HOME

Verpackungsmüll: Plastik ist besser als sein Ruf - eigentlich

Das Recycling von Plastikabfall ist der Heilige Gral der Wiederverwertung. Richtig gemacht, ließe es sich gut in neue Produkte verwandeln. Warum das nicht klappt, liegt auch ein wenig daran, wie wir Müll trennen.

Ohne Plastik wäre die heutige Welt nicht vorstellbar, doch der an sich segensreiche Stoff ist in der Umwelt eine Katastrophe. Recycling ist eine Möglichkeit, den Stoff von der Natur fernzuhalten. Damit das besser funktioniert, ist jedoch nicht nur die Industrie gefragt. 

Ohne Plastik wäre die heutige Welt nicht vorstellbar, doch der an sich segensreiche Stoff ist in der Umwelt eine Katastrophe. Recycling ist eine Möglichkeit, den Stoff von der Natur fernzuhalten. Damit das besser funktioniert, ist jedoch nicht nur die Industrie gefragt. 

Getty Images

Wer sich mit dem Thema Plastikabfall beschäftigt, lernt schnell: Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Und das Recycling ist aufgrund der Vielfalt der Stoffe besonders aufwendig. Wenn es gelingt, lassen sich heute allerdings Ausgangsstoffe aus Recyclingmaterial herstellen, die in der Qualität neuen Kunststoffen entsprechen, dabei aber rund 50 Prozent CO2 einsparen.

"Wenn man es richtig macht, dann kann man sich kein besseres Recyclingmaterial vorstellen als Kunststoff“, sagt Manica Ulcnik-Krump. Es sei nahezu unendlich wiederverwendbar und ließe sich zu allen möglichen neuen Produkten formen. "Man kann mit der molekularen Struktur spielen und der Energieaufwand ist gering". Ulcnik-Krump leitet das Plastik-Forschungszentrum des Recyclingkonzerns Alba. Die Fakten, sagt sie, seien da eindeutig: "Zwischen 200 und 250 Grad Celsius braucht man für die Plastikverarbeitung, für Glas sind es über 800 Grad, für Metall gut 1000 Grad", sagt sie. Und selbst Papier sei angesichts des hohen Wasserbedarfs problematischer.

Nur, man macht es derzeit eben nicht richtig. Die Recyclingquote von Verpackungsplastik lag 2018 bei rund 40 Prozent, gerade einmal die Hälfte der Quote von Glas und Papier. Die Gründe sind vielschichtig. Sie liegen bei den Herstellern und ihren Anforderungen an die Verpackung, den technischen Möglichkeiten der Wiederaufbereitung aber auch an jedem Einzelnen. Denn trotz der gelben Tonne und den anderen Recyclingbehältern, unseren Verpackungsmüll trennen wir eher nachlässig.

Beim Plastikabfall war Politik weitsichtig

Das zu ändern ist der Job von Axel Subklew, Er ist der Sprecher der bundesweiten Kampagne "Mülltrennung wirkt", einer Initiative der dualen Systeme. "Rund 30 Prozent des Inhalts im gelben Sack bzw. der gelben Tonne sind nicht richtig entsorgter Müll und erschweren das Recycling oder machen es im schlimmsten Fall sogar unmöglich. Umgekehrt gelangen noch zu viele Verpackungen in den Restmüll und damit in die Verbrennung. Für den Wertstoffkreislauf sind sie danach unwiederbringlich verloren. Da müssen wir ran", sagt der Recyclingfachmann.

Die Initiative ist kein Selbstzweck. Vor gut einem Jahr hat die Bundesregierung mit dem neuen Verpackungsgesetz den Handlungsdruck erhöht. Die Quote der Wiederverwertung von Kunststoffen ist seit 2019 von ehemals 36 Prozent auf 58,5 Prozent gestiegen, ab 2022 sollen sogar 63 Prozent gelten, womit sich die Quote insgesamt fast verdoppelt hat. Bis 2025 sollen zehn Millionen Tonnen recycelter Kunststoff wieder in neue Produkte einfließen – derzeit sind es zwei Millionen Tonnen. Der Gesetzgeber nimmt die Hersteller verpackter Produkte, den Handel und die Recyclingwirtschaft gleichermaßen in die Pflicht.

Verpackungsmüll: Plastik für die Ewigkeit: Das passiert wirklich mit unserem Müll
Im Gelben Sack verlässt der Kunststoffmüll die meisten Haushalte. Bei Alba in Berlin Hellersdorf geht es dagegen nun erst richtig los.

Im Gelben Sack verlässt der Kunststoffmüll die meisten Haushalte. Bei Alba in Berlin Hellersdorf geht es dagegen nun erst richtig los.

Die auf Plastik spezialisierten Recyclingunternehmen müssen dafür zum einen möglichst viel Kunststoff vor dem Hochofen bewahren und zum anderen die Recyclingtechniken verbessern, um hochwertiges Rezyklat herzustellen. Das Wort sollte man sich merken, es wird in Zukunft häufiger auf Verpackungen zu finden sein. Mit dem Begriff bewerben zum Beispiel die Hersteller von Reinigungsprodukten ihre Plastikflaschen aus recyceltem Kunststoff. Eine Art Bio-Label der Verpackungsindustrie.

Recycling ist kein Selbstzweck, sondern eine gewinnorientierte Wirtschaft

Rezyklate werden heute oft dort eingesetzt, wo es auf die Eleganz des Äußeren nicht so sehr ankommt. Ähnlich wie aus altem Papier auch kein blütenweißes Recyclingpapier entsteht, werden aus dem aufbereiteten Plastik aus dem Gelben Sack keine glasklaren Flaschen mehr. Zudem sind hygienischen Anforderungen sehr hoch. "Was im ersten Leben eine Lebensmittelverpackung war, wird im Zweiten nie wieder eine", weiß Subklew. Das ist der Stand heute. Die technische Entwicklung in der Recyclingtechnik ist indes schnell. Mittelfristig dürften aus altem Plastik immer reinere neue Produkte hergestellt werden können.

Allerdings rechnet sich der Einsatz von Recyclingmaterial für die Hersteller nur, wenn es günstiger ist als neues Plastik. Eine Kreislaufwirtschaft wird nur funktionieren, wenn das wieder aufbereitete Material auch als nachgefragter Rohstoff auf den Markt kommt. Bei den derzeit niedrigen Rohölpreisen eine Herausforderung für die Recycling-Unternehmen.

Gegenseitiges Misstrauen ist die beste Kontrolle

Für besonders umweltfreundliche Verpackungen wird es möglicherweise eine Art Bonusprogramm für die Unternehmen geben. Nachgedacht über solche Vergütungen wird unter anderem in der Stiftung "Zentrales Verpackungsregister" (ZSVR). Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich die 2017 ins Leben gerufene Meldestelle für Verpackungen. Seit einem Jahr müssen die Hersteller ihre verpackten Produkte in einem Register anmelden und dabei auch die Verkaufsmengen angeben. Die vier Stifter der ZSVR sind Verbände aus der Industrie, die vom Umweltbundesamt beaufsichtigt werden. Wichtigstes Ziel der Stiftung: die Schwarze Schafe des Dualen Systems aufspüren. Das Recyclingsystem wird durch Gebühren der Hersteller getragen und letztendlich auf den Produktpreis aufgeschlagen. Einige Firmen hatten ihre Verpackungen jedoch nicht angemeldet und sich so die Lizenzgebühren gespart. Das neue Register soll solche Tricks verhindern, durch gegenseitige Kontrolle. Die Datenbank ist öffentlich einsehbar, wer Verpackungen auf den Markt bringt, jedoch nicht im Register verzeichnet ist, kann sich einer Anzeige durch einen Mitbewerber sicher sein.

Kennen Sie noch den Milchschlauch?

Die Hersteller beschäftigen sich indes schon länger mit alternativen Verpackungen, die sich leichter wiederverwerten lassen und weniger Plastik benötigen. Der Fleischproduzent Tönnies etwa verpackt testweise sein Hackfleisch in sogenannten Flowpacks, einem mit einem Gasgemisch prall gefüllten Beutel. Bisher wurde das Hack in einer mit Folie versiegelten Plastikschale ausgeliefert. Für alle Beteiligten eine attraktive Lösung. Ein Flowpack benötigt nur etwa zehn Prozent des Materials, es ist leichter und es passen mehr Beutel in einen Karton, was die Transportkosten und damit den CO2-Fußabdruck senkt. Da die Verpackung nicht mehr aus zwei unterschiedlichen Plastikmaterialen besteht, lässt sie sich einfacher von der Maschine sortieren. In den Achtziger Jahren gab es eine ähnliche Lösung übrigens schon einmal: den Milchschlauch. In Sachen Wiederverwertung und Co2-Fußabruck war der Milchschlauch seiner Zeit um 30 Jahre voraus, leider war seine Handhabung im Küchenalltag war tückisch.

Besseres Recycling: Warum Sie Ihren Plastikabfall wahrscheinlich falsch trennen
Ein Joghurtbecher, vier Abfallprodukte: weißes Plastik. klares Plastik, Aluminium und Pappe. Sauber voneinander getrennt, ließen sich alle Komponenten sehr gut wiederverwerten. Die Papphülle lässt sich an der perforierten Leiste leicht abreißen. Das Papier verleiht dem Becher übrigens zusätzliche Stabilität. So gestützt kann die Plastikwand viel dünner sein,  das spart Material und damit Rohöl. 

Ein Joghurtbecher, vier Abfallprodukte: weißes Plastik. klares Plastik, Aluminium und Pappe. Sauber voneinander getrennt, ließen sich alle Komponenten sehr gut wiederverwerten. Die Papphülle lässt sich an der perforierten Leiste leicht abreißen. Das Papier verleiht dem Becher übrigens zusätzliche Stabilität. So gestützt kann die Plastikwand viel dünner sein,  das spart Material und damit Rohöl. 

Und was kann der Endverbraucher tun, damit mehr Plastik wieder zu neuen Produkten wird? Trennen und vor allem besser trennen. Dabei muss es nicht gleich wie in Schweden sein, wo der Privathaushalt drei unterschiedliche Sorten Plastik separieren soll. "Wir als Initiative wären schon froh, wenn viel mehr Verpackungen in der gelben Tonne und nicht im Hausmüll landen würden.", sagt Axel Subklew. Recycling geht immer mit Verlust einher. Etwa ein Viertel des angelieferten Materials geht aus unterschiedlichen Gründen bei der Sortierung und der anschließenden Aufarbeitung zum Rezyklat verloren. Das können starke Verschmutzungen sein oder komplexe Verpackungen, deren Bestandteile sich schlecht trennen lassen.

Wer also die bessere Wiederverwertung von Verpackungen unterstützen möchte, braucht einfach nur die Folie von der Hartplastikschale abzuziehen oder den Plastikdeckel vom Getränkekarton abzuschrauben, bevor sie in die gelbe Tonne wandern. Das erleichtert die maschinelle Sortierarbeit und führt zu reineren Recyclingstoffen. Gleichwohl die Sortieranlagen immer ausgefeilter werden, sobald zwei unterschiedliche Wertstoffe zusammenstecken, entscheidet die Maschine über die Zuordnung. Sortenrein ist das dann nicht mehr.

  • Henry Lübberstedt