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Berliner Start-up Umstrittener Lebensmittelretter: Warum Sirplus alle Reste-Supermärkte schließt

Sirplus-Gründer Raphael Fellmer
Sirplus-Gründer Raphael Fellmer
© Christoph Soeder/DPA / Picture Alliance
Mit Supermärkten für gerettete Lebensmittel wurde das Berliner Startup Sirplus bekannt. Nun macht das Unternehmen alle Filialen dicht – online soll es aber weitergehen.

Vor vier Jahren eröffnete Sirplus seinen ersten "Rettermarkt", ein TV-Auftritt in der "Höhle der Löwen" sorgte 2019 für bundesweite Bekanntheit. Nun schließt das Lebensmittel-Startup seine mittlerweile fünf Berliner Filialen wieder und will nur noch online weiter machen.

Spätestens Ende September sollen die Läden in den Berliner Stadtteilen Charlottenburg, Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain und Steglitz dicht sein. Alle 50 Mitarbeiter und Auszubildende aus den Supermärkten verlieren ihren Job, wie Sirplus-Gründer Raphael Fellmer dem RBB bestätigte.

Als Grund für die Schließungen nennt Sirplus Umsatzeinbrüche in der Corona-Krise. "Zwar haben viele Supermärkte davon profitiert, aufgrund unseres besonderen Warenangebots hat sich das veränderte Einkaufsverhalten der Konsument:innen aber negativ auf unsere Offline-Umsätze ausgewirkt", schreibt Sirplus auf seiner Website. "Wir haben alles versucht, aber diese monatelangen Defizite in den Rettermärkten machen sich nun bemerkbar, weshalb wir schweren Herzens die Entscheidung treffen mussten, uns auf das reine Onlineretten zu konzentrieren." 

Sirplus hatte in den vergangenen Jahren mit seinem Konzept der "Rettermärkte" für Aufsehen gesorgt. Das Unternehmen kauft Restposten ein, die abgelaufen oder mit Mängeln behaftet sind, und verkauft sie an ein urbanes Publikum weiter, dem das Thema Lebensmittelverschwendung am Herzen liegt. Noch vor wenigen Monaten schwärmte Gründer Fellmer in einer Arte-Dokumentation von einem "komplett neuen Markt". "Nach vegan, bio und fairtrade wollen wir 'gerettet' wirklich groß machen", sagte Fellmer.

Kritik am Konzept von Sirplus

Das Konzept war allerdings nicht unumstritten, da die Weiterverwendung von übrig gebliebenen Lebensmitteln eigentlich die Domäne der Tafeln ist, die Essen unentgeltlich an Bedürftige weitergeben. In der Arte-Dokumentation etwa äußern sich Mitarbeiter der Tafel kritisch über die kommerziellen Lebensmittelretter. Sirplus hingegen hat eine Konkurrenz stets bestritten, da die Tafeln das erste Zugriffsrecht hätten.

Mediale Aufmerksamkeit – und Kritik – hatte das Start-up schon 2019 für seinen Auftritt in der Gründershow "Die Höhle der Löwen" bekommen. Einen Investor fanden Fellmer und seine Mitstreiter in der Sendung nicht, TV-Löwe Georg Kofler echauffierte sich gar über die Gründer als "Moralapostel", die ein kapitalistisches Geschäftsmodell schönredeten.

Nach der Sendung fand Sirplus andere Investoren und eröffnete weitere Märkte. Erst im Juli 2021 gewann der umtriebige Fellmer bei einem Wettbewerb von ProSieben/Sat1 vor einer Jury um Joko Winterscheidt Fernsehwerbung im Wert von drei Millionen Euro. Geld verdiente das Lebensmittelretter-Startup allerdings bislang nie, auch schon vor der Corona-Krise nicht. "Jeden Monat machen wir zwischen 50.000 und 100.000 Euro Verlust", sagt Fellmer in der Arte-Dokumentation.

Nun zieht Sirplus den physischen Märkten den Stecker. An seiner Mission will Gründer Fellmer aber festhalten, wie er auf seiner Facebookseite schreibt: "Dafür werden wir nun noch mehr Kraft und Fokus auf unseren Onlineshop legen können und diesen ausbauen, so dass alle Menschen in Deutschland noch einfacher und bequemer Lebensmittel von Zuhause retten können!" Im Onlineshop des Unternehmens werden aktuell sowohl Einzelprodukte als auch Veggie- und Vegan-Boxen im Abo mit hohen Rabattversprechen beworben.

Quellen: Sirplus / Raphael Fellmer (Facebook) / RBB / Arte-Doku / Sevenventures


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