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Rekord-Negativzinsen Schäuble verdient Geld mit Schuldenmachen

Bundesfinanzminister Wolfang Schäuble (CDU) regt eine Debatte über geringere Hilfen für Flüchtlinge an - allerdings habe er damit bei anderen Parteien nicht den "Hauch einer Chance", so Schäuble.
Bundesfinanzminister Wolfang Schäuble
© Julien Warnand/DPA
Der deutsche Staat leiht sich Geld und muss dafür keine Zinsen zahlen. Im Gegenteil: Er lässt sich von seinen Gläubigern dafür bezahlen, dass er sich bei ihnen verschuldet. Wie kann das sein?

So verrückt es auch klingen mag: Mit der Aufnahme von Schulden kann man Geld verdienen. Jedenfalls gilt das für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Vergangene Woche hat sich der Bund zu Rekord-Negativzinsen mehrere Milliarden Euro geliehen. Der deutsche Staat muss dafür keine Zinsen zahlen. Im Gegenteil: Er lässt sich von seinen Gläubigern dafür bezahlen, dass er sich bei ihnen verschuldet. Wie ist das möglich?

So schön war die Schuldenaufnahme für Wolfgang Schäuble noch nie: Knapp 4,1 Milliarden Euro hat sich der Bund am vergangenen Mittwoch für zwei Jahre geliehen. Die Rendite, also quasi der Anleihezins, lag bei minus 0,38 Prozent. Das ist die niedrigste jemals vom Bund erzielte Rendite bei dieser Laufzeit.

Anleihen funktionieren etwas anders als Kredite. Im Unterschied zum Kreditzins werden die Anleiherenditen teilweise direkt beim Verkauf der Anleihe beglichen. Daher erhielt der deutsche Staat vergangene Woche sofort 32,5 Millionen Euro mehr als er in zwei Jahren zurückzahlen muss. Zusätzliches Geld, das direkt in Schäubles Kassen fließt.

100 Milliarden Euro eingespart

Schon seit Jahren profitiert der deutsche Fiskus von extrem niedrigen Zinsen. Laut Ökonomen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat der Bund durch die Niedrigzinsen seit 2010 mittlerweile Einsparungen in Höhe von rund 100 Milliarden Euro erzielt.

Und ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht: Schon seit Tagen war die Rendite auf zweijährige deutsche Staatspapiere im freien Handel von einem Rekordtief zum nächsten gesunken. Auch bei längeren Laufzeiten geht es nach unten, wenn auch weniger stark. Die angeschlagene Sicherheitslage in Europa und die europäische Geldpolitik übten weiteren Druck aus, meint Jan Bottermann, Analyst bei der National-Bank in Essen. "Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass die Renditen in Deutschland weiter fallen können."

Seit Sommer 2014 werfen zweijährige Bundesanleihen Zinsen im negativen Bereich ab, zurzeit auch bei längeren Laufzeiten von bis zu sechs Jahren. Aber warum machen die Investoren das eigentlich mit?

Das liegt vor allem an der Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Notenbank hält ihren Leitzins nahe Null, seit März kauft sie zudem monatlich Wertpapiere im Volumen von durchschnittlich 60 Milliarden Euro. Und EZB-Präsident Mario Draghi will die Geldschleusen noch weiter öffnen.

Grund zur Sorglosigkeit gibt es nicht

Neben einer Ausweitung der Anleihekäufe steht eine weitere Absenkung des sogenannten Einlagensatzes zur Debatte. Das ist der Zinssatz, den Banken für überschüssiges Geld erhalten, das sie bei der EZB parken. Normalerweise. Denn derzeit liegt der Satz mit minus 0,2 Prozent im negativen Bereich. Die Banken müssen also eine Art Gebühr bezahlen. "Der Einlagensatz ist für die EZB inzwischen der wichtigste Zinssatz geworden", sagt Rainer Guntermann, Analyst bei der Commerzbank.

Draghis Kalkül ist klar: Mit den Negativzinsen will er die Banken dazu bringen, ihr überschüssiges Geld an Unternehmen zu verleihen statt es bei der EZB zu parken. Schließlich ist es der Sinn der EZB-Geldschwemme, die Wirtschaft anzukurbeln. Offenbar wollen viele Investoren aber partout keine Risiken eingehen. Angesichts der Aussicht auf einen weiter sinkenden Einlagensatz wählen sie den deutschen Staat als sicheren Hafen und nehmen auch hier Verluste in Kauf. So fließt das billige Geld zum Teil direkt in Schäubles Staatskasse.

Aber Grund zur Sorglosigkeit gibt es nicht: Einige Ökonomen sehen Risiken angesichts der niedrigen Renditen, denn erst im Frühjahr hatte es einen Crash am Markt für Staatspapiere gegeben. Nachdem die Renditen extrem tief gesunken waren, legten sie schlagartig und ohne erkennbaren Grund zu. Seitdem schwanken die Kurse stark. "Die Anleger müssen sich dauerhaft auf Schwankungen einstellen", sagt Guillaume Rigeade, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild. Ein erneuter Crash könne nicht ausgeschlossen werden.

mad/Tobias Schmidt, DPA

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