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Interview

Hans-Peter Brix: Dieser Mann testet seit 23 Jahren Matratzen für die Stiftung Warentest

Hans-Peter Brix hat als Projektleiter der Stiftung Warentest mehr als 500 Matratzen untersucht – nun geht er in den Ruhestand. Im Interview bündelt er seine wichtigsten Empfehlungen.

Matratzentester Hans-Peter Brix

Oberster Matratzentester: Hans-Peter Brix hat 23 Jahre lang für die Stiftung Warentest Matratzen getestet, nun geht er in den Ruhestand

Die Matratzen in der aktuellen Bestenliste der Stiftung Warentest kosten zwischen 100 und 800 Euro. Sind solche Preisunterschiede gerechtfertigt?

Viel wertvolles Material konnten wir bislang zumindest in keiner Matratze feststellen – auch nicht in einer für 800 Euro. In der Herstellung kosten einfache Schäume zwischen 20 und 50 Euro. Etwas teurere bewegen sich zwischen 80 und 100 Euro. Dazu kommt der Bezug, die Fertigungs- und Distributionskosten. Und dann möchte natürlich der Handel kräftig verdienen.

Wenn nicht auf den Preis, worauf sollte ich beim Kauf dann achten?

Orientieren Sie sich an unseren guten Matratzen und liegen Sie auf diesen Probe, am besten ausgeruht. Wer nach einem harten Tag erschöpft ist, findet fast jede Matratze bequem. Es ist sinnvoll, jemanden dabeizuhaben, der guckt, ob die Wirbelsäule gerade ist, wenn ich auf der Seite liege. In Rückenlage sollte das Becken nicht zu stark einsinken. Diesen Hängematteneffekt kann man spüren. Am besten vereinbart man beim Kauf ein Rückgaberecht. Denn erst nach ein paar Nächten merkt man wirklich, wie bequem die Matratze ist. Onlinehändler müssen ihre Ware 14 Tage lang zurücknehmen, viele erlauben sogar bis zu 100 Tage.

Matratzen müffeln oft beim Auspacken. Deutet das auf Schadstoffe hin?

Nicht unbedingt. Aber es ist natürlich unangenehm, wenn man im Bett liegt und es riecht nach vergammeltem Heuhaufen oder nach Gummifabrik. Ursache sind oft Rückstände vom Herstellungsprozess.

Kann ich eine stinkende Matratze reklamieren?

Zuerst sollten Sie sie mindestens 24 Stunden, besser sogar 3 bis 4 Tage aufstellen, sodass sie rundum viel Luft bekommt und die flüchtigen Stoffe abgeben kann. Wenn der Geruch nach vier Wochen immer noch da ist, dann empfehle ich, die Matratze beim Händler zu reklamieren.

Welche Rolle spielt die Härte einer Matratze?

Die Härte hat keinen direkten Einfluss darauf, ob eine Matratze gut abstützt. Aber sie spielt beim subjektiven Komfort eine große Rolle. Im höheren Alter bevorzugen viele Menschen eher weiche Matratzen. Das hängt damit zusammen, dass der Körper nicht mehr so agil ist und Probleme mit dem Rücken oder den Knien auftauchen. Beim Kauf sollte man auf sein Körpergefühl hören.

Die angegebene Härte stimmt oft nicht mit der von uns gemessenen Härte überein. Warum?

Mich wundert auch, dass Anbieter beim Härtegrad so oft danebenliegen. Es gibt zwar eine Norm für die Bestimmung der Liegehärte. Viele Hersteller machen sich jedoch offensichtlich nicht die Mühe, jede einzelne Matratze zu prüfen.

+++ Als oberster Matratzentester der Stiftung Warentest muss man auch mit harter Kritik mancher Hersteller umgehen können, wie ein Streit um den aktuellen Matratzentest zeigt. +++

Bei welchen Werbeversprechen sollten Verbraucher skeptisch sein?

Vor allem was Gesundheitsversprechen angeht, lehnen sich einige Anbieter sehr weit aus dem Fenster, etwa dass Matratzen Rückenbeschwerden oder sogar Bandscheibenvorfälle lindern – das können sie natürlich nicht. Auch die Aussage, Matratzen wären allergikergeeignet, sehe ich kritisch. Denn dass eine Matratze von Milben besiedelt wird, kann kein Hersteller verhindern. Sinnvoll für Allergiker sind spezielle Bezüge, sogenannte Encasings. Sie verhindern, dass Milbenkot aus der Matratze dringt.

Was halten Sie von Matratzenauflagen, die oft damit beworben werden, für mehr Schlafkomfort zu sorgen?

Relativ wenig. Solche Auflagen sind oft sehr weich und können die Liegeeigenschaften eher verschlechtern, etwa wenn sie die Zonierung der Matratze darunter aufheben. Gerade Leute mit Rückenproblemen sollten zudem nicht so tief einsinken, weil sie sonst recht viel Kraft aufbringen müssen, um sich aus der Kuhle herauszudrehen.

Nach acht bis zehn Jahren ist es aus hygienischen Gründen Zeit für eine neue Matratze. Wie sollte ich sie pflegen, damit sie möglichst lange hält?

Ich empfehle, die Matratze nicht nur regelmäßig zu wenden, sondern auch ab und zu aufzustellen. So kann sie richtig durchlüften und auch der Lattenrost kann Feuchtigkeit abgeben. Deshalb sind geschlossene Bettkästen ein Problem, weil sich da unten Feuchte anreichern und die Matratze schimmeln kann.

Sollte ich mit der Matratze auch einen neuen Lattenrost kaufen?

Lattenroste halten deutlich länger als Matratzen. Auch wenn Verkäufer beim Matratzenkauf gleich einen Rost mitverkaufen wollen. Es muss auch kein High-tech-Modell sein. In der Regel ist es besser, eine einfache starre Unterlage zu haben, weil Latten, die stark nachgeben und sich biegen, den Stützeffekt der Matratze zunichtemachen.

Seit 2012 prüfen wir Matratzen für vier HEIA-Typen. Wie kam es dazu?

Wir wollten typische Körperformen, die es in der Bevölkerung gibt, abbilden. Gemeinsam mit Anthropologen zogen wir deshalb vier Körperbautypen heran. Sie zeigen etwa, dass es Menschen mit breiten Schultern oder Becken schwerer haben, eine gute Matratze zu finden, als zierliche Personen. Die Buchstaben  H, E, I und A symbolisieren die vier Typen.

23 Jahre Matratzentests – ist das nicht irgendwann langweilig geworden?

Überhaupt nicht. Das Thema gibt enorm viel her. Früher hielten Matratzen oft nicht gut, Federn brachen oder bohrten sich durch den Schaum. Das ist besser geworden, aber von der perfekten Matratze sind wir noch meilenweit entfernt.

Das Interview entstammt dem aktuellen "test"-Heft der Stiftung Warentest. Den kompletten Matratzentest lesen Sie kostenpflichtig auf www.test.de 

Reportage: So sieht es im geheimen Prüflabor der Stiftung Warentest aus

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