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Sasha "Die meisten sind am Abgrund und wissen nicht, wie sie es schaffen sollen"

Sänger Sasha mit seinem langjährigen Lichttechniker Jens Lindschau
Sänger Sasha (l.) mit seinem langjährigen Lichttechniker Jens Lindschau
© privat
Sänger Sasha unterstütz die stern Aktion Backstage-Helden. Im Interview schildert er, wie hart die Coronakrise vor allem Menschen hinter den Kulissen treffen.

Sasha, vor wenigen Wochen hat Musiker Till Brönner ein Video veröffentlicht, in dem er die dramatische Lage der Kultur- und Veranstaltungsbranche schildert. Er prangert die mangelnde Unterstützung der Bundesregierung, aber auch das Stillschweigen vieler Künstler an. Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Kulturschaffenden in Deutschland?

Dramatisch ist wohl das richtige Wort, wenn das mal reicht. Dabei – und das gilt es wirklich endlich zu verstehen und ist vielleicht auch einer der Gründe, warum einige sich bislang etwas zurückgehalten haben – geht es in erster Linie nicht um etablierte Künstler. Die kommen einige Zeit über die Runden, wenn auch nicht für immer. Es geht um all die Menschen, die man nicht sieht, die Techniker, Ordner, Bus- und Truckfahrer mit den dazugehörigen Unternehmen. Es geht um Theaterschauspieler, Orchestermusiker, alle, deren einziger Lebensunterhalt es ist, live auf und hinter der Bühne zu arbeiten. Es geht um die Betreiber der Clubs, Theater und Konzerthallen, die Veranstalter von Konzerten und Open Airs usw. Das sind noch lange nicht alle und es tut mir leid, wenn ich hier einige ausgelassen habe.

Für November und Dezember will die Bundesregierung die Kulturbranche mit Finanzhilfen unterstützen. Was halten Sie von diesen Beschlüssen und kommen sie nicht viel zu spät?

Also, zuerst mal ist der Gedanke ja ein guter und man darf hierzulande dankbar sein, dass sich zumindest bemüht wird. Leider kommen die Hilfen nicht immer an oder werden aufgrund bürokratischer Unzulänglichkeiten von heute auf morgen wieder zurückgefordert. Das geht leider nicht, weil das – an einem konkreten Beispiel aus meiner Crew zu belegen (um nur eines von vielen zu nennen) – dazu führt, dass zum Beispiel Equipment verkauft werden muss, um die natürlich schon zum Überleben in Anspruch genommenen Hilfen zurückzahlen zu können. Damit wird den Menschen ihre weitere Existenzgrundlage genommen. Und es soll mir bitte keiner kommen mit: "Wer so eine Krise nicht überlebt, hat vorher nicht vernünftig gewirtschaftet."

Welche konkreten Maßnahmen wünschen Sie sich von der Bunderegierung, um die Kulturbranche zu unterstützen?

Unbürokratischere Hilfen, Erlass und nicht Stundung von Steuern (von Nichts, kann man nichts abgeben), Arbeits- und Auftrittsmöglichkeiten unter schon längst vorhandenen und abgenommenen Hygienekonzepten.

Welche Einschnitte haben Sie seit den Corona-Einschränkungen im März hinnehmen müssen?

Ich musste meine Tour, circa 20 Sommershows und jetzt weitere Konzerte im Herbst absagen. Und da es nicht nur mir so ging, sondern allen Kolleginnen und Kollegen, kann man sich vielleicht ungefähr vorstellen, wie viele Jobs da dranhängen. Vor allem deshalb blutet mir das Herz.

Wie steht es um Ihre Crew und Ihre Mitarbeiter? Wie schildern die ihre berufliche und damit verbunden auch ihre private Lage?

Einige sind in Hartz IV, andere schulen notgedrungen in andere Berufe um, wenige kommen mit Online-Lehrjobs so halbwegs über die Runden. Die meisten sind am Abgrund und wissen nicht, wie sie es schaffen sollen, vor allem, weil es keinerlei Planungssicherheit gibt.

Konnten Sie einzelne Mitarbeiter persönlich unterstützen?

Ich versuche es, bzw. habe ich versucht, das letzte halbe Jahr, so viele – und waren es auch noch so kleine Shows – zu spielen, um zumindest einen Teil meiner Leute zu beschäftigen.

Bei der Aktion "Backstage Helden" geht es darum, den Menschen in der zweiten Reihe zu helfen, die nicht auf der Bühne stehen, aber ohne die kein Konzert oder keine Aufführung möglich wäre: Bühnenbauer, Toningenieure, Lichttechniker usw. Gibt es ein Mitglied Ihrer Crew, zu dem Sie eine besonders enge Beziehung haben?

Ja, mein Jensi! Ein Urgestein der internationalen Lichtgestaltung. Seit fast 25 Jahren schon an meiner Seite, die gute Seele, der Papa unserer Tourneen und Konzerte. Er liebt seinen Job über alles!!! Einer von vielen, die nicht nur unter dem finanziellen Druck leiden müssen, sondern auch unter dem Arbeitsverbot generell. Uns Künstler und Räume in Szene zu setzen ist sein Leben!

Warum haben Sie zugestimmt, sich an der Aktion "Backstage Helden" zu beteiligen?

Ich glaube, dazu ist oben fast alles gesagt, außer, dass man immer wieder darauf hinweisen muss, dass selbst, wenn wir wieder dürfen, ohne diese ganzen Menschen keine Konzerte möglich sein werden. Ohne unsere Crews sind wir nichts. Das sind Profis mit echten Berufen, die echte und nicht wenig Steuern zahlen!

Haben Sie schon eine konkrete Idee, was Sie mit der Gewinnerin oder dem Gewinner machen möchten?

Am liebsten zu einem Konzert einladen! Natürlich aus gegebenem Anlass mit Backstageführung, um mal zu zeigen, was an einem einzigen Auftritt alles dranhängt.

Was erwarten Sie vom Jahr 2021?

Ich hoffe inständig, dass wir die Situation so schnell wie möglich in den Griff bekommen und wieder raus und auf die Bühnen dürfen. Ich glaube fest daran, dass spätestens im Sommer wieder Open Airs stattfinden werden.


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