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"Restposten": Non-Food-Discounter: Billig ist angesagt – aber wo bloß kommt der ganze Ramsch her?

Billig – da stehen wir doch drauf: Ramsch-Märkte durchziehen das gesamte Land. Wo kommt der Krempel her? Und wer verkauft ihn?

Von Rolf-Herbert Peters

Billig ist angesagt. Wo bloß kommt der ganze Ramsch her?

Die Preise sind im freien Fall: Billigware auf einer Messe für Großhändler in Köln

Montagmorgen – und das E-Mail-Postfach von Ulrich Zimmermann ist schon wieder prall mit Ange­boten gefüllt. Der 68-Jährige betrachtet sie durch eine silberne Brille: "Das hier kommt aus ­China. 120.000 Kaffeebecher.“ Eigentlich, sagt die Mail, habe Kaufland die Gefäße bestellt. Sie konnten aber nicht pünktlich geliefert werden. Jetzt wollen die Chinesen sie für 42 Cent pro Stück irgendwie loswerden. Zimmermann streicht sich durch sein graues Haar: "Mmh, könnten wir für 79 Cent verkaufen. Aber 120.000? Das ist mir zu viel.“

Die nächste Offerte: Ein Krefelder Insolvenzhändler bietet 2414 Popcorn-Automaten von Coca-Cola à 13,90 Euro an. Ware, die eigentlich in Frankreich und Dänemark verkauft werden sollte. "Da ist wohl ’ne Aktion geplatzt“, sagt Zimmermann. "Mal schauen, was geht…“ Eilig klickt er mit der Maus durch sein Warenwirtschaftssystem. "Bei uns wird jeder Furz und Feuerstein vom Computer erfasst!“ Nach einer knappen Minute winkt er ab: "Zu teuer. Wir hatten die Dinger schon mal für 9,99 Euro im Verkauf.“

Zimmermann, Betriebswirt und Chef der Discountkette "Zimmermann“, ist ein Postenjäger. Unentwegt lauert er Ware auf, die die Überfluss-Industriegesellschaft billigst abwirft. Stimmt der Preis, macht er schnell Millionen locker. "Wer zuletzt bestellt“, sagt er, "den bestraft das Leben.“ Was er kauft, ist ihm ziemlich egal – Klobürsten, Waschpulver, Damenbinden, Schlauchboote, Filzschreiber, Osterhasen, Bratpfannen, Partyschmuck, Spielzeugpanzer. Er legt auch keinen Wert auf Qualität, "die können wir gar nicht abbilden“. Er nimmt einfach alles, was sich auch nur mit ein paar Cent Gewinn in seinen 41 gelb-roten Filialen zwischen Oldenburg, Mainz und Magdeburg verhökern lässt.

Maggi aus Polen

Maggi aus Polen

Die Kargheit seiner Läden lässt an die Ur-Aldis denken. Außerdem riechen sie alle gleich: süßlich-­chemisch. Für 77 Cent bekommt man ein Glas Krautsalat oder eine LED-Solarlampe. Für 1,99 Euro eine Lesebrille oder drei Liter Energydrink. Für 3,99 Euro Crocs-Imitate oder zwei verrostete Metallkatzen als Vorgartenschmuck. Und für 7,99 Euro 15 blasse Bratwürste oder Pferdebettwäsche. "Mehr als du denkst!“, heißt der Firmenslogan – und die Kunden füllen ihre Einkaufswagen, als gäbe es kein Morgen. Am Ende bezahlen sie durchschnittlich 13 Euro. "Das Geheimnis ist“, sagt Zimmermann, "man muss ihnen immer idiotischere Preise bieten.“

Batman-Drohnen und Kaffee

Der Chef überfliegt noch ein paar Mails. Ein Italiener trägt ihm Jacobs-Krönung-Kaffee an, 500 Gramm für 2,61 Euro, mit baltischem Aufdruck. Wahrscheinlich Re-Importware aus Litauen, wo Lebensmittel viel billiger sind. "Da müssten wir ein deutsches Etikett draufkleben.“ Ein ­Holländer hat 1176 Batman-Drohnen aus einer Havarie, ein Deutscher palettenweise Milka-Schokolade, 100 Gramm für 49 Cent. Zimmermann lässt wieder die Maus kreisen: "Globus in Leipzig verkauft Milka gerade für 55 Cent. Zu wenig Marge also, selbst wenn man den Preis noch ein paar Cent drückt.“

Vor dem Bürofenster docken Lkws an die Lagerhalle an und laden ihre Paletten ab. 20 bis 25 Lieferanten kommen jeden Tag. Der Bedarf der Zimmermann-Filialen ist immens, sechs Einkäufer sind im Dauereinsatz. Am liebsten mögen sie es groß: Vergangenes Jahr hat Zimmermann die komplette Konkursmasse eines großen Aldi-Lieferanten, der bayerischen Royalbeach Spielwaren und Sportartikel Vertriebs GmbH, auf­gekauft: 9000 Viermannzelte, 4500 Dreimannzelte, 4000 Zweimannzelte, Aufblasmatratzen und -pools und noch vieles mehr. Ware für 3,5 Millionen Euro. Nach vier Monaten war so gut wie alles weg.

In der Branche gilt er als ein Urvater des Billiggewerbes. Als Postenkönig. Als er 1982 seine erste Firma mit 5529,32 Mark Eigenkapital eröffnete, war das nicht abzusehen. Erst drei Jahre später entdeckte er die bereichernde Kraft des Ramschs: "1985 bot mir mein Vermieter, ein Schuhhändler, an, mit nach Kanton zu fliegen. Da kaufte er immer ein.“ In der chinesischen Hafenstadt läuft seit 1957 die weltgrößte Messe für Import- und Exportware. "Ich bin aus reiner Neugier mitgereist“, sagt Zimmermann. Auf der Messe entdeckte er einen Stapel Ölbilder, Nachahmungen holländischer Meister, "das Zeug würde heute keiner in die Hand nehmen“. Er aber war bezaubert – und bestellte gleich einen ganzen Container davon. 7000 Stück à 4,99 Mark: "Die Chinesen haben dann wie verrückt gepinselt und goldene Rahmen genagelt. Wir haben die Ölschinken für 9,99 Mark verkauft.“ Seitdem ist er angefixt.

Grillausstellung im Lager

Grillausstellung im Lager

Mit seinem Krempel stand er zunächst ziemlich allein auf weiter Flur. Konkurrenz kam nur langsam auf. Der Resterampe-Zunft haftete ein anrüchiges Image an. Kunden huschten in die Läden, als wären es Sexshops.

37 Jahre später hat sich die Lage gedreht. Billig ist angesagt wie nie zuvor. "Bei uns kaufen Putzfrauen und Professoren“, sagt er, selbst ein stolzer Rotarier. Statistisch öffnet bundesweit jeden Tag mindestens eine Filiale eines Non-Food-Discounters, wie das Genre heißt. Rund 40 Anbieter drängen in die besten Innenstadtlagen. Neben Zimmermann gibt es Tedi, Action, Thomas Philipps, Zeeman, Kodi, Hema, Euroshop, Pfennigpfeiffer, Rusta, Picks raus, Jawoll, Centershop und viele mehr. Rund vier Milliarden Euro setzen sie im Jahr um – prozentual wachsen sie momentan schneller als der Onlinehandel. In einer Zeit, da Traditionsgeschäfte reihenweise dichtmachen müssen, breiten sich die Billigheimer wie Unkraut aus.

Rumpelkammer

"Kommen Sie“, winkt Zimmermann, "gehen wir in die Rumpelkammer.“ Nach ein paar Türen tut sich das gewaltige Lager auf – ein Wimmelbild aus Menschen, Regalen, Paletten und umhersausenden Gabelstaplern. Zwischen Bergen aus Blumenerde, eingeschweißten Leitern, Küchenpapierrollen und Dosenwürstchen steht Zimmermanns Sohn Sven, 33. Er soll mit seinem Bruder Marc-Philip, 32, später einmal das Geschäft übernehmen. Gerade prüft er, ob der Versand der weißen Wäschekörbe in die Zimmermann-Filialen klappt. Die Behälter bestehen aus dünnem Plastik, das nicht den Eindruck macht, als würde es acht Kilo tropfnasse Wäsche überstehen. Sie stammen von irgendwo aus Italien, Sven weiß es nicht genau. Spottbillig auf jeden Fall. Ideale Zimmermann-Produkte. "Einen Wä­schekorb“, sagt Sven, "brauche ich ja immer.“

Was man sonst noch alles so braucht, zeigt sich an einem anderen Tag in Köln. Dort sitzt Ulrich Zimmermann in der Cafeteria der Messehalle 10. Er trägt Jeans und ­offenes Hemd und plaudert über die Usancen seiner Zunft. Normalerweise sind Billigheimer wie er lichtscheu, aber der Postenkönig kann sich Offenheit leisten. "Ich habe 37 Jahre – Grüß dich! – in diesem Haifischbecken überlebt, da kannst du – Hey, wie geht’s? – nicht allzu viel falsch gemacht haben.“ Fast jeder hier kennt ihn, hat er doch die "Internationale Aktionswaren- und Importmesse“ (IAW-Messe) vor 15 Jahren gegründet, um leichter an den Stoff zu kommen.

Lager in der Oldenburger Zentrale

Lager in der Oldenburger Zentrale

Wer über die Messe läuft, bekommt einen Eindruck, was globaler Warenüberfluss bedeutet. Die Produkte der 350 Aussteller aus 17 Ländern türmen sich entlang der Wege. Trinkgläser und Rundgrills, Kleidung und Schuhe, Rasierschaum und Deoroller, Autobatterien und Kopfhörer, Hämmer und Häcksler, Teak-Tische und Weidenkörbe, Kunstweihnachtsbäume und Maniküre-Sets. Woher sie stammen? Diskretion! Die Händler verraten nur: aus Überproduktionen, Retouren, Pleiten, abgebrannten Fabriken. Viele Artikel werden auch eigens für den Ramschmarkt produziert.

Hauptsache, saubere Lager

Immer wieder sind auch Marken­artikel im Angebot: Adidas-Shirts, Pampers-Windeln, Colgate-Zahnpasta. Zimmermann erklärt, dass Konzerne regelmäßig Produkte relaunchen, also die Inhaltsstoffe oder die Verpackung leicht ändern. Dann geben sie die Altware zum Spottpreis ab. "Weg mit Schmerz“, sagt er, "Hauptsache, saubere Lager.“ Händler wie er brauchen Markenartikel für die Wochenprospekte – sie ­locken die Kunden an.

Er nippt am Kaffee. Dann muss er zu seinem eigenen Messestand, schließlich ist er auch Großhändler. Was er in den eigenen Filialen nicht loswird, gibt er an Wettbewerber weiter. In Lkws reist die Ware kreuz und quer durchs Land zum Kunden.

Nun dröhnt Musik durch die ­Halle. Ein Mann, der ein bisschen aussieht wie der Wetteransager Sven Plöger, greift zum Mikrofon. Es ist Moderator Stefan Grimm, den Zimmermanns Messefirma wegen seiner Expertise gebucht hat. Grimm eröffnet die Workshops auf der Messebühne. Auch Postenhändler müssen sich fortbilden, denn selbst für Profis ist dieser graue Markt kaum mehr zu überblicken. Immer mehr Billigware wird über Amazon und Ebay an die Verbraucher verhökert. Noch schneller, noch diskreter.

Grimm selbst betreibt in einem ehemaligen Einfamilienhaus in ­Solingen Europas größte Plattform Restposten.de. Hier treffen Anbieter und Abnehmer aus 97 Nationen aufeinander. Er sagt: "Wir haben allein im vergangenen Monat Produkte im Wert von 2,5 Milliarden Euro bewegt.“ Ständig verfolgt er Preisbildung und Warenströme: "Man kann am Ende nicht richtig nachvollziehen, was in dieser Welt der überschüssigen Wirtschaftsgüter so alles abgeht.“

Auch er hat keine Erklärung dafür, warum die Non-Food-Discounter ausgerechnet in Deutschland so erfolgreich sind. Ein anderer Experte, Joachim Stumpf von der Münchner BBE Handelsberatung, meint: "Wir sind die Schnäppchenjäger Europas.“

Stefan Grimm betreibt die Solinger Plattform Restposten.de. Jeden Monat werden per Internet Ramsch und Posten in ­Milliardenhöhe ­gehandelt. Herkunft: oft unklar.

Stefan Grimm betreibt die Solinger Plattform Restposten.de. Jeden Monat werden per Internet Ramsch und Posten in ­Milliardenhöhe ­gehandelt. Herkunft: oft unklar.

Zimmermann glaubt, dass wir Deutschen, die wir alle im Schnitt rund 10.000 Dinge besitzen und eigentlich nichts mehr brauchen, uns nach Konsumkicks sehnen – die er mit seiner Ware liefert. Sicher ist: Non-Food-Discounter sind keine Armenhäuser. "Mit Kaufkraft hat das alles nichts zu tun“, sagt der Fachmann Stumpf.

Umweltschützer verfolgen den Billig-Boom mit Sorge. "Absoluter Plastikmüll, den niemand braucht“, sagt Viola Wohlgemuth, die Konsum- und Chemieexpertin bei Greenpeace. "Die Produkte sind oft nicht mal UV-beständig, sodass der größte Teil gleich weggeworfen wird.“ Viele seien auch von vorn­herein als "Saisonartikel für nur eine Woche“ ausgelegt. Neben Fast Fashion gebe es inzwischen auch Fast Deko (etwa: Lichterketten) und Fast Furniture (etwa: Badezimmerschränke). "Würde man die Umweltkosten der Ware mit einberechnen, gäbe es solche Läden erst gar nicht“, sagt Wohlgemuth.

In Oldenburg öffnet der Postenkönig Zimmermann eine weitere Tür. Sie führt in eine Ausstellungshalle – so groß wie ein Kaufhaus. ­Regale über Regale mit ansehnlich verpackten Produkten, die er unter dem Label "Haushalt International HI“ in Asien fertigen lässt. Gartenschläuche, Backformen, Handtücher, Ladekabel, Klodeckel, Spaten, Töpfe, Weihnachtskugeln.

Asiatische Billiglöhner

In der Adventsecke zieht er eine LED-Weihnachtsstadt aus dem Regal. Das Holzbauwerk hat die Anmutung der Volkskunst aus dem Erzgebirge. Es wurde aber von asiatischen Robotern aus Sperrholz gelasert. "Den Unterschied sieht man nur an den schwarzen Brandrändern“, sagt Zimmermann. Im Erzgebirge koste so was mindestens 100 Euro, bei ihm 6,99 Euro. Ein Saisonartikel, der nach Gebrauch im Müll landet. Fast Christmas.

Zimmermanns Sohn Marc-Philip, der die HI-Abteilung verantwortet, behauptet, Kunden sperrten sich ­geradezu gegen mehr Nachhaltigkeit. "Würden wir bei Bratpfannen zwei Euro mehr für die Produktion ausgeben, hätten wir sofort ein langlebiges Produkt. Aber eine solche Nachfrage gibt es nicht.“

Und am Ende leiden wieder asiatische Billiglöhner für den deutschen Geiz? Man bemühe sich um anständig zahlende Fabrikanten, sagt Ulrich Zimmermann. "Aber in allen Zeiten hat eine Generation den Hintern herhalten und sich aus­beuten lassen müssen. Wie einst die Weber in Deutschland. Ob ich das gut finde oder nicht.“

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: