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Parmalat-Skandal: Der Chef, den es nicht gab

Neues Kapitel im Bilanzskandal um das Parmalat-Unternehmen: Ein "Aufsichtsratschef" von Tochterfirmen wusste nach eigenen Angaben gar nichts von seinem Job. Er beaufsichtigte nur die Telefonvermittlung.

Bizarre Enthüllungen im Parmalat-Skandal: In Parma haben die Staatsanwälte den "Aufsichtsratschef" von vermutlich 25 bis 30 Tochterfirmen des Lebensmittel-Riesen verhört. Angelo Ugolotti, der als Angestellter des Konzerns die Telefonvermittlung beaufsichtigte, soll den Ermittlungen zufolge dem Aufsichtsrat von dutzenden Parmalat-Gesellschaften vorgestanden haben, darunter der Tourismus-Firma Nide im US-Staat Delaware und einer Gesellschaft in Singapur. Nur: Ugolotti selbst wusste eigenen Angaben zufolge nichts von seinen Ämtern.

Anscheinend benutzte die Konzern-Leitung ihre Beschäftigten ohne deren Wissen als Strohmänner für dunkle Geschäfte. Jetzt will Ugolotti Parmalat auf Nachzahlungen verklagen: Wenn er so viele Ämter besetzt habe, dann hätte er dafür auch Geld bekommen müssen.

Mailänder Sitz der Bank of America durchsucht

Die Ermittlungen im Bilanzskandal um den insolventen italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat ziehen immer weitere Kreise. Nach einem Bericht des italienischen Fernsehens durchsuchte die Polizei am Freitag den Mailänder Sitz der Bank of America. Die luxemburgische Justiz habe wegen des Verdachts der Geldwäsche Ermittlungen gegen das norditalienische Unternehmen eingeleitet. Zudem hatte die Deutsche Bank möglicherweise engere Verbindungen zu dem Milchkonzern als bislang bekannt war. Massimo Armanini, ein Investmentbanker der Deutschen Bank, habe vor seinem Eintritt in das Geldinstitut zur Parmalat-Führung gehört, schrieb das 'Handelsblatt' am Freitag unter Berufung auf italienische Finanzkreise.

Mittlerweile ermittle die Staatsanwaltschaft gegen 25 Manager und Bilanz-Prüfer, darunter den ehemaligen Funktionär der Bank of America Luca Sala, der seit vergangenem März für Parmalat tätig war. Seine Wohnung sei ebenfalls durchsucht worden. Auch gegen zwei italienische Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche werde ermittelt. Sie sollen an der Fälschung der Parmalat-Bilanzen mitgewirkt haben.

Die Bank of America hatte Mitte Dezember die Krise des Parmalat-Konzerns ins Rollen gebracht, als sie mitteilte, dass ein angebliches Vier-Milliarden-Euro-Konto der Parmalat-Tochter Bonlat, die ihren Sitz auf den als Steuerparadies bekannten Cayman Inseln hat, nicht existiere. Die Großbank erklärte damals, ein Parmalat-Dokument vom vergangenen März, in dem diese Barmittel-Summe auftaucht, sei nicht authentisch.

Auch die Deutsche Bank in Italien soll Kontakte gehabt haben

Angeblich stand auch der Italien-Chef der Deutschen Bank, Vincenzo De Bustis, in enger Beziehung zur Familie des festgenommenen Parmalat-Gründers Calisto Tanzi. Vertreter des Geldinstituts sollen auf Wunsch der Staatsanwaltschaft von Parma erneut angehört werden, da ein erstes Informationsgespräch vor wenigen Tagen "nicht zufrieden stellend" gewesen sei.

Der Chef der für Finanzvergehen zuständigen Abteilung bei der Staatsanwaltschaft in Luxemburg, Carlos Zeyen, erklärte, man sei auf verdächtige Informationen gestoßen. Mehrere Banken hätten von ungewöhnlichen Transaktionen, die mit Parmalat in Zusammenhang stehen, berichtet. Experten bezeichnen den "kolossalen Betrug" bei Parmalat als einen der größten Skandale in der europäischen Unternehmensgeschichte. Insgesamt klafft ein Bilanzloch von mindestens zehn Milliarden Euro.

AC Parma vor wirtschaftlichen Problemen

Die italienische Regierung hat dem zum Parmalat-Konzern gehörenden Fußball-Erstligisten AC Parma unterdessen drei Spielerverkäufe genehmigt. Damit soll der ebenfalls von der Pleite bedrohte Club seinen Schuldenberg abbauen und die Saison zu Ende spielen können. "Mit diesen Verkäufen kann der AC Parma seine schwierige Schuldensituation verbessern", erklärte der zuständige Minister Antonio Marzano, der Enrico Bondi als Krisenmanager an die Spitze des Parmalat-Konzerns berufen hatte. "Am Ende der Saison wird Bondi den AC Parma verkaufen", kündigte der Minister an.

Bislang war Tanzis Sohn Stefano Präsident des Vereins. Bisher hatte er einen Rücktritt von seinem Amt abgelehnt, aber ohne Zustimmung von Bondi und der Regierung können weder der AC Parma noch andere Teile des Parmalat-Konzerns wichtige Entscheidungen treffen. Bei der Gesellschafterversammlung des AC Parma am Freitag wurde die Absetzung von Stefano Tanzi erwartet.