung "startup-affairs". Der Text ist ein Auszug aus ihrem neuen Buch "Die Netzwerkbibel: Zehn Gebote für erfolgreiches Networking", erschienen am 27. Januar 2019 bei Springer

Hier kommt der Haken an der Geschichte. Wer erst einmal Visitenkarten ausgetauscht hat, macht innerlich einen Haken hinter die Begegnung. Getroffen, unterhalten, Visitenkarten ausgetauscht. Passt, fertig. So funktioniert Netzwerken aber nicht. Wenn du dieses Spiel einen ganzen Abend lang betreibst und jemand dich auch nur nach einem Detail zu jeder Person fragen würde, von der du die Visitenkarte erhalten hast, würdest du staunen, wie wenig übrig bleibt. Aber es gibt noch ein zweites Problem. Auf jeder Visitenkarte steht in der Regel direkt unter dem Namen die Positionsbezeichnung.

Die Position ist nicht so wichtig

Eine Steigerung ist noch möglich: Manchmal stehen die Positionen sogar über dem Namen. Viele achten in der Situation, in der eine so ausgestattete Visitenkarte ins Spiel kommt, dann viel zu sehr auf die Position. Das Kalkül ist klar. Je "höher" jemand in einem Unternehmen positioniert ist, desto wichtiger ist er natürlich und umso wichtiger ist es, sich mit dieser Person zu vernetzen. Das heißt, dass die Hierarchie im Vordergrund steht. Das Denken in Hierarchien ist jedoch meiner absoluten Überzeugung nach eines der schlimmsten Übel beim Netzwerken.

Warum sollte die Geschichte oder die Meinung von jemandem weniger interessieren oder berühren, nur weil er noch nicht die Gelegenheit hatte, in einem Unternehmen aufzusteigen? Wer sagt denn, dass es wahrscheinlicher ist, mit jemandem gemeinsam ein Projekt auf die Beine zu stellen, nur weil diese Person eine bestimmte Position hat? Meiner Erfahrung nach macht der Fokus auf die Position einer Person auch den Austausch in der Situation bei einem Event schwierig. Es wird wichtiger, welche Position eine Person hat als die Frage, für welche Themen sie steht.

Was tun mit dem Stapel Visitenkarten?

Ein weiterer Grund, der Visitenkartenroulette zu einem so ineffektiven Networking-Ritual macht: Was bringt es dir, wenn du am nächsten Tag einen Stapel Visitenkarten mit nach Hause bringst? Gehst du wirklich Karte für Karte durch, erinnerst dich an ihre Geschichten und Themen, fügst die Menschen in deinen Netzwerken hinzu und schreibst ihnen vielleicht sogar noch eine persönliche Nachricht? Hier beweist es sich wieder einmal, dass Klasse über Masse geht. Wenn du Networking effektiv betreiben willst, hol dir (wenn überhaupt) nur ganz gezielt eine Visitenkarte von genau den Menschen, mit denen du wirklich in Kontakt treten willst.

Ganz anders sieht es aus, wenn du einen Abend lang versuchst, nicht an dem Spiel teilzunehmen bzw. die Regeln zu brechen, oder sagen wir: zu verändern oder zu variieren. Anstatt deinem Impuls nachzugeben und nach deiner Visitenkarte zu greifen, suche nach weiteren Anhaltspunkten im Gespräch und der Geschichte deiner Gesprächspartnerin oder deines Gesprächspartners. Wo siehst du Anknüpfungspunkte? Welche Themen interessieren dich besonders? Hast du einen Stift dabei, dann schreibe etwas auf deine Karte, bevor du sie überreichst.

Wenn du am Visitenkartenroulette teilnimmst, dann sorgst du so dafür, dass es dabei nicht um ein bloßes Ritual geht, sondern du bewusst damit umgehst. Dabei sind Empathie und ein echtes Interesse für dein Gegenüber genauso hilfreich wie eine gesunde Neugier. Ein gutes Netzwerk aufbauen heißt schließlich nicht, Visitenkartenroulette auf Events zu spielen, sondern Gespür für Menschen, deren Geschichten und Themen zu entwickeln.

Sofort vernetzen

Wenn ich meine Visitenkarte an jemanden gebe, verbinde ich es meist mit der Frage danach, über welches Netzwerk ich die Person am liebsten hinzufügen darf. Zum einen lernt man so direkt eine weitere Facette kennen – nennt jemand als erstes Twitter oder LinkedIn? Zum anderen finde ich das Vorgehen auch einfach sehr praktisch, denn es spart später Zeit, die Person in allen möglichen Kanälen suchen zu müssen. Manchmal wird so auch direkt ersichtlich, welche gemeinsamen Kontakte man hat und bei der Kontaktaufnahme kannst du Bezug auf eure Begegnung nehmen.

Challenge: Visitenkartenroulette

Für Anfänger: Du hast noch keine Visitenkarte? Beschaffe dir auf jeden Fall eine – es gibt durchaus sinnvolle Anwendungsbereiche dafür. Im schlimmsten Fall kannst du einfach beim Visitenkartenroulette teilnehmen. Achte beim Design aber auf ein paar Details: Ich finde, dass deine Funktion oder deine Position nicht auf deiner Visitenkarte stehen muss bzw. sollte. Wenn du für jemanden ein interessanter Kontakt bist, hat das nicht nur was mit deiner Funktion zu tun, sondern mit deinen Themen. Vielleicht fällt dir eher etwas ein, wie du deine Visitenkarte so gestalten kannst, dass sofort klar ist, was dein Thema ist.

Zweiter Vorschlag zum Design: Achte darauf, dass nicht nur deine Adresse oder deine Telefonnummer drauf stehen – Wer bekommt heute schließlich noch Briefe oder wird gerne angerufen – schreibe lieber dein Twitter-Handle oder deinen LinkedIn-Namen darauf, damit sich die Leute mit dir direkt vernetzen können.

Für Fortgeschrittene: Du brauchst neue Visitenkarten! (Richtig gelesen.) Du hast bestimmt Visitenkarten und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit steht dort deine Position. Es ist Zeit für etwas Neues. Aber keine Sorge, du musst auch in Zukunft nicht ganz ohne Visitenkarten auskommen. Das Motto lautet ebenfalls: Werde kreativ! Anstatt deiner Position darf zum Beispiel dein Twitter-Handle mit auf deine Karte.  

Der Text ist ein Auszug aus Tijen Onarans Buch "Die Netzwerkbibel: Zehn Gebote für erfolgreiches Networking", erschienen am 27. Januar 2019 bei Springer

Themen in diesem Artikel