HOME

Arbeitsplatz: Warum das Großraumbüro doch keine Vorhölle ist - wenn man es richtig macht

Die einen finden sie motivierend, für die anderen sind sie die Hölle der Arbeitswelt: Großraumbüros polarisieren. Bei der Frage nach dem perfekten Arbeitsraum geht es nicht nur um Produktivität und zufriedene Mitarbeiter.

Arbeiten im Großraum

Arbeiten im Großraum

Die Luft ist muffig, irgendwo keucht und schnupft jemand, der Elektrosmog der vielen Rechner und Monitore heizt die Luft unangenehm auf, ein wabernder Geräuschteppich macht es fast unmöglich, seine eigenen Gedanken zu hören - so oder ähnlich ist die Horrorvision von Großraumbüros. Statt die Produktivität oder gar Kreativität der Mitarbeiter zu fördern, sind es moderne Arbeitslager. Viele Menschen auf zu wenig Raum, ohne Rückzugsflächen. So zumindest die Vorurteile.

Kürzlich machte sich ein Redakteur der "F.A.Z" darüber Luft, wie ätzend das Arbeiten in einem Großraumbüro sei. Immerhin habe er schon in sechs Newsrooms gearbeitet. "Alle hatten mindestens zwanzig Arbeitsplätze, die meisten deutlich mehr. Und kein einziger davon war ein Tempel der Freude", schreibt er.

Großraumbüros - für wen lohnt sich das?

Aber stimmt das so? Was macht Großraumbüros zur ? Sind moderne Bürohallen immer gleich schlecht für Mitarbeiter - und somit auch für Unternehmen? Oder liegt es an der falschen Ausgestaltung einer gar nicht so blöden Idee?

Zunächst muss man sich von dem Gefühl einer Großraum-Rennaissance verabschieden. Schreibsäle gibt es schon seit mehr als 100 Jahren. Doch gerade in den 1980er und 1990er Jahren entstanden  mit Einzel- oder maximal Zweierbüros. Ein Trend, der bei heute gebauten Firmensitzen vorbei ist. Doch statt zu hinterfragen, für welche Mitarbeiter und Teams sich welche Büroform eignet, wurden Wände herausgerissen und die Angestellten in den Großraum geschickt. Dabei ging man wenig geschickt vor. Die Macher der Großraumbüros haben es verbockt.

Großraum macht krank

Das Ergebnis: Wer im Großraumbüro arbeitet, ist häufiger krank, fanden Forscher der Hochschule Luzern heraus. "Je mehr Menschen in einem Büro arbeiten, desto größer ist die Unzufriedenheit mit den allgemeinen Arbeitsbedingungen", sagt Sibylla Amstutz, die die Studie betreut hat, so das "Handelsblatt". Australische Forscher analysierten verschiedene Studien zum Arbeitsplatz und kamen 2009 zu dem Urteil, dass 90 Prozent der Befragten das Großraumbüro als negativ für Psyche und Gesundheit bewerteten. Vor allem der Lärmpegel wird als Belastung empfunden. Tatsächlich kann dauerhafter Krach am Arbeitsplatz krank machen. Aber auch das Licht und die Temperatur wurden als nicht optimal eingeschätzt.

Kosten sparen mit Bürofläche

Kurzum: Wirklich glücklich machen Großraumbüros derzeit nur die Controller der Unternehmen. Denn bis zu 20 Prozent sparen sich die Firmen bei den Büroflächen im Vergleich zum Einzel- oder Zweierbüro. Doch das reichte wohl häufig nicht, denn die Flächen lassen sich noch besser nutzen, wenn nicht jeder seinen eigenen Schreibtisch hat, sondern diese geteilt werden. "Der Ärger fängt direkt mit dem Arbeitsbeginn an, wenn man sich einen Schreibtisch suchen muss. Meist ist einer frei, alle zwei Wochen aber heißt es Warten. Mal zehn Minuten, mal eine ganze Stunde, bis einer frei wird. Eigentlich kein Problem, denn die Uhr tickt und der Arbeitgeber will es ja so. Sinnvoll ist diese Form der 'sharing economy' natürlich trotzdem nicht", schreibt der "F.A.Z"-Kollege. Effizienzmaximierung - aber zu welchem Preis?

Das Problem ist nicht das Großraumbüro, sondern die gelebten Konzepte dahinter. Das beginnt schon bei den Immobilien. Da werden Gebäude, die vor mehr als 30 Jahren errichtet wurden und komplett auf die Einzelraumnutzung geplant wurden, nun von sämtlichen inneren Wänden befreit, ein paar Grünpflanzen abgestellt und die freie Fläche mit Schreibtisch vollgepflastert. Es gibt keine Rückzugflächen, keine Besprechungsräume, keine privaten Nischen - und offensichtlich weder ein Konzept noch einen echten Plan, was Großraumbüros eigentlich können sollen. Tatsache ist: Ab einer gewissen Größe des Raumes und Anzahl an Mitarbeitern ist das Arbeiten im kaum noch effizient. 

Einzelbüros sind nicht die Lösung

Doch es ist ein Trugschluss, dass Einzelbüros im Gegensatz zum Großraum der Quell produktiven Arbeitens sind. Ist die Tür zum eigenen Reich erst mal zu, kann man dort herrlich die Zeit verbummeln. Das findet auch ein weiterer Kollege der "F.A.Z", der ein Loblied auf das Großraumbüro verfasst hat. "Auch in Einzel- oder Zweierbüros kann man ganz wunderbar unproduktiv sein, wenn das ein Argument gegen den größeren Raum sein sollte. Ganz im Gegenteil kann die Produktivität im gemeinsamen Büro jeden Mitarbeiter kräftig dazu motivieren, selbst ebenfalls nicht durchzuhängen", schreibt er. "Man könnte auch die These wagen, dass das Großraumbüro in dieser Hinsicht stärker diszipliniert als die große Freiheit des Einsamen in seiner Einzelzelle." Das Einzelbüro scheint erschreckend aus der Zeit gefallen zu sein. Eine Belohnung vergangener Zeiten. 

Bei all dem Für und Wider gibt es zumindest ein paar Erkenntnisse, die die Arbeit im Großraum zumindest verbessert. Funktionierende Technik, hygienische (wenn man sie sich teilen muss) - oder noch besser feste Arbeitsplätze für jeden Mitarbeiter und vor allem multifunktionale Räume abseits der Schreibtischlandschaft. Gerade wer häufig mit wechselnden Teams kurze Besprechungen abhält, braucht dafür Raum. Und hier können die Firmen, die auf Großräume setzen, punkten. Ansprechende Nischen, bestenfalls mit Steckdosen und USB-Ladestationen und gemütlichem Mobiliar sorgen für gute Arbeitsatmosphäre. Großraum muss nicht immer fies sein - es muss nur clever geplant werden. 

Doch bislang betrifft das Streitthema Großraumbüro nur rund 15 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland, fand die weltgrößte Jobbörse Indeed bei einer repräsentativen Befragung heraus. Tatsächlich sitzen immer noch mehr als 37 Prozent in einem Einzelbüro. Noch - denn tatsächlich geht der Trend zu offenen Arbeitsflächen. "Wichtig ist, dass Großraum nicht gleich Großraum ist. Gestaltung, Arbeitsatmosphäre und Anpassung auf Mitarbeiterbedürfnisse sind entscheidend für eine produktive Arbeitsumgebung und die allgemeine Zufriedenheit. So sind zum Beispiel Rückzugsmöglichkeiten wichtig", sagt Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed in Deutschland.