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Dreckige Cloud: Wieso Smartphones so viel Strom wie Kühlschränke verbrauchen

Wäre das Internet ein Staat, wäre er der sechst größte Energieverbraucher der Welt. Fast alles, was wir mit Apps anstellen, verbraucht an einem anderen Ort Strom. Meist dreckigen. Doch es gibt Hoffnung - sie kommt aus Nordfriesland.

Windcloud-Chef Karl Rabe blickt auf die treibende Kraft seiner Firma: Wind. Als einziges Unternehmen bietet er Cloud-Dienste aus reinem Ökostrom an.

Windcloud-Chef Karl Rabe blickt auf die treibende Kraft seiner Firma: Wind. Als einziges Unternehmen bietet er Cloud-Dienste aus reinem Ökostrom an.

Die Landschaft sieht aus, als hätte der liebe Gott am Samstagabend noch mal kurz drübergebügelt. Glücklicherweise. Ansonsten gäbe es im nordfriesischen Braderup womöglich nicht genug von dem, das dort oben an der dänischen Grenze eine kleine digitale Sensation antreibt: Wind. Und den satt. Die stete Brise weht von See aus Richtung Sylt über die platte Landschaft und trifft dort auf den Windpark der 660-Seelen-Gemeinde. Windparks sind im hohen Norden eigentlich nichts Ungewöhnliches, der hier jedoch schon: er speichert seine Energie in der modernsten Speicheranlage Europas, einem Hybridspeicher. In den drei bunt angemalten Containern arbeiten zwei Arten von Akkus: die Lithium-Ionen-Akkus gleichen kurzfristige Schwankungen aus, in den Vanadium.Redoxflow-Batterien wird der Strom aus dem Wind länger "aufbewahrt".

Schön platt, gut Wind - Schleswig Holstein versorgt sich zu einem großen Teil über Windkraft mit Strom. Exportieren können die Nordfriesen ihren Windenergie jedoch nicht - es gibt keine Stromtrassen in den Süden. 

Schön platt, gut Wind - Schleswig Holstein versorgt sich zu einem großen Teil über Windkraft mit Strom. Exportieren können die Nordfriesen ihren Windenergie jedoch nicht - es gibt keine Stromtrassen in den Süden. 

Was das mit der kleinen digitalen Sensation zu tun hat? Die schob 2014 eher zufällig der Cloud-Experte Karl Rabe an. "Ich hatte da eine Idee für eine Softwarelösung und suchte im Netz nach Informationen. Schon nach ein paar Seiten war mir klar, wie energetisch dreckig doch die IT ist", erinnert sich Rabe. Wäre das Internet ein Land, wäre es der sechsgrößte Energieverbraucher der Welt, hat Greenpeace errechnet.

Amazon ist ein digitaler Umweltsünder

Die größte Internet-Dreckschleuder ist Amazon. Seine Server versorgt der Gemischtwarenladen hauptsächlich mit Strom aus Kernkraft und Kohle. Und die Rechner haben gut zu tun.  Auf den Serverfarmen des US-Unternehmens werden Netflix,  Spotify und natürlich Amazon Instant Video betrieben. Wer also mit seinem Tablet auf dem Sofa liegt und eine neue Folge seiner Netflix-Lieblingsserie startet, fordert ein paar tausend Kilometer entfernt von einem Prozessor Leistung an. Die Daten des Films werden dann über viele Server im Internet weitergeleitet, was dort ebenfalls Strom verbraucht, bis sie dann auf dem heimischen Bildschirm landen.

Jeder Aufruf für sich mag ein kleiner Energietropfen sein, doch die Masse macht es. Bereits 2015 bildete Videostreaming die Hälfte des globalen Datenverkehrs. Alle Datendienste zusammen, hat Greenpeace vor drei Jahren in einer Studie ermittelt, verbrauchen 700 Milliarden Kilowatt Strom – mehr als Deutschland.

Der grüne Apple

Apple steht im Ranking der digitalen Umweltsünder ziemlich grün da. Rund 83 Prozent des Stroms für die Apple-Dienste wie iTunes kommen aus erneuerbaren Quellen wie Solarenergie, Geothermie und Wasserkraft. Vorbildlich.

Den Wert könnte man toppen, mag sich Rabe gedacht haben. Seine Idee: Ein Cloud-Rechenzentrum zu einhundert Prozent betrieben mit grüner Energie. Die Windräder waren da, auch eine 100 Gigabit Glasfaserleitung. Doch was ein Rechenzentrum für den Betrieb brauchte waren Stromspeicher. "Mein Onkel ist einer der Gesellschafter im Windpark Braderup. Ich rief ihn an, schilderte meine Idee und er erzählte mir von dem gerade in Betrieb genommen Speicher", umreißt Karl Rabe die Gründung seiner Firma friesisch knapp.

Windcloud-Chef Karl Rabe vor einem der Windräder im Windpark Barderup in Nordfriesland. Allein mit der Energie aus dem Wind betreibt er ein Rechenzentrum. Die IT produziert weltweit genauso viel Schadstoffe wie der Flugverkehr.

Windcloud-Chef Karl Rabe vor einem der Windräder im Windpark Barderup in Nordfriesland. Allein mit der Energie aus dem Wind betreibt er ein Rechenzentrum. Die IT produziert weltweit genauso viel Schadstoffe wie der Flugverkehr.


Bio kann auch günstig sein

So entstand "Windcloud", das erste Rechenzentrum  mit einem direkten Anschluss an einen Windpark. 90 Prozent der Energie kommen unmittelbar aus den Windmühlen, acht Prozent aus dem Speicher und zwei Prozent steuert die nahegelegene Biogasanlage bei. Mehr Bio geht nicht. Für Außenstehende mag das nicht nach digitaler Revolution klingen, für die Branche der Rechenzentren ist es jedoch genau das. "Es gibt derzeit keinen Zweiten, der so wahnsinnig ist wie wir", sagt Rabe.

Betreiber von Rechenzentren seien "Risikoavers". In Umgangssprache übersetzt: Sie reagieren hochallergisch  selbst auf  die geringste mögliche Gefahr für den laufenden Betrieb. Und die Energieversorgung steht  ganz oben auf der Liste ihrer Ängste. Insofern hat  Rabe durchaus Verständnis für Amazon. Industriestrom sei eben jederzeit in jeder Menge abrufbar. Bei einem Geschäft dieser Größe sei diese Sicherheit von Vorteil.

Doch Windcloud  ist von solchen Dimensionen weit entfernt. Noch kaufen sich hier Start-Ups und Mittelständler Datenspeicher, Serverleistungen oder Cloud-Dienste ein. Durch den günstigen Strom kann Rabe seine Dienste um dreißig Prozent unter den üblichen Marktpreisen anbieten. Möglicherweise die einzige Branche, in der das Bio-Produkt weniger kostet als die Industrieware.

Das Smartphone frisst Energie wie ein Kühlschrank

Weltweit boomen die Cloud-Dienste. Die Cloud ist der Rechner im Netz an den man Daten schickt, sie dort verarbeiten lässt und dann wieder bereitgestellt bekommt. Im Alltag sind das etwa Online-Banking, Anfragen bei Suchmaschinen, Facebook und Streaming-Dienste. Praktisch alle Apps von iOS und Android zählen zu dieser Gattung. Selbst Firmen verzichten immer häufiger auf eigene Rechenzentren und lagern ihre IT an große Cloud-Dienstleister aus. In der Energiebilanz ist das sinnvoll, da große Rechenzentren die Kapazitäten besser auslasten können, als kleine Firmen, in denen die Server oft die Hälfte der Zeit ungenutzt vor sich hin brummen.

Doch ausgerechnet der Erfolg der Cloud-Dienste frisst seine Kinder, sprich seine Energieeinsparung, meint das Borderstep Institute, eine gemeinnützige Forschungseinrichtung in Berlin. So errechneten die Forscher, dass ein Smartphone in Summe mehr Strom verbraucht als ein moderner Kühlschrank. Die Akkuleistung fiele dabei kaum ins Gewicht, es seien die vielen Apps, die wir täglich nutzten und die dann in der Cloud Rechenleistung abforderten: Eine Google-Anfrage hier, ein You-Tube-Video dort, ein wenig  "Whatsappen", auf Instagram surfen oder "Snapchatten". Bei derzeit 2, 5 Milliarden Smartphones weltweit muss sich die IT über ihre Energiequellen langsam Gedanken machen. Und diese Zahl wird wachsen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat bereits das nächste Ziel im Visier. Er will in Schwellen- und Drittwelt-Ländern die nächste Milliarde Menschen mit einem Smartphone auszustatten.

"Wir werden von anderen Cloud-Anbietern aber auch Energieversorgern sehr genau beobachtet", sagt Rabe. Schließlich könnte die günstige grüne Energie der heilige Gral bei den IT-Dienstleistungen werden. Für Braderup ist Windcloud schon jetzt der perfekte "Stromveredler", der den Wind in Daten und dann in Geld umwandelt.  

  • Henry Lübberstedt