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Lebensstil als Alternative: Vegane Ernährung: Vom Körnerfraß zum Milliardenmarkt

Vegan zu leben ist Trend. Promis schlürfen grüne Smoothies, vegane Supermärkte eröffnen landesweit. Aldi, Edeka und Co. räumen tierlose Produkte in die Regale. Selbst die Fleischindustrie setzt auf fleischlose Alternativen. Ist das ein Hype - oder die Zukunft?

Vegan: Ernährungsstil und Milliarenmarkt

Vegan: Ernährungsstil und Milliardenmarkt

Noch vor wenigen Jahren hätten wohl nur die Wenigsten eine grüne Pampe aus Grünkohl, Spinat und Brennnesseln runterbekommen. Heute haben diese Drinks ausgefallene Namen und die positive Wirkung auf die Gesundheit lässt das bittere Aroma, das nach Rasenmähen schmeckt, verblassen. Grüne Smoothies stehen inzwischen nicht nur in den Bio-Läden der Szeneviertel, sondern auch bei Aldi im Kühlregal. 

Wer bei Deutschlands größter Supermarktkette Edeka an den Kühlfächern vorbeigeht, entdeckt allerlei Suppen, Salate und Pasten, Brotaufstrich aus Kichererbsen mit Koriander und Chili und sogar Grillwürstchen - alles ohne tierische Zutaten oder gar Fleisch. Die vegane Abteilung nimmt in den großen Filialen inzwischen mehrere Gänge ein. Wo früher Tofu-Alternativen mit leichtem Grauschleier und gummi-artiger Konsistenz den Appetit hemmten, regiert jetzt die Vielfalt bei tierlosen Produkten. Vegan leben ist in - und ein Milliardenmarkt.

Von Ökofreaks und Ernährungstrends

Was einst als verrückte und selbst geißelnde Ernährungsform von einer Handvoll Ökofreaks verschrien war, hat sich zum Ernährungstrend entwickelt. Mehr als ein Prozent der deutschen Bevölkerung lebt inzwischen vegan. 7,8 Millionen Menschen essen vegetarisch, rund jeder dritte Haushalt bezeichnet sich als Flexitarier. Zwischen Januar und März 2016 legte der Verkauf fleischloser Produkte um 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum durch, errechnete die Gesellschaft für Konsumforschung. Im vergangenen Jahr wurden für Fleischersatzprodukte und pflanzliche Brotaufstriche rund 311 Millionen Euro ausgegeben - damit wächst der Markt um gut ein Drittel. Die öffentliche Diskussion über die Ernährungsform kurbelt den Trend an. Und auch viele Promis werben für die tierlose Ernährung.

Vegan mit Promi-Faktor

Die Schauspielerin Alicia Silverstone ernährt sich schon seit über 20 Jahren vegan. Auch die deutsche Sängerin Nena, Spider-Man-Darsteller Tobey Maguire, Ex-Präsident Bill Clinton und Schauspielerin Natalie Portman verzichten auf tierische Produkte - und das natürlich publikumswirksam. Fans eifern den Stars und Sternchen nach und schaffen so einen neuen Markt. Rund 120 Vegan-Kochbücher sind jüngst erschienen. Und der Trend macht längst nicht beim Essen halt: Mode ohne Leder und Fell, Kosmetik ohne tierische Zusätze, Wein, der nicht durch Gelatine oder tierische Eiweiße geklärt wird. Dazu kommen vegane Stofftiere, vegane Kaffeebecher, veganer WC-Reiniger, veganes Sexspielzeug

Im Grunde gibt es keinen Lebensbereich, für den nicht auch eine vegane Alternative angeboten wird. So sorgte der Wursthersteller Rügenwalder für Aufsehen, als eine fleischlose Wurst ins Programm genommen wurde. Inzwischen gibt es auch Hack und Hamburger von Rügenwalder, die vegan hergestellt werden. Und das Unternehmen tüftelt an weiteren Produkten für diese Zielgruppe. Der Markt ist noch recht jung - und lukrativ.

Veganes Leben der Besserverdiener

Doch der Trend ist kein Schnäppchen. Was einst mit Verzicht begann, hat sich lukrative Nische entwickelt. So titelte das "Manager Magazin", dass aus dem "Mädchenessen ein Milliardenmarkt geworden" sei. Die Ur-Veganer würden die Kommerzialisierung der veganen Idee strikt ablehnen. Doch die Bewegung ist kaum noch aufzuhalten. Veganer Lebensstil ist längst luxuriös geworden. Das "Manager Magazin" berichtet von Kaviar aus Algen und veganem Champagner - doch abseits von solch einem Lebensmittelpomp heißt vegan sein auch hip sein. "Das ist eher ein Identitätsprojekt für ein besser gestelltes soziales Milieu", sagt die Soziologie Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda gegenüber "DPA". 

Vegan, Vegetarisch, flexitarisch: Essen schafft Identität

Essen zur Identitätsbildung, die Sicherheit und Halt in einer zunehmend unsicheren Welt gibt - an diese These glaubt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. Wenn tradierte Ordnungssysteme wie Religion und Familie an Bedeutung einbüßten, nehme die Suche nach Identitätsstiftung und Sinn an anderer Stelle zu, sagt er. Vieles von der Herkunft bis zum Wohnort lasse sich dabei schwer beeinflussen.
«Aber was ich esse, ist eine Facette des Ichs, die ich vergleichsweise leicht selbst bestimmen und ändern kann. Auch mit wenig Geld», ergänzt Ellrott. Eine größere Rolle als das Tierwohl könnten dann Selbstinszenierung, Abgrenzung, aber auch der Wunsch nach Zugehörigkeit spielen. Solche Motive hält der Forscher für die wesentlichen Ursachen des Trends zu immer ausgefalleneren Ernährungsstilen.

Junge Frauen lehnen Fleischkonsum ab

Doch trotz der großen Erfolge der veganen Szene, der neuen tierlosen Einzelhändler wie Veganz und dem ausgebauten Angebot in Supermärkten: Nie wurde mehr Fleisch in Deutschland gegessen bis derzeit. 53 Kilogramm Schnitzel, Wurst und Co. pro Tag landen auf unseren Tellern. Das liegt auch an den günstigen Preisen durch Massentierhaltung. Die wiederum sehen die meisten Deutschen kritisch - ein Widerspruch, der sich zumindest beim Einkaufs- und Essverhalten nicht aufklären lässt. Lichtblick sind die jungen Konsumenten, die sind inzwischen deutlich kritischer mit ihrer Nahrung auseinandersetzen. Vor allem junge Frauen würden Fleisch vom Speiseplan streichen: Rund 80 Prozent der Vegetarier und Veganer sind weiblich und unter 29 Jahre alt. "Die Konsumenten setzen sich immer kritischer mit ihrer Ernährung auseinander. Das wachsende Angebot pflanzlicher Alternativen weckt ihr Interesse dafür, neue Produkte auszuprobieren", sagt Sebastian Joy, Geschäftsführer vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU). "Wir sind davon überzeugt, dass in Zukunft immer weniger Fleisch auf den Tellern landet."

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    Mit Agentur