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stern-Ranking Grünes Investment oder fauler Deal? Banken im Nachhaltigkeitscheck

Illustration Greenwashing
Christo hätte seine wahre Freude: In der Finanzbranche sind viele Verpackungskünstler unterwegs
© Julius Klemm
Konten, Fonds, Kredite – plötzlich wollen alle Banken nachhaltig sein. Wie gut die Finanzinstitute wirklich sind, zeigt eine exklusive Studie für den stern.

Die Frau auf der Bühne trägt Leggings mit Schlangenprint und ein ärmelloses Top in Pink. "Einmal bewusst auf die Atmung konzentrieren", sagt sie, "wir atmen tief aus. Und ein." Als Nächstes ist der Rücken dran. "Dann wollen wir uns einmal ganz rund machen", kommandiert die Trainerin, "einmal strecken, einmal runden – das ist ganz gut für die Wirbelsäule." Hunderte Arme gehen im Saal des Kongresszentrums in Bochum rauf und dann wieder runter. Nach zehn Minuten beendet die Vorturnerin die Pilates-Übungen: "Lassen Sie alle Anspannung in den Boden sinken."

Und das soll die Generalversammlung einer Bank sein?

Ja. Es ist das jährliche Treffen der Eigentümer der GLS Bank. Die Abkürzung bedeutet Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken. Der Name macht schon klar, dass es sich nicht um ein stinknormales Finanzinstitut handelt. Es ist eine Genossenschaftsbank. Die Aktionäre heißen Mitglieder. Das zweitägige Treffen Ende September wird nicht nur für Rechenschaftsberichte und Wahlen des Aufsichtsrats genutzt, sondern es geht vor allem um die Wirkung des Geldes, das hier angelegt und dann vervielfacht als Kredit in Eigenheime, Biohöfe oder Waldorfschulen wandert. Dabei soll immer der Mensch im Mittelpunkt stehen – und dem tut es eben auch gut, zwischen zwei Programmpunkten Geist und Körper etwas zu lockern.

Das 1974 gegründete Finanzinstitut hatte Nachhaltigkeit schon im Blick, als das Wort noch ein Fachbegriff aus der Forstwirtschaft war. Danach soll immer nur so viel Holz geschlagen werden, wie durch Aufforstung wieder nachwächst.

Banken im Nachhaltigkeitscheck

Heute wollen alle irgendwie ökologisch, grün oder nachhaltig sein – vor allem auch Sparkassen und Banken. Das liegt zum Teil an neuen Regeln der Europäischen Union. Aber auch an der Macht des Marktes: Sparer wünschen sich ethisch einwandfreie Geldanlagen, Aktionäre möchten in klimaneutrale Unternehmen investieren, und Fachkräfte bevorzugen Arbeitgeber, die etwas zur Rettung der Welt beitragen.

Für den Einzelnen ist aber schwer zu durchschauen, was von den Beteuerungen der Banken zu halten ist. Viele Institute legen zwar dicke Berichte vor, aber die Angaben sind für den Laien kaum vergleichbar. Für den stern hat deswegen das Institut für Vermögensaufbau (IVA) die Nachhaltigkeit der Branche unter die Lupe genommen. Die Experten haben nicht nur die Unternehmensführung untersucht, sondern auch das Produktangebot und die Kreditvergabe.

Illustration Beratungsgespräch
Neue Pflichten fürs Beratungsgespräch: Seit August müssen die Banken ihre Kunden fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig anlegen wollen
© Julius Klemm

Dass die GLS-Bank und andere sozial orientierte Institute dabei besonders gut abschneiden, ist keine große Überraschung. Doch auch Großbanken punkten inzwischen bei der Nachhaltigkeit – darunter selbst die Deutsche Bank. Gegen ihre Investment-Tochter DWS gab es zuletzt den Vorwurf des Greenwashings – sich also grüner darzustellen, als man in Wahrheit ist. Die DWS bestreitet das, die Ermittlungen laufen noch, aber der Chef wurde inzwischen ausgetauscht. Deshalb sahen die Studienautoren keinen Grund zum Punktabzug. "Die Regeln der guten Unternehmensführung haben gegriffen", sagt Gabriel Layes vom IVA, "ein Problem ist aufgetaucht, und Konsequenzen wurden gezogen."

Ein Ergebnis der Studie ist jedenfalls: An guten Vorsätzen mangelt es nicht. Alle teilnehmenden Banken haben eine Nachhaltigkeitsstrategie formuliert, und die oberste Führungsebene ist auch für die Umsetzung verantwortlich. Wenn es aber um die Gehälter der Bankchefs geht, fehlt es an Konsequenz: Nur bei der Hälfte sind die Boni zumindest zum Teil davon abhängig. "Die andere Hälfte verschenkt hier gute Möglichkeiten, die richtigen Anreize für eine nachhaltigere Bank zu setzen", sagt Experte Layes.

An so einer Studie nehmen eher diejenigen teil, die sich schon auf dem richtigen Weg wähnen. Unter diesem Blickwinkel sind einige Ergebnisse enttäuschend. Nur die Hälfte der Banken hat konkret und differenziert Ziele zur Verringerung ihrer Emissionen bis 2025 formuliert. Immerhin 61 Prozent schreiben ihren Beschäftigten vor, Dienstreisen klimafreundlich zu organisieren. Und alle Banken fördern die umweltverträgliche Mobilität ihrer Mitarbeiter – etwa durch Jobtickets oder Dienstfahrräder.

Übersicht über verschiedene Banken und ihre Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit von Banken im Vergleich
© stern

Defizite beim Produktangebot

Für die Kunden besonders wichtig ist natürlich, was online oder in der Filiale konkret zu haben ist. Bei 72 Prozent der Banken gibt es ein nachhaltiges Giro- beziehungsweise Sparkonto. Sogar noch etwas mehr geben an, dass sie auch eine entsprechende Altersvorsorge offerieren. Doch bei der Umsetzung sehen die IVA-Experten noch Luft nach oben. Nur die Hälfte hat auch Richtlinien für die Ausgestaltung von Vorsorgeprodukten, und nur 20 Prozent fordern deren Einhaltung gegenüber den Versicherungen ein. Hier sollten Sparer also hartnäckig nachfragen.

Ähnlich sieht es bei der Geldanlage aus. 83 Prozent der Banken sagen, dass sie aktiv Fonds vertreiben, die nach EU-Regeln als nachhaltig klassifiziert sind. Das Stichwort, auf das Kunden achten müssen, lautet "Offenlegungsverordnung". Fonds nach "Artikel 8" berücksichtigen ökologische und/oder soziale Aspekte bei der Auswahl ihrer Anlagen. Viele bekannte, große Fonds haben sich hier einsortiert. Dabei ist der Grad der Konsequenz sehr unterschiedlich. Fonds nach "Artikel 9" sind nicht per se besser, hier wird nur ein Aspekt herausgestellt, etwa die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen.

Illustration grünes Investment
Investieren in die Energiewende: Immerhin 83 Prozent der Banken sagen, dass sie Fonds anbieten, die nach EU-Regeln als nachhaltig gelten
© Julius Klemm

Man erkennt die Angebote oft an dem Kürzel ESG. Das steht für Environment, Social, Governance – also für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Preisgünstige Indexfonds orientieren sich zum Beispiel am MSCI World. SRI steht dabei für Socially Responsible Investment (sozialverantwortliche Anlagen).

In der Produktwertung schneidet die GLS in der stern-Studie am besten ab. Auch die Stiftung Warentest hat jüngst beim Vergleich grüner Geldanlagen den GLS-Bank-Aktienfonds sehr positiv beurteilt.

Erstaunlich ist beim Institut aus Bochum die Transparenz bei Finanzierungen. So lässt sich auf der Website nachlesen, dass der Windpark Stäbelow bei Rostock fünf Millionen Euro Kredit erhalten hat oder die Kita Wundertüte im niedersächsischen Warpe für ihre Erweiterung exakt 106.240,68 Euro.

Die Mitglieder in der Kongresshalle Bochum feiern Bankchef Thomas Jorberg als Vorreiter. Ihm ist die Nachhaltigkeitswelle in der Finanzbranche fast ein wenig unheimlich. "Da geht noch was", sagt er in seinem Jahresbericht mit Blick auf die Konkurrenz: "Auf der Ebene ist es leichter, einen Leuchtturm zu sehen."

Die Methode

Studie:

Nach den Vorgaben der stern-Redaktion hat das Institut für Vermögensaufbau (IVA) 53 Finanzinstitute im Juli zur Teilnahme an der Studie aufgefordert. Dabei wurden die großen Finanzgruppen (Privatbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken) sowie auf Nachhaltigkeit spezialisierte Institute berücksichtigt. Die Auswahl geschah nach Bilanzsumme und Marktrelevanz. Auch nicht untersuchte Banken können nachhaltig sein. Die Erhebung erfolgte über einen Fragebogen sowie eigenes Research.

Bewertung:

Drei Bereiche wurden untersucht und gewichtet.

1. Bankennachhaltigkeit: 60 Prozent (Umwelt: u. a. CO2-Fußabdruck, Mobilitätskonzepte, Klimaneutralität; Soziales: u. a. Diversität, Arbeitszeitmodelle, Mitarbeiterentwicklung; Unternehmensführung: u. a. ESG-Ziele, Governance-Strukturen, Compliance)

2. Produktangebot: 20 Prozent (Angebote an nachhaltigen Konten, andere Anlageprodukte und Lösungen für die Altersvorsorge)

3. Finanzierungsportfolio: 20 Prozent (Ausschlusskriterien für Kredite, Finanzierung von Projekten mit positivem Impact, Verteilung des Kreditportfolios).

Maximal waren 100 Punkte zu erreichen.

Die Gesamtwertung ergibt sich aus folgender Skala:

75 Punkte und mehr: 5 Sterne

60 bis 74,9 Punkte: 4 Sterne

40 bis 59,9: 3 Sterne

25 bis 39,9: 2 Sterne

bis 24,9: ein Stern

Veröffentlicht werden Anbieter, die mindestens drei Sterne erhalten haben.

Transparenz:

Wir arbeiten nur mit Testpartnern mit hoher Expertise. Die bringt es mit sich, dass das IVA auch als Dienstleister der Finanzbranche gefragt ist. Die Neutralität der Datenerhebung und -analyse ist aber immer gewährleistet. Über das Bewertungsschema hat die Redaktion entschieden. Die ausgezeichneten Unternehmen haben die Möglichkeit, ein stern-Siegel zu erwerben. Genauere Informationen zu den Bedingungen dieser Siegel finden Sie hier.

Erschienen in stern 41/2022

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