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"Team Wallraff" Vorwürfe gegen Amazon: Reporter berichten von Ausbeutung, Überwachung und Retourenvernichtung

Günter Wallraff und sein Reporterteam haben die Arbeitsbedingungen bei Amazon recherchiert
Günter Wallraff und sein Reporterteam haben die Arbeitsbedingungen bei Amazon recherchiert
© TV Now
Reporter der RTL-Sendung "Team Wallraff" stellen den Logistikriesen Amazon an den Pranger: Sie berichten von einem System der Ausbeutung, Überwachung und Angst.
Amazon ist der erfolgreichste Onlinehändler der Welt, doch der Konzern steht auch immer wieder in der Kritik. Nun erheben Reporter der RTL-Investigativsendung "Team Wallraff" schwere Vorwürfe. Demnach kommt es im deutschen Logistiknetzwerk von Amazon vielfach zu Verstößen gegen das Arbeitsrecht, zu Lohndumping und auch zur systematischen Vernichtung von Neuware. "Wir haben monatelang recherchiert und was wir gefunden haben, war ein System der Ausbeutung und Überwachung und Angst", berichtet eine "Team Wallraff"-Mitarbeiterin dem stern.
Die Reporter sprachen mit Lagerarbeitern, Lkw-Fahrern und Paketboten - und mit sogenannten "Zerstörern", die für die Vernichtung von Waren zuständig sind. "Zwei Probleme finden sich in allen Bereichen des Konzerns immer wieder: Überwachung und hohe Arbeitsbelastung", fasst Reporter Alexander Römer die Recherchen zusammen. 

Ein Sumpf an Sub-Unternehmern

Römer war im Zuge der Recherchen selbst als Paketfahrer im Auftrag von Amazon unterwegs. Dabei musste er feststellen, dass Amazon für seine eigene Lieferflotte auf ein Geflecht aus Sub-Unternehmen setzt, die teils mit fraglichen Methoden operieren. Gesetze, die den Arbeitnehmer schützen, würden dort längst nicht immer eingehalten, sagt Römer.

Der Reporter berichtet von schrottreifen Lieferwagen und unbezahlten Überstunden, nicht einzuhaltenden Pausenzeiten und fehlenden Möglichkeiten, auf Toilette zu gehen. Manch ein Fahrer sehe sich gezwungen, in eine Flasche zu pinkeln. Zudem herrsche ein allgemeiner Zeit- und Leistungsdruck, der dadurch verstärkt werde, dass der stets mitgeführte Scanner alles trackt, was der Paketbote tut – bis hin zum Beschleunigungs- und Bremsverhalten des Paketfahrers. Das Fazit des Team-Wallraff-Reporters: "Arbeitsschutzregeln werden entweder absichtlich umgangen oder es wird zumindest nicht so genau hingeschaut."

Amazon reagierte auf die Vorwürfe von "Team Wallraff" mit einer Stellungnahme, die auch dem stern vorliegt. Darin heißt es, die Mehrheit der Unternehmen, die für Amazon arbeiten, seien zuverlässige Partner. Es sei aber "leider eine Tatsache, dass es in der Zustellungsbranche Unternehmen gibt, die die Vorschriften nicht einhalten, und es kann für ein Unternehmen schwierig sein, sie alle direkt offenzulegen". Sollten Überstunden anfallen, müssten diese vergütet werden. Der Einsatz einer App zur Überwachung des Fahrverhaltens diene der Sicherheit im Straßenverkehr. Zur Toilettenproblematik erklärt Amazon, die App biete stets eine Liste nahegelegener Standorte, die eine Toilette haben. "Es ist jedoch eine Realität für jedes Lieferunternehmen, dass einige Fahrer:innen Schwierigkeiten haben, einen geeigneten Ort zum Pausieren zu finden." 

Sozial- und Lohndumping bei Lkw-Fahrern

Auch bei Fernfahrern, die für Amazon unterwegs sind, berichtet "Team Wallraff" von untragbaren Zuständen, von Sozial- und Lohndumping. Insbesondere osteuropäische Lkw-Fahrer fahren demnach teils für Subunternehmer, die keinen Mindestlohn zahlen. Zudem seien die Fahrer oft monatelang unterwegs, lebten und schliefen im Lkw, obwohl ihnen eigentlich nach vier Wochen ein Heimaturlaub zustehe.

Amazon erklärt dazu, man arbeite mit einer Vielzahl von Frachtunternehmen unterschiedlicher Herkunft zusammen, darunter mehr als 600 deutsche Speditionen. "Wir verlangen von allen Unternehmen in diesem Netzwerk, dass sie sich an unsere Richtlinien und alle geltenden Gesetze und Vorschriften halten, und wir arbeiten daran, die Einhaltung zu überprüfen. Es kann immer einige Unternehmen oder Einzelpersonen geben, die sich nicht an die Regeln halten, und wir entdecken sie gegebenenfalls nicht immer sofort." 

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Waren aus Deutschland in Polen zerstört

Das Thema Retourenvernichtung hat "Team Wallraff" ebenfalls recherchiert. In diesem Zusammenhang sorgte vor einiger Zeit bereits eine Recherche von Greenpeace im niedersächsischen Winsen für Aufsehen. Die Umweltschützer legten Ende 2019 offen, dass im dortigen Werk selbst neuwertige Waren vernichtet wurden, um Lager- und Rücksendekosten zu sparen. Amazon hatte dazu erklärt, dass nur sehr wenige Produkte verschrottet würden.

Die RTL-Reporter haben nun mit mehreren Informanten gesprochen, die berichten, dass in Polen im großen Stil Amazon-Ware aus Deutschland vernichtet werde. Eine Amazon-Mitarbeiterin, die in einem Lager bei Kattowitz als "Zerstörerin" arbeitet, haben die Reporter auch getroffen. Sie erzählt, dass sie auch Neuware aus Deutschland zerstöre. Amazon sagt dazu: "Unsere Priorität ist der Wiederverkauf, die Spende oder das Recycling dieser Gegenstände - in dieser Reihenfolge. Nur als allerletztes Mittel werden wir Produkte zur energetischen Verwertung schicken."

"Team Wallraff" zum Thema Amazon läuft am 9. September um 20:15 Uhr auf RTL oder im Anschluss auf TVNow


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