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Mega-Übernahme: Von Glyphosat bis Agent Orange: Darum tilgt Bayer den Namen Monsanto

Chemieriese Bayer kauft Monsanto und streicht erst mal den Namen. Das hat einen guten Grund: Der US-Saatguthersteller gilt für manchen als der böseste Konzern der Welt - denn die Liste der Kritikpunkte ist lang.

Ein französischer Bauer versprüht Glyphosat auf seinen Feldern

Ein französischer Bauer versprüht Glyphosat auf seinen Feldern

AFP

Es ist eine Übernahme der Superlative: Für die Rekordsumme von 63 Milliarden US-Dollar kauft der Pharma- und Chemiekonzern Bayer den US-Saatgutriesen Monsanto. Nie zuvor hat ein deutscher Konzern ein ausländisches Unternehmens dieser Größe geschluckt. Bayer steigt damit zum weltweiten Marktführer für Saatgut und Pflanzenschutzmittel auf. Der Konzern verspricht sich zusätzliche Milliardenumsätze und -gewinne auf dem lukrativen Markt.

Die Sache hat nur einen Haken: Mit Monsanto holt sich Bayer eines der umstrittensten Unternehmen des Planeten ins Haus. Denn das Image des US-Konzerns - Heimat von Gentechnik, Glyphosat und Agent Orange - ist mit verheerend fast noch vorsichtig beschrieben. Für viele Umweltschützer, Gentechnikgegner und Globalisierungskritiker ist Monsanto nichts weniger als der böseste Konzern der Welt.

So ist es wenig verwunderlich, dass die Bayer-Bosse noch vor der offiziellen Übernahme am 7. Juni ankündigten, den belasteten Unternehmensnamen Monsanto komplett zu streichen. Nach dem Motto: Die Geschäfte übernehmen wir gerne, das Image aber bitte nicht. Wenn es nur so einfach wäre.

Monsanto: Geschichte voller Scheußlichkeiten

Die Liste der kleinen und großen Scheußlichkeiten ist lang bei Monsanto. Gegründet wurde das US-Unternehmen 1901 von John Francis Queeny. Mit einem Startkapital von 5000 Dollar und einem Mitarbeiter begann Queeny zunächst Saccharin herzustellen, was zu dieser Zeit sonst nur in Deutschland produziert wurde. Bereits dieses erste Monsanto-Produkt sorgte für die ersten Rechtsstreitigkeiten des Unternehmens. Die US-Regierung versuchte den synthetischen Süßstoff wegen gesundheitsschädlicher Wirkungen in Lebensmitteln zu verbieten, was ihr nur teilweise gelang.

In den 40er Jahren produzierte Monsanto erstmals Pflanzengifte, die sich auch für den Einsatz in Chemiewaffen eigneten und später durch die Stockholmer Konvention verboten wurden. Während des Vietnamkrieges gehörte der Konzern dann - übrigens in einem Joint Venture mit Bayer - zu den Hauptproduzenten des berüchtigten Entlaubungsmittels "Agent Orange", mit dem die US-Streitkräfte ganze Landstriche im Kriegsgebiet verseuchten. Das aus der Luft versprühte Pflanzengift führte über Jahrzehnte zu schweren Krankheiten und Missbildungen in der vietnamesischen Bevölkerung. Infolge einer Sammelklage von ehemaligen US-Soldaten gegen die Hersteller von "Agent Orange" beteiligte sich Monsanto 1985 an einem Entschädigungsfonds über 185 Millionen Dollar. Eine Klage vietnamesischer Opfer wurde 2005 von einem US-Bundesgericht abgelehnt.

Globale Vorherrschaft auf den Feldern

Durch zahlreiche Firmenübernahmen stieg Monsanto in den folgenden Jahrzehnten zum weltweit führenden Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln auf. Der Konzern wurde zum Symbol für eine Branche, die mit Hilfe gentechnisch veränderter Mittel die Landwirtschaft industrialisiert und traditionelle Anbaumethoden zerstört. Die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Monsanto-Produkten waren immer wieder Gegenstand von Kritik und gerichtlichen Verfahren.

Umgekehrt verfolgte Monsanto seit Ende der Neunziger Jahre Hunderte Bauern juristisch wegen möglicher Verletzungen von Patentrechten. Denn die Verträge mit Monsanto verbieten es den Bauern, Samen aus der Ernte aufzubewahren, um sie im nächsten Jahr wieder zu verwenden. Stattdessen müssen sie jedes Mal neues Gen-Saatgut bei Monsanto kaufen.

In Indien wird Monsanto wegen seiner Geschäftspraktiken seit Ende der Neunziger gar für eine Suizidwelle unter den dortigen Baumwollbauern verantwortlich gemacht. Die hohen Preise für das Saatgut des Quasi-Monopolisten trieben viele indische Kleinbauern in die Verschuldung, aus der manche keinen Ausweg mehr sehen würden, lautet der Vorwurf.

Glyphosat-Aufruhr in Europa

In Europa entwickelte sich in den vergangenen Jahren die größte Kontroverse um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das als wahrscheinlich krebserregend gilt. Bereits in den 70er Jahren brachte Monsanto den Unkrautbekämpfer unter dem Namen "Roundup" auf den Markt und etablierte ihn weltweit in der Landwirtschaft. Im Zuge der Diskussion um die weitere Zulassung in der EU ab 2017 forderten mehr als eine Million Europäer mit ihrer Unterschrift ein Verbot von Glyphosat - der Herbizid-Hersteller Monsanto ist ihr gemeinsames Feindbild.

Nun werden die Monsanto-Geschäfte unter dem Namen von Bayer fortgeführt. Dabei wolle man künftig die "höchsten ethischen, ökologischen und sozialen Standards einhalten", erklärte Bayer-Vorstandschef Werner Baumann. Ob das tatsächlich gelingt, da sind Kritiker skeptisch. Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann sagte der Nachrichtenagentur AFP: "Unter welchem Namen die gefährliche Marktmacht von immer weniger, immer größeren Konzernen zementiert wird, ist für die von den negativen Auswirkungen betroffenen Landwirte, Verbraucher und die Umwelt letztlich irrelevant."

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist Gegenstand heißer Diskussionen.