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    <title>STERN.DE RSS-Feed "Last Call" - die neuesten Artikel aus dem Blog</title>
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    <description>Der Feed mit den aktuellen Beiträgen des Blogs "Last Call"</description>
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    <pubDate>Sun, 19 Apr 2026 21:05:56 GMT</pubDate>
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    <dc:publisher>STERN.de</dc:publisher>
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      <title>Michael Streck: Last Call: Nationale Heiligtümer und die dunkle Seite der Macht</title>
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      <description>Großbritannien diskutiert über eine neue Fernsehserie. Sie heißt "National Treasure" und thematisiert extrem klug und einfühlsam die Kindesmissbrauchsfälle der jüngeren Vergangenheit.</description>
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      <category>Jimmy Savile</category>
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      <category>Großbritannien</category>
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      <category>Kindesmißbrauchsfall</category>
      <category>Michael Streck</category>
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      <category>Spanien</category>
      <category>Wochenende</category>
      <pubDate>Fri, 23 Sep 2016 15:56:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Großbritannien diskutiert über eine neue Fernsehserie. Sie heißt "National Treasure" und thematisiert extrem klug und einfühlsam die Kindesmissbrauchsfälle der jüngeren Vergangenheit.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Der erste Abgeordnete, den ich in <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/grossbritannien-4154892.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien" class="taxonomy-entity place">Großbritannien</a> traf, war ein Hinterbänkler. Simon Danczuk saß für die Labour-Partei im Parlament und hatte soeben ein aufsehenerregendes Buch geschrieben. Es hieß "Smile for the Camera" und erzählt die Geschichte von Cyril Smith, einem kolossal dicken und kolossal widerwärtigen Politiker der Liberalen, der sich in den 70-er und 80-er Jahren als Patron für verlassene Jungen in Kinderheimen gerierte und dann, sobald die Kameras aus waren, diese Jungs missbrauchte und auch anderen Päderasten zuführte. Ein Mann, den Polizei und Inlandsgeheimdienst MI 5 auf dem Radar hatten, aber offenbar auf höhere Weisung unbehelligt ließen. Smith war tabu bis zu seinem Tod vor sechs Jahren.<br/></p><p>Danczuks Buch war deshalb auch eine Abrechnung mit der politischen Kaste. Seine Kollegen warnten ihn vor der Veröffentlichung. Sie sagten, er, Danczuk, würde damit seine politische Karriere ruinieren, ehe die überhaupt richtig begonnen habe. Danczuk tat es trotzdem. Das war verdammt mutig.<br/></p><h2>Showmaster verging sich an Groupies</h2><p>Seine politische Karriere ist dennoch ruiniert. Aus anderen Gründen. Aus in seinem Fall fast schon paradoxen Gründen. Er selbst konnte nämlich die Finger nicht lassen von sehr jungen Frauen und wurde vor einigen Monaten vorläufig von der Partei suspendiert. Das Letzte, was ich von ihm las, war über eine Festnahme in Spanien. Er soll dort randaliert haben in der Ferienwohnung seiner inzwischen von ihm geschiedenen Frau Karen. Viel Glas ging zu Bruch, die <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/news2/themen/ehe-6868868.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Ehe" class="taxonomy-entity keyword">Ehe</a> war es schon. Karen, muss man wissen, ist auf gewisse Art auch berühmt, weil sie ständig Fotos von ihrem Dekolleté macht und die fast zwanghaft postet. Am vergangenen Wochenende erzählte sie der "Times" die Geschichte des turbulenten Abends. Die Überschrift ging so: "Eine Nacht in der Zelle, genäht mit 40 Stichen: Ein Urlaub mit meinem Ex-Mann, dem Abgeordneten."<br/></p><p>Ich glaube nicht, dass Simon Danczuk noch mal ins Parlament zurückkommt.<br/></p><p>In dieser Woche musste ich häufiger an ihn denken aus gegebenem Anlass. Im englischen Fernsehen begann auf Channel 4 eine Serie mit dem Titel "National Treasure", nationales Heiligtum. Darin geht es um einen bekannten Fernsehstar, den viele Jahre nach seinen größten Erfolgen die Vergangenheit einholt – Vergewaltigungsvorwürfe. Erst einer, dann zwei, dann immer mehr. Eine Lawine. Die Geschichte handelt von Macht und Machtmissbrauch. Sie handelt von Männern wie eben Cyril Smith. Oder Jimmy Savile. Das ist ein BBC-Star aus den 60er und 70er Jahren, der die legendäre Show "Top of the Pops" moderierte. Stars und Sternchen aus Rock und Pop standen damals Spalier. Und damit auch jede Menge Groupies, bei denen sich der Showmaster dann auf perverse Art bediente. Es gab immer wieder Gerüchte - wie bei Cyril Smith. Aber was nicht sein durfte, konnte nicht sein – wie bei Cyril Smith. Beide "national treasures", nationale Heiligtümer.<br/></p><h2>Hunderte Missbrauchs-Fälle kamen an die Oberfläche</h2><p>Als <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/panorama/verbrechen/themen/jimmy-savile-4185424.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Jimmy Savile" class="taxonomy-entity person">Savile</a> starb, kondolierte sogar Prinz Charles, und in seiner Heimatstadt Leeds stieg eine Prozession. In der St. Anne’s Kathedrale versammelten sich Hunderte von Menschen, draußen standen Tausende. In der Predigt sagte der Reverend Kieran Heskin: "Seine Lebensgeschichte war ein Epos des Gebens: Geben von Zeit, Talent und Kostbarkeit." Das war im November 2011.<br/></p><p>Kurz danach brachen die Dämme.<br/></p><p>Hunderte Fälle von Missbrauch und <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/panorama/verbrechen/themen/vergewaltigung-4149080.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Vergewaltigung" class="taxonomy-entity keyword">Vergewaltigung</a> sind heute aktenkundig. Die an Aufklärung nur mäßig interessierte BBC stürzte darüber in die größte Krise ihrer Existenz. Saviles Fall öffnete die Büchse der Pandora. Vielen Promis wurde der Prozess gemacht, einige verbüßen lange Haftstrafen. Sie alle wurden aus der Vergangenheit ins Jetzt befördert durch eine Scotland-Yard-Ermittlung mit dem Decknamen "Yewtree", Eibe.<br/></p><p><br/></p><p>"Operation Yewtree" spülte aber eben auch Unschuldige wie den schwulen Politiker Nigel Evans auf die Anklagebank. Zeugen wurden vorgeladen, die gar nicht aussagen wollten, weil es gar nichts auszusagen gab. Und als sie doch aussagten, entlasteten sie Evans. Seine politische Karriere ist jetzt Staub.<br/></p><p>Auch Sir Cliff Richard wurde beschuldigt. Aufnahmen davon, wie sein Haus gestürmt wurde, liefen sogar live im Fernsehen. Die Polizei musste sich entschuldigen. Aber das Klima war so. "Hexenjagd", klagten die einen. "Überfällige Aufarbeitung", sagten die anderen.<br/></p><h2>Robbie Coltrane spielt Comedian Paul Finchley</h2><p>Von exakt diesem Klima erzählt "National Treasure" virtuos. Und ganz besonders virtuos da drin Robbie Coltrane, deutschen Zuschauern durch seine Rolle als Riese Hagrid in den Harry Potter-Filmen bekannt und etwas älteren als hinreißend ambivalenter Polizeipsychologe Fitz in einer hochgelobten Krimiserie vor 20 Jahren.<br/></p><p>Coltrane spielt nun den alternden Comedian Paul Finchley, der seine besten Tage hinter sich hat, noch eine Nachmittagsshow moderieren darf und ansonsten von den Tantiemen alten Ruhms lebt. Taxifahrer erkennen ihn zuweilen noch und wollen abgestandene Witzchen hören. Zu Hause sitzt seine Frau Marie, Julie Walters, gleichfalls grandios. Frustriert, ständig betrogen und doch loyal aus alter Verbundenheit.</p><p>Die beiden führen eine angestaubte Ehe, die wie Finchleys Witze wirkt. Dann klingelt die Polizei und konfrontiert ihn mit einer angeblichen Vergewaltigung aus einer Zeit, als er noch prominent und wichtig und präsent war. Ein national treasure.<br/></p><h2>Ermittlungen gegen Kinderschänder gehen weiter</h2><p>Es ist die vielleicht klügste Serie des Jahres, denn sie ergeht sich nicht in plumper Eindeutigkeit. Finchley ist keinesfalls ein Monster. Wer ihm ins Gesicht schaut, sieht Verzweiflung und Angst und auch Verletzung. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er darin auch Schuld sieht. Coltrane sagt, er habe am Set manchmal geweint. Und diese Tränen gehörten nicht zum Skript.<br/></p><p>Operation "Yewtree" geht weiter, weil die Realität weiter geht. Neben "Yewtree" gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Ermittlungen gegen Kinderschänder. Die größte heißt "Operation Hydrant" und behandelt insbesondere Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit. Annähernd 2300 Verdächtige wurden im Rahmen von "Hydrant" bereits vorgeladen und vernommen.<br/></p><p>Darunter sind fast 300 Männer, die unter dem Rubrum "Public Prominence" geführt werden. Es sind Männer aus Politik und Showbusiness.<br/></p><p><br/></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Brexit und die Folgen: Johnson, Farage und Evans gehen - bleiben sie auch weg?</title>
      <link>https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit--boris-johnson--nigel-farage-und-chris-evans-gehen---bleiben-sie-auch-weg--6934902.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard</link>
      <description>Es gibt keine Gewissheiten in diesen Chaostagen nach dem Brexit. Auch die Rücktritte der Leave-Fans Johnson und Farage wirken unecht. Niemand würde sich wundern, wenn sie wieder auftauchten - wie Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre".</description>
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      <category>Europa</category>
      <category>Matt Leblanc</category>
      <pubDate>Tue, 05 Jul 2016 13:04:36 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Es gibt keine Gewissheiten in diesen Chaostagen nach dem Brexit. Auch die Rücktritte der Leave-Fans Johnson und Farage wirken unecht. Niemand würde sich wundern, wenn sie wieder auftauchten - wie Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre".</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Dies ist die Zeit der großen und der kleine <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/deutschland/themen/ruecktritt-4158666.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Rücktritt" class="taxonomy-entity keyword">Rücktritte</a>, obschon man sich nicht sicher sein kann, ob Rücktritt auch das richtige Wort ist. Man weiß es einfach nicht. Man weiß zum Beispiel nicht, ob…<br/></p><p><strong><a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/boris-johnson-4161272.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Boris Johnson" class="taxonomy-entity person">Boris Johnson</a></strong>nun wirklich weg vom Fenster ist. Oder nur ein bisschen weg vom Fenster. Was man weiß ist, dass er sich gigantisch verkalkuliert hat und nun schmollt. Er fühlt sich verraten vom Mitstreiter <strong>Michael </strong>Brutus Judas <strong>Gove</strong>. Was insofern schon wieder amüsant ist, weil Boris - nie ein echter Anti-Europäer - zuallererst sich selbst verraten hat mit seiner Entscheidung, für die Out-Kampagne anzutreten. Was man auch weiß: Es gibt durchaus eine Menge Leute, die recht erleichtert sind, dass er weg ist.<br/></p><h2>Übergepäck wegen zu vieler Leichen im Koffer</h2><p>Sein früherer Mentor <strong>Max Hastings</strong>, einst Chefredakteur des "Daily Telegraph" verfasste beispielsweise <a target="_self" href="http://www.dailymail.co.uk/news/article-3668972/If-charlatan-sexual-adventurer-Prime-Minister-d-emigrated-says-former-boss-MAX-HASTINGS.html" class="external-link">einen außerordentlich giftigen Nachruf</a>. Kein Mitleid mit dem Scharlatan schrieb der, und dass er ausgewandert wäre für den Fall, dass Johnson mit seiner Maskerade durchgekommen und Premier geworden wäre. Das Stück war gewürzt mit herrlichen Gemeinheiten und gipfelte in dem süffisanten Satz: "Boris hat am Flughafen stets für Übergepäck zahlen müssen, weil er so viele Leichen im Koffer hatte."</p><p></p><p>Nun ist er fort. Es heißt, er schreibe gerade eine neue Biografie. Über Shakespeare. Ausgerechnet. Sie soll im Oktober erscheinen.<br/>Es ist unterdessen noch nicht überliefert, ob auch …<br/></p><p><strong><a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/nigel-farage-4179834.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Nigel Farage" class="taxonomy-entity person">Nigel Farage</a></strong> ein Buch schreiben wird über seine Zeit als UKIP-Boss. Dies ist sein bereits dritter Rücktritt. Auf die ersten beiden folgte jeweils der Rücktritt vom Rücktritt. Jetzt will er, wie er sagte, sein Leben zurück, weil er sich am Ziel wähnt, nämlich endlich: raus aus Europa. Farage hielt in der vergangenen Woche eine ziemlich scheußliche Rede im Europa-Parlament und beleidigte den Großteil der Anwesenden. Mit einem Satz allerdings lag er richtig. Als er 1999 dort antrat und zum Antritt davon sprach, Großbritannien aus der Union zu führen, lachten alle. "Jetzt", sagte er, "lacht niemand mehr." Das Lachen ist in der Tat allen vergangen auf dem Festland und auch auf der Insel.<br/></p><p><br/></p><p>Dass es überhaupt ein Referendum gab, lag eben zu einem großen Teil an seiner Partei, die ohne ihn wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag ein Dasein als "fringe-party", als Randparte geführt hätte. Mit dem lauten und durchaus charismatischen Farage gewann UKIP an Statur - und vor allem an Wählern. Sie wilderten bei Labour und Tories gleichermaßen, verkauften sich gewieft als Anti-Establishment und reüssierten auf diesem Ticket. UKIP trieb die etablierten Parteien vor sich her und damit auch <strong>David Cameron</strong>, der schließlich einknickte und vor drei Jahren die vermaledeite Volksabstimmung versprach. Streng genommen, war Farage schon damals am Ziel.<br/></p><h2>Farages Brexit-Kampagne war nicht einmal die giftigste</h2><p>Man muss allerdings wissen, dass Farage innerparteilich ziemlich umstritten war und ist. Einer der größten Parteispender, der Geschäftsmann <strong>Arron Banks</strong>, deutete sogar an, dass sie womöglich eine neue Partei gründen könnten. Eine Splitterpartei der Spalterpartei. Im Spalten und Splittern verfügt er über eine gewisse Erfahrung: Mister Banks stand gemeinsam mit Farage während der EU-Kampagne einer Splittergruppe vor. Sie hieß "Leave.<a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/eu-4540782.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EU" class="taxonomy-entity organization">EU</a>" und war im Vergleich zur offiziellen und größeren "Vote Leave"-Fraktion so etwas wie der kleine und gemeine Hooligan-Bruder. Auf ihrer Webseite posteten die Herrschaften rassistische Videos, darunter auch eine von <strong>Donald Trump</strong> (!) vorgetragene Fabel mit dem Titel "The vicious snake", in dem der berühmteste Populist der Welt Immigranten mit einer giftigen Schlange verglich.</p><p><br/></p><p>Das war schon schlimm genug, hinderte Farage aber nicht daran, vor einem demagogischen Poster mit der Zeile "Breaking Point" zu posieren. Darauf Flüchtlinge an der slowenischen Grenze (!), die - das war der Kern der Botschaft - aber selbstredend alle nach <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/grossbritannien-4154892.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien" class="taxonomy-entity place">Großbritannien</a> wollen. Wie auch 80 Millionen Türken und auch sämtliche 500 Millionen EU-Einwohner.</p><p>Offenbar glauben solchen Stuss immerhin 52 Prozent der Briten.<br/></p><p>Selbst einigen <strong>UKIP-Menschen</strong> war das peinlich, und das will was heißen, denn die sind sich sonst vor nichts fies. </p><h2>Freunde wie Guardiola und Mourinho</h2><p>Neulich hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, den einzigen Parlamentarier der Partei zu treffen. <strong>Douglas Carswell</strong>, einen von den Konservativen zu UKIP Konvertierten. Carswell konvertierte dann aber zügig noch mal - nämlich vom Farage-Freund zum Farage-Feind. Wir saßen in Carswells kleinem Büro in Clacton-on-Sea, er sprach über das bevorstehende Referendum, und erwähnte in der guten Stunde Gespräch seinen Parteichef nicht mit einer Silbe. Und das, obwohl ich ihn immer wieder mit Farage-Fragen triezte. Kein Wort. Carswell und Farage mögen sich ungefähr so wie <strong>Pep Guardiola </strong>und<strong> José Mourinho</strong>.</p><p>Die beiden Fußballtrainer, neuerdings beide Manchester aber bei verschiedenen Arbeitgebern, legten bekanntlich jeweils ein Sabbatical ein. Guardiola eher freiwillig, der andere nach Rauswurf. Ähnlich könnte das bei Farage jetzt auch sein. Er ist dann mal weg. Aber eben nur mal. Die "Guardian"-Kolumnistin Marina Hyde verglich ihn gerade mit Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre". Die schießt, man wähnt sie endlich ersoffen, doch wieder aus der Wanne hoch.<br/>Farage will jetzt erst mal leben. Er wird Reden halten, für die er dem Vernehmen nach 20.000 Pfund pro Stück bekommt und ansonsten daheim seiner deutschen Frau und den Kindern durch pure Anwesenheit und "Papa-ante Portas"-mäßig so lange auf den Nerv gehen, bis Helga ihn vor die Tür setzt und sagt: "Raus aus der Wanne! Such dir einen Job."<br/></p><p><br/></p><p>Was im Übrigen nunmehr auch für… <a href="https://www.stern.de/kultur/film/themen/chris-evans-4129258.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Chris Evans"><strong>Chris Evans </strong></a>gilt, der zur Freude der britischen Fernsehgemeinde seinen Job als Moderator von "Top Gear" aufgab. "Top Gear", für alle, die damit nicht so vertraut sind, war einmal ein BBC-Format, in dem es formal um Autos ging, aber praktisch um gehobenen Wahnsinn. Es war ein Ventil für alles, was im Fernsehen eigentlich nicht gesagt werden durfte und dort genau deshalb gesagt wurde. Eine Hebebühne des politisch Unkorrekten. "Top Gear" war ergo ein globaler Hit und wurde in mehr als 200 Länder verkauft. </p><h2>Aus der Wanne auf die Bühne</h2><p>Präsentiert wurde die Show seit 2002 von <strong>Jeremy Clarkson</strong>, einem stramm konservativen Moderator, der wunderbar zuverlässig aus der Rolle fiel. Zuletzt fiel er im vergangenen Jahr aus der Rolle, vermöbelte einen Produzenten und ging des Jobs verlustig. Es übernahm der hierzulande weltberühmte Radiomoderator Chris Evans und holte sich den "Friends"-Star <strong>Matt LeBlanc</strong> an die Seite. Das politisch Unkorrekte der Clarkson-Zeit verschwand politisch korrekt. Man kann es auch so sagen: Evans fuhr in der Autosendung einfach zu viel Auto - und damit die ganze Show vor die Wand. Die Quoten sanken Richtung Erdkern, am Montag zog Evans die Bremse und stieg ganz aus. Es kann aber auch sein, dass er einem Rauswurf nur zuvorkam. Denn die Polizei ermittelt wegen eines sexuellen Übergriffs irgendwann in den 90er-Jahren.</p><p>Auch Evans ist dann mal weg. Allerdings so richtig. Das unterscheidet ihn von Boris und Nigel. Die beiden, jede Wette, werden irgendwann ihren Glenn Close-Moment haben. Aus der Wanne auf die Bühne.<br/></p><p>Und sei es nur fürs große Finale.<br/></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
    </item>
    <item>
      <title>Brexit und EM-Exit: Ein Land zerlegt sich selbst</title>
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      <description>Scherben, überall Scherben. Politik, Fußball, Kultur. Großbritannien versinkt im Chaos. Auf irgendetwas muss doch in Zukunft wieder Verlass sein?! Michael Streck hat da so eine Ahnung.</description>
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      <pubDate>Tue, 28 Jun 2016 18:15:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Scherben, überall Scherben. Politik, Fußball, Kultur. Großbritannien versinkt im Chaos. Auf irgendetwas muss doch in Zukunft wieder Verlass sein?! <em>Michael Streck</em> hat da so eine Ahnung.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>In <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/deutschland/themen/deutschland-4540700.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Deutschland" class="taxonomy-entity place">Deutschland</a> glauben viele Menschen offenbar, die Briten würden am liebsten die Zeit zurückdrehen. Zumindest mal um eine Woche. Dann alles auf null und von neuem.<br/></p><p>Ich bin mir da nicht so sicher.<br/></p><p>Ein paar Engländer stellten die Zeit tatsächlich zurück. Allerdings ganz anders als erhofft und gleich um 66 Jahre. 1950 in Belo Horizonte, es war gerade Fußball-WM in Brasilien, verlor die englische Nationalmannschaft gegen den damaligen Fußballzwerg USA mit 0:1. Und flog nach Hause. Bis zum Montag dieser Woche war dies die schlimmste Blamage der an Blamagen ohnehin recht üppigen englischen Fußballhistorie. <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/island-4152328.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Island" class="taxonomy-entity place">Island</a> hat die Vereinigten Staaten nunmehr abgelöst. Nach fast sieben Jahrzehnten, könnte man sagen, war das auch an der Zeit.<br/></p><p>Künftig gilt: Island ist die neue Maßeinheit für sportliche Pleiten. Das politische Äquivalent zu Island heißt im Übrigen ab sofort <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/david-cameron-4540988.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="David Cameron" class="taxonomy-entity person">David Cameron</a>. Oder Jeremy Corbyn. Oder Boris Johnson. Das wechselt täglich.<br/></p><p><br/></p><h2>EM-Exit passt ins Bild: Scherben überall</h2><p>Die Niederlage gegen die Vertreter von einer Insel, die nach geologischem Befund der hauptberuflichen Fußball-Legende <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/gary-lineker-4129428.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Gary Lineker" class="taxonomy-entity person">Gary Lineker</a> mehr Vulkane als Fußballprofis hat, legte sich wie zusätzliche Pein auf die Seelen der wieder vereinten Nation. Vereint in Trauer, Entsetzen und Ungläubigkeit. Über alle Lager hinweg, von Labour bis Tories, von Remain bis Leave, von Nord bis Süd – alle sauer übers Nationalteam. Der Vater der neuen insularen Eintracht, Roy Hodgson, trat zurück wie David Cameron. Aber im Gegensatz zum Staatschef hinterlässt er seinem Nachfolger grundsolides Erbe: Die Gewissheit nämlich, dass England und große Fußballturniere in etwa kompatibel sind wie die Insel und Europa.<br/></p><p>Scherben auch dort. Scherben überall.<br/></p><p>Vor 50 Jahren gewann England im eigenen Land den bislang einzigen Fußball-WM-Titel. Es war auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties, eine Metapher auch für den Aufbruch.<br/></p><p>Island ist nun das Gegenteil. Tiefpunkt in schwankender Zeit, eine Metapher für den Zusammenbruch.<br/></p><p>Ein Land zerlegt sich gerade vor den Augen seiner Bürger und dem der Rest der Welt. Und zwar in einem Tempo, das sogar den Live-Ticker überfordert. Notizen von der Insel, Stand Dienstag…<br/></p><p><strong>*<a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/themen/labour-6925360.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Labour" class="taxonomy-entity organization">Labour</a></strong>, der alten Volkspartei, ist ihr Vorsitzender abhanden gekommen. Das heißt: doch nicht. Jeremy Corbyn lief erst sein Schattenkabinett davon, dann gab es offene Rebellion. Ein Misstrauensvotum endete mit 172 zu 40 Stimmen gegen ihn. Aber Corbyn will einfach nicht gehen. Er weigert sich standhaft. Fortsetzung folgt. Genau wie bei den…<br/></p><p><strong>*Konservativen</strong>. Auch bei denen größtes anzunehmendes Führungschaos. David Cameron ist bald Geschichte, die Frage ist: Wer beerbt ihn – und wie lange? Favorisierte Kandidaten sind Boris Johnson (natürlich) und Innenministerin Theresa May als Gegenpol oder Interimslösung. Boris Johnson spielt unterdessen auf Zeit. Er rief erst die Geister, will nun aber nichts überstürzen und schon mal gar nicht den ominösen Paragraphen 50 aus dem Vertrag von Lissabon ziehen, der den Austritt dann auch festnageln würde. Es könnte nämlich andernfalls zum Vorschein kommen, dass der oberste Brexiter gar keinen richtigen Plan für den Brexit hat und sich irgendwie darauf verließ, dass Cameron einen hat, der aber auch keinen hatte und die Kugel einfach weiterschob an die Renegaten. Nun Stillstand. Und die Suche nach dem…<br/></p><p><strong>* Plan</strong>. Von Boris weiß man seit seiner Zeitungskolumne im "Daily Telegraph" immerhin, dass er gerne im gemeinsamen Markt bleiben würde, und er beruft sich dabei als Fürsprecher ausgerechnet auf den Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), der aber zügig dementierte, überhaupt ein Fürsprecher zu sein. Er muss da, wie so oft, irgendwas verwechselt haben. Wie überhaupt die Brexiter offenbar eine Menge verwechselt haben im Eifer des Gefechts. Die im Wahlkampf versprochenen Einschnitte bei der Immigration? Nun ja. Keine Garantie mehr dafür. So schnell nicht. Die berühmten 350 Millionen Pfund, die sie statt nach Brüssel demnächst ins nationale Gesundheitswesen investieren wollten? Nun ja. Auch keine Garantie dafür. Obschon das als mannhohes Versprechen auf Boris’ rotem Brexit-Bus leuchtete. Alles schwerer, alles teurer, alles langwieriger. Alles…<br/></p><p><strong>*Chaos</strong>. Als ein weiterer potenzieller und eher selbsterklärter Retter im ohnehin schon gigantischen Tumult tauchte zu allem Überfluss auch noch Gesundheitsminister Jeremy Hunt auf. Auch er erwägt nun, seinen Hut in die Ringschlacht um Camerons Nachfolge zu werfen. Hunt, muss man wissen, ist ein Mann von bemerkenswert jämmerlicher politischer Statur, der für massive Kürzungen steht und den ersten Vollstreik junger Ärzte in der Geschichte des National Health Service verantworten musste. Hunt sprach sich auch für ein mögliches zweites Referendum aus, eher aus populistischen Erwägungen. Wer ihm nur etwas länger zuhört, versteht jedenfalls, warum ihn der Radiomoderator James Naughtie vor Jahren live "Jeremy Cunt" nannte. Cunt heißt auf Deutsch, nun, Sie ahnen es. Man könnte es als Freud’schen abtun. Oder vielleicht doch eher als Freude. Vermutlich jedenfalls kein Zufall, dass Naughtie ein…<br/></p><p><strong>* Schotte</strong> ist. Der Stamm aus dem Norden verfolgt mit gewissem Amüsement, wie sich die südlichen Vettern in Westminster gegenseitig filetieren und dann auch noch gegen Island verlieren. Am Dienstag trat gut gelaunt wie meist der frühere First Minister Alex Salmond vor die Auslandspresse und erklärte, er sei zwar Schotte, verstehe aber von den Engländern offenkundig mehr als deren Führer, "es ist nie eine gute Idee, die Leute in eine Ecke zu drängen". Was dann passiert, hat die Nation vergangene Woche erlebt und spürt jetzt die Folgen. Randlos verdampft seitdem so viel Geld an den Märkten, dass man davon, wie Salmond höhnte, "locker 20 Jahre EU-Beitragszahlungen" hätte stemmen können. Hätte, wäre, könnte. Konjunktiv und Vergangenheit obendrein. Die Zukunft dagegen: Schottland will nun raus aus der Union. Ein zweites Referendum, prophezeite Salmond heiter, wäre in zwei Jahren vorstell- und auch umsetzbar.<br/></p><h2>Großbritanniens Aussichten - auf etwas muss Verlass sein</h2><p>Bis dahin haben die Briten dann auch einen neuen Premier (oder vielleicht sogar schon zwei). Bis dahin hat auch Labour einen neuen Chef (oder vielleicht schon zwei). Bis dahin schließlich hat auch die englische Nationalmannschaft wieder einen neuen Trainer (oder vielleicht schon zwei oder drei). Ach, und in zwei Jahren ist wieder ein großes Fußballturnier, Weltmeisterschaft in Russland. Wir spulen kurz vor. Schottland wird unabhängig. Und England verliert im Achtelfinale.<br/></p><p>Auf irgendwas muss in diesen Zeiten doch Verlass sein.</p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Großbritannien vor Brexit-Abstimmung: Nordirland und die Angst vor neuen, alten Grenzen</title>
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      <pubDate>Tue, 21 Jun 2016 13:53:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Brexit oder nicht? Beim Referendum am Donnerstag wird auch die Frage entschieden, ob die einzige Landgrenze des Vereinten Königreiches mit der EU weiter grün bleibt. Unser Autor war auf einem Ortstermin.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Manchmal kann ich <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/brexit-6610406.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Brexit">Brexit</a> nicht mehr hören, nicht mehr sehen und lesen. Und schreiben eigentlich auch nicht mehr. Es ist zunehmend anstrengend. Von allen Seiten dröhnt es. Ich wünsche mich dann auf den Kontinent. Glücklicherweise gibt es einen kleinen Zipfel im Meer, der dem kontinentalen Gefühl verblüffend nahekommt, obschon ganz und gar Vereintes Königreich: <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/nordirland-4132710.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Nordirland" class="taxonomy-entity place">Nordirland</a>, klein und schön und voller Pro-Europäer. Eine Enklave der Vernunft. Auf der anderen Seite des Wassers, noch etwas nördlicher, liegt Schottland, auch eine Enklave der Vernunft. Man kann es auch so sagen: Die Kelten halten die Idee der Europäischen Union hoch.</p><p>Neulich traf ich einen Politologen in <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/london-4540682.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="London">London</a>. Er heißt Simon Hix, unterrichtet an der "London School of Economics" und sagte den schönen Satz, dass am 23. Juni eben auch darüber entschieden wird, ob das weiße England wieder mal die Kelten überrennt. Aus seinen Worten sprach unausgesprochen: Hoffentlich nicht. Hix riet: "Fahr hin und guck’s dir an. Sie sind wohltuend anders."</p><p><br/></p><h2>In Nordirland gibt es flüssigen Sonnenschein</h2><p>Also flog ich hin und stellte gleich nach der Landung in <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/belfast-4132712.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Belfast">Belfast</a> fest, dass sie wohltuend anders sind. Es geht schon damit los, dass sie den kleinen City-Flughafen in Belfast nach dem berühmtesten nordirischen Fußballspieler benannt haben, George Best. Der Name war in diesem Fall in vielerlei Hinsicht Programm. Best war nicht nur auf dem Platz der Beste, sondern bis zu seinem Tod mindestens so sehr auch außerhalb. Berühmt für Exzesse und daraus destillierte Lebensweisheiten. "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst", sagte er einmal. Und ein anderes mal: "Ich könnte den anonymen Alkoholikern beitreten. Das Problem ist nur, ich kann nicht anonym bleiben." Er starb vor elf Jahren in London, es hieß, Alkohol habe dabei keine unerhebliche Rolle gespielt. Danach benannten sie den Flughafen nach ihm, und als wir ankamen in Belfast machte sich gerade die nordirische Nationalmannschaft auf den Weg nach Frankreich. Die Sonne schien ausnahmsweise, in Irland bezeichnen sie in Ermangelung des Originals den Regen als "liquid sunshine", flüssiger Sonnenschein. Reporter stellten Fragen nach den Gruppengegnern, aber eben auch danach, ob die Spieler ordnungsgemäß gewählt hätten. Briefwahl. Referendum. Hatten sie. Sagten sie. Es klang glaubwürdig.</p><p></p><p>Waliser, Schotten und Nordiren sind vergleichsweise überzeugte EU-Bürger. Die Waliser deshalb, weil die strukturschwächste Region Großbritanniens am stärksten von Brüsseler Subventionen profitiert. Die Schotten, weil sie sich geistig und kulturell immer schon am europäischen Festland orientierten. Und die Nordiren, weil sie seit nunmehr 20 Jahren den Geist des Friedens und der Freiheit atmen und die Grenzen verschwanden zwischen der Irischen Republik und dem Norden. Ein Landzipfel gezeichnet von Bürgerkrieg, den Iren wie Briten verblüffend verharmlosend "Troubles", Ärger, nennen. Als wär’s eine lästige Stubenfliege. Frieden jetzt und offiziell seit 1998, die alten Grenzen grün wie die ganze Insel. Es wuchs zusammen, was zusammengehört.</p><h2>Brexit befeuert Sorgen vor neuen, alten Grenzen</h2><p>Ein möglicher Brexit befeuert in diesen Tagen Sorgen vor neuen, alten Grenzen auf jenen 500 Kilometern, die den Norden vom Süden trennen und früher zerrissen. Es war die Zeit der IRA, der Bomben, der langen Wartezeiten an den Checkpoints. Conor Patterson erlebte sie als Kind und Jugendlicher in Newry und Warrenpoint, heute zweitgrößter Hafen Nordirlands. Im August 1979 radelte er mit seinem Bruder, ein Konvoi britischer Soldaten begegnete ihnen, und ein paar Minuten später hörten sie einen Knall. 18 Soldaten und ein englischer Zivilist starben, blutigster Anschlag in der blutigen Geschichte des geteilten Landes. Das County Armagh galt als Festung der <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/ira-4159878.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="IRA">IRA</a>. Deshalb Wachposten und Befestigungen fast wie an der deutsch-deutschen Grenze; in der nahegelegenen Bucht von Warrenpoint ankerte eine britische Fregatte. Dies war die Realität vor gar nicht langer Zeit. Wie könnte Patterson vergessen, wie könnten die Iren im Norden und Süden vergessen?</p><p>Patterson steht nun dort, wo einst die Sprengsätze detonierten, nordirische Erde unter seinen Füßen, die Republik nur einen Steinwurf entfernt auf dem anderen Ufer des Newry-Flusses. Er wirbt seit Jahren hauptberuflich für den Standort Grenzland als Geschäftsführer der "Newry &amp; Mourne Enterprise Agency", einer Wirtschaftskooperative. Trägt <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/irland-4154852.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Irland" class="taxonomy-entity place">Irland</a> im Herzen, Europa auf der Zunge und im Portemonnaie. In seinem silbernen Volvo sammelt er in der Ablage der Fahrerseite Euro-Münzen, auf der Beifahrerseite britische Pfund. Ist mal hüben, mal drüben. Gestern erst drüben in Omeath, Süden, weil das Guinness auf der anderen Seite ein Prozent stärker schmeckt. Er sagt: "Ein <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/eu-4540782.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EU">EU</a>-Ausstieg wäre für die Menschen hier ein Desaster." Im Hafen von Warrenpoint gehen 45 Prozent des Handels auf den kleinen Grenzverkehr zurück, 30 der 200 Hafenarbeiter pendeln jeden Tag aus der Republik. "All das riskieren durch ein Kreuz an der falschen Stelle? Ein Schritt vorwärts in die Vergangenheit?" Nirgendwo ist die <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/eu-4540782.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EU" class="taxonomy-entity organization">EU</a> auf den britischen Inseln so nah, so spürbar und so stark wie hier.</p><p></p><h2>"Ich bin Brite, ich bin Ire und Europäer"</h2><p>Durch die Dörfer Pettigo und Tullyhommon auf der Westseite der Insel verlief einst die Grenze über den winzigen Fluss Termon. County Donegal im Süden und County Fermanagh im Norden. Heute sind sie so gut wie eins; die <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/eu-4540782.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EU">EU</a> subventionierte mit rund 8,5 Millionen Euro ein Kultur- und Sportzentrum fürs Doppeldorf mit Kindergarten, Spiel- und Kunstrasenplatz, das eigentlich viel zu groß ist für 500 Menschen. Verirrten sich "Leave"-Leute nach Pettigo und Tullyhommon, würden sie ganz gewiss ätzen über diesen wunderbaren Exzess aus Steuergeldern, "brauchen sie das?" Vielleicht brauchen sie es nicht, aber das Ganze nennt sich "Peace Project". Also bitte.</p><p>Die aus Nordirland stammende Staatsekretärin Theresa Villiers schlug sich ausgerechnet auf die Seite der Brexit-Anhänger. Sie sagte, das Gerede von neuen Grenzen sei Unfug und schiere Angstmacherei. Für Iren im Norden wie im Süden hörte sich das ein bisschen an wie Walter Ulbrichts "niemand hat die Absicht …" Vielleicht hat auch niemand die Absicht, neue Mauern zu bauen. Aber allein der Gedanke beunruhigt die Leute. Grenzen waren früher. In Irland nennen sie Brexit-Betonköpfe wie Villiers "stuck in peat bog", Torfschädel, wie man im "Brittons" lernt, dem schönsten Pub von Pettigo und Tullyhommon. Bezahlt wird entweder mit Euro oder Pfund, völlig wurscht, und Hauptsache "Sláinte", "Cheers".</p><p></p><p>Auf der anderen Seite der Brücke, wo die Geschwindigkeit bereits in britischen Meilen gemessen wird, schraubt der alte Mervyn Johnston an einem grünen Mini. Seine Werkstatt war mal das Postgebäude, die IRA sprengte es 1973 in die Luft. Danach baute Mervyn seine Garage - und überstand fünf Bombenanschläge. Mervyn war bei der Armee, Protestant, damit Feind der IRA und zugleich natürlicher Freund der übrigen Dörfler, bei allem eben auch Ire. Es wurde gemeinsam geschmuggelt und gemeinsam getrunken. Die Bomben? "Ach", sagt er, "das ist Geschichte." Er redet nicht gerne von der Vergangenheit. Für 18 Monate zog er damals in den blutigen Siebzigern auf die Isle of Man, als es wirklich zu gefährlich war für die Familie. Kehrte aber zurück nach Tullyhommon, weil es Heimat war. Blickt über die Brücke, einst schwer bewachter Grenzposten, heute Symbol des Miteinanders. Er sagt: "Ich bin Brite, ich bin Ire und Europäer." Johnston stimmt selbstverständlich für den Verbleib in der EU. Dreiviertel der 1,8 Millionen Nordiren stimmen voraussichtlich wie er.</p><p>Mit diesem insgesamt doch wohligen Gefühl verlässt man das puztige Doppeldorf Tullyhommon und Pettigo, fährt zurück nach Belfast und trinkt im "<a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/george-best-6072996.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="George Best" class="taxonomy-entity person">George Best</a>"-Flughafen noch ein Guinness im Gedenken an den bekanntesten Nordiren. Den sie liebten im Norden und im Süden wegen seiner Ballfertigkeit und gesamtirischen Weisheiten. Das Beste von Best deshalb zum Schluss: "1969 habe ich die Frauen und das Trinken aufgegeben. Es waren die schlimmsten 20 Minuten meines Lebens."</p><p><br/></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
    </item>
    <item>
      <title>Stimmen sammeln gegen den Brexit: Wie man die Briten zum Verbleib in der EU überredet</title>
      <link>https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit--wie-man-die-briten-zum-verbleib-in-der-eu-ueberredet-6908494.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard</link>
      <description>Gehen oder bleiben? In drei Tagen stimmen die Briten über ihren Verbleib in der EU ab. Unser Autor hat auf einer britischen Country Fair missioniert - und zumindest eine Person zum Bleiben überreden können.</description>
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      <pubDate>Mon, 20 Jun 2016 05:00:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Gehen oder bleiben? In drei Tagen stimmen die Briten über ihren Verbleib in der EU ab. Unser Autor hat auf einer britischen Country Fair missioniert - und zumindest eine Person zum Bleiben überreden können.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Seit ein paar Wochen stehen in unserer kleinen Einkaufsstraße Missionare. Einige von denen stehen dort stumm und starr und halten den "Wachturm" vor sich. Die Zeugen Jehovas kann man ignorieren, ich glaube, sie sind das gewohnt. Die anderen sind mal vom "Leave" und mal vom "Remain"-Lager. Die kann man nicht so leicht ignorieren. Beide Seiten sind <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/jo-cox-tod-versetzt-grossbritannien-in-schockstarre-6905800.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Anschlag auf Politikerin: Mord an Jo Cox versetzt Großbritannien in eine Schockstarre">seit dem Mord an der Abgeordneten Jo Cox allerdings nicht mehr ganz so laut</a>.<br/></p><p>Meine Frau hat eine sehr hübsche und sehr subversive Taktik entwickelt, die Kräfte der Out-Befürworter zu bündeln. Sie stellt sich an deren Stand, und auf der Stelle scharen sich mehrere Outisten um sie und versuchen, sie von den Vorzügen eines britischen EU-Austritts zu überzeugen. Meine Frau widerspricht alibimäßig hin und wieder. Eine Debatte entsteht dann über Europa und das Königreich. Das kann dauern, Argumente fliegen hin und her. Die Outisten steigern sich gerne und sehr in die Sache hinein, sie kämpfen - Respekt - wirklich um jede Stimme. Irgendwann, wenn sie glauben, sie hätten auch den Kampf um meine Frau endlich gewonnen, sagt die: "Vielen Dank. Aber ich bin Deutsche und darf ohnehin nicht wählen. Dürfte ich wählen, würde ich selbstverständlich für bleiben stimmen." Dann schauen die Aktivisten ziemlich bedröppelt, weil sie 20 Minuten für nichts und wieder nichts verschwendet haben, und meine Frau ist froh, weil sie in diesen 20 Minuten niemanden anders haben bekehren können. Selbst als EU-Bürger und Nicht-Wähler wird man in diesen Tagen in Großbritannien zum Missionar der europäischen Sache. Es geht um alles, es ist eng. Jede Stimme könnte entscheiden.</p><h2>Stimmen kann man also auch kaufen</h2><p>Neulich reiste ich durchs Land für meinen Arbeitgeber und versuchte, die Befindlichkeit der Briten auszuloten. Die Reise führte mich auch nach Devon in <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/lifestyle/leute/themen/suedengland-4191752.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Südengland" class="taxonomy-entity place">Südengland</a>, eine eher ländliche Gegend und dem Vernehmen nach ziemlich anti-europäisch. Mein Freund Peter, Fotograf, und ich besuchten eine Country Fair, eine Landwirtschaftsschau in der Nähe von Exeter. Es gibt vermutlich außer Hooligans nichts Englischeres als Country Fairs. Viel Tweed, viel Marmelade, viele Traktoren und Landrover, Bauern und Barone. Schweine werden an der Leine einem fachkundigen Publikum vorgeführt, und direkt nebenan parkt ein mobiler Imbiss, in dem das verkauft wird, was aus den Schweinen irgendwann wird.<br/></p><p><br/></p><p>Bei dieser Messe wurde ich zum Missionar Europas. In einem großen Zelt verkaufte eine sympathische ältere Dame Kerzen und Seife und Hautcreme. Sie hieß Janet Dard, ihr Stand war ein einziger Schrein aus Union Jacks. Ich dachte "Oha". Janet, stellte sich obendrein heraus, war eine tägliche Konsumentin der "Daily Mail", einer sehr anti-europäischen Publikation. Es stellte sich aber auch heraus, dass Janet eine etwas andere Wahrnehmung dieses Druckerzeugnisses hatte. "Ich glaube, dass die uns zwischen den Zeilen raten, in der EU zu bleiben", sagte sie. Das war eine sehr exklusive Sicht der Dinge, weil die Mail jeden Tag ihre Abscheu gegen Immigranten und die <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/eu-4540782.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EU" class="taxonomy-entity organization">Europäische Union</a> in zentimeterdicken Buchstaben in die Welt bläst. Ich freute mich, dass Janet zwischen den zentimeterdicken Buchstaben noch Raum für eine andere Interpretation fand und beließ sie deshalb in dem Glauben. Ich log: "Genau so ist es!"<br/></p><p>Janet war aber trotzdem <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit-abstimmung--wie-bananen-ueber-die-zukunft-grossbritanniens-entscheiden-koennten-6901294.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Bananen, Hooligans und Anti-Europäern">hin- und hergerissen. Bleiben oder gehen?</a> Ihr Sohn, erzählte sie, sei bei der Armee und lebe in Deutschland. Ihr Sohn hatte ihr am Telefon auch gesagt: "Wir wären alle Idioten, wenn wir die EU verlassen würden." Ich nickte. Janet fragte: "Was sagt denn Frau Merkel?" Ich sagte: "Im Grunde das Gleiche wie Ihr Sohn, nur nicht ganz so deutlich. Höchstens privat." Diesmal nickte Janet. "Tja", sprach sie schließlich, "vielleicht sollten wir wirklich bleiben." Ich nickte abermals und fragte: "Kann ich mich auf Sie verlassen? Ich kaufe sogar ein Stück Seife, wenn ich mich auf Sie verlassen kann." Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich in Devon eine Stimme für das "Remain"-Lager gekauft habe. Womöglich ist das sogar illegal. Egal.</p><h2>"Die EU ist der Teufel. Aber zumindest kennen wir diesen Teufel"</h2><p>Wenig später traf ich einen Mann von der NSA. Er hieß Bryan Griffiths; er stand vor einem großen Schild, mit dem Schriftzug "Join the NSA" und wunderte sich, warum ich mich darüber amüsierte. Ich sagte: "Nun ja, es ist das erste Mal, das ich ganz offen Werbung für die NSA sehe." Das verstand er nicht. Bryan sagte, sie seien doch jedes Jahr hier und auf eigentlich jeder großen Veranstaltung im ganzen Land. Man muss wissen, dass es zwei NSA gibt. Einmal die eher wenig populären amerikanischen Lauscher von der "National Security Agency" und dann die überaus friedliche britische "National Sheep Association", die stolze Vereinigung der Schafzüchter. Die beiden NSA's sind weder verwandt und verschwägert.<br/></p><p>Bryan musste ich gar nicht umdrehen und missionieren oder seine Stimme kaufen. Ich hätte auch nicht gewusst, wo ich zu Hause ein Schaf hätte unterbringen können. Er postulierte ausgiebig, wie er die ganze Sache sieht: "Die EU ist der Teufel. Aber zumindest kennen wir diesen Teufel." Er ist Besitzer von 900 Schafen, ein Drittel seiner Lämmer verkauft er nach <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/europa-4154998.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Europa" class="taxonomy-entity place">Europa</a>. Bryan war ganz gewiss kein Europa-Fan, aber die politische Räson erschien ihm größer als das Risiko. Deshalb bleiben. Nie war mir die NSA sympathischer.</p><p><br/></p><h2>Manche kann man einfach nicht umstimmen</h2><p>Auf einer Country Fair kann man allerlei sehr interessante Dinge erleben. Man kann dort zum Beispiel Gummistiefel kaufen für umgerechnet 300 Euro, die mit Tweed gefüttert sind. Man kann Hunden zugucken, die Kunststückchen machen. Oder eben dicken Schweinen an der Leine, die später Wurst werden. Aber ich war ja nicht zum Vergnügen da, sondern zum Missionieren. Und also begegnete ich einem Mann, der Mitglied jenes legendären englischen Schafschur-Teams war, das bei der Schafschur-WM 2008 Vierter wurde, knapp hinter Südafrika, Neuseeland und Lesotho. George Mudge hatte einen sehr festen Schafscherer-Händedruck und noch eine festere Meinung über die EU. Raus! Vor 40 Jahren hatte er noch für den Eintritt in den gemeinsamen Markt gestimmt, eine Entscheidung, wie er sagte, die er bis heute bereut. George war auch schon in Straßburg zum Protestieren und dort sehr angewidert von der Eurokraten.<br/></p><p>Er hielt einen Vortrag über den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch Europas. Erst hätten die Römer die Welt regiert, später die Briten und nun regiere die Bürokratie. Irgendwann kam er auch noch auf Hitler. Ich weiß nicht mehr genau, warum. Aber Hitler ist oft in Großbritannien. Man gewöhnt sich dran.<br/></p><p>Mir wurde zügig klar, dass ich George nicht umstimmen würde, wünschte ihm noch viel Glück für den nächsten Schafschur-Wettbewerb und dass sie dort vielleicht Lesotho besiegen. Dann setzte ich mich in den Zug und fuhr zurück nach London. In unserer kleinen Einkaufsstraße standen diesmal Missionare vom "Remain"-Lager. Sie wollten mich überzeugen, aber ich sprach: "Liebe Kollegen, verschwendet keine Zeit mit mir. Ich war heute schon in Devon für Euch und habe sogar eine Stimme gekauft. Braucht jemand zufällig ein Stück Seife?"</p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Nordirland, der Queen und Staubsaugern</title>
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      <description>Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Staubsauger damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, zweiter Teil.</description>
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      <category>Wembley</category>
      <pubDate>Wed, 15 Jun 2016 08:50:46 GMT</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit-abstimmung--wie-ein-staubsauger-ueber-die-zukunft-grossbritanniens-entscheiden-koennte-6901334.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard</guid>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Staubsauger damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, zweiter Teil.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>L wie Labour-Party:</strong> Ehemalige Volkspartei, die nach dem Wahldesaster im vergangenen Jahr mit dem Hinterbänkler Jeremy Corbyn einen kauzigen Alt-Sozialisten an die Spitze beförderte. Die Partei ist seit Monaten schwerpunktmäßig damit beschäftigt, sich selbst zu zerlegen. Fürs Referendum bleibt vor lauter Selbstzerlegen deshalb kaum Zeit. Fast die Hälfte der Labour-Wähler wissen nicht, wo ihre Partei in der In/Out-Frage überhaupt steht. Für alle Labour-Parteigänger unter den Lesern deshalb ein kleiner Service: In. Remain. Bleiben. Bitte gerne auch weitersagen. Wenn's Labour schon nicht tut.<br/></li></ul><p><br/></p><p></p><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>M wie Merkel, Angela: </strong>Bundeskanzlerin, Pro-Europäerin und Vertraute von -&gt; <em>Cameron, David</em>. Sie wird nicht müde, für den Verbleib Britanniens in der EU zu werben. Oder vielleicht doch langsam müde. Neulich ließ sie ihren Finanzminister Wolfgang Schäuble von der Kette. Der drohte den Briten,<strong></strong>out bedeute auch out. Und dass sie sich ihren Zugang zum freien Markt im Fall des Austritts dorthin schieben könnten, wo die Sonne nicht scheint. Ganz so hat er das nicht gesagt, aber gemeint. Die Briten mögen das im Übrigen gar nicht. Einmischung von außen ist in etwa so beliebt wie Verlieren im Elfmeterschießen.</li><li class="Lauftext"><strong>N wie Nordirland:</strong> Die einzige Landgrenze Großbritanniens zur EU verläuft auf 500 Kilometern zwischen dem Norden und der Republik Irland. Bis vor 20 Jahren ein ständiger Ort der Unruhen und des Bürgerkriegs, den Briten wie Iren grenzübergreifend verharmlosend "Troubles" nennen, als handele es sich dabei um eine lästige Stubenfliege. Die Grenzen sind inzwischen so grün wie die ganze Insel. Es wucherte zusammen, was zusammengehört. Viele befürchten, dass im Falle des Brexits neue Grenzen entstehen müssen. Dreiviertel aller Nordiren werden aller Voraussicht nach für den Verbleib stimmen.</li><li class="Lauftext"><strong>O wie Obama, Barack: </strong>US-Präsident mit fast schäublehafter Tendenz zur Einmischung. Er warnte bei seinem letzten Besuch in Großbritannien, die Briten müssten sich nach einem Austritt bei Verhandlungen ganz hinten anstellen. Und benutzte dafür bewusst das schöne englische Wort "queue" statt des amerikanischen "line". Damit es auch jeder Brite kapiert. Kapierte auch jeder. Vergaß aber auch jeder wieder.<br/></li></ul><p><br/></p><p></p><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>P wie Presse: </strong>Das Gesetz der Neutralität gilt in Großbritannien nicht. Der "<a target="_self" href="https://www.theguardian.com/uk-news" class="external-link">Guardian</a>" siedelt auf der linksliberalen Seite ebenso wie die Boulevardzeitung "<a target="_self" href="http://www.mirror.co.uk/" class="external-link">Daily Mirror</a>". Dem steht auf der anderen Seite des Spektrums eine ganze Armada von konservativen Publikationen gegenüber. Allen voran die notorische "<a target="_self" href="https://www.thesun.co.uk/" class="external-link">Sun</a>" und die "<a target="_self" href="http://www.dailymail.co.uk/home/index.html" class="external-link">Daily Mail</a>". Wobei die "Sun" zumindest noch lustig und ironisch sein kann, die "Mail" mit vornehmlich älterer Leserschaft aber nicht. Themenschwerpunkte sind Krampfadern, Menopause und vor allem -&gt; <em>EU</em> (schlimm) und -&gt; <em>Immigranten</em> (noch schlimmer).</li><li class="Lauftext"><strong>Q wie Queen:</strong> Die Königin darf - allen Gerüchten zum Trotz - wählen. Macht das aber nicht aus Neutralitätsgründen. Vor einigen Wochen meldete die "Sun" -&gt; <em>Presse</em>, Elisabeth habe sich im kleinen Kreis für den EU-Austritt ausgesprochen. Der Palast dementierte zügig und setzte eine Gegendarstellung durch. Als Quelle der Indiskretion wird -&gt; <em>Gove, Michael </em>verdächtigt.</li><li class="Lauftext"><strong>R wie Remain:</strong> Bunt zusammengewürfelte Allianz aus Politikern aller Parteien, Wirtschaftsbossen, Intellektuellen, Ökonomen, Geisteswissenschaftlern, Stars und Kulturschaffenden, die für den Verbleib des Königreichs trommeln. Von der Man-Power, finanziell und auch argumentativ dem Out-Lager klar überlegen. Und doch in den Umfragen bestenfalls gleichauf. Das ist die eigentliche Überraschung. Sollte Remain nicht deutlich gewinnen, könnte aus dem Referendum ein "Neverendum" werden wie in…</li><li class="Lauftext"><strong>…S wie Schottland:</strong> Zwei Jahre nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit beobachten die mehrheitlich pro-europäischen Schotten das Wahlverhalten ihrer südlichen Verwandtschaft mit größtem Interesse. Ein Brexit würde unweigerlich auch die Diskussion über ein neuerliches Referendum in Schottland wiederbeleben. Dann könnte aus Großbritannien wirklich Little Britain werden.</li></ul><p></p><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>T wie TV-Debatten:</strong> Scharmützel, die sich allerdings von vergleichbaren deutschen Veranstaltungen (siehe Video) wohltuend unterscheiden. -&gt; <em>Cameron, David </em>weigerte sich, seinen Widersachern -&gt; <em>Johnson, Boris -&gt; Banane </em>und -&gt; <em>Gove, Michael </em>direkt zu begegnen. Zwei Tage vor der Abstimmung kommt es in Wembley zu einer Art Showdown. Johnson trifft dort auf seinen Nachfolger als Londoner Bürgermeister, den Labour-Mann Sadiq Kahn. Der Sieger in Wembley wird im Übrigen nicht im Elfmeterschießen ermittelt.</li></ul><p></p><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>U wie United Kingdom Independence Party UKIP:</strong> Gleich -&gt; <em>Nigel Farage</em>.<br/></li></ul><p><br/></p><p></p><ul class="rte--list"><li class="Lauftext"><strong>V wie Vacuum Cleaner/Staubsauger:</strong> Großes Thema wie -&gt; <em>Kosten</em> und -&gt; <em><strong>Banane</strong></em>. Der milliardenschwere Föhn und -Staubsauger-Hersteller James Dyson konvertierte zum erbitterten EU-Gegner, weil seine Staub- und Saugbläser nicht so saugen und blasen dürfen, wie James das gerne hätte. Schuld daran sind die EU-Regularien, sagt er, und kämpft seitdem für den Austritt. Danach könnte Großbritannien endlich wieder groß sein. Es sei denn die Schotten gehen. Und dann die Waliser. Und dann die Nordiren. Andererseits: Staubsauger brauchen die dann auch.</li><li class="Lauftext"><strong>W wie Warum überhaupt?:</strong> Gute Frage, die sich -&gt; <em><strong>Cameron, David</strong></em>wohl auch schon gestellt hat.</li><li class="Lauftext"><strong>X wie Xenophobie:</strong> Ausländerfeindlichkeit, die vor allem die Partei -&gt; <em>UKIP </em>politisch nutzt. Seit im vergangenen Monat die Zahlen über die Netto-Immigration veröffentlicht wurden, setzt das Leave-Lager komplett auf diese Karte. Sie haben ja sonst nichts.</li><li class="Lauftext"><strong>Y wie YouGov</strong>: Bekanntestes und größtes Meinungsforschungsinstitut Großbritanniens. Im vergangenen Jahr bei den Parlamentswahlen lagen alle Meinungsumfrager abendfüllend daneben. Das war immerhin die größte Übereinstimmung. Diesmal sehen sie fast übereinstimmend das Brexit-Lager knapp vorn. Womöglich ist das ein gutes Omen.</li><li class="Lauftext"><strong>Z wie Zeitplan:</strong>. Sollten die Briten am 24. Juni aufwachen und nicht mehr Mitglied der EU sein, wird es lang und schmutzig. -&gt; <em>Cameron, David </em>müsste theoretisch die Austrittsverhandlungen führen; praktisch dürfte er allerdings seinen Job los sein. Die Gespräche dürften wenigstens zwei Jahre dauern. Und zwar nur für das notdürftige Gerüst. Fortan müssten bilaterale Verträge wohl einzeln ausgehandelt werden - heißt: im Obamaschen Sinne Schlange stehen. Sollten die Briten bleiben, gehen erst mal alle in den Urlaub und gucken zur Entspannung <a target="_self" href="http://www.stern.de/sport/fussball/em-2016/" class="external-link">Fußball-EM</a>. Bis zum obligatorischen Aus nach Elferschießen. Gegen Deutschland. Und auf der Tribüne lächelt dort milde und nur ein kleines bisschen hämisch -&gt; <em>Merkel, Angela</em><strong>.</strong></li></ul><p><a href="https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit-abstimmung--wie-bananen-ueber-die-zukunft-grossbritanniens-entscheiden-koennten-6901294.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Bananen, Hooligans und Anti-Europäern">Lesen Sie im ersten Teil des Brexit-Alphabets</a>: Warum Brexit-Fans Bananen bemühen</p><p><strong>stern-Korrespondent Michael Streck ist durch <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/grossbritannien-4154892.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien" class="taxonomy-entity place">Großbritannien</a> gefahren und hat versucht, die Stimmung auf der Insel einzufangen:</strong></p><p><strong></strong><br/></p><p><strong></strong></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
    </item>
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      <title>Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Bananen, Hooligans und Anti-Europäern</title>
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      <description>Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will eigentlich was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Bananen damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, erster Teil.</description>
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      <category>Michael Streck</category>
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      <pubDate>Wed, 15 Jun 2016 08:50:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will eigentlich was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Bananen damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, erster Teil.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><ul class="rte--list"><li><strong>A wie Anti-Europa:</strong> Grundton des insularen Lebens, auch jenseits der aktuellen Debatte. Großbritanniens EU-Beitritt war nie Liebeserklärung, sondern getrieben von Kosten und Nutzen. Der "Daily Express" bilanzierte schon in den 80er-Jahren: "Der letzte wirklich erfolgreiche britische Ausflug nach Europa war am 6. Juni 1944." D-Day, klar. Meist endeten die übrigen Ausflüge auf den Kontinent mit Niederlagen im Elfmeterschießen und marodierenden -&gt; <em>Hooligans</em>.</li><li><strong>B wie Banane: </strong>Die Südfrucht war großes Wahlkampfthema. Der oberste Outist, Londons ehemaliger Bürgermeister -&gt; <em>Boris Johnson</em>, wähnte Großbritannien auf dem Weg in eine Bananenrepublik für den Fall des EU-Verbleibs. Er sagte obendrein, die Eurokraten in Brüssel verböten, mehr als drei Bananen am Stück zu verkaufen. Das ist Unfug - wie so vieles aus seinem Mund. (siehe Video, Minute 2:30) Zum Beispiel, dass Kinder unter acht Jahren keine Luftballons aufblasen dürfen. Prinzipiell gilt aber für beide Seiten: Viele Argumente sind schlicht Banane.</li></ul><p><br/></p><ul class="rte--list"><li><strong>C wie Cameron, David:</strong> Konservativer Premierminister, dem die Nation, der Kontinent und die ganze Welt den Referendums-Schlamassel verdankt. Er wollte damit ursprünglich die Euroskeptiker in seiner Partei befrieden und den Rechtsauslegern von -&gt; <em>UKIP</em> das Wasser abgraben. Schon jetzt lässt sich sagen: Mission misslungen. Land und Leute sind gespalten wie nie, seine Partei obendrein zerrissen wie nie. Stimmen die Briten für den Austritt, wäre Cameron alsbald wohl früherer Premier. In diesem Fall dürfte vermutlich Boris Johnson -&gt; <em>Banane</em> einziehen in die ...</li><li><strong>D wie Downing Street 10:</strong> Hübsches Gässchen im Zentrum von London, in der zurzeit -&gt; David <em>Cameron </em>residiert. Noch. Es gibt nicht wenige, die sagen, die einzige Zahl, die Johnson, Boris -&gt; <em>Bananen</em> in der ganzen Europa-Diskussion wirklich interessiere, sei die Nummer 10.</li><li><strong>E wie Europäische Union:</strong> In der EU leben zirka 500 Millionen Menschen, die nach Einschätzung von -&gt; <em>UKIP</em>-Führer -&gt; <em>Nigel Farage </em>alle nach Großbritannien wollen. Außerdem demnächst auch noch 80 Millionen Türken, die erst in die EU streben und dann selbstverständlich alle auf die Insel. Viele Briten wissen verblüffend wenig über die EU, nicht mal die britischen Parlamentarier wissen viel über die EU. Sie verwechseln gerne Parlament mit Kommission und umgekehrt oder Brüssel mit Straßburg. Außerdem heißt es gern, die EU sei undemokratisch (sie meinen dann allerdings die EU-Kommission), weil nicht gewählt. Allerdings: Auch die Lords im britischen "House of Lords" sind nicht gewählt. Aber das ist dann etwas ganz anderes, weil eben von Briten ausdrücklich nicht gewählt. Das Angenehme ist: Die EU-Unwissenheit fällt auf der Insel kaum jemandem auf. Außer EU-Bürgern natürlich.</li></ul><p><br/></p><ul class="rte--list"><li><strong>F wie Farage, Nigel:</strong> Chef und Alleinunterhalter der United Kingdom Independence Party -&gt; <em>UKIP</em>. Parteiprogramm: keines. Außer -&gt; <em>Immigranten</em> raus und raus aus der -&gt; <em>EU</em>. Und zwar mit aller Macht und so stimmgewaltig, dass UKIP ausgerechnet bei den Europawahlen im Mai 2014 stärkste Partei wurde und mit 24 Abgeordneten im verhassten Brüssel sitzt. Farage hat französische Vorfahren und eine deutsche Frau. Ob es einen kausalen Zusammenhang mit seinen familiären Verhältnissen und seiner anti-europäischen Haltung gibt, ist wissenschaftlich noch nicht untersucht.</li><li><strong>G wie Gove, Michael:</strong> Justizminister, alter Freund von David Cameron und vermutlich bald Ex-Freund. Neben -&gt; <em>Farage, Nigel</em> und Johnson, Boris -&gt; <em>Bananen</em> einer der lautstärksten Europa-Kritiker. Minister Gove erhält publizistische Unterstützung von seiner Gattin Sarah Vine, die für die inoffiziell-offizielle Anti-EU-Publikation "Daily Mail" -&gt; <em>Presse</em> wirkt und dort sagenhaft dämliche Kolumnen schreibt. Gove wurde in Schottland geboren, sein Vater verlor seinen Job im Fischerei-Gewerbe. Schuld am Job-Verlust war selbstverständlich die -&gt; <em>EU</em>. Blöderweise widerspricht sein eigener Vater und sagt, dass die -&gt; EU keineswegs Schuld gewesen sei. Er hat seinen Laden schlicht verkauft.</li></ul><p><br/></p><ul class="rte--list"><li><strong>H wie Hooligans</strong>: Englische Fußball-Fan-Gruppierung, von der man eigentlich glaubte, es gäbe sie nicht mehr. Zu alt, zu überholt, zu revanchistisch. Fast wie die -&gt; <em>EU</em> aus Sicht ihrer Kritiker. Aber falsch gedacht. Es gibt sie noch. Oder wieder. Zurzeit sind sie <a href="https://www.stern.de/sport/fussball/em-2016/em-2016--warum-die-hooligans-gerade-jetzt-zuschlagen-6898332.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="EM 2016: Warum die Hooligans gerade jetzt zuschlagen">auf Bildungsreise durch Frankreich</a>, dort aber von den Vorzügen kontinentaler Kultur offenbar nur schwer zu begeistern und ergo weitenteils dem "Leave"-Lager zugetan. Bei Auseinandersetzungen mit der französischen Polizei in Marseille sangen die jungen Herren auch politisch Aussagekräftiges: "Fuck off Europe, we're all voting out!" Vermutlich endet die Bildungsreise wie immer: im Elfmeterschießen.</li><li><strong>I wie Immigranten: </strong>Wurzel allen Übels. Die konservative -&gt; <em>Presse </em>und -&gt; <em>UKIP</em> kämpfen seit Jahren Hand in Hand gegen den Zuzug. Gemeinsamer Tenor: Ausländer nehmen Briten die Arbeitsplätze weg, leben von Sozialhilfe und gefährden die innere Sicherheit. Mehr als zwei Millionen EU-Bürger leben und arbeiten in Großbritannien; in etwa so viele Briten leben als Immigranten in der -&gt; EU. Von den in Großbritannien lebenden Europäern sind 89 Prozent fest angestellt. Studenten im Übrigen nicht mal eingepreist, die unanständig hohe Studiengebühren zahlen und allein in London zirka drei Milliarden Pfund pro Jahr lassen.</li><li><strong>J wie Johnson, Boris:</strong> -&gt; <em>Banane</em>.</li><li><strong>K wie Kosten:</strong> Großes Thema! Auf dem roten Wahlkampf-Bus von Johnson, Boris: -&gt; <em>Banane</em> steht in großen Buchstaben "Wir schicken jede Woche 350 Millionen Euro an die EU." Das stimmt natürlich nicht, und neutrale Faktenhuber mahnen, er solle das endlich korrigieren. Tut er aber nicht. Die Wahrheit deshalb hier: Großbritannien ist nach Deutschland der zweitgrößte Netto-Einzahler in die EU. Die Kosten pro Kopf und Bürger entsprechen etwa 100 Pfund pro Jahr. Dass die Briten aus Brüssel selbstverständlich auch Geld bekommen und strukturschwache Regionen mit Milliarden subventioniert werden, geht unter.</li></ul><h2><a href="https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit-abstimmung--wie-ein-staubsauger-ueber-die-zukunft-grossbritanniens-entscheiden-koennte-6901334.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Nordirland, der Queen und Staubsaugern">Lesen Sie im zweiten Teil des Brexit-Alphabets</a>: Wovor sich Schotten und  Staubsaugerhersteller fürchten</h2><p><strong>stern-Korrespondent Michael Streck ist durch <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/grossbritannien-4154892.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien" class="taxonomy-entity place">Großbritannien</a> gefahren und hat versucht, die Stimmung auf der Insel einzufangen:</strong></p><p><strong></strong><br/></p><p><strong></strong><br/></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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    <item>
      <title>TV-Duell in Großbritannien: Streiten sich zwei über den Brexit, und der Gewinner ist das Publikum</title>
      <link>https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/brexit-debatte-im-tv--briten-zeigen-david-cameron-und-nigel-farage-wie-man-richtig-diskutiert-6889952.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard</link>
      <description>Kurz vor der Brexit-Abstimmung diskutierten der britische Premier David Cameron und Rechtsaußen Nigel Farage über die Frage: bleiben oder gehen? Die Zuschauer, also die Wähler, machten bei der TV-Debatte den besten Eindruck.</description>
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      <pubDate>Wed, 08 Jun 2016 10:32:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Kurz vor der Brexit-Abstimmung diskutierten der britische Premier David Cameron und Rechtsaußen Nigel Farage über die Frage: bleiben oder gehen? Die Zuschauer, also die Wähler, machten bei der TV-Debatte den besten Eindruck.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Als nach einer Stunde alles vorüber und alles gesagt war und die Spin-Masters hinter den Studio-Kulissen je nach Lager <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/david-cameron-4540988.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="David Cameron" class="taxonomy-entity person">David Cameron</a> oder Nigel Farage zum Sieger der TV-Debatte hochjazzten, sprach der Fernsehmoderator Tom Bradby den weisesten und besten Satz des Abends: Man frage sich, ob es für die Wähler am 23. Juni nicht besser wäre, wenn sie für die glänzend vorbereiteten Fragesteller aus dem Publikum votieren dürften. Das, schob er pflichtbewusst nach, dürften sie leider nicht.<br/></p><p><br/>Bradbys Kommentar sagte viel über das Vorausgegangene: Zwei Wochen vor dem Drinbleiben-oder-Verlassen-Referendum in Großbritannien rüsten beide Seiten zum letzten Gefecht mit zunehmend scharfer Wortwahl, allerdings nur selten mit erhellenden Argumenten. Bei der dienstäglichen Veranstaltung des Senders ITV trat Nigel Farage, Chef der streng anti-europäischen UKIP-Partei, gegen den Premierminister an. Das heißt: Ein Duell war auch das nicht, weil sich die beiden nacheinander den kritischen Fragen des in der Tat gut vorbereiteten Auditoriums stellen mussten.<br/></p><h2>Immerhin die Wähler hielten sich an Fakten</h2><p>Die Wähler machten den besten Eindruck. Sie hielten sich an Fakten, und also wurde es für beide Politiker zeitweise recht ungemütlich. Vor allem für den Rechtspopulisten <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/nigel-farage-4179834.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Nigel Farage" class="taxonomy-entity person">Farage</a>, der übers Wochenende wieder einmal einen Flächenbrand losgetreten hatte. Großbritannien erwarte bei unkontrolliertem Zuzug Verhältnisse wie zu Silvester in Köln. "Rassistisch, fremdenfeindlich und gefährlich", nannte eine junge Frau diese Äußerung, und der rhetorisch an sich gewiefte Europa-Abgeordnete kam darüber mächtig ins Schleudern, riet "calm down", "beruhigen Sie sich", und versuchte klarzustellen, dass er das so gar nicht gesagt habe. Das Übliche.<br/></p><p><br/>Farage hatte sich für seine Verhältnisse seriös auf die Fragestunde vorbereitet und eine Woche lang keinen Alkohol getrunken. Für den passionierten Bier-Freund eine Art Selbstkasteiung. Einen großen Unterschied generierte die selbst verordnete Abstinenz aber nicht. Mittenmang wedelte er mit einem Pass in die Kameras und erklärte, lediglich ein britisches Dokument könne künftig den Einwandererstrom ins Königreich eindämmen, andernfalls schwelle die Bevölkerung Großbritanniens bis zum Jahr 2040 auf 80 Millionen Insel-Bewohner an.<br/></p><h2>Brexit? Neue Argumente: Fehlanzeige</h2><p>So geht es seit Wochen: Das "Out"-Lager rekurriert auf Immigration, die "In"-Fraktion auf die Wirtschaft. Cameron nutzte seine halbe Stunde denn auch zur Wiederholung des Bekannten. "Wie ein Finanzberater, der dir Policen verkaufen will, die du nicht brauchst", notierte der "Guardian", wiederholte der Premierminister fast störrisch jene Argumente, die inzwischen fast jeder Brite kennen müsste: Dass ein Austritt die Wirtschaft des Landes beschädigen werde, dass es unverantwortlich sei, die Warnungen von OECD, Internationalem Währungsfonds und der Bank of England zu ignorieren. Und dass <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/grossbritannien-4154892.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Großbritannien" class="taxonomy-entity place">Großbritannien</a> keine Nation der "Quitters" sei, sondern eine der "Kämpfer".<br/></p><p><br/>So weit, so überschaubar. Er hinterließ diesmal allerdings einen etwas besseren Eindruck als am vergangenen Donnerstag. Da wurde er noch vom Sky-Journalisten Faisal Islam und einer Zuschauerin in die Ringecke getrieben, aus der er sich nicht mehr richtig befreien konnte.<br/>Dennoch bleiben auch nach der jüngsten Debatte mehr Fragen als Antworten. Das Brexit-Lager hat es verstanden, die Diskussion vom aussichtslosen Terrain der Wirtschaft auf das emotional besetzte Feld der Zuwanderung zu puschen. In den Umfragen holen die "Outisten" nicht nur auf, sondern liegen in einigen Erhebungen sogar vor den favorisierten Pro-Europäern mit Cameron an deren Spitze. Der wich auch nun immer wieder kunstvoll aus. "Immigration ist eine Herausforderung", sagte er, "aber ich glaube es ist eine Herausforderung, die wir nicht meistern können, in dem wir unsere Wirtschaft beschädigen".<br/></p><h2>Das "In"-Lager könnte mal mehr liefern</h2><p>In den verbleibenden zwei Wochen bis zum Referendum muss das "In"-Lager gewiss mehr liefern und sich in dieser Sache positionieren. Cameron scheut sich ganz offenbar, auf die positiven Aspekte der Einwanderung zu setzen. Er hält das für toxisch. Wenige Stunden vor dem Fernsehauftritt lud er sogar überraschend zu einer Pressekonferenz - und bezichtigte dort die Konkurrenz der Lügen, Unwahrheiten und des Unfug-Verkaufens. Es wirkte ein bisschen verzweifelt.<br/>Die Brexit-Leute konterten daraufhin ihrerseits mit Lügen-Vorwürfen und forderten Cameron zu einem direkten Fernseh-Duell auf. Womöglich würden sich beide Seiten dort mit ihren Halbwahrheiten neutralisieren.<br/></p><p><strong>Hier können Sie die Debatte ansehen (englisch)</strong><br/></p><p><br/>Die Briten, so viel lässt sich mit Gewissheit sagen, sind des Schaulaufens inzwischen überdrüssig. Sie wollen Informationen und keine Spiegelfechterei. Und wenn sie die Fakten von den Protagonisten aus beiden Lagern nicht bekommen, informieren sie sich selbst und konfrontieren sie dann damit. Gewinner des Abends insofern: die Demokratie.</p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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    <item>
      <title>Last Call: Den Brexit gibt es nun auch als Film. Kein Witz.</title>
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      <description>Darauf hat vielleicht nicht Europa gewartet, aber die Anti-EU-Front in Großbritannien: der Brexit als Film. Gefeiert wurde mit versnobtem Pomp und der magere Inhalt gefeiert wie das Politbüro auf dem SED-Parteitag.</description>
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      <category>Brexit</category>
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      <category>Roger Köppel</category>
      <pubDate>Fri, 13 May 2016 09:04:00 GMT</pubDate>
      <guid isPermaLink="false">https://www.stern.de/politik/ausland/last-call/den-brexit-gibt-es-nun-auch-als-film-6849112.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard</guid>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Darauf hat vielleicht nicht Europa gewartet, aber die Anti-EU-Front in Großbritannien: der Brexit als Film. Gefeiert wurde mit versnobtem Pomp und der magere Inhalt gefeiert wie das Politbüro auf dem SED-Parteitag.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p></p><p>Die Endphase des Wahlkampfs um den britischen Verbleib in der EU hat begonnen. Der Ton wird auf beiden Seite rauer und unversöhnlicher, das Niveau der Debatte steigt damit nicht zwangsläufig. Es sinkt vielmehr auf Grabsteinhöhe. Beide Seiten bemühen in ihrer Not schon Tote. Soeben erst wurde der alte Churchill publizistisch exhumiert. Von Premier David Cameron (Churchill wäre pro Europa) und vom ehemaligen Bürgermeister und vielleicht künftigen Premier Boris Johnson (Churchill wäre anti Europa).</p><p>Man ist inzwischen auf Friedhofslevel angekommen, Leichen pflastern ihren Weg. Die große Untote Thatcher sowieso. Jetzt auch noch Churchill. Er würde sich im Grab umdrehen. Tiefer geht’s nicht mehr. Dachte man.</p><p><strong>Und täuschte sich.</strong></p><p>Am Mittwochabend lud das Lager der Outisten ins berühmte Odeon-Kino am <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/kultur/film/themen/leicester-square-4147316.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Leicester Square" class="taxonomy-entity place">Leicester Square</a>. Das ist ein Ort, an dem normalerweise große Filme ihre Premieren feiern. Roter Teppich, Fotografen, viel Hollywood.</p><p>Roter Teppich war diesmal auch, darüber stürmte allerdings vergleichsweise dürre Prominenz. Allen voran und überpünktlich UKIP-Boss <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/nigel-farage-4179834.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Nigel Farage" class="taxonomy-entity person">Nigel Farage</a> - und zwar direkt in den ersten Stock an den Tresen. Der oberste aller Anti-Europäer trinkt gerne Bier.</p><h2>Über den Brexit müsste sich doch auch Europa freuen</h2><p>Und während er dort oben seinem Hobby nachging, flanierte der Rest des geladenen Publikums ins Foyer. Eine sehr bunte Mischung Mensch irgendwo zwischen Parteitag der Konservativen und Boxkampf auf dem Kiez. Ein paar Lords erschienen und der ewige Snob und Tory-Abgeordnete Jacob William Rees-Mogg, der noch auf dem roten Teppich in den Block eines spanischen Kollegen näselte, De Gaulle habe eben doch Recht gehabt und die Briten passten wirklich nicht nach <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/europa-4154998.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Europa" class="taxonomy-entity place">Europa</a>. Und im Übrigen dürften die Europäer doch froh darüber sein, dass die ständig nörgelnden Briten alsbald nicht mehr mit am Tisch sitzen.</p><p><strong>Sprach das und verschwand.</strong></p><p>Frauen waren natürlich auch da, die meisten von ihnen an den Händen bekennender EU-Feinde. Eine sagte, sie sei noch unentschlossen, worauf ihr Mann sehr düpiert und zornig guckte. Die Frau war neben den Medienvertretern die vermutlich einzige Neutrale im ganzen Haus und hat jetzt vermutlich Beziehungsstress. Man hätte ihr am liebsten zugerufen: leave.</p><p>Sodann der Film, vorgestellt von Filmemacher Martin Durkin, dem die Welt bereits kolossal dumpfbackige Werke wie "The Great Global Warming Swindle" oder den ähnlich weltraumgreifenden Unfug "Did We Nuke Jupiter?" verdankt.</p><p><br/></p><p>Die gute Nachricht: "<a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/politik/ausland/themen/brexit-6610406.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Brexit" class="taxonomy-entity keyword">Brexit</a> – the movie" ist kein Film. Und die schlechte: Es ist eine knapp 80 Minuten lange Suada gegen die EU. Also ein überlanger Brexit-Spot, finanziert von Brexit-Freunden aus der City und gemacht für Brexit-Freunde aus dem ganzen Land. Insofern bleibt der Schaden übersichtlich. Durkin wollte ihn sogar fürs Kino produzieren, aber die Kinos wollten offenbar nicht richtig. Jetzt läuft er im Heimkino Internet. Für alle, die keine 80 Minuten Zeit und Lust haben, hier der Inhalt in handgestoppten 17 Sekunden Lesezeit: In Brüssel sitzen träge EU-Beamten, die a) niemand kennt, b) alle viel mehr verdienen als sie verdienen, c) pausenlos überflüssige Gesetze und Regularien verfassen, ohne die es d) Großbritannien selbstverständlich viel besser ginge. Vielleicht irgendwann genau so gut wie der Schweiz, die wie immer als leuchtendes Beispiel für ein Leben nach der EU herhalten muss. Schnitt: Zürich. Hübsche Fassaden, hinter denen wohlhabende Schweizer leben und Uhren fertigen oder alternativ Geld. Die Alpen nah, der Butterberg (ja, auch der darf nicht fehlen) ganz weit. Kronzeuge fürs Schweizer Modell der rechtspopulistische "Weltwoche"-Chef Roger Köppel, der die Union als "Diktatur" bezeichnen darf. Köppel ist der helvetische Farage.</p><h2>SED-Parteitagsähnliche Zustimmung</h2><p>Gejohle im Saal. Wie überhaupt SED-Parteitagsähnliche Zustimmung bei jedem EU-feindlichen Soundbite, mithin: immer. Farage, voll Bier und guter Laune, guckt Farage zu, wie ihn Durkin interviewt im verhassten Brüssel. Ein paar Schwarz-Weiß-Bilder aus der Zeit als Britannien noch mehr war als eine Inselgruppe in der Nordsee, in der damals Makrelen schwammen groß wie Delphine. Aber jetzt nicht mehr, weil die EU alles leer fischen ließ. Früher war alles besser. Fragt die Makrelen.</p><p>Interviews mit Autoren und Historikern und Journalisten, die auf Brüssel schimpfen und die Bürokratie. Die Botschaft: Morgen wird alles besser, wenn wir erst mal raus sind.</p><p><strong>Die Briten sind dann Schweizer.</strong></p><p>Nach knapp 80 Minuten ist der Spuk vorüber. Das Publikum, viele Filmförderer darunter, ist zufrieden und beseelt. Am Ende hebt ein "Leave"-Gesang an, der stark an das tumbe "Sieg"-Gebrüll teutonischer Fußballfans erinnert. Vereinzelt auch "God save the Queen"-Choräle.</p><p>Der rote Teppich wird eingerollt. Bald kommt Johnny Depp. Jedenfalls ein richtiger Star.</p><p>Der Reclam-Star dieses Events: Nigel Farage. Der muss nun nach Hause zu seiner Frau, einer Deutschen, und vermutlich wie jeden Abend erklären, warum er eine Fahne hat. Und keinen Union Jack.</p><p>Eine bedauernswerte junge Dame im weißen T-Shirt wirbt am Leicester Square unterdessen immer noch für eine Konkurrenz-Veranstaltung. Oder vielleicht doch nicht? Der Titel: "Comedy Tonight". Noch sechs Wochen bis zum Referendum.</p><p><strong>The show must go on.</strong></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: Der Promi-Dreier und der Coitus interruptus der Presse</title>
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      <description>Das englische Recht verbietet es, über die Sex-Eskapaden Prominenter explizit zu schreiben. In den USA und in Schottland dürfen die Namen hingegen erwähnt werden. Ob dieser komplizierte Zustand bleibt - darüber entscheidet ein Gericht.</description>
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      <category>The Sun</category>
      <category>Daily Mail</category>
      <category>Großbritannien</category>
      <pubDate>Sat, 07 May 2016 18:25:48 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Das englische Recht verbietet es, über die Sex-Eskapaden Prominenter explizit zu schreiben. In den USA und in Schottland dürfen die Namen hingegen erwähnt werden. Ob dieser komplizierte Zustand bleibt - darüber entscheidet ein Gericht.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Die englische Presse hat eine Obsession mit Sex. Sie ist mit ihrer Obsession noch erheblich obsessiver als die "Bild"-Zeitung oder auch die Seite, auf der dieser Artikel hier steht. Zur Zeit erreichen die britischen Kollegen aber einen neuen Höhepunkt. Oder eben auch nicht.<br/></p><p>Genau das ist das Problem.<br/></p><p>Das Problem geht so: Sie würden gern und dürfen nicht. Sie würden gern, liebend gern schreiben, welcher Prominente sich in einem sogenannten "celebrity threesome", einem Prominenten-Dreier vergnügte. Das englische Recht verbietet das. Und zwar nur das englische und walisische. Der oder die Promi verhängte via Gericht eine so genannte "gagging order". Es darf über die Teilnehmer dieser menage à trois nichts geschrieben werden, wegen Verletzung der Privatsphäre, "privacy injunction". Das führt nun zu einer sehr unterhaltsamen Dreiecksbeziehung zwischen Medien, Stars und Justiz.<br/></p><p>Die Zeitung "Sun", Spezialgebiet Gürtellinie und darunter, will mit ein paar anderen Blättern vor Gericht erstreiten, dass sie endlich schreiben darf, was beispielsweise Schotten und Amerikaner längst wissen, weil deren auf die Gürtellinie und darunter spezialisierten Druckerzeugnisse und Webseiten die Namen der flotten Drei längst publiziert haben.<br/></p><h2>Solidarität mit den englischen Kollegen</h2><p>In den USA handelte es sich um das einschlägige Fachorgan "National Inquirer", das seinen Wirkungskreis offenkundig von nationalen auch auf internationale Feuchtgebiete erweitert hat. In Schottland war es eine Boulevardzeitung, deren englisches Schwesterprodukt wiederum nicht durfte.<br/></p><p>Wer jetzt hofft, irgendwo in dieser Kolumne zu lesen, wer mit wem und warum, kann hier gleich aufhören zu lesen. Schon aus Solidarität mit den englischen Kollegen käme ich nicht auf die Idee zu schreiben, was ich inzwischen durch Google auch weiß. Vor allem aber auch aus Solidarität mit dem Prominenten, der einfach nicht in der Zeitung lesen will, was in seinem Schlafzimmer so passiert. Ich kann das durchaus verstehen. Nur so viel: Die handelnden Personen firmieren in der hiesigen Medienlandschaft unter den wunderbar irreführenden Abkürzungen PJS und YMA.<br/></p><p>Das geht jetzt schon seit Wochen so; die Blätter, auch die seriösen, widmen den berühmten Vögelfreunden viele Spalten unter dem Deckmäntelchen des Presserechts. Ohne Namensnennung ist das Ganze eigentlich noch viel schöner und eröffnet der Fantasie ganz neue Dimensionen. Die eher fantasielose "Daily Mail" startete statt dessen gleich eine ganz Serie zum Thema, mit dem schnöden Titel "Why the Law is an ass". Darin verrenken sich die Schreiber und flehen fast devot und beklagen die große Ungerechtigkeit und sind dabei immer nur ein Yota davon entfernt, die Identität zu verraten. Eine Art publizistischer Coitus interruptus.<br/></p><h2>Callgirl des Namens Helen Wood</h2><p>Dieselbe Zeitung eröffnete ihren Lesern in dieser Woche auf zwei Seiten, dass ein ehemaliges Callgirl des Namens Helen Wood von einem bekannten englischen Schauspieler vor Jahren 195 Pfund für ihre Dienste bekam. Der Mann, verheiratet, Kinder und weltweit geläufig als liebevoller "family man", verhängte gleichfalls eine "gagging order". Darüber ist Frau Wood jetzt ähnlich sauer wie die Mail, die natürlich wieder mal den Namen kennt, vermutlich von den amerikanischen Kollegen des oben bereits erwähnten Fachblatts, welches seinen Lesern vor kurzem die Geschichte unter der Zeile "xxxxxxx Hooker &amp; Sex Toy Scandal!" in extensio nahebrachte. Im amerikanischen Original stand natürlich statt xxxxxxx der richtige Name des Schauspielers. Über den Frau Wood im Übrigen wenig Schönes zu erzählen weiß. Geküsst habe xxxxxxx wie eine Jungfrau, und wenn man ihren Ausführungen glauben mag damit auch schlechter als ein anderer ihrer bekannten Kunden, den man an dieser Stelle aber nennen darf, weil er bereits öffentlicher Teil britischer Promi-Prostituierten-Prosa ist: Wayne Rooney.<br/></p><p>Der Fußballspieler von Manchester United zahlte nach Verrichtung, schämte sich ein bisschen und ging. Er vergaß aber vor lauter Aufregung offenbar eine Beischlaf-Schweigepflicht zu vereinbaren und konnte seine Geschichte später recht detailliert im Boulevard nachlesen.<br/></p><p>Frau Wood hat in ihrer früheren Funktion als Callgirl offenbar noch eine ganze Reihe weiterer Größen aus Film, Funk, Fernsehen und Fußball beschlafen. Jedenfalls deutet sie das an. Gern würde sie ihre ganze Geschichte verkaufen, am liebsten wohl an die "Sun", die ja auch gern zugreifen würde, aber nicht kann.<br/></p><h2>Sie dürfen zusammen nicht kommen.<br/></h2><p>Der Supreme Court wird sich alsbald dieser Sache annehmen. In bislang 15 Fällen entschieden die Richter pro Promi, in vielen anderen Fällen nicht. Ein paar Sportler beispielsweise konnten kein Schweigen erwirken, weil die Richter urteilten, es sei ohnehin schon alles bekannt. In einem Fall verplauderte sich sogar ein Abgeordneter im Parlament, und schon war es hin, das schöne Gelübde. Einerseits. Andererseits: viel Geld gespart. Ein Drittel des Celebrity-Dreiers, heißt es, habe bereits mehrere hundert tausend Pfund in die Causa gesteckt.<br/></p><p>Frau Wood hat sich im Übrigen aus ihrem früheren Beruf zurückgezogen, ist sich aber doch treu geblieben. Sie trat erst bei "Big Brother" auf und ist nun hauptberufliche Geschichtenerzählerin. Sie erzählt Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.<br/>Für Geld.<br/></p><p></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: Wie die Premier League ihr blaues Wunder erlebte</title>
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      <description>Meister Leicester City? Englische Buchmacher hielten die Entdeckung des Monsters von Loch Ness für wahrscheinlicher - und dennoch ist es nun eingetreten. Nicht das erste Wunder, das diese Stadt erlebt. </description>
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      <category>Leicester City</category>
      <category>Claudio Ranieri</category>
      <category>Leicester</category>
      <category>Premier League</category>
      <category>Wunder</category>
      <category>Midland</category>
      <category>Nottingham</category>
      <category>Gary Lineker</category>
      <category>Loch Ness</category>
      <category>Liebe</category>
      <category>New York</category>
      <category>Beichte</category>
      <pubDate>Tue, 03 May 2016 06:08:00 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Meister Leicester City? Englische Buchmacher hielten die Entdeckung des Monsters von Loch Ness für wahrscheinlicher - und dennoch ist es nun eingetreten. Nicht das erste Wunder, das diese Stadt erlebt. </p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Es war einmal in <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/panorama/wissen/mensch/themen/leicester-4141142.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Leicester" class="taxonomy-entity place">Leicester</a>…</p><p>Erst mal eine Beichte: Ich wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, nach Leicester in den Midlands zu fahren. Nicht dass Leicester eine besonders langweilige oder gar hässliche Stadt wäre, ganz im Gegenteil. Aber es gibt andere Städte, die – zugegeben – reizvoller klingen und es vielleicht auch sind. Insofern bin ich <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/claudio-ranieri-4158900.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Claudio Ranieri" class="taxonomy-entity person">Claudio Ranieri</a> und seiner Mannschaft sehr dankbar. Also auch von hier: Glückwünsch Leicester und Danke Leicester.</p><p>Alle bedanken sich gerade bei Leicester und dem Fußballverein <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/leicester-city-4108434.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Leicester City" class="taxonomy-entity place">Leicester City</a>, der sämtliche Regeln der Wahrscheinlichkeit außer Kraft gesetzt hat und nun tatsächlich englischer Fußballmeister ist. Ganz langsam noch einmal, zum Buchstabieren und auf-der-Zunge-zergehen-lassen:</p><p>L-E-I-C-E-S-T-E-R. Meister. Ein Märchen. Ein <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.stern.de/sport/fussball/themen/wunder-4160424.html?utm_campaign=politik&amp;utm_medium=rssfeed&amp;utm_source=standard" title="Wunder" class="taxonomy-entity keyword">Wunder</a>. Eine wunderbare Geschichte.</p><p>132 Jahre haben sie in dieser Stadt auf einen großen Fußball-Titel gewartet. Und ihn ausgerechnet dann gewonnen, als die Chancen dafür an sich am geringsten waren in der reichsten Fußball-Liga der Welt, die immer reicher wird und damit auch und immer darwinistischer. Die Buchmacher bezifferten sie vor Saisonbeginn auf 1:5000 und damit auf erheblich unwahrscheinlicher als die Entdeckung des Monsters von Loch Ness (1:500), einen Nummer-1-Hit der Queen (1:1000) oder die plötzliche Wiederkehr von Elvis (1:2000).</p><p>Es galt mithin als komplett ausgeschlossen.</p><h2>Einige Sportwetter haben auf  Leicester City gesetzt</h2><p><a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.itv.com/news/2016-02-08/leicester-city-fan-set-to-win-25-000-on-5000-1-bet/" class="external-link">Selbstverständlich waren da ein paar Verwegene, die dennoch und trotzig auf den Verein setzten.</a> Und einen, der sich heute schwarz ärgert: John Micklethwait, Chefredakteur von Bloomberg News, hatte 20 Jahre lang im Sommer 20 Pfund auf seinen alten Lieblingsklub gesetzt, echte Liebe eben. Er hätte das Geld ebenso gut der Blindenhilfe spenden können oder aus dem Fenster werfen. Aber Fan ist Fan, und außerdem: Er hatte es ja. Ausgerechnet in diesem Jahr und in den Umzugswirren nach New York vergaß John die 20 Pfund. Oder er war es einfach leid.</p><p>Und, ganz ehrlich, man könnte es ihm nicht mal verdenken.</p><p>Leicester City war stets ein unerfülltes Versprechen. Oder falls erfüllt, dann ein Versprechen auf das große Nichts. Viermal zog die Mannschaft ins Pokalfinale ein, viermal verlor sie auch. Zweimal schrammte sie knapp am Titel vorbei, Ende der 20er und Anfang der 60er. Ansonsten: gemütliches Mittelmaß, mal in der ersten Liga, oft in der zweiten. Jedenfalls nie an der Spitze und darin großartig verlässlich. Per se sympathisch, weil ewiger Underdog aus einer ewig unterschätzten Stadt. Einmal, erinnerte sich der frühere Manager David Basset, sei er Anfang der 2000er von einer Polizeistreife angehalten worden, zu schnell. Der Verein stand wieder mal am Tabellenende. Er zeigte seine Papiere, der Polizist fragte: "Der David Basset?" Er sagte "Ja". Und darauf lachte der Polizist nur noch.</p><p><br/></p><h2>Leicester City, der Fußballklub, der im Schatten stand</h2><p>So war das in Leicester, jahraus, jahrein mit seinem Fußballklub, der im Schatten stand. Die Stadt nämlich durchaus sportlich und erfolgreich. Der örtliche Rugby-Klub, die Tigers, einer der besten überhaupt, die Basketball-Mannschaft ebenso wie die Cricket-Spieler nationale Spitze. Nur die Fußballspieler hinkten ständig hinterher. Ein paar Stars spielten früher hier, Gordon Banks zum Beispiel, der englische Weltmeister-Torwart von 1966, Peter Shilton auch, ebenfalls ein großartiger Schlussmann. Und Gary Lineker, geboren und aufgewachsen in Leicester, die Eltern Gemüsehändler. Samstags verkaufte Klein-Gary gelegentlich Rüben am Markt, dann ging er ins Stadion und sah seinen Verein verlieren. Gary wurde später Weltstar beim FC Barcelona. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.vice.com/en_uk/read/leicester" class="external-link">Im Herzen aber immer Leicester, freundliche Stadt in den Midlands. </a>So freundlich und gemütlich, dass Menschen aus der ganzen Welt kamen, Sikhs und Hindus und Moslems und Leicester zu einer der ethnisch buntesten Städte Europas machten. Viele Grünflächen und Parks und ein Menschengemisch, das über kurz oder lang den lieblichen Akzent der Mitte annahm.</p><p>Ich traf noch einen Sportsoziologen. John Williams von der University of Leicester. Er saß zu Hause in seinem Wohnzimmer und guckte Frauenfußball, weil sonst kein anderer Fußball lief, "Du musst entschuldigen". John ist Liverpool-Fan seit er denken kann und Besitzer einer Dauerkarte. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.goodreads.com/book/show/9283551-red-men" class="external-link">Er hat kluge Bücher über den Verein geschrieben.</a> Nun, wie alle im Land, aber auch großer Sympathisant der Blauen. Er sagte: "Kannst du dir vorstellen, dass Leicester City nicht mal einen richtigen Rivalen hat?" Konnte ich nicht. Jeder Verein hat einen Rivalen, selbst Hoffenheim hat einen Rivalen, vielleicht jedenfalls. Jeder Verein in der Kreisliga hat mindestens einen Rivalen, manchmal ganz viele. Leicester nicht. Leicester hatten und haben alle lieb. Das kann auf Dauer auch nerven. "Sie hätten eigentlich gerne Derby County als Rivalen, aber Derby misst sich lieber mit Nottingham Forest, der letzten Sensationsmannschaft", sagte John. Fast 40 Jahre ist das her. Nottinghams Trainer war ein Irrer, Brian Clough, inzwischen selig. Sie stiegen auf, wurden Meister und gewannen zweimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister.</p><p>Nottingham war das Leicester der 70er.</p><p>Vielleicht denken sie jetzt in Nottingham doch um und akzeptieren endlich Leicester als Konkurrenz. Sie hätten es verdient.</p><h2>Claudio Ranieri: grundgut und meistens erfolglos</h2><p>Leicesters Trainer ist immerhin auch ein Irrer, im besten Sinne. Claudio Ranieri, Italiener von Geburt, grundgut und sympathisch und meistens erfolglos. Ranieri arbeitete schon bei vielen großen Vereinen, Juventus Turin, AS Rom, Inter Mailand, AS Monaco. Auch beim FC Chelsea. Er war überall beliebt bei Personal und Spielern, einen Titel aber gewann er nie. Ein Mann mit viel Charisma und noch mehr Marotten, der gerne eine imaginäre Bimmel läutet, wenn ihm etwas nicht gefällt und dazu "<a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.theguardian.com/football/2016/apr/29/claudio-ranieri-gentle-man-leicester-city-premier-league" class="external-link">Dilly-Ding, Dilly-Dong"</a> über den Platz ruft. Während seiner Schaffenszeit bei US Cagliari auf Sizilien schenkte er seinen Spielern zu Weihnachten sogar eine kleine Glocke und hatte "Claudio, Dilly-Ding, Dilly-Dong" darauf gravieren lassen.</p><p>Sie haben vermutlich immer noch kollektiven Tinnitus.</p><p><br/></p><p>Ranieri backt gelegentlich Pizza mit seinen Spielern und wollte das Pizzabacken nach jedem Sieg zur ständigen Einrichtung erheben. Aber dann siegten sie und siegten, und man verwarf die hübsche Idee wieder, schon wegen einseitiger Ernährung und so. Manchmal erscheint der Trainer mit einer Flasche Rotwein im Arm auf Geburtstagsfesten seiner Spieler. Und natürlich bimmelt Ranieri auch in Leicester. Und nun, endlich Meister, läutete sogar die große Bimmel, die Glocke der Kathedrale zur Feier des Tages. Darin König Richard III liegt, gestorben 1485. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.stern.de/panorama/koenig-unterm-parkplatz-gebeine-von-richard-iii--identifiziert-3116028.html" class="external-link">Seine Gebeine gefunden vor vier Jahren unter einem Supermarkt-Parkplatz,</a> umgebettet in die letzte Ruhestätte im Frühjahr 2015. Schon damals schaute die Welt auf Leicester für ein paar Wochen. Und vergaß es wieder.</p><p>Aber dann: Seit Richard in Frieden ruht, begann Leicester zu gewinnen. Und hörte mit dem Gewinnen gar nicht mehr auf.</p><p>Der Dekan von Leicester, David Monteith, sagt: "Der König hat der Stadt ein anderes Selbstbewusstsein gegeben." Es gibt Dinge, zwischen Himmel und Erde, die einfach nicht zu erklären sind. Der Gottesmann lächelt selig. Die Entdeckung der Knochen war streng genommen das erste Wunder. Die Archäologen schaufelten gerade mal zwei Stunden, und schon stießen sie aufs Gerippe, Halleluja.</p><p><br/></p><p>Nun also Wunder Teil zwei. Und ganz Leicester wird darüber blau, in den Vereinsfarben getüncht, blaue Kerzen sogar in der Kathedrale. Aber wohl auch wegen des Alkoholpegels. Die Mannschaft bejubelte den Titel im Haus von Stürmerstar Jamie Vardie, Flaschen wurden erst geleert, dann flogen sie. Nur der Trainer fehlte. Claudio Ranieri war mittags noch in Rom  zum Mittagessen mit der Mama, sie wurde 96, doppelter Festtag mithin. Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Märchen haben schließlich die unangenehme Eigenschaft mit "Es war einmal zu beginnen" und mit "Und wenn sie nicht gestorben sind..." zu enden. Irgendwann werden die Kinder von heute ihren Enkelkindern  das Märchen erzählen, das mit einem toten König und einem italienischen Glöckner begann. "Und es begab sich zu einer Zeit, da immer mehr Geld den Fußball flutete, dass ein freundlicher alter Mann aus Italien einen Haufen von Aussortierten versammelte und sie zum englischen Meister machte…" Sie hießen Kaspar Schmeichel und Christian Fuchs und Wes Morgan und Robert Huth und Riyad Mahrez und Jamie Vardy und ganz wunderbar: Danny Drinkwater. Einige von ihnen spielten vor ein paar Jahren noch in der siebten oder achten Liga.</p><p>Jetzt sind sie Meister und alle unsterblich. Zu schön, um nicht wahr zu sein.</p><p>Womöglich, das sagte mir der Bürgermeister Peter Soulsby, werden irgendwann Straßen nach ihnen benannt. Leicester, 330 000 Einwohner, diese freundliche Stadt, wächst und wächst. Sie brauchen neue Häuser und dann auch neue Straßen. Es gibt gewiss Schlimmeres als eines Tages in der Drinkwater Road zu leben. Und wenn es dort bimmelt an der Tür, "Dilly-Ding, Dilly-Dong, steht ein steinalter Italiener im Hauseingang mit mildem Lächeln und einer Flasche Rotwein in der Hand, tritt ein und erzählt sodann, wie es weiter ging mit dem Märchen von Leicester. Wie sie damals, man schrieb das Jahr 2017, die Champions League gewannen. Im Elfmeterschießen gegen Bayern München. War das schön.</p><p>Nicht lachen. Oder doch und warum nicht? Wenn irgendwo noch Träume wahr werden, dann in Leicester.</p><p>P.S.: Das komplette Märchen von Leicester steht in der neuen Ausgabe des <em>stern</em>.</p><p></p><p></p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
    </item>
    <item>
      <title>Last Call: Wie das Referendum gerade in die Hose ging</title>
      <link>http://blogs.stern.de/lastcall/wie-das-referendum-gerade-in-die-hose-ging/</link>
      <description>Es ist Wahlkampfzeit in Großbritannien. Die Parteien rüsten für die Regionalwahlen im Mai, und auf diese Art und Weise kommen die Bürger in den Genuss, auch ihre lokalen Abgeordneten kennenzulernen. Die Damen und Herren gehen in diesen Wochen von Tür zu Tür. Klinken putzen heißt auf Englisch etwas stilvoller „canvassing“. Vor ein paar Tagen stand also unser lokaler Abgeordneter von der Labour Party vor der Tür. Er heißt Arjun Mittra und ist ein sehr freundlicher Mensch. Die Frau des Hauses öffnete ihm, er sagte seinen Spruch auf, und sie – etwas in Eile – sagte daraufhin, dass er gar nicht weiter reden müsse. Er würde sowieso unsere Stimme kriegen. Der Labour-Mann war darüber erst verblüfft und sofort danach höchst erfreut. Mittra war offenbar größeren Widerstand gewohnt.  Sie haben es nicht leicht, die Politiker in Zeiten des Wahlkampfs. Gerne werden sie verwechselt mit Abgesandten von religiösen Organisationen. Die hatten und haben es auch nicht leicht. Ein alter Freund pflegte sich früher die Botschaften von Mormonen oder Zeugen Jehovas an der Tür stets überaus stoisch anzuhören und auf die in den 80-er und 90-Jahren ziemlich populäre Frage „Kennen Sie den Sinn des Lebens“ profan zu antworten: „Gegenfrage – regnet’s morgen?“.  Der Labour-Mann zog jedenfalls ohne Gegenfrage glücklich wieder ab. Das ist schon was in diesen Tagen der politischen Unruhe in Großbritannien. Das Klima nämlich gerade sehr giftig wegen Wahlen und vor allem wegen des EU-Referendums in sechs Wochen. In der vergangenen Woche einigten sich die beiden Fraktionen Leave und Remain nur für den Geburtstag der Queen auf einen kurzen Waffenstillstand. Hernach gingen sie wieder aufeinander los. Auch Obama hat Partei ergriffen. Er will natürlich, dass die Briten in der Union bleiben. Dafür wurde der US-Präsident von den Brexit-Leuten gepeitscht. Sie sagten, es ginge ihn nichts gar an und er solle sich gefälligst aus der Debatte raushalten.  Wobei es eigentlich nicht mal eine richtige Debatte ist. Es ist vielmehr eine veritable Schreierei auf beiden Seiten. Um die Gemüter etwas zu beruhigen, kamen einige in London lebende Journalistinnen auf eine sehr hübsche Idee. Sie gründete die Initiative „Hug a Brit“. In Britannien lebende Festland-Europäer sollen die Insulaner umarmen, damit ihre Sympathie und Nähe bekunden und die Briten gewissermaßen an den Kontinent binden. Viele englische Zeitungen und so gut wie alle Fernsehstationen berichteten darüber. Eine geschätzte Kollegin umarmte im Frühstücksfernsehen der BBC sogar den UKIP-Chef Nigel Farage, den obersten aller Anti-Europäer. Farage guckte, als habe er sich soeben mit einer schlimmen Krankheit angesteckt. Aber da war es auch schon passiert und zu spät.  Solche Aktionen nehmen der bitteren Diskussion die Spitze.  Gerade gab es im Übrigen schon ein Referendum, eine Art Generalprobe. Es ging ziemlich in die Hose. Die Briten waren vom „Natural Environment Research Council“ aufgefordert worden, einen Namen für ein neues arktisches Forschungsschiff zu finden. Sie stimmten tatsächlich massenweise ab und zwar sehr britisch. Am Ende gewann mit überwältigendem Vorsprung der gleichermaßen schöne wie komplett sinnfreie Name „Boaty McBoatface“. Ein pensionierter Moderator hatte ihn spaßeshalber ersonnen. Auf den Plätzen landete „It’s bloody cold out there“, was angesichts der Reiserouten des neuen Schiffs durchaus gepasst hätte. Auch im Rennen: „David Attenborough“ und „Ice Ice Baby“ und „I Like Big Boats &amp;amp; I Cannot Lie“. Aber am Ende wurde es eben doch „Boaty McBoatface“.  Obschon es hätte schlimmer kommen können. Vor ein paar Jahren wollte die Getränkefirma Mountain Dew einen neuen Namen für einen Softdrink sehr demokratisch durch die Netzgemeinde ermitteln lassen. Die Aktion wurde allerdings von Aktivisten gekapert, und es gewann deutlich „Hitler did nothing wrong“. Die Firma entschied sich aus nachvollziehbaren Gründen dagegen. Etwas mehr Glück hatte „Greenpeace“ mit der Namensgebung für einen von japanischen Walfängern bedrohten Buckelwal. Der Meeressäuger heißt nunmehr putzig „Mr. Splashy Pants“.  Im Fall von „Boaty McBoatface“ ist es nun so, dass das der neue Kahn mit hoher Wahrscheinlichkeit einen seriösen, also langweiligen Namen bekommt. Das Forschungsministerium kann sich einfach nicht dazu durchringen, den Polarkreuzer wie einen Kinder-Comic zu nennen. Der zuständige Minister sagt, das Boot sei langlebiger als eine Social-Media-Kampagne. Demokratie hin, Demokratie her. Die Wähler kämen und gingen, Arktis und Schiff aber blieben.  Das ist kein ganz dämliches Argument.  David Cameron sollte darüber nachdenken, ob er nicht im worst case ähnlich handeln sollte. Falls die Outisten am 23. Juni tatsächlich gewinnen, könnte er mit identischer Argumentation behaupten: „Die Nörgler kommen und gehen. Aber Europa ist wichtiger und langlebiger als Brexit und Nigel Farage. Wir bleiben. Basta.“  Ich bin kein großer Fan von David Cameron. Aber dafür würde ich ihn glatt umarmen.  P.S. in eigener Sache: Die „Blogs“ werden abgeschafft und erscheinen in Zukunft irgend woanders auf dieser Seite. Dies war also nach zwei Jahren und hundert „Last Calls“ aus dem britischen Alltag die letzte Kolumne von mir – zumindest an dieser Stelle. Ich möchte mich bei allen Lesern bedanken, die sich mal freundlich, mal kritisch und zuweilen sogar euphorisch mit ihren Kommentaren beteiligt haben.  In diesem Sinne beste Grüße aus London. Und bis bald</description>
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      <title>Last Call: Wie das Referendum gerade in die Hose ging</title>
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      <description>Es ist Wahlkampfzeit in Großbritannien. Die Parteien rüsten für die Regionalwahlen im Mai, und auf diese Art und Weise kommen die Bürger in den Genuss, auch ihre lokalen Abgeordneten kennenzulernen.  Die Damen und Herren gehen in diesen Wochen von Tür zu Tür. Klinken putzen heißt auf Englisch etwas stilvoller „canvassing“. Vor ein paar Tagen stand also unser lokaler Abgeordneter von der Labour Party vor der Tür. Er heißt Arjun Mittra und ist ein sehr freundlicher Mensch. Die Frau des Hauses öffnete ihm, er sagte seinen Spruch auf, und sie – etwas in Eile – sprach daraufhin, dass er gar nicht weiter reden müsse. Er würde sowieso unsere Stimme kriegen. Der Labour-Mann war darüber erst verblüfft und sofort danach höchst erfreut. Mittra war offenbar größeren Widerstand gewohnt.  Sie haben es nicht leicht, die Politiker in Zeiten des Wahlkampfs. Gerne werden sie verwechselt mit Abgesandten von religiösen Organisationen. Die hatten und haben es auch nicht leicht. Ein alter Freund pflegte sich früher die Botschaften von Mormonen oder Zeugen Jehovas an der Tür stets überaus stoisch anzuhören und auf die in den 80-er und 90-Jahren populäre Frage „Kennen Sie den Sinn des Lebens“ profan zu antworten: „Gegenfrage – regnet’s morgen?“.  Der Labour-Mann zog jedenfalls ohne Gegenfrage glücklich wieder ab. Das ist schon was in diesen Tagen der politischen Unruhe in Großbritannien. Das Klima nämlich gerade sehr giftig wegen Wahlen und vor allem wegen des EU-Referendums Ende Juni. In der vergangenen Woche einigten sich die beiden Fraktionen Leave und Remain nur für den Geburtstag der Queen auf einen kurzen Waffenstillstand. Hernach gingen sie wieder aufeinander los. Auch Obama hat Partei ergriffen. Er will natürlich, dass die Briten in der Union bleiben. Dafür wurde der US-Präsident von den Brexit-Leuten gepeitscht. Sie sagten, es ginge ihn nichts gar an und er solle sich gefälligst aus der Debatte raushalten.  Wobei es eigentlich nicht mal eine richtige Debatte ist. Es ist vielmehr eine veritable Schreierei auf beiden Seiten. Um die Gemüter etwas zu beruhigen, kamen einige in London lebende Festland-Europäerinnen auf eine sehr hübsche Idee. Sie gründete die Initiative „Hug a Brit“. In Britannien lebende EU-Bürger sollen die Insulaner umarmen, damit ihre Sympathie und Nähe bekunden und die Briten gewissermaßen an den Kontinent binden. Viele englische Zeitungen und so gut wie alle Fernsehstationen berichteten darüber. Eine geschätzte Kollegin umarmte im Frühstücksfernsehen der BBC sogar den UKIP-Chef Nigel Farage, den obersten aller Anti-Europäer. Farage guckte, als habe er sich soeben mit einer schlimmen Krankheit angesteckt. Aber da war es auch schon passiert und zu spät, und Milde legte sich auf sein Gesicht. Denn Farage mag zwar die EU verabscheuen, aber er mag eben auch die Frauen.  Solche Aktionen nehmen der bitteren Diskussion die Spitze.  Gerade gab es im Übrigen schon ein Referendum, eine Art Generalprobe; sie ging nach hinten los. Die Briten waren vom „Natural Environment Research Council“ aufgefordert worden, einen Namen für ein neues arktisches Forschungsschiff zu finden. Sie stimmten tatsächlich massenweise ab und zwar sehr britisch. Am Ende gewann mit überwältigendem Vorsprung der gleichermaßen schöne wie komplett sinnfreie Name „Boaty McBoatface“. Ein pensionierter Moderator hatte ihn spaßeshalber ersonnen. Auf den Plätzen landete „It’s bloody cold out there“, was angesichts der Reiserouten des neuen Schiffs durchaus gepasst hätte. Auch im Rennen: „David Attenborough“ und „Ice Ice Baby“ und „I Like Big Boats &amp;amp; I Cannot Lie“. Aber am Ende wurde es eben doch „Boaty McBoatface“.  Es hätte schlimmer kommen können. Vor ein paar Jahren wollte die Getränkefirma Mountain Dew einen neuen Namen für einen Softdrink sehr demokratisch durch die Netzgemeinde ermitteln lassen. Die Aktion wurde dummerweise von Aktivisten gekapert, und es gewann deutlich „Hitler did nothing wrong“. Die Firma entschied sich aus nachvollziehbaren Gründen dagegen. Etwas mehr Glück hatte „Greenpeace“ mit der Namensgebung für einen von japanischen Walfängern bedrohten Buckelwal. Der Meeressäuger heißt nunmehr recht putzig „Mr. Splashy Pants“.  In der Causa „Boaty McBoatface“ ist es nun so, dass das der neue Kahn mit hoher Wahrscheinlichkeit einen seriösen, also langweiligen Namen bekommt. Das Forschungsministerium kann sich nicht dazu durchringen, den Polarkreuzer wie einen Kinder-Comic zu nennen. Der zuständige Minister sagt, das Boot sei langlebiger als eine Social-Media-Kampagne. Demokratie hin, Demokratie her. Die Wähler kämen und gingen, Arktis und Schiff aber blieben.  Das ist kein ganz dämliches Argument.  David Cameron sollte darüber nachdenken, ob er nicht im worst case ähnlich handeln sollte. Falls die Outisten am 23. Juni tatsächlich gewinnen, könnte er mit identischer Argumentation behaupten: „Die Nörgler kommen und gehen. Aber Europa ist wichtiger und langlebiger als Brexit und Nigel Farage. Wir bleiben. Basta.“  Ich bin kein großer Fan von David Cameron. Aber dafür würde ich ihn glatt umarmen.  P.S. in eigener Sache: Die „Blogs“ werden abgeschafft und erscheinen in Zukunft irgend woanders auf dieser Seite. Dies war also nach zwei Jahren und hundert „Last Calls“ aus dem britischen Alltag die letzte Kolumne von mir – zumindest an dieser Stelle. Wer „Last Call“ weiter lesen möchte, kann sich hier den RSS-Feed eintragen. Ich möchte mich bei allen Lesern bedanken, die sich mal freundlich, mal kritisch und zuweilen sogar euphorisch mit ihren Kommentaren beteiligt haben.  In diesem Sinne beste Grüße aus London. Und vielleicht bis bald</description>
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      <content:encoded><![CDATA[<div class="rtf-content-wrapper"><p>Es ist Wahlkampfzeit in Großbritannien. Die Parteien rüsten für die Regionalwahlen im Mai, und auf diese Art und Weise kommen die Bürger in den Genuss, auch ihre lokalen Abgeordneten kennenzulernen. <span></span>Die Damen und Herren gehen in diesen Wochen von Tür zu Tür. Klinken putzen heißt auf Englisch etwas stilvoller „canvassing“. Vor ein paar Tagen stand also unser lokaler Abgeordneter von der Labour Party vor der Tür. Er heißt Arjun Mittra und ist ein sehr freundlicher Mensch. Die Frau des Hauses öffnete ihm, er sagte seinen Spruch auf, und sie – etwas in Eile – sprach daraufhin, dass er gar nicht weiter reden müsse. Er würde sowieso unsere Stimme kriegen. Der Labour-Mann war darüber erst verblüfft und sofort danach höchst erfreut. Mittra war offenbar größeren Widerstand gewohnt.</p><p>Sie haben es nicht leicht, die Politiker in Zeiten des Wahlkampfs. Gerne werden sie verwechselt mit Abgesandten von religiösen Organisationen. Die hatten und haben es auch nicht leicht. Ein alter Freund pflegte sich früher die Botschaften von Mormonen oder Zeugen Jehovas an der Tür stets überaus stoisch anzuhören und auf die in den 80-er und 90-Jahren populäre Frage „Kennen Sie den Sinn des Lebens“ profan zu antworten: „Gegenfrage – regnet’s morgen?“.</p><p>Der Labour-Mann zog jedenfalls ohne Gegenfrage glücklich wieder ab. Das ist schon was in diesen Tagen der politischen Unruhe in Großbritannien. Das Klima nämlich gerade sehr giftig wegen Wahlen und vor allem wegen des EU-Referendums Ende Juni. In der vergangenen Woche einigten sich die beiden Fraktionen Leave und Remain nur für den Geburtstag der Queen auf einen kurzen Waffenstillstand. Hernach gingen sie wieder aufeinander los. Auch Obama hat Partei ergriffen. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.stern.de/politik/ausland/obama-und-cameron-werben-fuer-eu-verbleib-grossbritanniens-6808492.html" class="external-link">Er will natürlich, dass die Briten in der Union bleiben.</a> Dafür wurde der US-Präsident von den Brexit-Leuten gepeitscht. Sie sagten, es ginge ihn nichts gar an und er solle sich gefälligst aus der Debatte raushalten.</p><p>Wobei es eigentlich nicht mal eine richtige Debatte ist. Es ist vielmehr eine veritable Schreierei auf beiden Seiten. Um die Gemüter etwas zu beruhigen, kamen einige in London lebende Festland-Europäerinnen auf eine sehr hübsche Idee. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://pleasedontgouk.com" class="external-link">Sie gründete die Initiative „Hug a Brit“</a>. In Britannien lebende EU-Bürger sollen die Insulaner umarmen, damit ihre Sympathie und Nähe bekunden und die Briten gewissermaßen an den Kontinent binden. Viele englische Zeitungen und so gut wie alle Fernsehstationen berichteten darüber. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.bbc.com/news/uk-politics-36054659" class="external-link">Eine geschätzte Kollegin umarmte im Frühstücksfernsehen der BBC sogar den UKIP-Chef Nigel Farage</a>, den obersten aller Anti-Europäer. Farage guckte, als habe er sich soeben mit einer schlimmen Krankheit angesteckt. Aber da war es auch schon passiert und zu spät, und Milde legte sich auf sein Gesicht. Denn Farage mag zwar die EU verabscheuen, aber er mag eben auch die Frauen.</p><p>Solche Aktionen nehmen der bitteren Diskussion die Spitze.</p><p>Gerade gab es im Übrigen schon ein Referendum, eine Art Generalprobe; sie ging nach hinten los. Die Briten waren vom „Natural Environment Research Council“ aufgefordert worden, einen Namen für ein neues arktisches Forschungsschiff zu finden. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.theguardian.com/commentisfree/2016/apr/19/boaty-mcboatface-tyrants-have-crushed-the-peoples-will" class="external-link">Sie stimmten tatsächlich massenweise ab und zwar sehr britisch.</a> Am Ende gewann mit überwältigendem Vorsprung der gleichermaßen schöne wie komplett sinnfreie Name „Boaty McBoatface“. Ein pensionierter Moderator hatte ihn spaßeshalber ersonnen. Auf den Plätzen landete „It’s bloody cold out there“, was angesichts der Reiserouten des neuen Schiffs durchaus gepasst hätte. Auch im Rennen: „David Attenborough“ und „Ice Ice Baby“ und „I Like Big Boats &amp;amp; I Cannot Lie“. Aber am Ende wurde es eben doch „Boaty McBoatface“.</p><p>Es hätte schlimmer kommen können. Vor ein paar Jahren wollte die Getränkefirma Mountain Dew einen neuen Namen für einen Softdrink sehr demokratisch durch die Netzgemeinde ermitteln lassen. Die Aktion wurde dummerweise von Aktivisten gekapert, und es gewann deutlich „Hitler did nothing wrong“. Die Firma entschied sich aus nachvollziehbaren Gründen dagegen. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.greenpeace.org/international/en/campaigns/oceans/fit-for-the-future/whaling/mister-splashy-pants/" class="external-link">Etwas mehr Glück hatte „Greenpeace“ </a>mit der Namensgebung für einen von japanischen Walfängern bedrohten Buckelwal. Der Meeressäuger heißt nunmehr recht putzig „Mr. Splashy Pants“.</p><p>In der Causa „Boaty McBoatface“ ist es nun so, dass das der neue Kahn mit hoher Wahrscheinlichkeit einen seriösen, also langweiligen Namen bekommt. Das Forschungsministerium kann sich nicht dazu durchringen, den Polarkreuzer wie einen Kinder-Comic zu nennen. Der zuständige Minister sagt, das Boot sei langlebiger als eine Social-Media-Kampagne. Demokratie hin, Demokratie her. Die Wähler kämen und gingen, Arktis und Schiff aber blieben.</p><p>Das ist kein ganz dämliches Argument.</p><p>David Cameron sollte darüber nachdenken, ob er nicht im worst case ähnlich handeln sollte. Falls die Outisten am 23. Juni tatsächlich gewinnen, könnte er mit identischer Argumentation behaupten: „Die Nörgler kommen und gehen. Aber Europa ist wichtiger und langlebiger als Brexit und Nigel Farage. Wir bleiben. Basta.“</p><p>Ich bin kein großer Fan von David Cameron. Aber dafür würde ich ihn glatt umarmen.</p><p><em>P.S. in eigener Sache: Die „Blogs“ werden abgeschafft und erscheinen in Zukunft irgend woanders auf dieser Seite. Dies war also nach zwei Jahren und hundert „Last Calls“ aus dem britischen Alltag die letzte Kolumne von mir – zumindest an dieser Stelle. Wer „Last Call“ weiter lesen möchte, kann sich <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.stern.de/feed/standard/politik/lastcall/" class="external-link">hier den RSS-Feed eintragen</a>. Ich möchte mich bei allen Lesern bedanken, die sich mal freundlich, mal kritisch und zuweilen sogar euphorisch mit ihren Kommentaren beteiligt haben.</em></p><p><em>In diesem Sinne beste Grüße aus London. Und vielleicht bis bald</em></p></div>]]></content:encoded>
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      <title>Last Call: Eine Lobby für den kleinen Busen</title>
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      <description>Das Leben eines Korrespondenten in London kann sehr abwechslungsreich sein. Morgens Unterhaus, nachmittags Unterwäsche. Politik und Petticoats.  In London läuft seit dieser Woche im „Victoria and Albert Museum“ die Ausstellung „Undressed, A Brief History of Underwear“. Sie wurde mit großem Getöse und ein paar Prominenten vor ein paar Tagen eröffnet. Es geht auf zwei Etagen um die Evolution von Dessous.  Der Mensch und Unterwäsche, das ist, wie man dort lernt, eine komplizierte Geschichte. Obendrein auch eine von Missverständnissen, Fehldeutungen und kleinen und größeren Sensationen. Sie beginnt - in der Antike, als die Damen bereits Bänder trugen (oben) und die Herren Leinentücher (unten), vermutlich jedenfalls. Und setzt sich munter fort mit Korsetts aus Fischbein und Metall und später mit Krinolinen, in jeder Hinsicht ausladenden Reifröcken mit Metall-Gestänge, die männliche Zeitgenossen wohl eher wenig entflammten, die Röcke aber sehr wohl. 3000 tödliche Unfälle Mitte des 19. Jahrhunderts allein in England. Außerdem verhedderten sich die Monstren regelmäßig in Kutschenrädern und kamen ergo wie Pferdefuhrwerke aus der Mode. Immerhin, vom tödlichen Reifrock bis zum verführerischen Büstenhalter waren es dann nur noch ein paar Jahrzehnte.  Solche Dinge erfährt man dort. Es ist eine lehrreiche Exkursion unter die Gürtellinie.  Ich muss dazu sagen, dass ich keine besonders große Affinität für Dessous habe und hatte. Ich halte Unterwäsche für ein notwendiges Übel, nicht mehr oder nicht weniger. Nicht mal Reizwäsche reizt mich richtig. Vielleicht liegt es daran, dass ich grundsätzlich keine große Affinität zu Mode besitze. Es gibt Menschen, Kolleginnen und meine Frau und Töchter insbesondere, die sagen, man sähe mir das auch an. Das kann gut sein. Beim Gespräch mit der Kuratorin des Museums musste ich mich für meine modische Unwissenheit erst einmal entschuldigen. Es war eine etwas ältere, sehr britische Kuratorin, die durch die Exponate führte. Korsetts, Pyjamas, Nachthemden, Ultra-Bras und Bust-Extender. Sie war außerdem sehr stolz darauf, dass die Männer in „Undressed“ nicht zu kurz kommen, „vier Fünftel Frauen, ein Fünftel Männer“. Dann zeigte sie auf das berühmte Foto von David Beckham im Slip, und mir wurde klar, was sie mit nicht zu kurz kommen meinte.  Die Kuratorin war ganz aufgeregt.  Überhaupt scheint die Ausstellung in London viele Menschen zu inspirieren und aufzuregen. Das ist grundsätzlich schön. Gerade meldete sich beim stern eine Unterwäsche-Firma, die sich, nun, auf kleinere Busen spezialisiert hat. Sie schrieben eine drei Seiten (!) lange Mail, bezogen sich auf die Ausstellung in London und schlugen als Thema das weite Feld der weiblichen Brust vor, etwas konkreter gefasst: die kleine weibliche Brust. Und noch konkreter: eine Lobby für die kleine weibliche Brust.  Es standen viele bemerkenswerte Sätze in dieser Mail. Einer ging so:„In unserer Kultur besteht ein genormtes Bild der weiblichen Brust, das auf Erwartungshaltungen und Projektionen beruht, und zwar gerade ausgehend von Frauen, das aber nicht der gelebten Realität - weder seitens der Frauen noch der Männer - entspricht.“  Ich musste das ungefähr dreimal lesen, bis ich verstand. Erwartungshaltung, Projektion, gelebte Realität. Hm.  Und weiter im Text: „Von den Oscars bis zu Instagram - und zum Alltag untendrunter: Trotz allen Selbstbewusstseins – in unserer Gesellschaft scheint ein kleiner Busen immer noch gefühlt „irgendwie nicht ok“ zu sein und muss per BH gepusht, geformt und vergrößert werden. Erschüttert die ungepaddete Oberweite die stereotype Vorstellung der „korrekten“ Brust? Definieren wir Femininität nach Cup-Größe? Und wann ändern wir das endlich?“  Gute Frage.  Denn, schreiben die Damen von der Firma für die Bekleidung von kleinen Brüsten:  „Eigentlich ist alles gut: Zwar haben sie nicht gewonnen, aber für den Oscar als beste Hauptdarstellerin waren 2016 Cate Blanchett, Saoirse Ronan und Charlotte Rampling nominiert: drei starke Frauen – mit kleiner Oberweite.“   Na also, es geht doch ohne gewaltige Brüste. Das ist schön. Wie überhaupt viel schön ist rund um die Brust. Zum Beispiel das ist schön:  „Einer der schönsten Party-Schnappschüsse der diesjährigen Berlinale zeigt Karoline Herfurth neben Sibel Kekili und Aylin Tezel – alle mit A-Cup-Brust.“  Man könnte sagen, dass die drei Schauspielerinnen Botschafterinnen der Cup-A-Brust sind. Auch das per se sehr schön. Die Cup-A-Brust braucht nämlich dringend Unterstützung und zwar keinesfalls durch den Einheitslook. Weil „über einer wachsenden Vielzahl von Brüsten heute eine Art starre Einheitsform von BH mit immer gleichem, meist großflächigem Rundungsansatz liegt“.  Das nun ist weniger schön. Großflächiger Rundungsansatz, starre Einheitsform. Auch die „wachsende Vielzahl von Brüsten“ hört sich nicht gesund an.  Auf drei Seiten geht das so in dem Brief von den Damen von der Firma für die Bekleidung kleiner Busen. Sie wollen, wir können es kurz machen, eine Debatte über kleine Brüste anstoßen. Der kleine Busen werde eben auch gesellschaftlich klein gehalten. Schluss damit. Sie zitieren dann noch ein Video auf YouTube, in dem glücklicherweise viele Männer kleinen Brüsten helfend zur Seite springen. Size doesn't matter und so. Das haben wir schon mal gehört irgendwo. Einer sagt, die Brust solle halt zum ganzen Körper passen. Das wäre in der Tat von Vorteil.  Bis zu dieser langen Mail und dem Video wusste ich wirklich nicht, dass kleine Busen diskriminiert werden. Ich bin allerdings auch kein Experte in diesen Dingen und fragte deshalb vorsichtshalber nach. Meine Frau und meine Töchter wussten es auch nicht. Die Diskriminierung der kleinen Brust muss an unserer Kleinfamilie glatt vorübergegangen sein.  Nun bin ich grundsätzlich gegen Diskriminierung aller Art und auch offen für Debatten aller Art. Es ist nur so, dass zur Zeit unendlich viele Debatten laufen. Wo man hinguckt Debatten. Böhmermann und Erdogan, Trump und Hillary, Großbritannien und Brexit. Dortmund und Liverpool. Jetzt auch noch Cup A. Auch auf die Gefahr hin als Ignorant zu gelten: Mir ist das Thema einfach zu klein.  Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben.</description>
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Und setzt sich munter fort mit Korsetts aus Fischbein und Metall und später mit Krinolinen, in jeder Hinsicht ausladenden Reifröcken mit Metall-Gestänge, die männliche Zeitgenossen wohl eher wenig entflammten, die Röcke aber sehr wohl. 3000 tödliche Unfälle Mitte des 19. Jahrhunderts allein in England. Außerdem verhedderten sich die Monstren regelmäßig in Kutschenrädern und kamen ergo wie Pferdefuhrwerke aus der Mode. Immerhin, vom tödlichen Reifrock bis zum verführerischen Büstenhalter waren es dann nur noch ein paar Jahrzehnte.</p><p>Solche Dinge erfährt man dort. Es ist eine lehrreiche Exkursion unter die Gürtellinie.</p><p>Ich muss dazu sagen, dass ich keine besonders große Affinität für Dessous habe und hatte. Ich halte Unterwäsche für ein notwendiges Übel, nicht mehr oder nicht weniger. Nicht mal Reizwäsche reizt mich richtig. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.stern.de/lifestyle/mode/reportage-wonderful--beautiful--great--3518952.html" class="external-link">Vielleicht liegt es daran, dass ich grundsätzlich keine große Affinität zu Mode besitze. </a>Es gibt Menschen, Kolleginnen und meine Frau und Töchter insbesondere, die sagen, man sähe mir das auch an. Das kann gut sein. Beim Gespräch mit der Kuratorin des Museums musste ich mich für meine modische Unwissenheit erst einmal entschuldigen. Es war eine etwas ältere, sehr britische Kuratorin, die durch die Exponate führte. Korsetts, Pyjamas, Nachthemden, Ultra-Bras und Bust-Extender. Sie war außerdem sehr stolz darauf, dass die Männer in „Undressed“ nicht zu kurz kommen, „vier Fünftel Frauen, ein Fünftel Männer“. Dann zeigte sie auf das berühmte Foto von David Beckham im Slip, und mir wurde klar, was sie mit nicht zu kurz kommen meinte.</p><p>Die Kuratorin war ganz aufgeregt.</p><p>Überhaupt scheint die Ausstellung in London viele Menschen zu inspirieren und aufzuregen. Das ist grundsätzlich schön. Gerade meldete sich beim <em>stern</em> eine Unterwäsche-Firma, die sich, nun, auf kleinere Busen spezialisiert hat. Sie schrieben eine drei Seiten (!) lange Mail, bezogen sich auf die Ausstellung in London und schlugen als Thema das weite Feld der weiblichen Brust vor, etwas konkreter gefasst: die kleine weibliche Brust. Und noch konkreter: eine Lobby für die kleine weibliche Brust.</p><p>Es standen viele bemerkenswerte Sätze in dieser Mail. Einer ging so:<em>„In unserer Kultur besteht ein genormtes Bild der weiblichen Brust, das auf Erwartungshaltungen und Projektionen beruht, und zwar gerade ausgehend von Frauen, das aber nicht der gelebten Realität <strong>- </strong>weder seitens der Frauen noch der Männer - entspricht.“</em></p><p>Ich musste das ungefähr dreimal lesen, bis ich verstand. Erwartungshaltung, Projektion, gelebte Realität. Hm.</p><p>Und weiter im Text: „<em>Von den Oscars bis zu Instagram - und zum Alltag untendrunter: Trotz allen Selbstbewusstseins – in unserer Gesellschaft scheint ein kleiner Busen immer noch gefühlt „irgendwie nicht ok“ zu sein und muss per BH gepusht, geformt und vergrößert werden. Erschüttert die ungepaddete Oberweite die stereotype Vorstellung der „korrekten“ Brust? Definieren wir Femininität nach Cup-Größe? Und wann ändern wir das endlich?“</em></p><p>Gute Frage.</p><p>Denn, schreiben die Damen von der Firma für die Bekleidung von kleinen Brüsten:</p><p><em>„Eigentlich ist alles gut: Zwar haben sie nicht gewonnen, aber für den Oscar als beste Hauptdarstellerin waren 2016 Cate Blanchett, Saoirse Ronan und Charlotte Rampling nominiert: drei starke Frauen – mit kleiner Oberweite.“ </em></p><p>Na also, es geht doch ohne gewaltige Brüste. Das ist schön. Wie überhaupt viel schön ist rund um die Brust. Zum Beispiel das ist schön:</p><p><em>„Einer der schönsten Party-Schnappschüsse der diesjährigen Berlinale zeigt Karoline Herfurth neben Sibel Kekili und Aylin Tezel – alle mit A-Cup-Brust.“</em></p><p>Man könnte sagen, dass die drei Schauspielerinnen Botschafterinnen der Cup-A-Brust sind. Auch das per se sehr schön. Die Cup-A-Brust braucht nämlich dringend Unterstützung und zwar keinesfalls durch den Einheitslook. Weil „<em>über einer wachsenden Vielzahl von Brüsten heute eine Art starre Einheitsform von BH mit immer gleichem, meist großflächigem Rundungsansatz liegt“.</em></p><p>Das nun ist weniger schön. Großflächiger Rundungsansatz, starre Einheitsform. Auch die „wachsende Vielzahl von Brüsten“ hört sich nicht gesund an.</p><p>Auf drei Seiten geht das so in dem Brief von den Damen von der Firma für die Bekleidung kleiner Busen. Sie wollen, wir können es kurz machen, eine Debatte über kleine Brüste anstoßen. Der kleine Busen werde eben auch gesellschaftlich klein gehalten. Schluss damit. <a rel="noopener" target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=QInKdvS1Df8" class="external-link">Sie zitieren dann noch ein Video auf YouTube</a>, in dem glücklicherweise viele Männer kleinen Brüsten helfend zur Seite springen. Size doesn't matter und so. Das haben wir schon mal gehört irgendwo. Einer sagt, die Brust solle halt zum ganzen Körper passen. Das wäre in der Tat von Vorteil.</p><p>Bis zu dieser langen Mail und dem Video wusste ich wirklich nicht, dass kleine Busen diskriminiert werden. Ich bin allerdings auch kein Experte in diesen Dingen und fragte deshalb vorsichtshalber nach. Meine Frau und meine Töchter wussten es auch nicht. Die Diskriminierung der kleinen Brust muss an unserer Kleinfamilie glatt vorübergegangen sein.</p><p>Nun bin ich grundsätzlich gegen Diskriminierung aller Art und auch offen für Debatten aller Art. Es ist nur so, dass zur Zeit unendlich viele Debatten laufen. Wo man hinguckt Debatten. Böhmermann und Erdogan, Trump und Hillary, Großbritannien und Brexit. Dortmund und Liverpool. Jetzt auch noch Cup A. Auch auf die Gefahr hin als Ignorant zu gelten: Mir ist das Thema einfach zu klein.</p><p>Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben.</p></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: Der gemeine Aprilscherz. Wahr oder nicht wahr?</title>
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      <description>Den 1. April vergesse ich regelmäßig. Ich vergesse ihn eigentlich jedes Jahr. Deshalb überlese ich auch regelmäßig die Scherze zum 1. April.  Es ist ja grundsätzlich eine hübsche Idee, Menschen harmlos zu veralbern. Kompliziert wird es nur, wenn Scherze auf der Folie der Politik, und schlimmer noch, der Diplomatie spielen. Der Scherz muss dann politisch korrekt sein, er darf auf gar keinen Fall verletzen und sollte zugleich nationale Eigenarten spiegeln, was in der Summe leider auf die Quadratur des Kreises hinausläuft.  Die Deutsche Botschaft in London wollte in diesem Jahr auch mal lustig sein. Das ist per se überaus löblich, Versuch macht klug. Sie veröffentlichte auf ihrer Webseite eine rasend komische Meldung, wonach sich die Deutschen mithilfe von Rugby-Eier-legenden Hennen dem britischen Volkssport nähern wollen. Weil man ja, nicht wahr, vergangene Woche in Berlin gegen England beim Fußball verloren habe. Also neuer Nationalsport mit Eiern. Ostern war ja auch gerade, Hennen, Eier, Rugby und so weiter und so fort. Schenkelklopfen, Heiterkeit, Schunkeln.Wir können auch anders, nämlich lustig. Jawoll, können wir.  Es war ein sehr gewagter Humorversuch, – ein Auswärtsspiel gewissermaßen – ausgerechnet in Großbritannien, dem Mutterland von Fußball, Rugby und Humor. Er konnte nicht gut gehen. Immerhin, die Anstrengung wurde wohlwollend registriert mit der Attitüde eines milden Lehrers. „Vielleicht“, schrieb ein Brite tröstend, „ist es auf deutsch lustiger“.  Dummerweise nicht.  Das Tropenparadies San Serriffe. Zu schön, um wahr zu sein  Noch unlustiger allerdings der vermeintliche Google-Gag mit der Sendefunktion für mails; wenn Nerds Spaß haben wollen, geht das offenbar nach hinten los. Denn die Meldung „Jeder bekommt Deine Botschaft, aber Du wirst nicht wieder von ihnen hören. Selbst wenn Typen darauf antworten, wirst Du es nicht mitbekommen“, war gar kein Witz. Und löste bei Sendern wie Empfängern nur mittelschwere Heiterkeit aus. Womöglich ist die ganz große Zeit der April-Scherze aber auch einfach nur vorüber. In schwarz-weißen Tagen erzählte ein schwedischer Fernsehtechniker 1962 seinen Landsleuten, sie könnten auf der Stelle in Farbe gucken, indem sie einfach einen Nylonstrumpf übers TV-Gerät stülpten. Die BBC hatte fünf Jahre zuvor den Spaghetti-Baum erfunden und von reichhaltiger Ernte der Nudeln-Bauern in der Schweiz berichtet. In Schweden und England daraufhin: Hunderte von Anrufen mit Nachfragen.  Dem „Guardian“ gelang zuletzt vor beinahe 40 Jahren ein Meisterstück. Er veröffentlichte 1977 ein siebenseitiges Special über die wundervolle Tropenrepublik San Serriffe, ein Insel-Paradies in der Form eines Semikolons. Es gab Anzeigen und jede Menge kluger und tiefgründiger Texte über die Republik und ihren jungen Präsidenten Maria-Jesu Pica, der in einem friedlichen Coup 1971 an die Macht kam, seitdem von der Hauptstadt Bodoni aus über sein Volk wacht, das hauptsächlich aus indianischen Abkömmlingen vom Stamme der Flong besteht. Sieben Seiten todernst formulierter Irrsinn. Größte anzunehmende Resonanz danach. Die Leser wollten wissen, wie sie nach San Serriffe gelangen könnten. Etwas schwierig, die Anreise.  Der zuständige Redakteur hatte sich von der Realität inspirieren lassen. Er las vor allem in der konkurrierenden „Financial Times“ immerzu große Reportagen und Analysen „über kleine Länder, von denen ich noch nie gehört hatte“, dachte sich, dass das seiner Leserschaft vermutlich ähnlich ginge. Und ersann San Serriffe, das im Übrigen seit der Erfindung des Internet prächtig wächst und gedeiht.  Slowenien oder Slowakei? Egal. Hauptsache Italien  Nach wie vor erscheinen in den englischen Zeitungen viele Berichte über ferne Länder, von denen Briten vielleicht schon mal gehört haben, aber doch verhältnismäßig wenig wissen. Auf dem Kontinent gibt es solche Länder gleich dutzendweise, und es verhält sich mit Slowenien oder der Slowakei heute kaum anders als mit San Serriffe früher. Slowenien? Slowakei? Egal, Hauptsache Italien. Die auf Simplifizierung aller Art und darüber hinaus auf den EU-Austritt spezialisierte Zeitung „Daily Mail“ berichtet jeden Tag ausführlichst über die Hölle auf der anderen Seite des Kanals und meint das alles sehr ernst, selbst am 1. April. Der echte Witz in der Ausgabe ist dann selbst für britische Verhältnisse nur mäßig gekonnt, neues Bond-Girl, und versendet sich im aktuellen Aberwitz, etwa: „Das Gewebe, dass sich selbst reinigt!“ (wahr), Fußball-Fans, die pink tragen sollen (wahr). England wird Europameister (nicht wahr).  Grundsätzlich erscheinen in englischen Zeitungen an 365 Tagen im Jahr Geschichten, die andernorts herrliche Aprilscherze wären. Neulich sagte eine Labour-Dame, man könne die IS-Terroristen womöglich mit der Einladung zu einem Tässchen Tee befrieden. Das hätte schon mal geklappt bei den Rechtsauslegern von der „English Defence League“.  De-Prince.jpg  Echte April-Witze dieses Jahr? Prinz Philip als EU-Botschafter, der den Londoner Bürgermeister Boris Johnson, den UKIP-Chef Nigel Farage und den Justizminister Michael Gove als „awful little men“ bezeichnet. Scherz einerseits. Und wahr andererseits. Denn Wahnsinn und Wahrheit verschwimmen immer mehr. Der berühmte englische Moderator Jeremy Clarkson, konservativ und zuweilen auch ein bisschen rassistisch durchwirkt, wirbt in einer Kolumne plötzlich emphatisch für die EU. Eine Sensation. Clarkson geläutert und progressiv? Man muss wissen, dass er bis vor einem Jahr die legendäre Autosendung „Top Gear“ in der BBC moderierte, dann aber im trunkenen Kopf einen Produzenten ein klein wenig vermöbelte und hernach seines Jobs verlustig ging. Monate später und von der Last täglicher Fron befreit, verschrieb sich der Autonarr sogar einer Kampagne gegen Emissionen und pro Klimaschutz und beichtete seine Wandlung vom Saulus und Paulus dem „Guardian“. Auch das: Sensation.  Vor einigen Monaten traf ich den damaligen „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger für ein Interview. Wir sprachen über die großen Enthüllungen seines Blattes, WikiLeaks und Snowden, und irgendwann kamen wir auch auf Jeremy Clarkson. Ich gratulierte Rusbridger herzlich und aufrichtig zu diesem letzten Coup, so unerwartet, so frisch, so anders. Er nickte, bedankte sich freundlich und sagte: „Ja, das war unser bester Aprilscherz seit vielen Jahren.“  Ich hoffe bis heute, dass Rusbridger glaubte, ich hätte einen Witz gemacht.</description>
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      <pubDate>Fri, 01 Apr 2016 14:22:30 GMT</pubDate>
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Das ist per se überaus löblich, Versuch macht klug. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.uk.diplo.de/Vertretung/unitedkingdom/en/__pr/Latest__News/04/Rugby.html" class="external-link">Sie veröffentlichte auf ihrer Webseite eine rasend komische Meldung</a>, wonach sich die Deutschen mithilfe von Rugby-Eier-legenden Hennen dem britischen Volkssport nähern wollen. Weil man ja, nicht wahr, vergangene Woche in Berlin gegen England beim Fußball verloren habe. Also neuer Nationalsport mit Eiern. Ostern war ja auch gerade, Hennen, Eier, Rugby und so weiter und so fort. Schenkelklopfen, Heiterkeit, Schunkeln.Wir können auch anders, nämlich lustig. Jawoll, können wir.</p><p>Es war ein sehr gewagter Humorversuch, – ein Auswärtsspiel gewissermaßen – ausgerechnet in Großbritannien, dem Mutterland von Fußball, Rugby und Humor. Er konnte nicht gut gehen. Immerhin, die Anstrengung wurde wohlwollend registriert mit der Attitüde eines milden Lehrers. „Vielleicht“, schrieb ein Brite tröstend, „ist es auf deutsch lustiger“.</p><p>Dummerweise nicht.</p><h2>Das Tropenparadies San Serriffe. Zu schön, um wahr zu sein</h2><p>Noch unlustiger allerdings der <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.n-tv.de/wirtschaft/Google-Scherz-geht-gruendlich-schief-article17369616.html" class="external-link">vermeintliche Google-Gag mit der Sendefunktion für mails</a>; wenn Nerds Spaß haben wollen, geht das offenbar nach hinten los. Denn die Meldung „Jeder bekommt Deine Botschaft, aber Du wirst nicht wieder von ihnen hören. Selbst wenn Typen darauf antworten, wirst Du es nicht mitbekommen“, war gar kein Witz. Und löste bei Sendern wie Empfängern nur mittelschwere Heiterkeit aus. Womöglich ist die ganz große Zeit der April-Scherze aber auch einfach nur vorüber. In schwarz-weißen Tagen erzählte ein schwedischer Fernsehtechniker 1962 seinen Landsleuten, sie könnten auf der Stelle in Farbe gucken, indem sie einfach einen Nylonstrumpf übers TV-Gerät stülpten. Die BBC hatte fünf Jahre zuvor den Spaghetti-Baum erfunden und von reichhaltiger Ernte der Nudeln-Bauern in der Schweiz berichtet. In Schweden und England daraufhin: Hunderte von Anrufen mit Nachfragen.</p><p><a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.theguardian.com/gnmeducationcentre/archive-educational-resource-april-2012" class="external-link">Dem „Guardian“ gelang zuletzt vor beinahe 40 Jahren ein Meisterstück.</a> Er veröffentlichte 1977 ein siebenseitiges Special über die wundervolle Tropenrepublik San Serriffe, ein Insel-Paradies in der Form eines Semikolons. Es gab Anzeigen und jede Menge kluger und tiefgründiger Texte über die Republik und ihren jungen Präsidenten Maria-Jesu Pica, der in einem friedlichen Coup 1971 an die Macht kam, seitdem von der Hauptstadt Bodoni aus über sein Volk wacht, das hauptsächlich aus indianischen Abkömmlingen vom Stamme der Flong besteht. Sieben Seiten todernst formulierter Irrsinn. Größte anzunehmende Resonanz danach. Die Leser wollten wissen, wie sie nach San Serriffe gelangen könnten. Etwas schwierig, die Anreise.</p><p>Der zuständige Redakteur hatte sich von der Realität inspirieren lassen. Er las vor allem in der konkurrierenden „Financial Times“ immerzu große Reportagen und Analysen „über kleine Länder, von denen ich noch nie gehört hatte“, dachte sich, dass das seiner Leserschaft vermutlich ähnlich ginge. Und ersann San Serriffe, das im Übrigen seit der Erfindung des Internet prächtig wächst und gedeiht.</p><h2>Slowenien oder Slowakei? Egal. Hauptsache Italien</h2><p>Nach wie vor erscheinen in den englischen Zeitungen viele Berichte über ferne Länder, von denen Briten vielleicht schon mal gehört haben, aber doch verhältnismäßig wenig wissen. Auf dem Kontinent gibt es solche Länder gleich dutzendweise, und es verhält sich mit Slowenien oder der Slowakei heute kaum anders als mit San Serriffe früher. Slowenien? Slowakei? Egal, Hauptsache Italien. Die auf Simplifizierung aller Art und darüber hinaus auf den EU-Austritt spezialisierte Zeitung „Daily Mail“ berichtet jeden Tag ausführlichst über die Hölle auf der anderen Seite des Kanals und meint das alles sehr ernst, selbst am 1. April. Der echte Witz in der Ausgabe ist dann selbst für britische Verhältnisse nur mäßig gekonnt, neues Bond-Girl, und versendet sich im aktuellen Aberwitz, etwa: „Das Gewebe, dass sich selbst reinigt!“ (wahr), Fußball-Fans, die pink tragen sollen (wahr). England wird Europameister (nicht wahr).</p><p>Grundsätzlich erscheinen in englischen Zeitungen an 365 Tagen im Jahr Geschichten, die andernorts herrliche Aprilscherze wären. Neulich sagte eine Labour-Dame, <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.pressreader.com/uk/the-daily-telegraph/20160321/281883002460625/textview" class="external-link">man könne die IS-Terroristen womöglich mit der Einladung zu einem Tässchen Tee befrieden.</a> Das hätte schon mal geklappt bei den Rechtsauslegern von der „English Defence League“.</p><p></p><p>Echte April-Witze dieses Jahr? Prinz Philip als EU-Botschafter, der den Londoner Bürgermeister Boris Johnson, den UKIP-Chef Nigel Farage und den Justizminister Michael Gove als „awful little men“ bezeichnet. Scherz einerseits. Und wahr andererseits. Denn Wahnsinn und Wahrheit verschwimmen immer mehr. Der berühmte englische Moderator Jeremy Clarkson, <a rel="noopener" target="_blank" href="http://last call michael streck das lustigste Arschloch der welt" class="external-link">konservativ und zuweilen auch ein bisschen rassistisch durchwirkt</a>, wirbt in einer Kolumne plötzlich emphatisch für die EU. Eine Sensation. Clarkson geläutert und progressiv? Man muss wissen, dass er bis vor einem Jahr die legendäre Autosendung „Top Gear“ in der BBC moderierte, dann aber im trunkenen Kopf einen Produzenten ein klein wenig vermöbelte und hernach seines Jobs verlustig ging. Monate später und von der Last täglicher Fron befreit, verschrieb sich der Autonarr <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.theguardian.com/media/2015/apr/01/jeremy-clarkson-joins-guardian-drive-for-fossil-fuel-divestment" class="external-link">sogar einer Kampagne gegen Emissionen und pro Klimaschutz</a> und beichtete seine Wandlung vom Saulus und Paulus dem „Guardian“. Auch das: Sensation.</p><p>Vor einigen Monaten traf ich den damaligen „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger für ein Interview. Wir sprachen über die großen Enthüllungen seines Blattes, WikiLeaks und Snowden, und irgendwann kamen wir auch auf Jeremy Clarkson. Ich gratulierte Rusbridger herzlich und aufrichtig zu diesem letzten Coup, so unerwartet, so frisch, so anders. Er nickte, bedankte sich freundlich und sagte: „Ja, das war unser bester Aprilscherz seit vielen Jahren.“</p><p>Ich hoffe bis heute, dass Rusbridger glaubte, ich hätte einen Witz gemacht.</p></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: London, eine Liebeserklärung</title>
      <link>http://blogs.stern.de/lastcall/london-eine-liebeserklaerung/</link>
      <description>Vor ein paar Monaten sind wir umgezogen in London. Es gibt schönere Dinge. Umziehen ist in Deutschland schon nicht schön.  Wir zogen von Kilburn im Nordwesten noch weiter in den Norden in einen Stadtteil, den wir bis dahin nur von der U-Bahnkarte kannten. East Finchley. Einer dieser vielen Stadtteile, die man vielleicht schon mal gehört, dann aber sofort wieder vergessen hat. Von diesen Stadtteilen gibt es in London gefühlt Hundert. Sie heißen Willesden Green oder Golders Green oder Wood Green oder Bounds Green. Auffällig viele tragen Green im Namen.  Ein Zufall ist das nicht. 40 Prozent der Londoner Stadtfläche bestehen aus Parks, Gärten und Grünanlagen. Von allen Metropolen in Europa ist London die am dünnsten besiedelte. Auf einem Hektar leben hier lediglich 43 Menschen, in New York 93, in Paris 83. Wäre London so dicht besiedelt wie die französische Hauptstadt, käme es auf 35 Millionen Einwohner.  [caption id="attachment_1974" align="alignnone" width="799"] Die Hauptstraße von East Finchley, unserem Dorf im Norden[/caption]  Manchmal kann man allerdings den Eindruck bekommen, ganz Großbritannien bestünde ausschließlich aus London und ungefähr 60 Millionen Menschen. Vor allem in der Weihnachtszeit und vor allem auf der Regent und der Oxford Street.  Unser East Finchley ist ziemlich genau das Gegenteil von Regent Street und Oxford Street. Es ist ein Dorf. Jeder kennt irgendwie jeden. Oder hat zumindest mal von ihm gehört. Vor Kurzem gab’s eine Messerstecherei hier, direkt vor einem kleinen japanischen Restaurant. Den Messerstecher hatten sie relativ flott. Es ging um eine Frau. Das erzählte mir mein neuer Friseur Martin aus Zypern.  Mein alter Friseur Andreas kam auch aus Zypern, Trockenschnitt neun Pfund. Er lebte schon 30 Jahre in London und hatte immer noch einen leicht südländischen Akzent. Menschen aus 200 Nationen, mehr als 300 Sprachen und Dialekte Martin lebt seit 25 Jahren in London, er hat den Akzent des Londoner Nordens angenommen. Ich war inzwischen fünfmal bei Martin; der Salon sieht aus, als wäre die Zeit in den 60-er Jahren stehengeblieben. Die Waschbecken sind alt, die Stühle sind alt und die Friseure sind auch relativ alt. Sie reden viel über Fußball und Frauen und Essen. Immer, wenn ich den Laden ziemlich kurz geschoren verlasse, habe ich ein gutes Gefühl. Ich nenne es das London-Gefühl. In dem Salon arbeiten neben Martin noch ein Schotte, ein Italiener und ein Engländer. Die Kunden kommen aus überall. Aus Irland, Libanon, Türkei, Algerien, Kroatien, Indien und Pakastian. Und nun Deutschland.  Der Friseur und ganz East Finchley sind damit bester Londoner Schnitt. In dieser ständig wachsenden Stadt leben Menschen aus 200 Nationen, die 300 Sprachen und Dialekte sprechen. Das kann sonst nur noch New York bieten.  Gegenüber von meinem Friseur liegt das kleine japanische Restaurant. Jahr für Jahr wird es ausgezeichnet für sein authentisches japanisches Essen, es kleben sechs oder sieben Zertifikate am Fenster und außerdem eine Empfehlung eines Feinkostmagazins. Es ist nur so, dass die Besitzer gar nicht aus Japan kommen. Sondern aus Kroatien und China. Lilly, China, steht in der Küche, rollt Sushi und hat das lustigste und lauteste Lachen der ganzen Straße. Ihr Neffe Tom, Kroatien wie ihr Mann, bedient, studiert Politik, und ist Fan von Paris Saint Germain.  Genauso ist London.  Auf der Hauptstraße gibt es noch einen englischen Fischhändler, eine algerische Bäckerei, einen italienischen Feinkostladen, ein polnisches Geschäft mit Wurst und Brot und Zeitungen, ein griechisches Fish’n’ Chips-Restaurant, zwei irische Pubs und zwei englische. Außerdem gibt es noch einen überaus freundlichen Obdachlosen, der immer nur nach zehn Pence fragt. Wenn er mal mehr als drei Tage nicht vor dem Supermarkt steht, machen sich alle Sorgen. Extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und kongruent Inzwischen kann ich verstehen, warum das Magazin „Time Out“ die Menschen von East Finchley als die glücklichsten Londoner bezeichnet. Das Problem ist: Neulich war ich auf Recherche für eine Titelgeschichte des stern über London eben sehr viel in London unterwegs. Und stellte dabei wieder einmal fest, dass East Finchley irgendwie überall ist jenseits der Türme der City. Denn London ist ein gigantisches Dorf aus vielen Dörfern. Extrem schön und hässlich, extrem eitel und heruntergekommen, extrem blasiert und tolerant, extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und doch wieder kongruent in seinem ganzen Wahnsinn. Wäre London ein Mensch, er wäre immens anstrengend, zuweilen unausstehlich. Aber immer interessant.  [caption id="attachment_1975" align="alignleft" width="228"] Titelbild der aktuellen stern-Ausgabe[/caption]  Ich traf zwei Musiker, die seit 14 Jahren auf einem Hausboot wohnen. Eine junge Unternehmerin aus Amerika, die nicht mehr weg will. Einen deutschen Museumsdirektor, der auch nicht mehr weg will. Und eine englische Köchin mit ihrem iranischen Mann aus Peckham im Süden, die immer schon da waren. Sie alle erzählten von ihrem London. Von ihren Problemen mit der Stadt. Aber insbesondere von ihrer Liebe.  Die beiden Musiker vom Hausboot verglichen London mit dem alten Rom, „ekelhaft dekadent, aber eben auch ewig großartig“.  Die Amerikanerin hatte wie wir zuvor in New York gelebt. Sie sagte einen schönen Satz, den wir jederzeit unterschreiben würden: „In New York kannst du den Horizont nicht sehen, für das Gehirn ist London besser.“  Der Museumsdirektor sagte, London sei für ihn wie ein Geschenk.  Die Köchin sagte, ihr Viertel fühle sich an wie „eine einzige Umarmung“.  So was sagten die über ihr London.  Abends fuhr ich randvoll mit guten London-Gefühlen nach Hause, East Finchley, unser Dorf im Norden. Ich habe nicht immer gute London-Gefühle. Gelegentlich, ziemlich oft sogar, ärgere ich mich über diese Stadt, ihre Arroganz, ihre Gier und auch über ihre Privilegien. An diesem Abend nicht. Ich schlenderte von der U-Bahn die Hauptstraße hoch. Vorbei am Polen und dem kleinen italienischen Feinkostladen. Der englische Fischhändler ließ gerade die Rollläden runter. Der englische Pub war halbleer, der irische dafür knallvoll, St. Patrick’s Day. Der Japaner hatte Ruhetag, bei meinem Friseur saß ein indischer Vater mit seinen vier Söhnen. Und vor dem Supermarkt stand der Obdachlose und fragte wie immer nach zehn Pence.  Ich gab ihm fünf Pfund. Er bedankte sich diesmal nicht freundlich, sondern überschwänglich und sagte: „Heute muss mein Glückstag sein.“  Und ich sagte: „Nein, meiner.“</description>
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      <pubDate>Wed, 23 Mar 2016 00:54:05 GMT</pubDate>
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      <description>Vor ein paar Monaten sind wir umgezogen in London. Es gibt schönere Dinge. Umziehen ist in Deutschland schon nicht schön.  Wir zogen von Kilburn im Nordwesten noch weiter in den Norden in einen Stadtteil, den wir bis dahin nur von der U-Bahnkarte kannten. East Finchley. Einer dieser vielen Stadtteile, die man vielleicht schon mal gehört, dann aber sofort wieder vergessen hat. Von diesen Stadtteilen gibt es in London gefühlt Hundert. Sie heißen Willesden Green oder Golders Green oder Wood Green oder Bounds Green. Auffällig viele tragen Green im Namen.  Ein Zufall ist das nicht. 40 Prozent der Londoner Stadtfläche bestehen aus Parks, Gärten und Grünanlagen. Von allen Metropolen in Europa ist London die am dünnsten besiedelte. Auf einem Hektar leben hier lediglich 43 Menschen, in New York sind es 93, in Paris 83. Wäre London so dicht besiedelt wie die französische Hauptstadt, käme es auf 35 Millionen Einwohner.  Manchmal kann man allerdings den Eindruck bekommen, ganz Großbritannien bestünde ausschließlich aus London und ungefähr 60 Millionen Menschen. Vor allem in der Weihnachtszeit und vor allem auf der Regent und der Oxford Street.  Unser East Finchley ist ziemlich genau das Gegenteil von Regent Street und Oxford Street. Es ist ein Dorf. Jeder kennt irgendwie jeden. Oder hat zumindest mal von ihm gehört. Vor Kurzem gab’s eine Messerstecherei hier, direkt vor einem kleinen japanischen Restaurant. Den Messerstecher hatten sie relativ flott. Es ging um eine Frau. Das erzählte mir mein neuer Friseur Martin aus Zypern.  Mein alter Friseur Andreas kam auch aus Zypern, Trockenschnitt neun Pfund. Er lebte schon 30 Jahre in London und hatte immer noch einen leicht südländischen Akzent.  Menschen aus 200 Nationen, mehr als 300 Sprachen und Dialekte  Martin lebt seit 25 Jahren in London, er hat den Akzent des Londoner Nordens angenommen. Ich war inzwischen fünfmal bei Martin; der Salon sieht aus, als wäre die Zeit in den 60-er Jahren stehengeblieben. Die Waschbecken sind alt, die Stühle sind alt und die Friseure sind auch relativ alt. Sie reden viel über Fußball und Frauen und Essen. Immer, wenn ich den Laden ziemlich kurz geschoren verlasse, habe ich ein gutes Gefühl. Ich nenne es das London-Gefühl. Denn in dem Salon arbeiten neben Martin noch ein Schotte, ein Italiener und ein Engländer. Die Kunden kommen aus überall. Aus Irland, Libanon, Türkei, Algerien, Kroatien, Indien und Pakastian. Und nun Deutschland.  Der Friseur und ganz East Finchley sind damit bester Londoner Schnitt. In dieser ständig wachsenden Stadt leben Menschen aus 200 Nationen, die 300 Sprachen und Dialekte sprechen. Das kann sonst nur noch New York bieten.  Gegenüber von meinem Friseur liegt das kleine japanische Restaurant. Jahr für Jahr wird es ausgezeichnet für sein authentisches japanisches Essen, es kleben sechs oder sieben Zertifikate am Fenster und außerdem noch Empfehlungen von Feinkostmagazinen und Stadtführern. Es ist nur so, dass die Besitzer gar nicht aus Japan kommen. Sondern aus Kroatien und China. Lilly, China, steht in der Küche, rollt Sushi und hat das lustigste und lauteste Lachen der ganzen Straße. Ihr Neffe Tom, Kroatien wie ihr Mann, bedient, studiert Politik, und ist Fan von Paris Saint Germain.  Genauso ist London.  Auf der Hauptstraße gibt es noch einen englischen Fischhändler, eine algerische Bäckerei, einen italienischen Feinkostladen, ein polnisches Geschäft mit Wurst und Brot und Zeitungen, ein griechisches Fish’n’ Chips-Restaurant, zwei irische Pubs und zwei englische. Außerdem gibt es noch einen überaus freundlichen Obdachlosen, der immer nur nach zehn Pence fragt. Wenn er mal mehr als drei Tage nicht vor dem Supermarkt steht, machen sich alle Sorgen.  Extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und kongruent  Inzwischen kann ich verstehen, warum das Magazin „Time Out“ die Menschen von East Finchley als die glücklichsten Londoner bezeichnet. Das Problem ist: Neulich war ich auf Recherche für eine Titelgeschichte des stern über London eben sehr viel in London unterwegs. Und stellte dabei wieder einmal fest, dass East Finchley eigentlich überall ist jenseits der Türme der City. London ist nämlich ein gigantisches Dorf aus vielen Dörfern. Extrem schön und hässlich, extrem eitel und heruntergekommen, extrem blasiert und tolerant, extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und doch wieder kongruent in seinem ganzen Wahnsinn. Wäre London ein Mensch, er wäre immens anstrengend, zuweilen unausstehlich. Aber immer interessant.  Titelfotojpg.jpg  Ich traf zwei Musiker, die seit 14 Jahren auf einem Hausboot wohnen. Eine junge Unternehmerin aus Amerika, die nicht mehr weg will. Einen deutschen Museumsdirektor, der auch nicht mehr weg will. Und eine englische Köchin mit ihrem iranischen Mann aus Peckham im Süden, die immer schon da waren. Sie alle erzählten von ihrem London. Von ihren Problemen mit der Stadt. Aber insbesondere von ihrer Liebe.  Die beiden Musiker vom Hausboot verglichen London mit dem alten Rom, „ekelhaft dekadent, aber eben auch ewig großartig“.  Die Amerikanerin hatte wie wir zuvor in New York gelebt. Sie sagte einen schönen Satz, den wir jederzeit unterschreiben würden: „In New York kannst du den Horizont nicht sehen, für das Gehirn ist London besser.“  Der Museumsdirektor sagte, London sei für ihn wie ein Geschenk.  Die Köchin sagte, ihr Viertel fühle sich an wie „eine einzige Umarmung“.  So was sagten die über ihr London.  Abends fuhr ich randvoll mit guten London-Gefühlen nach Hause, East Finchley, unser Dorf im Norden. Ich habe nicht immer gute London-Gefühle. Gelegentlich, ziemlich oft sogar, ärgere ich mich über diese Stadt, ihre Arroganz, ihre Gier und auch über ihre Privilegien. An diesem Abend nicht. Ich schlenderte von der U-Bahn die Hauptstraße hoch. Vorbei am Polen und dem kleinen italienischen Feinkostladen. Der englische Fischhändler ließ gerade die Rollläden runter. Der englische Pub war halbleer, der irische dafür knallvoll, St. Patrick’s Day. Der Japaner hatte Ruhetag, bei meinem Friseur saß ein indischer Vater mit seinen vier Söhnen. Und vor dem Supermarkt stand der Obdachlose und fragte wie immer nach zehn Pence.  Ich gab ihm fünf Pfund. Er bedankte sich diesmal nicht freundlich, sondern überschwänglich und sagte: „Heute muss mein Glückstag sein.“  Und ich sagte: „Nein, meiner.“</description>
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      <pubDate>Wed, 23 Mar 2016 00:54:05 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div class="rtf-content-wrapper"><p>Vor ein paar Monaten sind wir umgezogen in London. Es gibt schönere Dinge. Umziehen ist in Deutschland schon nicht schön.</p><p>Wir zogen von Kilburn im Nordwesten noch weiter in den Norden in einen Stadtteil, den wir bis dahin nur von der U-Bahnkarte kannten. East Finchley. Einer dieser vielen Stadtteile, die man vielleicht schon mal gehört, dann aber sofort wieder vergessen hat. Von diesen Stadtteilen gibt es in London gefühlt Hundert. Sie heißen Willesden Green oder Golders Green oder Wood Green oder Bounds Green. Auffällig viele tragen Green im Namen.</p><p>Ein Zufall ist das nicht. 40 Prozent der Londoner Stadtfläche bestehen aus Parks, Gärten und Grünanlagen. Von allen Metropolen in Europa ist London die am dünnsten besiedelte. Auf einem Hektar leben hier lediglich 43 Menschen, in New York sind es 93, in Paris 83. Wäre London so dicht besiedelt wie die französische Hauptstadt, käme es auf 35 Millionen Einwohner.</p><p>Manchmal kann man allerdings den Eindruck bekommen, ganz Großbritannien bestünde ausschließlich aus London und ungefähr 60 Millionen Menschen. Vor allem in der Weihnachtszeit und vor allem auf der Regent und der Oxford Street.</p><p>Unser East Finchley ist ziemlich genau das Gegenteil von Regent Street und Oxford Street. Es ist ein Dorf. Jeder kennt irgendwie jeden. Oder hat zumindest mal von ihm gehört. Vor Kurzem gab’s eine Messerstecherei hier, direkt vor einem kleinen japanischen Restaurant. Den Messerstecher hatten sie relativ flott. Es ging um eine Frau. Das erzählte mir mein neuer Friseur Martin aus Zypern.</p><p>Mein alter Friseur Andreas kam auch aus Zypern, Trockenschnitt neun Pfund. Er lebte schon 30 Jahre in London und hatte immer noch einen leicht südländischen Akzent.</p><h2>Menschen aus 200 Nationen, mehr als 300 Sprachen und Dialekte</h2><p>Martin lebt seit 25 Jahren in London, er hat den Akzent des Londoner Nordens angenommen. Ich war inzwischen fünfmal bei Martin; der Salon sieht aus, als wäre die Zeit in den 60-er Jahren stehengeblieben. Die Waschbecken sind alt, die Stühle sind alt und die Friseure sind auch relativ alt. Sie reden viel über Fußball und Frauen und Essen. Immer, wenn ich den Laden ziemlich kurz geschoren verlasse, habe ich ein gutes Gefühl. Ich nenne es das London-Gefühl. Denn in dem Salon arbeiten neben Martin noch ein Schotte, ein Italiener und ein Engländer. Die Kunden kommen aus überall. Aus Irland, Libanon, Türkei, Algerien, Kroatien, Indien und Pakastian. Und nun Deutschland.</p><p>Der Friseur und ganz East Finchley sind damit bester Londoner Schnitt. In dieser ständig wachsenden Stadt leben Menschen aus 200 Nationen, die 300 Sprachen und Dialekte sprechen. Das kann sonst nur noch New York bieten.</p><p>Gegenüber von meinem Friseur liegt das kleine japanische Restaurant. Jahr für Jahr wird es ausgezeichnet für sein authentisches japanisches Essen, es kleben sechs oder sieben Zertifikate am Fenster und außerdem noch Empfehlungen von Feinkostmagazinen und Stadtführern. Es ist nur so, dass die Besitzer gar nicht aus Japan kommen. Sondern aus Kroatien und China. Lilly, China, steht in der Küche, rollt Sushi und hat das lustigste und lauteste Lachen der ganzen Straße. Ihr Neffe Tom, Kroatien wie ihr Mann, bedient, studiert Politik, und ist Fan von Paris Saint Germain.</p><p>Genauso ist London.</p><p>Auf der Hauptstraße gibt es noch einen englischen Fischhändler, eine algerische Bäckerei, einen italienischen Feinkostladen, ein polnisches Geschäft mit Wurst und Brot und Zeitungen, ein griechisches Fish’n’ Chips-Restaurant, zwei irische Pubs und zwei englische. Außerdem gibt es noch einen überaus freundlichen Obdachlosen, der immer nur nach zehn Pence fragt. Wenn er mal mehr als drei Tage nicht vor dem Supermarkt steht, machen sich alle Sorgen.</p><h2>Extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und kongruent</h2><p>Inzwischen kann ich verstehen, warum das Magazin „Time Out“ die Menschen von East Finchley als die glücklichsten Londoner bezeichnet. Das Problem ist: Neulich war ich auf Recherche für eine Titelgeschichte des <em>stern</em> über London eben sehr viel in London unterwegs. Und stellte dabei wieder einmal fest, dass East Finchley eigentlich überall ist jenseits der Türme der City. London ist nämlich ein gigantisches Dorf aus vielen Dörfern. Extrem schön und hässlich, extrem eitel und heruntergekommen, extrem blasiert und tolerant, extrem reich und arm, extrem gegensätzlich und doch wieder kongruent in seinem ganzen Wahnsinn. Wäre London ein Mensch, er wäre immens anstrengend, zuweilen unausstehlich. Aber immer interessant.</p><p></p><p>Ich traf zwei Musiker, die seit 14 Jahren auf einem Hausboot wohnen. Eine junge Unternehmerin aus Amerika, die nicht mehr weg will. Einen deutschen Museumsdirektor, der auch nicht mehr weg will. Und eine englische Köchin mit ihrem iranischen Mann aus Peckham im Süden, die immer schon da waren. Sie alle erzählten von ihrem London. Von ihren Problemen mit der Stadt. Aber insbesondere von ihrer Liebe.</p><p>Die beiden Musiker vom Hausboot verglichen London mit dem alten Rom, „ekelhaft dekadent, aber eben auch ewig großartig“.</p><p>Die Amerikanerin hatte wie wir zuvor in New York gelebt. Sie sagte einen schönen Satz, den wir jederzeit unterschreiben würden: „In New York kannst du den Horizont nicht sehen, für das Gehirn ist London besser.“</p><p>Der Museumsdirektor sagte, London sei für ihn wie ein Geschenk.</p><p>Die Köchin sagte, ihr Viertel fühle sich an wie „eine einzige Umarmung“.</p><p>So was sagten die über ihr London.</p><p>Abends fuhr ich randvoll mit guten London-Gefühlen nach Hause, East Finchley, unser Dorf im Norden. Ich habe nicht immer gute London-Gefühle. Gelegentlich, ziemlich oft sogar, ärgere ich mich über diese Stadt, ihre Arroganz, ihre Gier und auch über ihre Privilegien. An diesem Abend nicht. Ich schlenderte von der U-Bahn die Hauptstraße hoch. Vorbei am Polen und dem kleinen italienischen Feinkostladen. Der englische Fischhändler ließ gerade die Rollläden runter. Der englische Pub war halbleer, der irische dafür knallvoll, St. Patrick’s Day. Der Japaner hatte Ruhetag, bei meinem Friseur saß ein indischer Vater mit seinen vier Söhnen. Und vor dem Supermarkt stand der Obdachlose und fragte wie immer nach zehn Pence.</p><p>Ich gab ihm fünf Pfund. Er bedankte sich diesmal nicht freundlich, sondern überschwänglich und sagte: „Heute muss mein Glückstag sein.“</p><p>Und ich sagte: „Nein, meiner.“</p></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: Die Kraft der Kratzbürste. Oder Europa für Dummies</title>
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      <description>Die einfachen Dinge des Lebens sind die schönsten, findet stern-Korrespondent Michael Streck. Er hat sich in London Shakespeare-Aufführungen für Anfänger angesehen - und war so begeistert, dass er sich das Konzept nun auch für andere Bereiche wünscht. Zum Beispiel für die EU.</description>
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      <pubDate>Tue, 15 Mar 2016 17:22:34 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Die einfachen Dinge des Lebens sind die schönsten, findet <em>stern</em>-Korrespondent Michael Streck. Er hat sich in London Shakespeare-Aufführungen für Anfänger angesehen - und war so begeistert, dass er sich das Konzept nun auch für andere Bereiche wünscht. Zum Beispiel für die EU.</p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Wir leben in komplizierten Zeiten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es früher einfach einfacher war. Nicht besser, aber leichter. Die schönsten Dinge des Lebens sind die einfachen. Zum Beispiel Spiegelei. Oder Linsensuppe. Oder Fischstäbchen.</p><p>Vielleicht gibt es deshalb einen Trend zurück zu den simplen Dingen des Lebens. Simple Dinge sind genau richtig für schlichte Gemüter wie mich.</p><p><a rel="noopener" target="_blank" href="http://shakespeares-england.co.uk/shakespeare-2016" class="external-link">In Großbritannien ist gerade Shakespeare-Jahr, der große Barde starb vor 400 Jahren.</a> Neulich führten sie hier in London die kompletten Werke von Shakespeare auf, 36 Stücke in drei Tagen und jedes nur eine Stunde lang. Es nannte sich „<a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.ft.com/intl/cms/s/0/665ebab4-e13a-11e5-9217-6ae3733a2cd1.html#axzz42yUYmrGE" class="external-link">Table Top Shakespeare“</a>, und das Konzept war denkbar schlicht und ergreifend: Ein Tisch, ein Stuhl, ein Erzähler und als Darsteller Suppenwürfel, Feuerzeuge, Zigarettenschachteln, Dosensuppen, Bierflaschen, Putzschwämme, Salz- und Pfefferstreuer, Ketchup und Senf, Orangen und Zitronen. Der Erzähler schob sie über den Tisch und brach Shakespeare herunter für Fortgeschrittene und Anfänger.</p><p>Wir schauten erst Othello.</p><p>Othello, der Mohr, war eine schwarze Prosecco-Dose, seine Geliebte Desdemona Weißblech mit Bitter Lemon drin. Die Erzählerin beamte Shakespeare aus dem 16. Jahrhundert sprachlich ins 21. Jahrhundert. Einmal sagte sie, dass sich die beiden Dosen jetzt zurückziehen würden „to fuck each other’s brains out“, also um sich gegenseitig das Hirn weg zu vögeln. Das spielte sie mit den Dosen aber nicht nach. Shakespeare, muss man wissen, war nicht nur ein Meister der gehobenen, sondern auch der Umgangssprache. Er hat sie wie kein Zweiter bereichert. „Fuck each other’s brains out“, gehörte meines Wissens aber nicht dazu.</p><p>Zwei Tage später sahen wir „The Taming of the Shrew“, der Widerspenstigen Zähmung. Diesmal mit einer Armee aus Senfgläsern, Brühwürfeln und Bierflaschen. Ein rotes Feuerzeug symbolisierte den betrunkenen Kesselflicker Sly, der im Prolog der eigentlichen Komödie auftaucht. Statt „fuck“ sagte die Erzählerin diesmal „screw“, inhaltlich läuft es auf dasselbe hinaus. Nach der Vorstellung verließen die Leute gut gelaunt das Theater, und draußen auf der Straße stand die Erzählerin und rauchte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich ihre Zigarette mit dem Kesselflicker Sly ansteckte. Wir bedankten uns bei ihr, und sie sagte, dass alle Stücke ausverkauft gewesen seien. Dass der Erfolg die Sehnsucht der Menschen nach Vereinfachung reflektiere. Ich sagte, dass man dieses Konzept doch auf ganz viele Bereiche des Lebens übertragen könne. Mir fielen da sofort einige ein. „EU for Dummies zum Beispiel.“ Die Erzählerin nickte.</p><h2>Shakespeare wäre ganz gewiss Pro-Europäer</h2><p>Man müsste es hier im Fernsehen zeigen, direkt nach den Nachrichten. Und den Leuten erklären, dass Europa nicht so furchtbar ist, wie man in Großbritannien jeden Tag lesen muss. Es müssten Polen auftauchen (Wodkaflaschen) und Deutsche (Würste) und Franzosen (Käse) und Engländer natürlich (Tee). Angela Merkel wäre eine Kratzbürste und David Cameron eine Teflon-Bratpfanne.</p><p>Falls nun der Tee zu Hause ein Problem hätte mit, sagen wir, verstopften Abflüssen, müsste der Wodka kommen und es reparieren. Viele Polen sind nämlich hierzulande im Dienstleistungsbereich tätig. Ohne Polen und Bulgaren und Rumänen hätte das Land ein gigantisches Service-Problem. Nach einem EU-Austritt könnte Wodka aber nicht mehr vorbeikommen oder nur sehr viel später, und der Tee würde einfach absaufen in seiner eigenen Brühe. Solche Dinge könnte man den Briten jeden Abend so lange vorspielen, bis auch der letzte Dummy begriffen hätte, dass Europa richtig, wichtig und gut ist. Die Kratzbürste Merkel würde es der Teflon-Pfanne Cameron immer wieder liebevoll und geduldig verklickern. Und ihr zum Beispiel klar machen, dass Pfanne und Würste beste Freunde und wie für einander gemacht sind. So ungefähr funktioniert ja die EU.</p><p>Vielleicht würden sie es verstehen. Bestimmt sogar.</p><p>Die Erzählerin fand die Idee ganz gut. Sie sagte, Shakespeare wäre ganz gewiss ein Pro-Europäer. Allein die Schauplätze. Venedig, Verona, Wien, Dänemark, Zypern. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.easyvoyage.de/aktuell/die-top-10-fuer-den-romantikurlaub-ganz-nach-shakespeare-47740" class="external-link">Seine Werke spielen ja überall in Europa.</a> Er war seiner Zeit immer schon voraus und modern. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.theguardian.com/books/2016/mar/15/william-shakespeare-handwritten-plea-for-refugees-online-sir-thomas-more-script-play-british-library-exhibition" class="external-link">Und das Manuskript für „The Book of Sir Thomas More“ ist nichts anderes als ein Manifest für offene Grenzen </a>und offene Arme, verfolgte Hugenotten damals. Sie zog noch eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie wieder mit dem Kesselflicker Sly an. Danach ging sie zurück ins Theater und gab noch eine Stunde lang Macbeth mit Putzschwämmen.</p><p>Wir stiegen bester Dinge in die U-Bahn und glaubten fest, dass wir Großbritannien vor dem Brexit bewahren könnten, wenn man uns nur ließe mit Pfannen und Bürsten und Wodka und Würsten und Tee. Die Kraft und Schönheit der simplen Dinge des Lebens.</p><p>Zu Hause gab es Fischstäbchen.</p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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      <title>Last Call: Schnauze Ossi</title>
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      <description>Die neuen Bundesländer haben massiv vom Solidaritätszuschlag profitiert. Im Westen sieht die Lage zum Teil deutlich schlechter aus. Dennoch, gegenüber Flüchtlingen ist die Stimmung viel offenerer - besonders im Vergleich zu Sachsen.  </description>
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      <pubDate>Wed, 02 Mar 2016 15:31:13 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Die neuen Bundesländer haben massiv vom Solidaritätszuschlag profitiert. Im Westen sieht die Lage zum Teil deutlich schlechter aus. Dennoch, gegenüber Flüchtlingen ist die Stimmung viel offenerer - besonders im Vergleich zu Sachsen.  </p></div><div class="rtf-content-wrapper"><p>Ich bin viel zu selten in meiner alten Heimatstadt und muss gestehen, dass sie mir sogar fremd geworden ist. Einiges erkenne ich gar nicht wieder.<span></span> Die Haupteinkaufsstraße zum Beispiel besteht weitgehend noch aus Ein-Euro-Geschäften und welchen, die Handy-Bedarf verkaufen. Viele Läden stehen leer. Die Stadt meiner Kindheit und Jugend blühte, zumindest in meiner Erinnerung. Diese darbt. Sie hat, man sieht das überall, offenbar kein Geld.</p><p>Meiner alten Stadt Lüdenscheid ergeht es wie vielen in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Ruhrgebiet und an dessen Rand. Vor ein paar Jahren forderten deshalb die Bürgermeister der Region eine Art Solidarzuschlag West. Ihren Städten und Gemeinden, argumentierten sie, ginge es inzwischen erheblich schlechter als den meisten im Osten. Ich halte das für eine vernünftige Idee. In den neuen Ländern sieht es inzwischen vielerorts besser aus als im Westen, vor allem als im Revier. Selbst in Bitterfeld, einst Synonym für Umweltdesaster, blühen die Landschaften inzwischen.</p><p>Meine Heimatstadt hat im vergangenen Jahr rund 1000 Flüchtlinge aus den Krisengebieten aufgenommen, das ist für eine kleine Stadt eine ganze Menge. Es gibt auch dort natürlich die üblichen Meckerer und Nörgler, die auf Facebook Peinliches posten. Die Mutter aller Arschlöcher ist immer schwanger, überall. Aber grundsätzlich sind die Flüchtlinge dort gut aufgenommen worden und aufgehoben. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.come-on.de/luedenscheid/" class="external-link">Die Lokalzeitung berichtet viel, warm, herzlich und klug über die neuen Mitbürger.</a> In Lüdenscheid, wie im Übrigen in den meisten Städten Nordrhein-Westfalens, hätte Pegida keine Chance.</p><p>An einem früheren Abend traf ich einen pensionierten Arzt. Er ist ein in jeder Beziehung außergewöhnlicher Mensch. Er rauchte, was, wie ich dachte, ziemlich ungewöhnlich ist für Ärzte und auch ehemalige Ärzte. Aber er sagte, dass ich mal zu einem Ärztetreffen kommen sollte. Der Raum dann blau vor Qualm, und er lachte dazu ein wunderbar kehliges Lachen. Der Arzt konnte herrlich erzählen. Und dann, ganz am Rande und fast beiläufig, erwähnte er, dass er einen jungen Mann aus Ghana bei sich aufgenommen hat. Er hilft ihm bei Behördengängen, er hilft ihm, in Deutschland anzukommen. Er hilft hier, er hilft dort. Er erzählte das völlig selbstverständlich, das beeindruckte mich tief.</p><p>Am selben Abend sah ich im Fernsehen einen Beitrag aus Sachsen. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.stern.de/politik/deutschland/clausnitz--das-sagt-der-junge-aus-dem-fluechtlingsbus-6709386.html" class="external-link">Es war nicht mal Bautzen oder Clausnitz.</a> Eine Frau sagte, sie habe gehört, dass die Flüchtlinge klauen. Ihr Mann stand daneben und nickte. Der Reporter fragte, woher sie das wisse mit dem Klauen, und sie sagte, sie habe das gehört. Ein anderer Mann, selber Ort, wurde gefragt, ob die Flüchtlinge sicher seien in seiner kleinen Stadt. Er sagte: „Natürlich.“ Pause. Dann: „Noch.“ Im deutschen Fernsehen liefen überhaupt ununterbrochen Beiträge über Sachsen. Die Sachsen haben es auch nicht leicht. Sie sprechen eine Sprache, die man für alle Nicht-Sachsen synchronisieren und untertiteln muss. Das einzige Wort, das man nicht untertiteln muss, ist „Lügenpresse“. Das kriegen sogar die meisten Sachsen akzentfrei über die Lippen. Manchmal wäre es besser gewesen, man hätte die Untertitel weggelassen und die Zuschauer ahnungslos. Früher galten die Sachsen ja als ahnungslos, weil das Westfernsehen sie nicht erreichte, aber immerhin die „Aktuelle Kamera“ aus Ost-Berlin. Das kann heute als Entschuldigung für die ewigen Entgleisungen nicht mehr herhalten. Was Angriffe auf Ausländer und Flüchtlinge anbelangt, ist Sachsen einsame spitze und Dresden gewissermaßen Hauptstadt der Bewegung. Eine zufällige Häufung sieht anders aus.</p><p></p><p>Die Ahnungslosigkeit muss also andere Ursachen haben als nicht empfangbares Fernsehen. Sie nistet wohl tiefer. Ich konnte den Dumpfsinn und die stumpfen Antworten nach ein paar Minuten nicht mehr ertragen, sie bereiteten mir körperliche Schmerzen. Ich murmelte laut Richtung Fernseher: „Schnauze Ossi“. Denn ich musste an den Arzt denken aus meiner alten Heimat. Ich war plötzlich wieder stolz auf diese kleine Stadt, die längst nicht mehr blüht, sich aber verdammt noch mal müht.</p><p>Tags drauf flog ich nach London zurück.</p><p>Abends saßen wir mit Lilly und Tom zusammen. Sie ist Chinesin, er Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, gemeinsam betreiben sie ein winziges japanisches Restaurant. Wir sprachen erst über London, dann über Großbritannien, dann über Amerika und Trump, kreisten zurück über den Teich, Syrien, Irak, Russland und Putin und schließlich Berlin, Merkel und Deutschland. Vier Ausländer in London. Irgendwann fragte Tom, was denn da los gewesen sei in „Saxony“. Er hatte darüber gelesen, denn Sachsen machte ja weltweit Schlagzeilen wie zuvor Köln. Ich versuchte es ihm zu erklären so gut ich konnte. Aber ich konnte es nicht gut genug. Ich konnte nicht schlüssig erklären, warum Menschen vor einem Bus stehen und verängstigte Kinder anbrüllen und andere jubeln wenn ein Haus brennt.</p><p>Tom fragte, ob man als Kroate oder Chinesin dort auch ein Problem bekäme und überhaupt: Warum immerzu Sachsen und nicht zum Beispiel Nordrhein-Westfalen oder Hessen? Ich erzählte ihm vom Tal der Ahnungslosen, früher. Und von Pegida, heute. Ich erklärte ihm auch, dass NRW eben anders sei, Einwanderungsland, Industrie, Bergbau. Erst kamen die Polen, später die sogenannten Gastarbeiter. Hart aber herzlich. Wir vier Gastarbeiter in London waren uns schnell einig, dass nicht zu viel Ausländer das Problem sind, sondern exakt das Gegenteil: zu wenige. Gelebtes und gelerntes Miteinander, manchmal knirschend und knarzend und kompliziert. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://de.statista.com/statistik/daten/studie/469716/umfrage/uebergriffe-gegen-fluechtlinge-und-fluechtlingsunterkuenfte-in-deutschland-nach-bundeslaendern/" class="external-link">Auch in NRW gibt es Übergriffe auf Flüchtlinge, aber statistisch betrachtet nichts im Vergleich zum sehr nahen Osten.</a> In jedem Fall gibt es dort mehr Miteinander oder wenigstens Nebeneinander.</p><p>Und nicht gegeneinander.</p><p>Wir schwiegen eine Weile. Tom schämte sich für den wirren Trump, der eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten will. Ich schämte mich stellvertretend für Sachsen, das eine Mauer zwar los wurde, aber irgendwie doch nicht ganz. Mir fiel wieder meine kleine Heimatstadt ein. Lüdenscheid, 1000 Flüchtlinge. Der alte Arzt, der einen Mann aus Afrika bei sich aufgenommen hat. Davon erzählte ich Lilly und Tom. Sie staunten. 1000 Syrer hat in der Flüchtlingskrise nicht mal die Neun-Millionenstadt London aufgenommen. Lilly, China, fragte: „Und schafft das deine kleine Stadt?“</p><p>Ich sagte: „Ja, sie schafft das.“</p><p>Und sie schafft es sogar ohne Solidaritätszuschlag.</p></div></div>]]></content:encoded>
      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
    </item>
    <item>
      <title>Last Call: Warum englisches Fernsehen ein Genuss ist. Und deutsches nicht</title>
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      <description>Ich bekomme oft Einladungen für Veranstaltungen von Dingen, die in Großbritannien produziert werden. Manchmal von Autofirmen. Und oft von Banken, denn in London sind die meisten ja vor allem damit beschäftigt, Geld herzustellen.  Weder von Autos noch von Geld verstehe ich viel. Wir besitzen nicht mal ein Auto, viel Geld haben wir auch nicht.  Außer Geld und Autos fällt mir allerdings auch nicht so wahnsinnig viel ein, was hierzulande hergestellt wird und für die ganze Welt von Nutzen ist. Fußball haben sie in England erfunden, aber Fußball können andere inzwischen besser. Ähnlich verhält es sich mit Cricket, Rugby und Tennis. Es gibt allerdings ein britisches Kerngeschäft, in dem niemand besser ist: Kreativität. Das ist vielleicht das höchste Gut und längst ein Exporthit. Die Kreativen in Großbritannien erwirtschaften immerhin 80 Milliarden Pfund pro Jahr, das sind fünf Prozent des Bruttosozialprodukts und damit gar nicht mal so viel weniger als die Banker, die in der City gerade auf den nächsten Crash hinspekulieren. Mode, Werbung, Film, Fernsehen, Musik, Kunst und Presse stellen sechs Prozent aller Beschäftigten. Die Branche gehört damit zu den wichtigsten des Landes.  Das ist wunderbar und eine Art Weltrekord für Kreative. Man merkt das auch überall. Vor allem beim Fernsehen.  Wir sind keine großen Fernsehkonsumenten. In Deutschland haben wir das Fernsehen meistens ignoriert. Das geht dort hervorragend. Offenkundig hat sich das Programm seit unserem Abschied auch nicht sonderlich verändert, Tatort, Sportschau, Tagesschau. Die Dreifaltigkeit des teutonischen Fernsehverhaltens. Wenn wir das von hier aus richtig sehen, scheint das jährliche TV-Highlight der Deutschen immer noch darin zu bestehen, erbarmungswürdigen Kreaturen beim Freiluftnächtigen in einem australischen Waldstück zuzugucken. Irgendwas muss dann gravierend faul sein mit dem übrigen Programm.  Talkshows sind eine deutsche Marotte. Und keine gute  In Großbritannien läuft „Dschungelcamp“ auch, die Briten haben es sogar erfunden wie damals den Fußball. Die kreativen Briten – auch das ein Unterschied – erfinden fürs Fernsehen nämlich ständig was Neues, darunter manchmal auch Schrott. Hier heißt das Lagerfernsehen „I’m a Celebrity … Get Me Out of Here!“ und ist ähnlich erfolgreich. Was womöglich aber auch daran liegt, dass die Stars im Dschungel in Großbritannien tatsächlich auch welche sind oder zumindest waren und keine Wracks. Die Briten profitieren dabei fraglos von ihrer im Vergleich hohen Prominenten-Dichte. Jeden Freitag beispielsweise empfängt der sehr lustige Ire Graham Norton Stars und Weltstars in abenteuerlicher Frequenz. Zwei Wochen Graham Norton Show hätten gereicht, „Wetten, Dass“ ein Jahr lang mit Hochkarätern zu bestücken, so ungefähr jedenfalls. Hier sitzen George Clooney, Judy Dench, Daniel Craig, Matt Damon und und und freitags völlig selbstverständlich auf Nortons rotem Sofa und amüsieren sich über den sehr schrägen Gastgeber. Zu Norton kommen sie gern, zu Gottschalk und Lanz gingen sie früher nur, weil sie mussten.  html fragment (186a8a84-ade3-4c5a-8d5a-c1b0f4c674b7)  Das Celebrity-Aufkommen in Deutschland ist eben quantitativ und qualitativ recht überschaubar. Nicht mal die deutsche A-Prominenz ist international ja richtig bekannt außer Angela Merkel, diversen Sportlern und einem halben Christoph Waltz; die andere Waltz-Hälfte gehört Österreich. Die übrigen wirklich prominenten Deutschen sind weitgehend tot. Wahrscheinlich sitzen deshalb in den deutschen Talkshows auch immer die selben B- und C-Gäste. Helmut Schmidt geht ja nun nicht mehr. Talkshows, auch das wird einem aus der Distanz noch deutlicher, sind eine deutsche Marotte und keine gute. Sie sind billig in der Produktion, und so was kommt dann von so was. Man kriegt richtig Mitleid mit Deutschland.  Das britische Fernsehen ist dem deutschen in jeder Hinsicht überlegen. Die Nachrichtensendungen sind besser, die Serien sind besser, die Dokumentationen sind besser. Britisches Fernsehen ist risikoreicher, klüger, witziger, in einem Wort: kreativer. Natürlich gibt es hier auch erschütternd dumme Programme, aber die versenden sich glücklicherweise. Selbst das hiesige Dschungelcamp versendet sich.  Was ihr Fernsehen anbelangt, sind die Briten total verwöhnt. Leider wissen sie selbst nicht immer, wie gut sie es eigentlich haben. Sie nehmen es für selbstverständlich, weil die insgesamt doch sehr verbreitete Europa-Ahnungslosigkeit auch vorm Fernsehen nicht halt macht. Sie kennen kein italienisches Fernsehen, kein französisches und auch kein deutsches.  Der wütende Hornby und seine Tirade gegen die Politiker  Nicht, dass sie was verpassten, das hatten wir ja schon. Aber sie wüssten andernfalls ihre Sender einfach mehr zu schätzen. Und es gäbe nicht ständig irgendwelche Debatten über die BBC. Es ist nämlich so, dass die BBC gerade einen Kanal abgedreht hat. BBC 3, vornehmlich für junge Leute, ging komplett ins Netz. Es heißt, sie müssten sparen. In Wahrheit ist es ein Rachefeldzug der Regierung. Das weiß auch jeder. Die konservative Regierung und die konservative Presse unterstellen seit Ewigkeiten, die BBC sei parteiisch und im Zweifel links. Die Zeitungen von Rupert Murdoch lassen keine Gelegenheit aus, gegen den Senderriesen zu wettern und die eigenen Sky-Programme zu puschen. Das ist plump, aber sie unternehmen nicht mal den Versuch, diese Plumpheit zu kaschieren. Seit David Camerons Wahlsieg im Mai haben die BBC-Kritiker noch mehr Oberwasser und meinen, sie müssten den alten Laden mal durchlüften. Es gibt eigens eine Webseite, biasedbbc.org, die die vermeintliche Linkslastigkeit geißelt und von Menschen befeuert wird, die beispielsweise posten, die BBC sei eine „Donald Trump-kritische und Hillary Clinton-hörige Medienhure“. In puncto Geisteshaltung und Geisteskraft erinnern sie ein bisschen an ihre „Lügenpresse“-Vettern in Deutschland.  Neulich hatte ich das große Glück und Vergnügen, den Schriftsteller Nick Hornby zu treffen. Wir unterhielten uns über Bücher und Drehbücher. Als wir aber irgendwann aufs Fernsehen und die BBC zu sprechen kamen, wurde er für seine Verhältnisse laut und ungehalten. Er beugte sich vor, zog an seiner E-Zigarette und machte sich dann Luft. In einem Atemzug, Nick Hornby hier unplugged und ungekürzt: „Die Leute aus der Regierung, die die BBC kritisieren, sind bescheuert. Sie gucken nicht über den Horizont. An der Oberfläche geht es um Finanzen, aber dahinter steckt eine Bestrafung. Das ist absurd und lächerlich. Wofür steht Großbritannien, wenn nicht für seine kulturelle Kreativität? Sie reden hier die ganze Zeit von den Banken und der Finanzwelt, die London groß machen. Aber davon profitiert kein Mensch außerhalb der Stadt. Der Grund, warum es die Finanzkrise gab, waren genau diese Banken! Guck mal, was J.K Rowling allein für die Wirtschaft in diesem Land geleistet hat! Leute wie Rowling, Leute wie wir machen Großbritannien interessanter als es eigentlich ist. Und dann sitzen da diese Typen im Parlament und befinden über die Kreativen und die BBC. Mich macht das krank! Es treibt mich in den Wahnsinn!!“  Nach gefühlten fünf Minuten war Hornby fertig mit seiner Tirade. Er lehnte sich zurück, zog an seiner E-Zigarette und fragte: „Wie ist denn deutsches Fernsehen so?“  Ich sagte: „Hm. Themawechsel.“  Er nickte verständnisvoll. Dann sagte er: „Und was ist der Klopp fürn Typ?</description>
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      <pubDate>Wed, 24 Feb 2016 09:42:30 GMT</pubDate>
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      <content:encoded><![CDATA[<div class="rtf-content-wrapper"><p>Ich bekomme oft Einladungen für Veranstaltungen von Dingen, die in Großbritannien produziert werden. Manchmal von Autofirmen. Und oft von Banken, denn in London sind die meisten ja vor allem damit beschäftigt, Geld herzustellen. <span></span>Weder von Autos noch von Geld verstehe ich viel. Wir besitzen nicht mal ein Auto, viel Geld haben wir auch nicht.</p><p>Außer Geld und Autos fällt mir allerdings auch nicht so wahnsinnig viel ein, was hierzulande hergestellt wird und für die ganze Welt von Nutzen ist. Fußball haben sie in England erfunden, aber Fußball können andere inzwischen besser. Ähnlich verhält es sich mit Cricket, Rugby und Tennis. Es gibt allerdings ein britisches Kerngeschäft, in dem niemand besser ist: Kreativität. Das ist vielleicht das höchste Gut und längst ein Exporthit. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.standard.co.uk/business/chris-blackhurst-britain-s-got-creative-talent-and-it-can-put-us-on-top-of-the-world-a3160746.html" class="external-link">Die Kreativen in Großbritannien erwirtschaften immerhin 80 Milliarden Pfund pro Jahr, das sind fünf Prozent des Bruttosozialprodukts</a> und damit gar nicht mal so viel weniger als die Banker, die in der City gerade auf den nächsten Crash hinspekulieren. Mode, Werbung, Film, Fernsehen, Musik, Kunst und Presse stellen sechs Prozent aller Beschäftigten. Die Branche gehört damit zu den wichtigsten des Landes.</p><p>Das ist wunderbar und eine Art Weltrekord für Kreative. Man merkt das auch überall. Vor allem beim Fernsehen.</p><p>Wir sind keine großen Fernsehkonsumenten. In Deutschland haben wir das Fernsehen meistens ignoriert. Das geht dort hervorragend. Offenkundig hat sich das Programm seit unserem Abschied auch nicht sonderlich verändert, Tatort, Sportschau, Tagesschau. Die Dreifaltigkeit des teutonischen Fernsehverhaltens. Wenn wir das von hier aus richtig sehen, scheint das jährliche TV-Highlight der Deutschen immer noch darin zu bestehen, erbarmungswürdigen Kreaturen beim Freiluftnächtigen in einem australischen Waldstück zuzugucken. Irgendwas muss dann gravierend faul sein mit dem übrigen Programm.</p><h2>Talkshows sind eine deutsche Marotte. Und keine gute</h2><p>In Großbritannien läuft „Dschungelcamp“ auch, die Briten haben es sogar erfunden wie damals den Fußball. Die kreativen Briten – auch das ein Unterschied – erfinden fürs Fernsehen nämlich ständig was Neues, darunter manchmal auch Schrott. Hier heißt das Lagerfernsehen „I’m a Celebrity … Get Me Out of Here!“ und ist ähnlich erfolgreich. Was womöglich aber auch daran liegt, dass die Stars im Dschungel in Großbritannien tatsächlich auch welche sind oder zumindest waren und keine Wracks. Die Briten profitieren dabei fraglos von ihrer im Vergleich hohen Prominenten-Dichte. Jeden Freitag beispielsweise empfängt der sehr lustige Ire Graham Norton Stars und Weltstars in abenteuerlicher Frequenz. Zwei Wochen Graham Norton Show hätten gereicht, „Wetten, Dass“ ein Jahr lang mit Hochkarätern zu bestücken, so ungefähr jedenfalls. Hier sitzen George Clooney, Judy Dench, Daniel Craig, Matt Damon und und und freitags völlig selbstverständlich auf Nortons rotem Sofa und amüsieren sich über den sehr schrägen Gastgeber. Zu Norton kommen sie gern, zu Gottschalk und Lanz gingen sie früher nur, weil sie mussten.</p><p></p><p>Das Celebrity-Aufkommen in Deutschland ist eben quantitativ und qualitativ recht überschaubar. Nicht mal die deutsche A-Prominenz ist international ja richtig bekannt außer Angela Merkel, diversen Sportlern und einem halben Christoph Waltz; die andere Waltz-Hälfte gehört Österreich. Die übrigen wirklich prominenten Deutschen sind weitgehend tot. Wahrscheinlich sitzen deshalb in den deutschen Talkshows auch immer die selben B- und C-Gäste. Helmut Schmidt geht ja nun nicht mehr. Talkshows, auch das wird einem aus der Distanz noch deutlicher, sind eine deutsche Marotte und keine gute. Sie sind billig in der Produktion, und so was kommt dann von so was. Man kriegt richtig Mitleid mit Deutschland.</p><p>Das britische Fernsehen ist dem deutschen in jeder Hinsicht überlegen. Die Nachrichtensendungen sind besser, die Serien sind besser, die Dokumentationen sind besser. Britisches Fernsehen ist risikoreicher, klüger, witziger, in einem Wort: kreativer. Natürlich gibt es hier auch erschütternd dumme Programme, aber die versenden sich glücklicherweise. Selbst das hiesige Dschungelcamp versendet sich.</p><p><a rel="noopener" target="_blank" href="http://blogs.stern.de/lastcall/deutsche-koennen-autos-briten-koennen-fernsehen/" class="external-link">Was ihr Fernsehen anbelangt, sind die Briten total verwöhnt.</a> Leider wissen sie selbst nicht immer, wie gut sie es eigentlich haben. Sie nehmen es für selbstverständlich, weil die insgesamt doch sehr verbreitete Europa-Ahnungslosigkeit auch vorm Fernsehen nicht halt macht. Sie kennen kein italienisches Fernsehen, kein französisches und auch kein deutsches.</p><h2>Der wütende Hornby und seine Tirade gegen die Politiker</h2><p>Nicht, dass sie was verpassten, das hatten wir ja schon. Aber sie wüssten andernfalls ihre Sender einfach mehr zu schätzen. Und es gäbe nicht ständig irgendwelche Debatten über die BBC. Es ist nämlich so, dass die BBC gerade einen Kanal abgedreht hat. <a rel="noopener" target="_blank" href="http://www.standard.co.uk/business/chris-blackhurst-britain-s-got-creative-talent-and-it-can-put-us-on-top-of-the-world-a3160746.html" class="external-link">BBC 3, vornehmlich für junge Leute, ging komplett ins Netz. </a>Es heißt, sie müssten sparen. In Wahrheit ist es ein Rachefeldzug der Regierung. Das weiß auch jeder. Die konservative Regierung und die konservative Presse unterstellen seit Ewigkeiten, die BBC sei parteiisch und im Zweifel links. Die Zeitungen von Rupert Murdoch lassen keine Gelegenheit aus, gegen den Senderriesen zu wettern und die eigenen Sky-Programme zu puschen. Das ist plump, aber sie unternehmen nicht mal den Versuch, diese Plumpheit zu kaschieren. Seit David Camerons Wahlsieg im Mai haben die BBC-Kritiker noch mehr Oberwasser und meinen, sie müssten den alten Laden mal durchlüften. Es gibt eigens eine Webseite, <a rel="noopener" target="_blank" href="http://biasedbbc.org" class="external-link">biasedbbc.org</a>, die die vermeintliche Linkslastigkeit geißelt und von Menschen befeuert wird, die beispielsweise posten, die BBC sei eine „Donald Trump-kritische und Hillary Clinton-hörige Medienhure“. In puncto Geisteshaltung und Geisteskraft erinnern sie ein bisschen an ihre „Lügenpresse“-Vettern in Deutschland.</p><p>Neulich hatte ich das große Glück und Vergnügen, den Schriftsteller Nick Hornby zu treffen. Wir unterhielten uns über Bücher und Drehbücher. Als wir aber irgendwann aufs Fernsehen und die BBC zu sprechen kamen, wurde er für seine Verhältnisse laut und ungehalten. Er beugte sich vor, zog an seiner E-Zigarette und machte sich dann Luft. In einem Atemzug, Nick Hornby hier unplugged und ungekürzt: „Die Leute aus der Regierung, die die BBC kritisieren, sind bescheuert. Sie gucken nicht über den Horizont. An der Oberfläche geht es um Finanzen, aber dahinter steckt eine Bestrafung. Das ist absurd und lächerlich. Wofür steht Großbritannien, wenn nicht für seine kulturelle Kreativität? Sie reden hier die ganze Zeit von den Banken und der Finanzwelt, die London groß machen. Aber davon profitiert kein Mensch außerhalb der Stadt. Der Grund, warum es die Finanzkrise gab, waren genau diese Banken! Guck mal, was J.K Rowling allein für die Wirtschaft in diesem Land geleistet hat! Leute wie Rowling, Leute wie wir machen Großbritannien interessanter als es eigentlich ist. Und dann sitzen da diese Typen im Parlament und befinden über die Kreativen und die BBC. Mich macht das krank! Es treibt mich in den Wahnsinn!!“</p><p>Nach gefühlten fünf Minuten war Hornby fertig mit seiner Tirade. Er lehnte sich zurück, zog an seiner E-Zigarette und fragte: „Wie ist denn deutsches Fernsehen so?“</p><p>Ich sagte: „Hm. Themawechsel.“</p><p>Er nickte verständnisvoll. 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      <dc:creator>Michael Streck</dc:creator>
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