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Nach der Flut Seit einem Jahr im Ahrtal: "Ich habe den Glauben an die Menschheit wiedergewonnen"

Lucas Bornschlegel sitzt vor einem Wohnwagen an der Ahr
Lucas Bornschlegel vor einem Wohnwagen an der Ahr: Der 30-jährige Feuerwehrmann kam vor einem Jahr, um zu helfen – und blieb
© Theo Barth / stern
Bewegende Momente: Vor einem Jahr kam Lucas Bornschlegl mit der Freiwilligen Feuerwehr ins Ahrtal, um den Opfern des Hochwassers zu helfen. Er blieb und gründete "Die Ahrche".

Herr Bornschlegl, wie geht es den Menschen im Ahrtal?
Wir merken bei der Ahrche, dass der Bedarf der Menschen über die Flut zu sprechen in den letzten Wochen wieder deutlich ansteigt – je näher der Jahrestag kommt. Es fließen auch wieder Tränen, wobei Weinen ja positiv ist, es hilft zu verarbeiten. Es sind gerade sehr viele emotionale Momente.

Hilft es den Menschen, dass bald das erste Trauerjahr vorbei sein wird?
Ein Spruch sagt: "Zeit heilt alle Wunden“. Aber diese Wunde braucht deutlich länger als ein Jahr bei den meisten Menschen, wir brauchen dazu sicherlich noch zwei bis fünf Jahre. Dazu war die Wucht der Katastrophe einfach zu intensiv. Bis Ende des Jahres waren die meisten mit Schlammschippen und Stemmarbeiten beschäftigt, Anfang des Jahres begann der Wiederaufbau. Nach anfänglichen Erfolgen kommt der jetzt nur sehr schleppend voran. Es dauert ein Jahr, ein Haus wieder aufzubauen, eine Brücke braucht fünf Jahre und das frustriert sehr viele Menschen. Viele kommen erst jetzt zum Nachdenken.

Wie sind Sie in das Katastrophengebiet gekommen?
Als es regnete, war ich gerade dabei, mit einem Freund in Frankreich mein Zelt aufzuschlagen, wir wollten Urlaub machen. Über die sozialen Medien haben wir erfahren, was sich da zu Hause zusammenbraut. Wir haben unser Zelt eingepackt und sind 1200 Kilometer zurückgefahren. Auf dem Weg haben wir noch Schippen im französischen Baumarkt gekauft.

Wozu haben Sie Schaufeln besorgt?
Weil solche Geräte im Katastrophenfall schnell fehlen – es war so eine Ahnung. Aber das Ausmaß der Katastrophe hat dann alle Vorstellungen übertroffen. Ich habe mich zum Dienst bei meiner Freiwilligen Feuerwehr in der Grafschaft gemeldet. Es gab keinen Strom, kein Wasser, als ich am zweiten Tag im Flutgebiet ankam. Wir wussten nicht, wo die Leichen liegen. Alles war zerstört, mit braunem Schlamm überzogen.

Sie haben dann mit einem Generator und einem Wassertank die Versorgung in Ahrweiler begonnen.
Damit die Menschen ihre Handys aufladen und ihren Angehörigen sagen konnten: "Ich lebe noch!“ Als die Menschen sich den Schlamm abduschen konnten, haben manche geweint.

Helfen Sie den Opfern des Hochwassers
Stiftung stern: Hier spenden

Mit anderen Helfern und Anwohnern haben Sie nach und nach ein ganzes Versorgungscamp aufgebaut und einen Verein gegründet: die Ahrche.
Die Stiftung stern hat mir 5000 Euro gegeben, zur Erstversorgung, das war unser Startkapital. Am Anfang haben wir täglich 1200 Essen ausgegeben. Wir sind zum Nachbarschaftszentrum mit Beratung, Friseur, Werkzeugverleih und etlichen weiteren Dienstleistungen angewachsen.

Wie viele Essen gibt die Ahrche heute noch aus?
Jetzt sind es nur noch 100 pro Tag in der Woche, am Wochenende vielleicht 50. Wir ziehen uns langsam zurück, damit die Menschen Schritt für Schritt in ihr eigenes, selbstständiges Leben zurückkehren. Seit ein paar Wochen nehmen wir auch einen Beitrag: Für drei bis vier Euro bekommt man bei uns ein einfaches warmes Essen, dazu ein Getränk, Kaffee und Nachtisch. Das kann sich jeder leisten, aber wir wollen die Menschen motivieren, sich selbst zu versorgen.

Wie lange wird das Angebot der Ahrche noch aufrechterhalten?
Wir fahren das Angebot für Essen runter, fungieren aber immer noch als sozialer Treffpunkt. Besonders jetzt zum Jahrestag ist das wichtig. Teilweise kommen die Menschen zum Mittagessen und bleiben drei Stunden. Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir nach einem Jahr das Camp abbauen können. Aber es dauert alles viel länger. Zum Beispiel die Turnhalle, die wir im Winter mit der Stiftung stern aufgebaut haben, sollte eigentlich schon längst überflüssig sein. Aber viele Schulen und Vereine können noch nicht wieder in ihre eigenen Sportstätten zurück. Also halten wir den Betrieb aufrecht. Denn es ist ja nicht nur damit getan, das Zelt aufzustellen. Es muss gewartet werden. Das braucht Kontinuität. Und deswegen bin ich auch noch hier.

Sie leben seit einem Jahr auf dem ehemaligen Campingplatz, schlafen in einem Wohnwagen, sind fast immer vor Ort. Wie geht es Ihnen persönlich nach diesem Jahr?
Mir geht es gut, ich bin nicht persönlich von der Flut betroffen. Bei der Feuerwehr lernt man, sich bewusst zu machen, was passiert ist. Das hilft beim Verarbeiten. Ich bin in der Gemeinde Grafschaft aufgewachsen, ich komme vom Ahrtal. Das ist hier meine Heimat, ich kenne die Menschen. Als die Katastrophe passierte, hatte ich gerade Zeit, war dabei mein Studium abzuschließen. Ich bin der Typ, wenn ich etwas angefangen habe, dann mache ich es zu Ende. Da bin ich sehr konsequent.

Gibt es etwas Positives, dass Sie mitnehmen aus dem letzten Jahr?
Die große Solidarität! Da habe ich den Glauben an die Menschheit wiedergewonnen. Ich hoffe, die bleibt noch lange. Durch meine Arbeit sehe ich, dass wir hier viel bewirken können. Mit Spenden bauen wir derzeit für Jugendliche einen Skaterpark oder Jugendtreffs. Das kann die Stadt nicht, die muss erstmal die Schulen wieder aufbauen.

Wie werden Sie bei der Ahrche den Jahrestag begehen?
Wir haben uns bewusst gegen eine Gedenkfeier am 14. oder 15. Juli entschieden, aber wir sind hier und bieten Abendessen an. Für viele wird es schwierig, zu einer Versammlung mit vielen Menschen zu gehen. Wir begehen dafür aber den 16. Juli mit einem Sommerfest, weil an dem Tag die Ahrche gegründet wurde. An diesem Tag wurde der erste Pavillon aufgestellt. Wir wollen nicht darauf aufmerksam machen, was die Flut alles zerstört hat, sondern was wir alles schon gemeinsam geschafft haben.


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